© by Adrian EltonVor einiger Zeit stolperte ich über das Buch „The Book Of Dirt“ von Bram Presser aus Melbourne: Eine teils fiktionale, teils authentische quellenbasierte jüdische Familiengeschichte über die Suche nach den eigenen Wurzeln, Sinn, Vergebung und letztendlich gegen das Vergessen. Eine kurze Recherche zu Bram ergab, dass der Australier nicht nur gute Bücher schreibt, sondern als Sänger mit seiner Punkband YIDCORE zwischen 1998 und 2005 mehrere Alben herausgebracht hat, die sich musikalisch im Fahrwasser von VANDALS und GUTTERMOUTH bewegen und sich mit höchst unterhaltsamen Titeln, wie „Hummussexual“ oder „They tried to kill us. They failed. Let’s eat!“ den Themen Judentum, jüdische Identität und Antisemitismus widmen. Ich sprach mit Bram über die Möglichkeiten und Grenzen von Literatur und Musik als Mittel der Selbsterfahrung und Erinnerung, ein kollektives Gedächtnis und die verbindende Wirkung von Hummus im Circle Pit.
Bram, wie geht es dir und wie hast du das Jahr 2025 bisher verbracht?
Das Jahr hat ziemlich gut angefangen. Ich war damit beschäftigt, ein paar neue Sachen zu schreiben. Eine schwere und ernste und eine absurde Komödie. Ansonsten habe ich hauptsächlich Zeit mit meiner Familie verbracht und viel gelesen. Ich habe gerade meine Tätigkeit als Juror bei einem Literaturpreis hier in Australien beendet. Ich denke, wie viele Jüd:innen in der Diaspora, habe ich mich so gut es geht an diese seltsame neue Normalität angepasst. Wie ich kürzlich zu jemandem sagte, ist meine Welt zwar kleiner, aber viel erfüllender geworden. Der Ausstieg aus den sozialen Medien war ein großer Bonus. Es war, als würde ich mit einer Drogensucht brechen. Mein einziger Kritikpunkt bislang: Es war bisher ein beschissenes Jahr für die Musik, es kamen nur sehr wenige spannende Alben raus.
Hat dein Ausstieg aus den sozialen Medien etwas mit der Situation nach dem Angriff der Hamas auf Israel zu tun? Hast du Anfeindungen erlebt?
Ja, ich hatte bereits das Gefühl, dass die sozialen Medien zu sehr vergiftet waren und ich zu viel Zeit und Gedanken in sie investierte. Und nach dem 7. Oktober erreichte das ein ganz neues Ausmaß. Es gab keinen Raum mehr für vernünftige Diskussionen. Jeder zog sich tief in die eine oder andere Fraktion zurück. Ich sah, wie Freunde auf der linken und der rechten Seite die schrecklichsten Kommentare abgaben, und ich begann, den Respekt vor vielen Menschen zu verlieren, die mir mal wirklich wichtig waren. Also habe ich meine Aktivitäten auf ein Minimum zurückgefahren. Es ist erstaunlich, wie viel angenehmer das Leben ist und wie viel Zeit man auf einmal hat.
Wie würdest du dich selber charakterisieren: als Musiker, der auch schreibt, oder als Autor, der auch Musik macht?
Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, mich selbst zu beschreiben. Ich schätze, ich bin einfach ein Typ, der unendlich fasziniert ist von Ideen über Identität, Gemeinschaft, Kultur und die Art und Weise, wie die Welt funktioniert oder nicht funktioniert. Und ich versuche, diesen Dingen durch meinen kreativen Ausdruck einen Sinn zu geben. Manchmal ist das albern und lustig, manchmal ist es todernst. Manchmal ist es einfach verdammt seltsam.
Würdest du dich als religiös bezeichnen? Und was bedeutet dir Religion und welche Rolle spielt sie für dich im Alltag?
Ich denke, das hängt davon ab, was du unter religiös verstehst. Ich bin nicht wirklich gläubig oder spirituell, obwohl wir einen koscheren Haushalt haben und den Schabbat irgendwie einhalten. Ich gehe nicht oft in die Synagoge, obwohl ich aus irgendeinem Grund in zwei Gemeinden Mitglied bin. Ich mag einige der Festrituale – vor allem Pessach und Sukkot, weil sie irgendwie Spaß machen. Und Purim ist mein absoluter Favorit. Aber da geht es mehr um die Tradition als um einen wirklichen Glauben an Gott. Ich bin jedoch zutiefst jüdisch im Sinne meiner kulturellen Identität. Egal, wie sehr ich mich bemühe, ihr auszuweichen, sie taucht bei allem, was ich so tue, immer wieder auf. Ich würde also sagen, dass die Essenz meines gesamten kreativen Schaffens jüdisch ist, was auch bedeutet, dass die Art und Weise, wie ich mein Leben von Tag zu Tag lebe, es ebenfalls ist.
Gibt es irgendwelche Ideen im Judentum, die du ablehnst?
