© by Ben Trivett2025 fand in Las Vegas, USA zum 25. Mal das Punk Rock Bowling-Festival statt. Es wurde einst gegründet von den Stern-Brüdern Shawn und Mark, Ikonen der kalifornischen Punkrock-Szene, die parallel zu ihrer Band YOUTH BRIGADE auch das bis weit in die 2000er hinein einflussreiche Label BYO Records betrieben. Wie das Rebellion Festival in Blackpool erfüllt das PRB die Funktion eines „Weltpunktreffens“, aus zig Ländern und allen Erdteilen reisen Punks (mit dem nötigen Kleingeld) an, beide sind wichtig als Gelegenheit für internationalen Austausch und Vernetzung. Doch im Herbst 2025 schockte Shawn mit einer Mitteilung die Punk-Community: 2026 wird es kein PRB geben. Und lieferte eine Begründung, die zusätzlich erschreckte: Die Politik unter Trump wurde als ein Faktor genannt, die unsichere Situation betreffend der Einreisebedingungen in die USA für Menschen aus aller Welt. Das wollten wir genauer wissen.
Sean, wie läuft’s?
Das Leben ist interessant. Ich lebe in einer faschistischen Diktatur. Ich weiß nicht, ob du gehört hast, dass im März 2025 ein Gesetz verabschiedet wurde, das besagt, dass man eine Gebühr von 40 Dollar entrichten muss, wenn man jetzt als Tourist nach Amerika kommen möchte, selbst wenn man aus einem Land stammt, das am Visa Waiver Program teilnimmt. Du musst den US-Behörden obendrein Zugang zu deinen Social-Media-Accounts einräumen, ich glaube, bis zu fünf Jahre zurück, sowie alle genutzten Telefonnummern, Kontakte und E-Mail-Konten der letzten zehn Jahre angeben.
Genau das ist der Grund, weshalb ich als Journalist und jemand, der mit Beiträgen in sozialen Medien eindeutig die Antifa unterstützt hat, nicht in die Vereinigten Staaten reisen werde.
Ja. Und wer will das jetzt tun? Du kannst jetzt nicht nur bei der Einreise aufgehalten und befragt werden, sondern auch ohne ersichtlichen Grund und ohne ordentliches Verfahren für wer weiß wie lange inhaftiert werden. Das ist einigen Leuten schon vor Monaten passiert, und jetzt ist es gesetzlich verankert.
Damit sind wir schon bei einem der Gründe, weshalb dein Festival 2026 nicht stattfindet. Du hast, so lese ich das Statement vom Herbst 2025, einfach Angst, dass Leute aus Europa und anderen Teilen der Welt nicht sicher in die Vereinigten Staaten reisen können.
Ja, zu 100%. Das war schon 2025 ein Problem und wir haben gesehen, dass es sich bereits auf das Festival ausgewirkt hat. Es hat uns schon Schwierigkeiten gemacht, mehrere Bands haben abgesagt, weil sie Bedenken hatten, dass sie als ausländische Musiker keine Arbeitserlaubnis bekommen könnten. Sie zu beantragen ist teuer und es gibt keine Garantie, dass man sie am Ende auch bekommt. Und selbst dann gibt es keine Garantie, dass sie an der Grenze nicht anfangen, deine Daten zu überprüfen und dich zu kontrollieren. Und kleine bis mittelgroße Bands wollen dieses Verfahren auch nicht bezahlen. Die Gebühr stieg, glaube ich, von etwa 800 auf 1.000 Dollar pro Band, bevor Trump im Amt war, und dann hat er sie weiter erhöht. Inzwischen ist sie auf mehrere Tausend Dollar gestiegen. Außerdem ist es ein echt kompliziertes Verfahren. Also engagiert man am Ende jemanden, der das für einen erledigt, was an Extrakosten noch obendrauf kommt. Und man muss tatsächlich zur US-Botschaft gehen, alle Unterlagen vorlegen und sich überprüfen lassen. Das ist einfach total nervig. Wir hatten auch immer kleinere Bands zu Gast, die einfach als Touristen eingereist sind. Das macht jetzt keiner mehr, denn es war immer schon ein bisschen riskant. Und jetzt schauen die Grenzbeamten noch genauer hin, wenn man versucht, mit einer Gitarre voller bunter Aufkleber im Gepäck ins Land zu kommen. Das ist 2025 den UK SUBS passiert, als sie in die USA einreisen wollten, Charlie war der Einzige, der reingelassen wurde. Also musste er sich eine Band aus lokalen Musikern zusammenstellen und ihnen in ein oder zwei Tagen beibringen, wie man die Songs spielt. Alle anderen aus der Band wurden an der Grenze zurückgewiesen.
Es ist schon eine Investition für eine eher kleine Band, diese Gebühr zu zahlen und trotzdem zu riskieren, direkt wieder nach Hause geschickt zu werden. Welcher Veranstalter will eine Band promoten, die vielleicht kommt oder vielleicht auch nicht? In diesem Fall wäre die Investition für beide Seiten verloren. In einem Interview, das ich neulich führte, nannte aber eine große international tourende Band als Grund, sich auf die Bedingungen von China oder den USA einzulassen, dass man die Fans in diesen Ländern nicht für die Ansichten ihrer Regierungen bestrafen wolle.
Das ist eine andere Sichtweise. Aber ich würde sagen, dass es nicht um die Ansichten der Regierung geht. Es sind die faschistischen Maßnahmen der Regierung. Das ist ein großer Unterschied. Es ist was anderes, wenn jemand eine Meinung hat, als wenn jemand diese Meinung umsetzen kann und andere dazu zwingt, sich dieser Meinung anzupassen. Das ist ein riesiger Unterschied. Die Freiheit, eine Meinung zu haben, ist eine Sache, aber diese Meinung umzusetzen und andere dazu zu zwingen, sich dieser Meinung anzupassen. Darum geht es hier wirklich: Wir glauben nicht nur, dass wir recht haben, sondern wir zwingen dich auch, das zu tun, was wir für richtig halten, sodass du keine Wahl mehr hast.
