PUNK-TRADITIONEN - TEIL 41

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Rubbelbuchstaben

Die Geschichte von Punk ist auch – ganz hoch gegriffen – eine Geschichte des Designs. Jamie Reid hatte Kunst studiert, schuf das ikonische SEX PISTOLS-Logo, dessen „Erpresserbriefstyle“ so simpel aussieht – und war –, dass jedes Kind und jeder Punk das nachmachen konnte.

Und hunderte, nein, tausende, zehntausende Plattencover, Bandlogos, Konzertflyer, Poster und T-Shirt-Motive später stellen wir fest, dass Punk (wie sein Kumpel Metal auch) Kunst- und Kulturgerschichte geschrieben hat. Und das oft aus der Not heraus. Natürlich, viele der frühen Punkbands, die in traditionelle Plattenfirmenstrukturen eingebunden ware, hatten Zugang zu deren Grafikdienstleistungen. In grauer Vorzeit war das Gestalten von Plattencovern ein teuer zu bezahlender Job für Agenturen und Designer, das Erstellen der Filme und Druckplatten ein teures Verfahren für Spezialisten. Wer einen Plattendeal hatte bei einem halbwegs etablierten Label bekam damit auch Zugang zu solchen Möglichkeiten, doch im Zeitalter vor dem Computer war das aufwendige Handarbeit für Fachleute. Gleiches galt für Periodika, Zeitschriften – und bedingt auch für Fanzines. Bleisatz war da noch üblich, Setzer suchten jeden Buchstaben einzeln und setzten daraus Wort für Wort, Zeile für Zeile, Spalte für Spalte die Seiten zusammen. Die Reprografie kümmerte sich um das Aufrastern der Fotos, das Abfotografieren der fertigen Seiten mit speziellen Kameras, das Erstellen der Druckfilme. Alles irre aufwendig und teuer.Zu teuer für Punks. Die erfanden DIY. Und sie profitierten von der Erfindung des Kopierers ein paar Jahre früher, die US-Firma Xerox spielte dabei eine wichtige Rolle, weshalb im englischen Sprachraum lange „to xerox“ ein Synonym war für „kopieren“, so wie bei uns Tempo für Papiertaschentuch. Und es gab immer mehr Copyshops, speziell in den 1980ern schossen die Läden gerade in Unistädten wie Pilze aus dem Boden, aber auch in Kleinstädten tauchten Ende des Jahrzehnts erste Digitalkopierer auf: Vergrößern, Verkleinern, sogar Aufrastern konnten die Teile. Ein Meilenstein! Punks liebten Copyshops, viele arbeiteten selbst in einem – in den USA hießen die Läden Kinko’s, eine landesweite Kette, die seit den 1970ern schon diversen Subkulturen die Maschinen für ihre gestalterischen und kommunikativen Bedürfnisse zur Verfügung stellte. Im Copyshop konnte man sein im Briefformat gestaltetes Konzertplakat nicht nur kopieren, sondern auf A3 hochziehen oder es verkleinern auf A6: Vier Flyer passten so auf ein A4-Blatt, das Schneidegerät konnte man ausleihen, aus 100 Kopien wurden 400 Flyer. Alles in schwarzweiß, an Farbkopie war nicht zu denken.Und man konnte Fanzines machen. A4-Blätter beidseitig bedrucken, an der linken Seite heften. Oder sich reinfuchsen und rausfinden, wie man die Seiten kombinieren muss, damit nach dem mittigen Heften die Seitenfolge bei einem A5er stimmt. Lernkurve? Steil! Und hier kommt nun wieder Jamie Reid ins Spiel – und die Überschrift. Seit den obligatorischen Collagen im Kunstunterricht und nach einem wissenden Blick aufs SEX PISTOLS-Plattencover hatte man eine Idee davon, was man mit alten Zeitungen, Schere und Klebstoff so anstellen kann. Und mit ... Rubbelbuchstaben! Die machte unter anderem die Firma Letraset, heute gibt es sie als Klebebuchstaben (siehe Foto), und sie wurden unter anderem für Pläne und technische Zeichnungen verwendet: die machte man noch per Hand, aber damit es ordentlich aussah, wurden die Buchstabenfolien aufs Papier gelegt und dann durch vorsichtiges Rubbeln übertragen. Echt, so war das! Und es fehlten natürlich immer Buchsstaben. Die waren nach irgendeiner Formel häufiger oder seltener auf der Folie, viele Es und Ss und wenige Xe. War der Buchstabe weg, musste man ein neues Rubbelset kaufen. Und die waren teuer, jede Schriftgröße und jede Typo (Helvetica auf dem Siegeszug!) ging extra. Gut, dass Ox-Mitgründerin Biggi in einem technischen Beruf bei einem Großkonzern arbeitete und die Dinger zecken konnte ...Die eigentlichen Textspalten wurden mit der Schreibmaschine getippt. Jeder Fehler bedeutete ... neu anfangen. Die ersten elektronischen Schreibmaschinen kamen Ende der 1980er auf, die hatten ein winziges LCD-Display, da konnte man Tippfehler korrigieren, und sie konnte Blocksatz – sonst war ja alles linksbündig. In den Copyshop damit, auf 72% verkleinern, dann passte das fürs Ox. Ausschneiden mit dem Schneidebrett, auf Papier kleben, Bandlogo drüber oder die gerubbelte Überschrift – zack, fertig war die Fanzineseite. Katze, Wind, Husten, Niesen – böse Fallen und mit dem Resultat fehlender Worte. Was folgte, war das Hinwegfegen dieses DIY-Handwerks durch die wundervolle Computertechnik und ein ganz anderes DIY. 1990 der erste Computer im Ox-HQ, ein Atari 1040 ST-F mit Diskettenlaufwerk und dem Seitenlayoutprogramm Calamus. Textkorrekturen, saubere Spalten, Ausdruck im Copyshop. Zukunft, wir kommen! Dann der erste Apple, ein LC II, mit Graustufenmonitor 3.000 Mark. Ein Laserdrucker für 1.000 Mark. Großtante Anni, die edle Spenderin. PageMaker, DTP, Filmbelichtung ... die Schublade mit den ollen Rubbelbuchstaben flog in den Müll. Und immer mehr Punks eigneten sich das Wissen an, wie man am Computer die teure Erstellung von Drucksachen, etwa für LP- und CD-Cover, selbst in die Hand nehmen kann. Fehlende finanzielle Mittel führten zu kreativer Techniknutzung. Heute ist das alles ein alter Hut, aber grafisch und gestalterisch begabte Menschen sind immer noch das Rückgrat unserer Szene.

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