Jede Menge! Alles, was sexistisch, rassistisch oder homophob ist, kann in den Mülleimer wandern. Ich vertrete den Ansatz von Hillel, dass ein guter Jude zu sein bedeutet, ein anständiger, freundlicher Mensch zu sein. Diese ganze „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“-Idee. Oder, um es anders auszudrücken: „Sei kein Arschloch.“ Das ist die Botschaft des Judentums, die ich meinen Kindern beizubringen versuche. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass die Weisen die Sache mit den Schalentieren falsch verstanden haben, denn das Zeug ist köstlich. Und das Tabu gegen Tätowierungen? Es gibt bessere Gründe, warum ich in die Hölle komme.
Hardcore und Punk sind ursprünglich sehr subversive und größtenteils atheistische Jugendkulturen. Sie stellen Autoritäten in Frage. Wie passt das deiner Meinung nach zu Religion? Ist der Glaube an Gott oder eine höhere Macht nicht schon der Glaube an eine Autorität?
Ja und nein. Ich habe immer eine grundlegende Ähnlichkeit zwischen Punk und der jüdischen Denkweise gesehen. Uns wird beigebracht, zu hinterfragen, zu argumentieren, nicht alles blindlings zu akzeptieren, ohne es vorher einem angemessenen kritischen Denken zu unterziehen. Es gibt noch eine andere Seite des Punk, die ich sehr schätze: Nämlich das Lächerlichmachen derjenigen Aspekte der Autorität, sei es die Regierung oder irgendeine „höhere Macht“, die einen ordentlichen Tritt in die Kischke [aschkenasische Wurstware, Anm. d. Red] verdienen. Ich hatte bei YIDCORE mehr Spaß daran, Jude zu sein, als bei jeder anderen Facette meines Jüdischseins. Ich fühle mich viel jüdischer, wenn ich schreibe, als wenn ich bete oder mich anderweitig an traditionelleren religiösen Aktivitäten beteilige. Zugegeben, beten tue ich so selten, dass es eine niedrige Messlatte ist.
Im Zusammenhang mit Identität taucht auch der Begriff des kollektiven Gedächtnisses beziehungsweise eines kollektiven jüdischen Bewusstseins auf, das durch Erfahrungen wie die Shoah und Antisemitismus entsteht und eine Bewahrung von Überlebensnarrativen und Widerstandstraditionen mit einschließt. Wie stehst du zu dieser Idee des kollektiven Gedächtnisses? Kannst du ihr etwas abgewinnen? Fühlst du dich als Teil davon?
Ich glaube fest an das kollektive Gedächtnis als einen wesentlichen Teil meiner eigenen und der allgemeinen jüdischen Identität. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das, was ich tue, als ein Gefäß oder eine Synapse für die Weitergabe dieses Gedächtnisses sehe, aber es ist tief in mir verankert, und ich nehme an, dass ich eine Art Prisma bin, durch das es gebrochen wird. Ich bin ein Produkt von Überlebenden der Shoah. Meine Großeltern mütterlicherseits waren tschechische Juden, die die Schrecken mehrerer Lager ertragen mussten. Und ein großer Teil meiner Erziehung drehte sich um ihre Erfahrungen, im Guten wie im Schlechten. Es gibt diese ganze epigenetische Theorie, dass Traumata auf zellulärer Ebene weitergegeben werden, und ich glaube fest daran. Ich kann sehen, wie es in den unwahrscheinlichsten Formen bei mir auftaucht, sogar bei meinen Kindern. Ich glaube aber auch, dass Erinnerungen weitergegeben und positiv besetzt werden können, in dem Sinne, dass ich zwar ein Trauma geerbt habe, aber auch etwas anderes als ein Trauma weitergeben kann, weshalb ich glaube, dass es, egal, wie beschissen es in der Welt zugeht, wichtig ist, sich daran zu erinnern, die guten Dinge zu feiern, damit das Positive weitergegeben werden kann. Trauma kann vererbt werden, aber auch Heilung.
Wer hat eigentlich empfindlicher oder ablehnender auf deine Band YIDCORE reagiert: die Punks auf eure religiösen Inhalte oder religiöse Menschen auf Punkrock? Wer hatte die größeren Probleme mit dieser Symbiose zweier Welten?