Dennis Lyzxén war vor vielen Jahren schon mit THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY in China und natürlich bringen Bands so ihre Ideen und Botschaften mit zu den Fans. Vielleicht inspiriert es ein paar Leute dort, eine ausländische Band zu sehen. Andere touren in diktatorisch regierten Ländern wie Vietnam. Und ich erinnere mich, dass vor vielen Jahren schon Jello Biafra und seine Band dafür angegriffen wurden, dass sie als Punks für andere Punks spielen wollten – als sie in Israel auftreten wollten. Was ist deine Haltung dazu, wo würdet ihr mit YOUTH BRIGADE hingehen?
Ich denke, das ist eine individuelle Entscheidung. Ich werde nicht über andere Leute urteilen. Ich weiß, dass NOFX vor 25 Jahren in Israel waren. Nicht dass die Lage damals nicht schlimm gewesen wäre, aber heute ist sie viel, viel schlimmer. Ich habe kein Interesse daran, in Israel zu spielen. Als Jude finde ich das, was Israel tut, einfach nur beschämend. Manche Menschen behaupten, dass alle Juden Israel unterstützen sollten. Ich unterstütze Israel nicht. Was dort passiert, ist der Inbegriff des Faschismus. Das Gleiche passiert auch hier. Ich muss aber auch sagen, dass wir, als wir 1984 zum ersten Mal nach Europa kamen, im damaligen Jugoslawien und auch in Polen spielten. Wir dachten, das wäre eine gute Gelegenheit, für Menschen zu spielen, die normalerweise keine Chance haben, diese Art von Musik zu hören. Es war großartig. Ich kann also nicht sagen, dass Bands das nicht tun sollten. Unterstützt man ein faschistisches Regime, wenn man in einem faschistischen Land auftritt, obwohl man sich gegen dieses Regime ausspricht? Ich glaube nicht. Das ist eine Entscheidung, die jeder selbst treffen muss. Leider gibt es auf der linken Seite genauso Extremisten wie auf der rechten Seite. Und ich bin mit diesen Extremisten nicht einverstanden. Ich denke, dass die Extremen auf der linken und rechten Seite viel mehr gemeinsam haben, als sie jemals zugeben würden.
Was ist deine Maxime?
Ich glaube an „leben und leben lassen“. Man muss Faschismus und jeden anderen Schwachsinn anprangern, aber für mich ist eines der größten Probleme der Menschheitsgeschichte jede Form von organisierter Religion. Das hat im Laufe der Geschichte mehr Unglück in der Welt verursacht als alles andere. Ich halte nichts von organisierter Religion, ich würde mich als Agnostiker bezeichnen. Ich weiß nicht, was da draußen ist. Ich denke, dass Menschen das Recht haben zu glauben, was sie wollen, solange sie nicht missionieren und versuchen, mir ihren Glauben aufzuzwingen. Und solange man nicht auf die Idee kommt, eine Sekte zu gründen, was jedoch oft passiert, gerade hier in den USA. Es gibt hier christlichen Nationalismus und Evangelikale, die meinen, dass alle so denken sollten wie sie, sonst sind sie ihre Feinde. Dieses Denken ist unter organisierten Religionen weit verbreitet, und im Namen Gottes wurden viele schreckliche Dinge getan, basierend auf der Vorstellung, dass jemand im Himmel sitzt und auf uns herabblickt. Wenn es so ein allmächtiges Wesen gibt, warum lässt es dann all die furchtbaren Dinge zu, die geschehen? Warum lässt es zu, dass kleine Kinder an Krebs sterben? Warum lässt es zu, dass Menschen sich gegenseitig auf so schreckliche Weise ermorden? Deshalb fällt es mir schwer, an so was zu glauben.
Du lebst in Kalifornien. Wir alle wissen, dass Kalifornien anders ist. Los Angeles gilt allgemein als vergleichsweise liberal, genau wie San Francisco. Es sind Städte, wo die Dinge immer noch ein bisschen anders laufen als im Rest des Landes. Wie schlimm ist es in den USA gerade wirklich? Aus europäischer Sicht ist es schwierig, sich ein ausgewogenes Bild zu machen.
Mein Leben hat sich nicht drastisch verändert, aber die Tatsache, dass sie herumlaufen und Menschen auf der Straße wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Sprache festnehmen, ist erschreckend. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag erleben würde. Ich habe Verwandte mütterlicherseits, die im Holocaust ums Leben gekommen sind. Deshalb ist es für mich besonders bedeutsam zu sehen, dass so etwas passieren kann, vor allem hier in den USA, die doch eine Bastion der Demokratie und Freiheit waren, dieses großartige Experiment. Und es hat nur einen einzigen Scheißkerl gebraucht, der sich den Menschen aufgedrängt hat, um bei einer sehr kleinen Minderheit die schlimmsten Verhaltensweisen hervorzurufen. Das Verrückte daran ist für mich, dass es beispielsweise Latinos gibt, die für diesen Typen gestimmt haben. Und einige von denen erleben nun, dass Familienmitglieder oder Freunde von der Straße weg inhaftiert und in Länder zurückgeschickt werden, in denen sie noch nie waren, oder sogar in Länder, aus denen sie ursprünglich gar nicht stammen. Das ist verrückt. Und einige dieser Leute finden das immer noch in Ordnung. Ich weiß nicht, wie man das in Ordnung finden kann. Im Sommer 2025 gab es hier große Proteste, aber ich bin enttäuscht von unserer Bürgermeisterin. Sie ist kein schlechter Mensch, aber einfach keine starke Führungspersönlichkeit. Ich finde unseren Gouverneur Gavin Newsom dahingehend viel besser. Man muss verstehen, dass diese Regierung versucht, einen Konflikt zu provozieren, damit es zu Gewalt seitens der Menschen kommt, die verfolgt werden. Sie werden verfolgt, damit die Regierung das Kriegsrecht ausrufen kann. Und sie will, dass das vor den Zwischenwahlen passiert, weil sie meiner Meinung nach da eine schwere Niederlage einstecken wird. Trump ist jetzt schon eine „lame duck“. Aber man muss daran glauben, dass das System tatsächlich noch funktioniert. Und ich bin sehr skeptisch, dass es funktioniert. Es gibt hier Leute von der Linken, die einfach alles zerstören wollen, und solche Leute gibt es auch auf der rechten Seite. Sie wollen, dass das System, die Regierung, abgeschafft wird, aber sie haben nichts, womit sie es ersetzen könnten. Sollte das passieren, bleibt nur noch ein Haufen Betrüger übrig. Trump hat keine echte politische Agenda, außer alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die ihn und seine Freunde daran hindern, alle abzuzocken. Seine einzige Religion ist der Dollar und sein Ego. Ihn interessiert nur, wie viel er verdienen kann und wie viel Macht er haben und ausüben kann. Und dann sagt er ständig, er sollte den Friedensnobelpreis bekommen. Wofür?
