
In dieser Artikelreihe stellen wir Menschen aus der Punk- und Hardcore-Szene vor, die sich im weitesten Sinne grafisch betätiagen und Poster, Flyer und Cover gestalten. Diesmal sprachen wir mit Mark deSalvo —und ich kann mir kaum vorstellen, dass nicht jede:r von uns eine Platte im Regal stehen hat, für deren Artwork er verantwortlich war.
Bitte stell dich vor.
Mein Name ist Mark deSalvo, ich bin gerade 58 Jahre geworden und bin bildender Künstler. Ich kam Anfang der 1980er Jahre zum Punk, als die Szene gerade begann, sich in Reno, Nevada, wo ich aufgewachsen bin, zu etablieren. Es war rauh, underground und neu in einer so kleinen Stadt ... Platten wurden herumgereicht, DIY-Shows fanden in Hinterhöfen statt, Kids skateten und hörten laut die neue Musik. Diese Energie hat mich sofort gepackt und wurde zur Grundlage für alles, was ich seitdem gemacht habe.
Seit wann bist du künstlerisch aktiv, wie hat es angefangen, wie ging es weiter?
Ich mache seit der Highschool Kunst, fülle Skizzenbücher und helfe Freunden bei ihren künstlerischen Belangen. Als ich nach San Francisco zog, beschloss ich schließlich, eine Kunsthochschule zu besuchen, nachdem mir klar wurde, dass ich im Grunde genommen schon die Hausaufgaben machte. Diese Entscheidung gab mir die Grundlage, um weiterzumachen. Von da an beschäftigte ich mich intensiv mit der Erstellung von Artwork für Bands, Labels und die Punk/Skate-Community. In den letzten drei Jahrzehnten ist daraus ein Werk entstanden, das Plattencover, Poster, Skateboard-Decks und vieles mehr umfasst.
Wie arbeitest du? Klassisch mit Papier und Farbe oder digital am Computer?
Ich male hauptsächlich mit Acrylfarben, habe aber schon mit fast allen Medien gearbeitet. Für Grafikdesign, Layouts und Auftragsproduktionen verwende ich Photoshop. Es ist das beste Werkzeug, um traditionelle Malerei mit modernen Formaten zu verbinden. Der größte Teil meines Schaffens basiert immer noch auf Pinsel und Farbe, da ich das Physische daran einfach liebe.
Bist du Autodidakt oder hast du eine klassische künstlerische Ausbildung?
Ich habe jahrelang selbständig gezeichnet und experimentiert, aber schließlich habe ich eine formale Ausbildung absolviert, als ich die Academy Of Art University in San Francisco besuchte. Diese Mischung aus autodidaktischer Hartnäckigkeit und strukturierter Ausbildung hat mir sowohl den DIY-Geist als auch die technischen Fähigkeiten vermittelt, die meinen Stil geprägt haben.
Hast du künstlerische Vorbilder? Welche Stile haben dich beeinflusst?
Mein größter künstlerischer Einfluss ist Norman Rockwell – nicht wegen seiner Themen, mit denen ich mich nie identifizieren konnte, sondern wegen seiner unglaublichen Technik, seinem Blick für Ausdruck und seiner Fähigkeit, einen Ausschnitt aus dem Leben einzufangen. Ich habe immer versucht, sein handwerkliches Können auf Themen anzuwenden, die meine eigene Welt widerspiegeln: Punk, Skateboarding und Underground-Kultur. Darüber hinaus haben mich Skateboard-Grafiken, Punk-Flyer und Plattencover geprägt.
Sind deine Kunstwerke käuflich zu erwerben?
Ja. Ich verkaufe Originale, private Auftragsarbeiten und Drucke meiner beliebtesten Werke über meine Website. Drucke kosten in der Regel 100 Dollar, während Originale und Auftragsarbeiten je nach Größe und Komplexität variieren. Ich versuche, meine Werke erschwinglich zu halten. Kunst sollte in den Wohnungen der Menschen zu Hause sein, nicht nur in den Tresoren von Sammlern.
Arbeitest du komplett frei oder auch auf Auftragsbasis? Zum Beispiel für Bands oder Konzertveranstalter?
Den größten Teil meiner Karriere habe ich für Bands, Labels und Veranstalter gearbeitet: Albumcover, Poster, Merchandise, Skateboard-Decks. Das war schon immer meine Leidenschaft. Vor etwa fünf Jahren habe ich widerwillig begonnen, private Auftragsarbeiten anzunehmen, und zu meiner Überraschung habe ich mich wirklich darin verliebt. Es ist unglaublich befriedigend, ein einzigartiges, persönliches Gemälde nur für eine bestimmte Person zu schaffen. Im Gegensatz zu meinen kommerziellen Arbeiten bekommt die Welt diese Werke nicht immer zu sehen, aber ich genieße die intime Verbindung, die sie zwischen mir und der Person, für die ich male, schaffen.
Was ist mit Ausstellungen?
Ja, es gab schon jede Menge. Ich stelle regelmäßig mit Punk Rock & Paintbrushes aus, einem Künstlerkollektiv, dem ich seit fünf Jahren angehöre. Ich verkaufe auch direkt über meine Website. Ein aktuelles Highlight war, dass ich als erster Künstler eine Einzelausstellung im Punk Rock Museum in Las Vegas hatte – eine Retrospektive über 30 Jahre meiner Arbeit, mit Schwerpunkt auf Coverartwork und einigen Skateboard-Designs.
KI ist derzeit in aller Munde. Was denkst du darüber? Bedroht sie deine Arbeit? Wurdest du schon einmal „AI-bootlegged“? Nutzt du sie selbst?
KI ist ein heikles Thema. Ich habe noch niemanden dabei erwischt, der meine Arbeit mit KI kopiert hat, aber ich weiß, dass es das gibt. Ich selbst sehe darin keinen Ersatz für echte Kunst. Was ich mache, basiert auf meinen Lebenserfahrungen und der Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Das kann kein Algorithmus nachbilden. Ich sehe den Wert von KI als Werkzeug, ähnlich wie Photoshop, aber ich bleibe lieber bei der Farbe unter meinen Fingernägeln.
Was gibt dir deine Kunst emotional?
Kunst gibt mir Ausgeglichenheit und Identität. Sie ist eine Möglichkeit, Chaos zu verarbeiten, Kultur zu feiern und mit anderen in Verbindung zu treten. Es ist befriedigend, meine Arbeit auf einem Plattencover, einem Skateboard oder einer Galeriewand zu sehen, aber noch besser ist es, wenn mir jemand sagt, dass sie ihn persönlich angesprochen hat. Das ist die Belohnung.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Joachim Hiller