Punk Art #43

Foto

Luis Soler Monte

In dieser Artikelreihe stellen wir Menschen aus der Punk- und Hardcore-Szene vor, die sich im weitesten Sinne grafisch betätigen und Poster, Flyer und Cover gestalten. Diesmal sprechen wir mit Luis Soler Monte aus Wermelskirchen.

Bitte stell dich vor.

Ich bin Luis, 51 Jahre alt. Ich wohne in Wermelskirchen und arbeite in Köln als Art-Director in einer Werbeagentur. Zum Punk bin ich wahrscheinlich mit 15 bei einer ersten geschnorrten Zigarette hinter der Sporthalle gekommen, wo immer jemand einen Kassettenrecorder mit SLIME, DAILY TERROR, DEAD KENNEDYS und sogar DIE TOTEN HOSEN dabeihatte. Dazu wurden Hansa- und K49-Dosen gereicht. Perfekte Früherziehung, die nach einem Revival schreit.

Welche anderen Szeneaktivitäten als Grafik gab/gibt es?
1989 besetzten ein paar verrückte Freunde ein Gebäude, gründeten ein Jahr später einen Verein und betreiben seitdem das AJZ Bahndamm in Wermelskirchen. Ziemlich gute Adresse für Punk und mein Wohnzimmer. Im Keller gab es bereits Proberäume vom vorherigen Betreiber. Wir gründeten ein paar Bands und tobten uns aus. Meine damalige Band PLANET versuchte sich in einer Mischung aus Rock, Punk und Zappa. Wie TELEVISION auf „Marquee Moon“, nur in erfolglos. Unsere Proberaumkollegen SKIN OF TEARS sind da erheblich weiter gekommen. Mit zwei von denen habe ich noch ein Cover-Projekt.

Seit wann betätigst du dich künstlerisch, wie fing das an, wie ging es weiter?
Ich würde es Gestaltung nennen; Kunst ist ein großer Begriff. Im AJZ tauchte irgendwoher ein fußlahmer Kopierer auf und für die ersten Konzerte dort mussten Flyer her. Da ich gerne zeichnete und ganz gut mit Schere und Prittstift umgehen konnte, habe ich das Ding gequält, bis die Tonerkartusche explodierte. Bis heute mache ich für den Bahndamm regelmäßig Plakate und Flyer. Für befreundete Bands – SKIN OF TEARS, THE QUASIMODO – mache ich alles vom ersten Demotape bis zum amtlichen CD- und Vinyl-Cover sowie Shirts, Merch ect. Noch zu Schulzeiten hatte ich schon Praktika und kleine Jobs bei verschiedenen Werbeagenturen.

Wie arbeitest du? Klassisch mit Papier und Farbe, oder digital am Rechner?
Mittlerweile fast alles digital. Es kommt schon mal vor, dass ich eine Zeichnung oder Collage einscanne und bearbeite. Aber wie erwähnt, habe ich von der Pike auf gelernt, alle möglichen Techniken zu vermischen.

Bist du Autodidakt oder kannst du auf eine klassische künstlerische Ausbildung verweisen?
Anfangs habe ich als Autodidakt mit Edding unter anderem an Schultischen geübt, aber für die Aufnahme an der Berufsfachschule für Gestaltungstechnische Assistent:innen habe ich ein paar Zeichenkurse besucht. Nach der Berufsschule ging es an die FH für Design. In der Arbeit als Werbegrafiker lernt man die Tricks, die den Sachen den Klick-Effekt verpassen, damit die Betrachter hängenbleiben. Schräger Humor schadet auch nicht, um Dinge auf den Punkt zu bringen.

Hast du Vorbilder, welche Stile beeinflussen dich?
Sicher die Artworks von Winston Smith für DEAD KENNEDYS, Raymond Pettibon für SONIC YOUTH, Vaughan Oliver für PIXIES und David Carson für das Ray Gun Magazine, aber auch die Plakate von Saul Bass oder de Stijl und Bauhaus-Grafiken. Ich pendle zwischen Chaos und klaren Linien und langweile mich schnell, daher sehen meine Sachen immer anders aus. Mal clean, mal Rotz. Ein bisschen Dreck unter den Fingernägeln mag ich aber im Design wie in der Musik am liebsten.

Wie siehst du den Einfluss von KI auf den Bereich der kreativen Illustration?
Kreativität bedeutet Neues zu schaffen. KI stützt sich auf bereits existierendes Zeugs. Viel Kreatives und Eigen- beziehungsweise Einzigartiges wird nicht entstehen. Wie beim Punk müssen auch mal Konventionen infrage gestellt oder gebrochen werden, damit Neues entsteht. Tatsächlich habe ich schon KI-generierte Motive verwendet, die ich aber dann extrem überarbeitet habe. Große Frage, die ihr auch mal Bands zum Songwriting stellen solltet. Einiges klingt mittlerweile sehr verdächtig.

Gibt es deine Kunst zu kaufen?
Tatsächlich sind fast alle meine Entwürfe Auftragsarbeiten. Auch einzelne Bilder. Während meiner Studienzeit habe ich dann und wann für Einzelhändler und Privatpersonen ganze Wände gestaltet. Die Vergütung variiert zwischen Freundschaftspreis bei wenig solventen Punkbands und Schmerzensgeld – dieser kitschige Vesuv in einer Pizzeria ...

Arbeitest du völlig frei oder auch im Auftrag? Etwa für Bands oder Konzertveranstalter?
Danke für den Hinweis, mal wieder freie Kunst zu machen und das Zeug teuer zu verkaufen. Die Bands habe ich ja bereits genannt und für das AJZ Bahndamm mache ich das hauptsächlich ehrenamtlich. Dafür darf ich mich hier stilistisch austoben, was im Berufsalltag nicht immer möglich ist. Außerdem bekomme ich oft freien Eintritt zu ziemlich guten Shows.

Was ist mit Ausstellungen?
Wenn ich die Schnauze voll von Auftragsarbeiten habe und endlich die Zeit finde, vier mal vier Meter große historische Schlachtfelder zu malen, sage ich euch Bescheid. Vielleicht sollte ich mein Plakatarchiv vom Bahndamm mal ausstellen. Keine schlechte Idee.

Was gibt dir deine Kunst emotional?
Ich mag die Reise von einer Idee über ein weißes Blatt hin zu einem Motiv, das der Sache gerecht wird, die es repräsentiert. Sei es ein Logo, ein Plakat oder ein Bild. Ich verlaufe mich dabei auch gern, um neue Blickwinkel und Formen zu finden. Es ist wie für einen Song eine gute und beständige Hookline zu finden. Manchmal kommt was Leichtes wie „Sheena is a punk rocker“ dabei raus, manchmal was von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN. Wenn ich das Ergebnis mag, es funktioniert und gut ankommt, dann klopfe ich mir innerlich auf die Schulter. Ganz leise lächelnd. Ich bin kein Egozentriker.

Deine Website?
Da bin ich absolut Oldschool. No (Anti)Social Media! Ihr findet mich im AJZ Bahndamm beim nächsten Konzert. Fragt an der Theke nach mir.

Welchen Künstlerkollegen würdest du gerne auch mal in dieser Artikelserie im Ox sehen?
Den Kollegen, der es geschafft hat, mit Punk-Plakaten Millionär zu werden. Wir wollen doch alle wissen wie das geht.

Anzeige