Immerhin hat er den FIFA-Friedenspreis bekommen. Wow.
Das war peinlich. Es ist einfach schwer zu glauben, dass wir das gerade erleben. Ich hasse es, den Begriff „Dritte-Welt-Land“ zu verwenden. Aber das hier ist eher Vierte Welt. Es gibt nichts, was man mit so einem Clown an der Macht vergleichen könnte. Ich hoffe nur, dass seine Macht in der Republikanischen Partei langsam ein bisschen bröckelt und die Sache mit Jeffrey Epstein ihn zu Fall bringen wird. Aber das ist alles nur Show, um die Leute davon abzulenken, was sie wirklich tun, nämlich die Demokratie kaputtmachen, alle Regulierungsbehörden und alle Kontrollinstanzen abschaffen, damit sie das, was bisher hinter verschlossenen Türen passiert ist, künftig öffentlich tun können. Sie haben kein Schamgefühl.
Aber wie wirkt sich das auf einer sehr persönlichen Ebene im Alltag aus? Wie bedroht fühlt sich jemand, der Teil der Punk-Szene ist und sich gegen dieses System ausspricht? Wie gefährlich oder sicher ist es heutzutage, seine Meinung zu sagen?
Ich werde auf jeden Fall immer meine Meinung sagen. Und die Situation betrifft mich, weil ich mein Festival absagen musste, das ja mein Hauptgeschäft ist. Live-Musik ist alles, was uns noch bleibt, nachdem Spotify das Musikgeschäft zerstört hat. Über die Gründe, weshalb ich das Festival 2026 nicht machen will, haben wir ja schon gesprochen. Wir haben hin und her überlegt, wie detailreich wir die Absage formulieren sollen. Wir haben uns gegen eine detaillierte Begründung entschieden. Die Botschaft war, dass wir kein Festival veranstalten. Hätten wir genaue Gründe genannt, hätte es ein Hin und Her gegeben, was von der Tatsache abgelenkt hätte, dass wir eben kein Festival veranstalten. Ich werde wahrscheinlich ein paar Posts mit mehr Details machen.
Zum Beispiel ...?
15 bis 20% der Leute, die das Punk Rock Bowling besuchen, kommen aus dem Ausland, viele aus Kanada. Kein Kanadier – und ich bin gebürtiger Kanadier, wie du weißt – will derzeit als Tourist hier in die USA kommen, nachdem Trump gesagt hat, dass er Kanada übernehmen und zum 51. Bundesstaat der USA machen will. Also sagen die Kanadier: „Fuck you, das wird niemals passieren. Jetzt geben wir unser Geld nicht mehr für Urlaub in Amerika aus.“ Und ich kann es ihnen nicht verübeln. Es schadet der Wirtschaft. Das Verrückte ist, wie viele Dinge diese Regierung tut, die einfach nur die Wirtschaft zerstören und alles kaputt machen. Sie schießen sich selbst ins Bein. Sie glauben, sie können die Leute täuschen. Wenn es den Leuten an den Geldbeutel geht, fangen sie an, ihre Meinung zu ändern. 15 bis 20% unserer Besucher können also nicht ohne Schwierigkeiten und Gefahren ins Land kommen, und ausländische Bands auch nicht. Wir haben im Vorfeld viele Bands kontaktiert und viele von ihnen sagten, dass sie 2026 nicht in den USA touren werden. Dazu kommt, dass sich die Wirtschaftslage in den USA noch weiter verschlechtern wird. Ich habe vor ein paar Wochen von einer Statistik gehört, die besagt, dass 50% aller wirtschaftlichen Aktivitäten in diesem Land von 10% der Bevölkerung gemacht wurden, also den Reichen. Die Leute am unteren Ende leiden darunter, bestimmt Dreiviertel der Bevölkerung, die Armen, die Arbeiterklasse und die Mittelschicht. Sie sind verunsichert, was die Zukunft angeht. Die Wirtschaft in diesem Land und auch weltweit braucht Stabilität. Und hier gibt es keine Stabilität. Ohne Stabilität weiß man nicht, was passieren wird. Man weiß nicht, ob man seinen Job behalten wird. Und selbst wenn man ihn behält, kann bei ständig steigenden Preisen alles Mögliche passieren. Daher sind die Leute weniger geneigt, ihre Ersparnisse für eine Auslandsreise oder einen Trip nach Las Vegas oder was auch immer auszugeben. Es war leider so, dass die negativen Aspekte die positiven bei der Entscheidung, ob wir das Festival durchführen sollen, überwogen haben.
Dabei hattet ihr gerade euer 25-jähriges Jubiläum gefeiert.
Und es war großartig. Wir hatten ein fantastisches Festival. Aber wir wollen auch einen bestimmten Standard halten. Und das können wir unter den aktuellen Bedingungen nicht.
Wie viel hätte das Ticket für 2026 gekostet?
