PUNK-TRADITIONEN TEIL 24

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Musicassette

Für relativ wenig Geld – Ferro-MCs waren Billigartikel, Chromdioxid-Kassetten kosteten auch mal 4 bis 5 DM – war es möglich, sich LPs aus dem Freundeskreis auszuleihen und typischerweise zwei davon auf die jeweils 45 Minuten fassenden Seiten eines C90-Tapes zu überspielen. Wer ernsthaft an Musik interessiert war, besaß mindestens einen Stereo-Kassettenrecorder, mit dem man zumindest aus dem Radio Musik mitschneiden konnte. Spätestens mit 13, 14 wurde das Konfirmations- oder Firmungsgeld (wir reden von einer BRD-Sozialisation ...) in eine Stereoanlage investiert, dafür konnten schon 1.000 bis 2.000 Mark draufgehen. Und die umfasste Verstärker, Tuner, Plattenspieler und Tapedeck (ideal: Doppeltapedeck zum Überspielen von Tape auf Tape). Und dann konnte man seine Vinyl-Neuerwerbungen und ausgeliehenes Vinyl mal eben im DIY-Verfahren vervielfältigen. Ideal, um sich im Freundeskreis beliebt zu machen, das andere Geschlecht durch verkappte Liebesgaben („Ich hab dir da mal was aufgenommen ...“) zu umgarnen – und die Musikindustrie in Panik zu versetzen. „Hometaping is killing music!“, lautete deren Slogan, der freilich niemanden beeindruckte.
Mixtapes waren die Playlists der Achtziger, bedeuteten aber weitaus größeres Engagement, als so was heutzutage anzulegen, und waren entsprechend geschätzt und bisweilen prägend für die eigene musikalische Entwicklung. Manche Menschen aus der Punk-Szene boten sogar einen „Aufnehmservice“ an: für kleines Geld überspielten sie auf Basis in die Welt verschickter kopierter Listen LPs nach Wunsch, und oft waren aus gleicher Quelle auch Live-Aufnahmen bekannter Bands verfügbar – direkt vom Mischpult und später, Walkman mit Aufnahmefunktion sei Dank, aus Fan-Hand. Das waren alles Bootlegs und wer es hier zu toll und professionell beziehungsweise auffällig trieb, hatte auch schon mal die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl im Wohnzimmer stehen.
So sehr heute MCs auch wieder verkultet werden, damals waren sie eher wohlgelitten und Mittel zum Zweck. LPs waren das Königsformat, offizielle Kauf-MCs eher gelitten als geliebt, und weil das Geld eben nicht für alles reichte, nahm man auf, um später eventuell Vinyl nachzukaufen. Kassetten rauschten, das Spulen nervte, das Band riss und verursachte Bandsalat. Tja, und dann wurde irgendwann zur Jahrtausendwende alles digital, CD-Brenner, mp3s und Napster kamen, und die MC war Geschichte ... dachte man.