Ich hätte versucht, es auf dem gleichen Niveau zu halten, das wir 2025 hatten, nämlich 250 Dollar für das Basisticket für drei Tage. Das Problem ist aber die Wirtschaftslage in Las Vegas. Seit Corona versuchen viele Unternehmen, das Geld wieder reinzuholen, das sie in den anderthalb bis zwei Jahren Stillstand verloren haben. Las Vegas ist da keine Ausnahme. Schon vor der Pandemie wurden in Las Vegas jedes Jahr die Preise erhöht, und mit diesen Preiserhöhungen drücken sich die Firmen selbst aus dem Markt. Das ist einer der Gründe, weshalb Las Vegas in den Medien sogar schon als Geisterstadt bezeichnet wurde. Auf dem Strip ist es sehr, sehr leer geworden. Ich war im September zuletzt dort, um mir anzuschauen, was so los ist, und mit ein paar Leuten zu reden. Es waren nicht viele Leute da am Strip – ich gehe normalerweise nicht auf den Strip. Wir machen unser Festival in Downtown Las Vegas. Da läuft es noch ganz gut, weil es eher „budget“ ist, aber auch da wollen sie die Preise für alles erhöhen. Nur ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um die Preise zu erhöhen. Ich bekomme mehrmals pro Woche E-Mails von den Hotels da: Übernachte zwei Nächte bei uns und es gibt eine gratis. Teils haben sie Preise gesenkt, weil sie Probleme haben. Eines der Hotels, die wir immer gebucht haben, ist schon in Insolvenz gegangen.
Fakt ist, dass ein langes Wochenende auf einem Festival mit Tickets, Anreise, Essen und Hotel pro Person schnell 1.000 Euro oder Dollar kosten kann. Wenn man mal 30 oder 40 Jahre in die Punkrock-Geschichte zurückblickt, wer hätte sich Punkrock damals in dieser Preiskategorie leisten können? Ich beschuldige da niemanden, alle müssen ihren Lebensunterhalt verdienen, aber ... es ist schon eine krasse Entwicklung.
Ja, es ist verrückt. Wir haben echt großes Glück, dass wir das Festival so aufbauen konnten. Es war zu Beginn kein Festival, es war einfach nur eine Party. Man fuhr mit ein paar Freunden nach Vegas. Wir haben einen Deal für die Zimmer bekommen, damals waren die ziemlich günstig, 40, 50 Dollar pro Nacht. Jetzt kosten sie 150, 200 Dollar pro Nacht. Und das trotz unserem Rabatt. Das ist echt verrückt. Damals lag der Preis für ein Konzert bei 20 oder 25 Dollar. Wir machten eine Show am Freitagabend, eine Show am Samstagabend und dann hatten wir eine Party am Sonntagabend. Wir haben all die Jahre sehr auf die Kosten geachtet. Damals hat ein Halbliterbecher Bier bei uns 6 Dollar gekostet. Heute sind es 10 Dollar. Aber bei den meisten Festivals verkaufen sie nun diese riesigen Bierbecher für 20 Dollar. Aber wer will so was trinken? Wenn du davon zwei Drittel getrunken hast, ist es warm und dann hast du keine Lust mehr. Ein Pint Bier kann man trinken, ohne dass es super warm wird, wenn man draußen steht in Vegas. Das sind so Dinge, über die wir uns Gedanken machen. Und die Preise spiegeln nicht nur die Preise in Vegas wider, sondern auch die Preise der Bands. Den Live-Musikmarkt bestimmen Unternehmen wie Live Nation und AEG, zu denen jetzt auch Goldenvoice gehört, die unter anderem das Coachella Festival betreiben. Die interessiert nicht, was wir diskutieren. Die zahlen den Bands wahnsinnig viel Geld, weil sie es sich leisten können, weil sie wahnsinnig viel Geld verlangen für die Tickets, weil Speisen und Getränke wahnsinnig teuer sind. Das ist einfach die Natur dieses Geschäfts. Wir haben gelernt, wie wir damit umgehen und in den Randbereichen dieses Marktes arbeiten können. Ich weiß nicht, ob du vom No Values Festival von Goldenvoice gehört hast ...?
Das fand im Juni 2024 bei Los Angeles statt, da spielten alle „üblichen Verdächtigen“.
Ja, sie hatten 40.000 Besucher. Wir haben normalerweise etwa 10.000. Und es war relativ günstig: 250 Dollar für einen Tag mit 40 Bands, wobei man natürlich nicht alle 40 Bands an einem Tag sehen kann. Selbst wenn man zu jeder Bühne rennen würde, könnte man vielleicht einen Song sehen, aber bei 40.000 Leuten kann man nicht zu jeder Bühne rennen, weil man sich durch all diese Leute kämpfen muss. Ich finde das nicht gut. Wir haben das immer so gesehen, denn wir sind ja nicht nur Veranstalter und Musiker, sondern wir sind auch Fans. Die Bands, die wir präsentieren, sind größtenteils welche, die wir wirklich lieben. Viele von ihnen sind Freunde von uns, und wir betrachten das Ganze unter dem Gesichtspunkt: Was wollen wir sehen und wie wollen wir es sehen? Wir wollen, dass sich die Leute wohl fühlen. Wir wollen, dass sie Getränke und Essen zu einem angemessenen Preis genießen und einfach Spaß haben können. Downtown Las Vegas ist so, dass man mit dem Auto anreist, in sein Hotel eincheckt und bis zur Abreise nicht mehr ins Auto steigen muss. Man kann also trinken, feiern und alles zu Fuß erreichen, was super ist. Und es gibt dort viele Hotels. Das Konzept irgendwo anders zu versuchen, wäre schwierig, eben weil Las Vegas ein ganz besonderer Ort ist. Aber auch hier zieht nicht alles.
Zum Beispiel?
Ein Typ, der lange in L.A. in Santa Ana für ein Venue namens The Observatory gearbeitet hat, wurde vom Veranstalter Goldenvoice eingestellt, ging dann zu Live Nation und startete ein Festival namens When We Were Young in Vegas, eine Veranstaltung mit 65.000 Besuchern. Im ersten Jahr war es ausverkauft. Von ihm stammt diese Idee des Eintagesfestivals. Ich glaube, im ersten Jahr kostete es 200 Dollar, jetzt sind es 300 oder so. Da spielen 60 Bands an einem Tag, es ist am Samstag und noch mal am Sonntag. Aber der Wind in Vegas ist immer ein Problem, es ist ein Open-Air-Festival. Sie mussten deshalb den Samstag absagen, weil der Wind so stark war. Alle, die angereist waren, um die Show an diesem Samstag zu sehen, hatten Pech, weil sie keine Ersatztickets für den nächsten Tag bekommen konnten. Es war bereits ausverkauft. Das ist für mich das Problem mit eintägigen Festivals. Für mich ist das reine Geldmacherei. Bei unserem Festival kann man jede einzelne Band sehen. Es gibt keine Auftritte, die sich überschneiden, zwischen den Bands sind fünf Minuten Pause, in zwei Minuten kann man zur anderen Bühne laufen. Wir sind uns solcher Details immer bewusst, weil wir selbst Fans sind. Wir gehen nicht mit der Motivation an die Sache ran, möglichst viel Geld aus den Leuten rauszuholen.
Eine Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass Festivals wie Rebellion, Punk Rock Holiday oder Ruhrpott Rodeo für unsere Community auch wichtig sind, damit sich Leute aus unserer Szene treffen, reden und zusammen feiern können. So ein Festival geht in der Wirkung also über den kommerziellen Aspekt hinaus. Man konnte an den enttäuschten Kommentaren der Leute nach eurer Absage für 2026 ablesen, wie sehr sie diese Erfahrung vermissen.
Wir mussten 2020 wegen der Pandemie absagen, aber 2021 haben wir es geschafft. Und dann haben mein Bruder und ich uns als Veranstalterteam getrennt, deshalb haben wir 2022 kein Festival veranstaltet. Ich bin mir total bewusst, wie enttäuschend eine Absage für die Leute ist. Für uns ist es auch eine Enttäuschung. Wir arbeiten fast das ganze Jahr über an diesem Festival. Es ist eine sehr kleine Gruppe von Leuten, die alles organisiert. Und dann haben wir eine Menge Leute, die auf dem eigentlichen Festival arbeiten. Alle Leute haben alles gegeben, um dieses Festival zu dem zu machen, was es ist. Und jetzt haben sie keine Arbeit mehr, nachdem viele von ihnen viel Zeit investiert haben und sie auch darauf angewiesen sind. Das tut mir leid, aber gleichzeitig will ich kein Festival veranstalten, das nicht richtig cool ist. Klar, es gibt hier auch andere Festivals, bei denen aber immer dieselben amerikanischen Bands auftreten, die meisten davon aus den 1980ern. Ich finde es echt langweilig, immer dieselben Bands zu sehen, auch wenn viele von ihnen Freunde von mir sind. Aber wir müssen etwas Abwechslung reinbringen. Und es gibt eben viel mehr Bands als die 15 oder 20 immer gleichen, die größtenteils aus Südkalifornien kommen. Also ja, es ist auch für uns enttäuschend, denn wir wissen, dass das Festival eine Gelegenheit ist, um Leute zu treffen. Unsere Besucher sind zwischen 30 und 60 Jahre alt, das ist eher nichts für Highschool-Kids, es sei denn, sie kommen mit ihren Eltern. Ich muss es noch einmal sagen: Ich möchte nichts organisieren, was eine Enttäuschung sein wird. Ich will kein Festival, das nur um des Festivals willen stattfindet, und ich habe eine Verantwortung gegenüber allen. Als Mitglied einer Band will ich nicht bei etwas spielen, das irgendwie ein Reinfall ist. Ich habe schon auf Festivals gespielt, die ein Reinfall waren. Manche Leute versuchen, Events zu organisieren, und wissen nicht, was sie tun. Es macht den Leuten keinen Spaß, die Geld bezahlen, um die Bands zu sehen. Es macht den Bands keinen Spaß. Niemand will zu einem schlecht besuchten und schlecht organisierten Festival gehen. Wir haben hohe Standards, wir wollen, dass der Sound und das Licht gut sind. Die Leute sollen sich wohl fühlen. Und wir sind uns bewusst, dass viele unserer Besucher älter sind. Sie brauchen Sitzplätze. Sie brauchen Schatten. Wir wurden jahrelang damit genervt, VIP-Bereiche einzurichten, und wir dachten, das sei so gar nicht punkrockmäßig. Aber dann haben wir gesagt: Okay, wenn die Leute danach fragen, probieren wir es aus. Wir haben es ausprobiert und es war sofort ausverkauft. Und es wurde von Jahr zu Jahr größer. Dann mussten wir es irgendwann begrenzen.
Und die Preise ...?
Es ist einfach so, dass es Leute gibt, die gut verdienen und trotzdem Punkrock lieben. Das Festival ist ihre einmalige Gelegenheit im Jahr, so viele Bands zu sehen. Sie machen das zu ihrem Urlaub. Das muss ich respektieren. Ich muss ihnen einen schönen Urlaub bieten. Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir das können, aber ich war mir eben nicht sicher, ob wir das dieses Jahr schaffen würden. Aus all den Gründen, über die wir gesprochen haben.
Wie stabil ist die US-Punkrock-Szene, wenn es um das Thema Trump geht? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche Leute einfach nicht reagieren, wenn dieses Thema zur Sprache kommt, was natürlich Raum für Interpretationen lässt. Wie sind deine Erfahrungen? Gerade auch angesichts eines Festivals wie Punk in the Park, wo viele geschätzte Bands spielten, dessen Veranstalter Cameron Collins sich aber als Trump-Supporter zu erkennen gegeben hat.
Von den Leuten, die zu unserem Festival kommen, würde ich sagen, dass 99,9% verstehen, woher dieses Festival kommt: von meinen Brüdern und mir, von YOUTH BRIGADE und von BYO. Wir haben eine lange Geschichte des Widerstands gegen Faschismus und gegen Regierungen wie diese. Und wir haben uns immer wieder geäußert, wo wir stehen. Schon während der ersten Amtszeit von Trump haben wir uns mit vielen Gruppen zusammengetan, wie etwa Indecline.
Du meinst das aktivistische Kunstkollektiv?
Ja, das sind die Leute, die diese nackten Trump-Statuen gemacht und dann überall aufgestellt haben. Wir haben eine davon 2018 auf der Bühne zerschlagen. Aber es gibt natürlich Leute, die Punkrock anscheinend nicht verstanden haben. Sie behaupten, und das ist, was mich am meisten nervt, dass Punkrock nicht politisch ist. Lies meine Texte, lies die Texte der meisten Bands. Sie sind politisch. Das waren sie schon immer. Viele Bands sind der Ansicht, dass alle Regierungen scheiße sind, und ich bin bis zu einem gewissen Punkt derselben Meinung. Aber ich lebe auch in der realen Welt, was bedeutet, dass ich die Nase rümpfen und mich für das kleinere Übel entscheiden werde, wenn es darum geht, wer in der Realität das Beste für die meisten Menschen tun wird. Hier ist das momentan die Demokratische Partei. Ist das eine Partei, die ich für großartig halte? Nein, aber im Vergleich zu dem, was wir auf der politisch rechten Seite haben, sähe ich lieber sie an der Macht, weil sie zumindest den Anschein erwecken zu probieren, es besser zu machen. Sie haben immerhin versucht, eine allgemeine Krankenversicherung durchzusetzen. Es war nicht der beste Gesetzentwurf, aber besser als das, was wir vorher hatten, nämlich gar nichts. Es gibt hier ja eine allgemeine Krankenversicherung, Social Security, aber die bekommt man erst, wenn man in Rente geht. Warum gibt es so was nicht wie in Europa, Kanada und Mexiko ein Leben lang? Übrigens: Als Mitglied des Kongresses bekommt man seine Gesundheitsversorgung lebenslang bezahlt.
Zu meiner Frage ...
Ich finde ich es verrückt, dass es Leute gibt, die Punkrock hören und nicht verstehen, worum es dabei geht. Die hören sich die Texte nicht an und unterstützen Trump. Das verstehe ich nicht. Klar, Johnny Ramone war konservativ. Und dieser Idiot von SCREECHING WEASEL ist konservativ. Ich verstehe den sowieso nicht. Viele Leute sagen: Ich bin nicht politisch interessiert. Ich hasse alle Politiker. Johnny Rotten sagt so was. Ich sage: Man kann nicht unpolitisch sein. Selbst nicht wählen zu gehen ist eine politische Handlung. Das ganze Leben ist politisch. Ich verstehe nicht, wie man glauben kann, man sei nicht politisch, nur weil man nicht zur Wahl geht. Das ist sehr wohl politisch. Du gibst auch damit eine politische Stellungnahme ab, ob du dir dessen bewusst bist oder nicht, ob du es anerkennen willst oder nicht. Was nun das Punk in the Park angeht, finde ich es traurig, dass viele, zumindest die größeren Bands, über die politischen Ansichten des Veranstalters Bescheid wussten. Klar, er hat das Recht, zu denken, was er will. Aber ich verstehe einfach nicht, warum eine Band für jemanden spielt, der einen Politiker unterstützt, der ein Betrüger ist und der alles tut, was er kann, um gegen alles anzugehen, wofür sie laut ihren Texten stehen. Habt ihr kein moralisches Rückgrat? Steht ihr nicht hinter den Texten, die ihr geschrieben habt? Ich verstehe, dass ihr diese Texte vielleicht vor 40 oder 50 Jahren verfasst habt, aber glaubt ihr nicht mehr daran? Okay, dann sagt das doch. Wie könnt ihr da oben stehen und „Fuck the government, fuck the police!“ singen, wenn es euch nichts mehr bedeutet? Dann macht ihr das mit der Band im Grunde genommen nur noch aus Gewohnheit. Ihr glaubt nicht mehr daran. Ist euch das Geld wichtiger als alles andere?
Mit YOUTH BRIGADE hättet ihr da also nicht gespielt.
Ich würde niemals auf diesem Festival spielen. Ich spiele auch nur sehr ungern Live Nation-Shows. Wir haben das schon getan, weil sie leider so viele Veranstaltungsorte hier betreiben und die Leute, die in diesen Venues arbeiten, nicht unbedingt die politischen Überzeugungen des Unternehmens teilen. Die Realität ist, dass man Kompromisse eingehen muss. Es sei denn, man will als Einsiedler in der Wildnis leben und nichts benutzen, das von einem Konzern hergestellt wurde, was heutzutage fast unmöglich ist. Die meisten Leute, die meckern und sich beschweren, nutzen dennoch all diese kommerziellen Angebote. Wir leben in einer kapitalistischen Welt, einer Marktwirtschaft, wie auch immer du es nennen willst. Wir gehen jeden Tag Kompromisse ein. Aber welche Kompromisse sind wir bereit einzugehen und welche nicht, welche Standards haben wir? Für was wollen wir kämpfen? Es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. Und es gibt auch Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Einige meiner Freunde sagen: „Ich weiß, dass ich nichts davon kontrollieren kann, also verschwende ich damit nicht meine Zeit.“ Ich verstehe das. Aber wenn uns alles egal ist, damit unterstützen wir das Ganze doch, auch wenn wir es nicht wollen.
Und niemand kann dir vorwerfen, dass du deine Position nicht klar gemacht hast. Ich habe das Video gesehen, das du gepostet hast, über Arbeitsmigranten, die auf den Feldern arbeiten, auf den Plantagen Orangen pflücken und so weiter und die von der ICE gejagt werden. Wenn man so einen Beitrag veröffentlicht, gibt es immer die Trolle, die dummes Zeug kommentieren. Wie viel Durchhaltevermögen braucht man, um mit diesen Leuten klarzukommen und die ganze Social-Media-Arbeit zu machen?
Nun, für das Festival haben wir jemanden, der sich darum kümmert. Ich muss das also nicht tun. Aber ich erinnere mich, dass mein Bruder sich ziemlich über die Trolle geärgert hat. Er hat auf solche Sachen geantwortet. Und ich meinte nur: „Alter, lass das. Du verschwendest nur deine Zeit.“ Es gibt einfach viele Leute, die nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Zum Glück haben wir eine super Community, die das normalerweise regelt. Wir müssen gar nichts sagen, was echt super ist, vor allem weil wir eine Facebook-Gruppe haben und diese Leute sind einfach die Besten, weißt du, und sie lassen nicht zu, dass Trolle dort anfangen, Scheiße zu reden. Sie schalten sich sofort ein.
YOUTH BRIGADE spielen meist in den Vereinigten Staaten. Als ihr das letzte Mal hier in Europa wart, habe ich euch in Wermelskirchen gesehen. Es war in dieser verschneiten Nacht, als ihr auf der A1 nur einen Kilometer vom Club im Stau im Schnee steckengeblieben seid – und es in letzter Sekunde geschafft habt, ein kleines Akustikset zu spielen.
Das ist 15 Jahre her. Es war 2010. Das war verrückt, weil wir so kurz davor waren, aber nicht nah genug, um aus dem Auto auszusteigen und den Rest zu Fuß zu gehen. Wir saßen zwei Stunden lang fest. Ob und wann wir wieder nach Europa kommen? Ich weiß es nicht. Mark ist im August nach Costa Rica gezogen, weil er denkt, dass die USA dem Untergang geweiht sind, dass es einen Bürgerkrieg geben wird. Hauptsächlich hat er es wohl gemacht, um jeden Tag surfen gehen zu können, was gut für ihn ist. Ich weiß, dass Adam gerne auf Tour gehen würde, weil er in den letzten Jahren kaum Arbeit hatte. Und jetzt habe ich kein Festival mehr, also wer weiß? Ich werde mal mit ihnen reden und sehen, was passiert.
In welcher Besetzung tretet ihr auf, wenn ihr in den USA spielt?
Ich, Mark und Adam. Und Johnny von OLD MAN MARKLEY spielt die zweite Gitarre. Mark war ein paar Jahre lang nicht mit dabei, also hatten wir Sammy von YOUTH OF TODAY, die 2024 auch beim Punk Rock Bowling aufgetreten sind. Und im Jahr davor hat Kyle von PISTOL GRIP bei uns Schlagzeug gespielt. Aber das Line-up aus Adam, Johnny, Mark und mir ist seit einer Weile ziemlich fest.
Wenn ihr nach Europa kommen würdet, hättest du Angst, dass sie dich als Kanadier danach nicht mehr ins Land lassen?
Nein, wir sind alle widerwillig amerikanische Staatsbürger geworden. Ich habe es 2019 gemacht, Mark hat es während Corona gemacht. Adam hat es noch vor mir gemacht, und mein jüngster Bruder hat es auch vor nicht allzu langer Zeit gemacht. Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du als Green Card-Inhaber stirbst, kann die Regierung all deine Sachen konfiszieren. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber okay, gut, dann werde ich mir einen amerikanischen Pass besorgen.
Zumindest kann man dich nicht mehr abschieben.
Oh, das weiß ich nicht. Ich meine, sie verhaften amerikanische Staatsbürger und stellen sich dann dumm: „Ach das ist ein amerikanischer Staatsbürger? Keine Ahnung.“ Es ist einfach so, wenn ihnen dein Aussehen nicht gefällt, verhaften sie dich. Sie brauchen keinen Haftbefehl. Sie gehen einfach auf die Straße und schnappen sich die Leute. Das kann den Obsthändler an der Ecke treffen. Oder die Tagelöhner, die vor dem Home Depot-Baumarkt warten und nach Arbeit suchen. Oder den Verkäufer aus dem Taco-Foodtruck. Ob sie legal hier sind oder nicht, spielt keine Rolle. Sie verhaften sie nach dem Motto „Erst schießen, dann fragen.“ Es ist schrecklich, das mit anzusehen.
Was ist aus eurem Label Better Youth Organisation, kurz BYO geworden?
Wir haben 2019 die Mehrheit der Anteile an Trust Records verkauft. Die machen nun Boxsets unserer Releases, du hast das bestimmt schon gesehen. Das von YOUTH BRIGADE ist gerade raus und das von SNFU kommt auch bald. Das von AGRESSION war etwas Besonderes, weil die jetzt alle verstorben sind. Mark, der Schlagzeuger, ist gerade erst von uns gegangen. Trust Records haben gerade einen Vertrag für den BAD BRAINS-Katalog abgeschlossen. Sie haben mich gefragt haben, ob ich ihnen dabei helfen könnte, so etwas wie das Blue Note-Archiv für Punkrock aufzubauen – Blue Note macht das für Folk Music. Und ich sagte: „Das klingt super, aber ich weiß nicht, wie ihr das finanzieren wollt, es sei denn, ihr bekommt Fördergelder oder so etwas.“ Sie sagten: „Wir kaufen einfach diese Labels und Kataloge auf und veröffentlichen sie als Boxsets neu.“ Wir haben bislang aber nichts aus der Archiv-Idee gemacht, weil ich persönlich denke, dass das Geschäft mit aufgenommener Musik tot ist. Spotify hat es kaputt gemacht. Ich sage immer zu den Leuten, die das nicht kapieren: Spotify zahlt unabhängigen Künstlern einen Hundertstel Cent pro Stream. Warum machen die das? Weil sie es können. Die haben diesen Betrag festgelegt. Und in den USA zahlen sie nicht für die „mechanischen Rechte“. Sie zahlen an eine Firma namens Harry Fox Agency [so was wie das US-Äquivalent zur GEMA – OxRed]. Und als ich zu Harry Fox ging und sagte, ich möchte mein Geld haben, meinten die, ich müsse einen Vertrag mit ihnen unterschreiben, der es ihnen erlaubt, meine Songs auf ihrer Website zu veröffentlichen. Und ich dachte mir: Fuck you! Ich will meine Songs nicht auf eurer Website haben, damit jemand, der einen Film oder einen Werbespot oder was auch immer macht und daran interessiert ist, etwas aus meinem Katalog zu verwenden, es auf der Website von Harry Fox findet und dann zu mir kommt und mir eine Gebühr zahlt. Ich will nichts damit zu tun haben. Also habe ich nie irgendwelche mechanischen Lizenzgebühren von Spotify bekommen. Und warum ist das so? Weil Spotify mit seinen Milliarden Dollar zu faul ist. Sie sind zu faul, um das selbst zu managen. Das ganze System mit den Lizenzen funktioniert hier in den USA nicht mehr. Das ist so ein lächerliches System. Die Tatsache, dass es immer noch existiert und dass es in der Musikbranche so viele Parasiten gibt, all diese Drittunternehmen, die sich vom kreativen Schaffen der Musiker ernähren, ist beschämend. Wenn Musiker eine Gewerkschaft hätten, könnten Firmen wie Live Nation und Spotify gar nicht existieren.
Das Geld fällt nach oben und sickert nicht nach unten.
Ja, die Trickle-down-Ökonomie hat noch nie funktioniert. Es war ein lächerliches Konzept, das hat die Lage nur verschlimmert. Du weißt, wer Milton Friedman ist ...?
Ja, das war einer der „Chicago Boys“ und Vorkämpfer der neoliberalen Wirtschaftsideen.
Ja. Er war der Gegenspieler von John Maynard Keynes, der der Wirtschaftsberater von Franklin D. Roosevelt war, und der das durchgesetzt hat, was wir in Amerika als „sozialistische Programme“ kennen. Und dann kam Milton Friedman Mitte der 1970er Jahre und sagte: Nein, wir müssen einfach Geld verdienen, Geld verdienen, Geld verdienen, und dieser Wohlstand wird dann nach unten durchsickern. Du siehst, was das in den letzten 50 Jahren angerichtet hat. Es hat dieses Land und die Mittelschicht zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Mittelschicht aufgebaut, es wurden Sozialprogramme geschaffen, und die Konservativen hassen das seitdem. Die Heritage Foundation hat 40 Jahre damit verbracht, das zu planen, was sie jetzt mit Trump umsetzen. Und dass ein Jude für dieses schreckliche Einwanderungsprogramm verantwortlich ist, das Menschen einfach aus ihren Familien reißt, ist verrückt: Stephen Miller ist in Santa Monica aufgewachsen, der Sohn von Überlebenden, die vor Pogromen aus Russland geflohen sind. Quasi seine ganze Familie hat sich mittlerweile von ihm losgesagt. Wer hat diesem Jungen wehgetan, als er klein war? Man hat Leute interviewt, mit denen er zur Schule ging. Einer ist ein mexikanisch-amerikanischer Junge, er sagte, sie seien Freunde gewesen, aber eines Tages hätte Miller zu ihm gesagt, er könne nicht mehr mit mir befreundet sein, wegen seiner Herkunft. Das ist der Typ, der hinter den Kulissen die Fäden zieht, er und die Leute von der Heritage Foundation.
Kannst du am Ende dieses Interviews noch etwas Positives sagen?
Ich habe mir neulich noch die Serie „Pistol“ angeschaut, die auf der Autobiografie von Steve Jones basiert. Es ist eine sehr frei fiktionalisierte Darstellung des Aufstiegs der SEX PISTOLS und Malcolm McLarens. Sie ist melodramatisch, sie ist übertrieben, aber es gibt eine Menge wirklich interessanter Aspekte. Punkrock hat vor 50 Jahren angefangen, 1975/76, was man diskutieren kann, von wegen Iggy Pop und STOOGES und so. Aber wer hätte gedacht, dass das, was die Jungs damals angefangen haben, auch nach 50 Jahren noch Bestand haben würde? Ich bin so begeistert von all diesen neuen Bands, die wir in den letzten fünf, sechs, sieben Jahre beim Festival zu Gast hatten, die aus Australien, Norwegen, Schweden, England, Irland und auch den USA kommen. Ich dachte, die erste Trump-Präsidentschaft würde viele Bands inspirieren. Aber das war nicht der Fall. Erst die Corona-Pandemie hat es geschafft, weil die Kids nichts anderes zu tun hatten. Also fingen sie an, Musik zu machen, Gitarre, Bass und Schlagzeug zu spielen, was man eben so macht. Mich inspiriert, dass Punkrock auch nach 50 Jahren noch so stark ist und dass es eine Menge junger Leute gibt, die die Fahne hochhalten. Ich hoffe, ich habe noch 20, 25 Jahre vor mir, aber wer weiß das schon. Also inspirieren mich diese jüngeren Bands. Wir hatten viele von ihnen auf dem Festival. Wir haben immer versucht, jüngeren Bands zu helfen, das machen wir schon seit den Anfängen von BYO. Und schon vorher haben wir unsere eigenen Shows in L.A. veranstaltet, damals gab es nicht so viele Clubs wie heute. Hier gibt es so viele Orte, an denen man spielen kann. Das fördert die Fähigkeit der Leute, rauszugehen und aufzutreten, anstatt nur in ihrer Garage zu spielen. Denk nur mal daran, wie viele Bands in den 1960er und 1970er Jahren es nie aus der Garage geschafft haben. Die Tatsache, dass junge Leute rausgehen und ihre eigenen Sachen organisieren, dass sie lernen, selbst aktiv zu werden, ist super. Und auf YouTube können sie die Geschichte davon sehen. Ich hoffe, dass Punk noch Hunderte von Jahren weiter existiert. Ich weiß aber nicht, ob die Menschheit so lange überleben wird. Wir machen unsere einzige Heimat kaputt, die Erde. Vielleicht sollten Elon Musk und seine Kumpels in ihre Raketen steigen, zum Mars fliegen und dort bleiben. Das wäre eine große Erleichterung für den Rest von uns.
Dein Festival kommt 2027 zurück?
Das ist der Plan, aber es wird sich vieles ändern. Wir werden sehen. Ich glaube leider, dass es in diesem Land erst einmal schlimmer werden wird, bevor es wieder besser wird. Ich möchte an meine amerikanischen Mitbürger glauben, daran, dass sie sich gegen den Faschismus wehren werden. Was wir in diesem Land eigentlich brauchen, ist ein Generalstreik. Aber die Gewerkschaften wurden in den letzten 50 Jahren geschwächt, damit die Leute keine Unterstützung mehr haben. Sie sind nicht mehr so stark wie früher. Im Grunde müssten die Gewerkschaften und die Lehrer und die Studenten und die Regierungsangestellten sich zusammentun. Mal sehen, was passieren wird, wenn die Preise weiter steigen
Zumindest gibt es Hoffnung auf die biologische Lösung, Trump wird bald 80 Jahre alt sein.
Ja. Wir können es kaum abwarten, auf seinem Grab zu tanzen!
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Joachim Hiller