Weißt du, es ist seltsam. Ich glaube, die Punks waren uns gegenüber aufgeschlossener als die Juden. Wir wurden in der Punkwelt größtenteils mit offenen Armen empfangen. Die Juden hatten es etwas schwerer. Wir durften mit so vielen meiner Lieblings-Punkbands spielen und die Shows waren großartig. Aber das eine Mal, als wir mit einer großen jüdischen Rockband spielten, wurden wir von der Bühne gebuht. Ich erinnere mich immer daran, wie eine Lehrerin an der Schule, die ich damals besuchte, zu ihren Schülern sagte, dass es für alle, die YIDCORE mögen, keinen Platz im Himmel gäbe. Andererseits fanden unzufriedene oder anderweitig entfremdete Jüd:innen durch uns wieder einen Weg, sich mit ihrer jüdischen Identität auf ihre Weise zu verbinden, was cool war. Wir hatten auch zu unserer Überraschung eine chassidische Anhängerschaft. Eine meiner schönsten Erinnerungen ist die an eine unserer ersten Shows im CBGB’s, als der Circle Pit zur Hälfte aus bärtigen chassidischen Jungs mit schwarzen Hüten und Mänteln und zur anderen Hälfte aus Skinheads mit Hosenträgern und Doc Martens bestand. Das war wild! Ich denke, keine der beiden Seiten hatte ein Monopol darauf, uns zu lieben oder zu hassen. Im Laufe der Jahre gehörte zu unseren Auftritten ein Hummus-Ritual, bei dem ich mich auszog, mich mit Hummus einschmierte und herumsprang, um das Publikum damit zu bespritzen. Auf diese Weise hat uns jeder gehasst. Hummus als verbindendes Element sozusagen.
Abgesehen von mehreren Tourneen in Israel habt ihr als australische Band größtenteils in Ländern mit jüdischer Minderheit gespielt. War es von Anfang an eine Art Doppelstrategie von euch, sich einerseits innerhalb der jüdischen Community selbstironisch mit dem Judentum auseinanderzusetzen und andererseits die „westliche“ Gesellschaft mit ihren eigene Stereotypen zu konfrontieren? Der Gedanke kam mir zum Beispiel bei eurer Coverversion von „If I were a rich man“, in der ihr das Vorurteil des gierigen Juden karikiert.
Im Nachhinein betrachtet: Ja, sicher. Obwohl wir damals im Grunde nur versuchten, so viel Spaß wie möglich mit unserer jüdischen Identität zu haben, so viele heilige Kühe wie möglich zu schlachten und einfach zu sehen, wie weit wir es treiben konnten. Ich sagte immer, wir seien wie Mel Brooks auf Speed. Aber wir hielten unserem jüdischen und nicht-jüdischen Publikum einen Spiegel vor und brachten sie dazu, Fragen über sich selbst und andere zu stellen, und zwar auf eine hoffentlich konstruktive und unterhaltsame Weise. Wir wollten wir schon immer Lieder aus „Fiddler On The Roof“ spielen, weil ich sowieso auf Musicals stand und es der Heilige Gral der jüdischen Kultur ist. Wir haben „If I were a rich man“ und „To life“ für unser ersten selbstproduzierten Album gecovert. Später haben wir es mit einem größeren Budget in einem richtigen Studio noch mal vollständig orchestriert aufgenommen. Das war mein absolutes Highlight in den YIDCORE-Jahren. Aber unsere Plattenfirma hatte keine Ahnung, was sie damit machen sollte, also verpackten sie es als Bonusdisc zu unserem dritten Album und es verschwand irgendwie. Aber wir haben ein Video dazu gedreht, das total bescheuert und lustig ist und die Stereotypen von Gier und Konsum absolut zerpflückt.
Wie viel Witz beziehungsweise Ironie und wie viel Ernsthaftigkeit steckt in der Musik von YIDCORE? Bands wie MOSHIACH OI! (vgl. Ox #146) zum Beispiel scheinen mir als Na Nachs wirklich ein spirituelles Anliegen zu haben. JEWDRIVER hingegen sind eine reine Persiflage der britischen Naziband SKREWDRIVER. Was sind oder waren YIDCORE für dich?
98% Humor. 94% Ernsthaftigkeit. 0% Mathe. Ich mag sowohl MOSHIACH OI! als auch JEWDRIVER sehr. Absolut großartige Bands und knallharte Kerle. Ich betrachte MOSHIACH OI! als die BAD BRAINS des Judentums. JEWDRIVER sind Legenden mit Cojones so groß wie die Matze-Eier meiner Nana. Wir waren mit ihnen an der Westküste Amerikas unterwegs und es war die verrückteste Tour, die wir je gemacht haben. Manchmal auch verdammt gruselig. Wir hatten Naziskins, die bei den Shows auftauchten, um uns Ärger zu machen. Und wir dachten einfach: „Scheiß drauf, wenn wir untergehen, dann gehen wir mit Schwung unter.“ Also haben wir sie aus der Halle gejagt und es war der Wahnsinn. Ein paar Mal mussten wir aber auch schnell von der Bühne verschwinden. Was uns betrifft, so haben sich YIDCORE seit unseren Anfängen weiterentwickelt. Eigentlich waren wir nur ein Comedy-Sketch aus einer Universitäts-Revue. Wir überlegten uns einfach, welche die besten Songs aus Gebeten, Musicals und von israelischen Größen sind, und wie wir sie in knallharte Punksongs verwandeln könnten. Und solange es uns zum Lachen brachte, wurde es aufgenommen. Als wir dazu übergingen, unsere eigenen Songs zu schreiben, sahen wir das vor allem als eine Möglichkeit, kurze, lustige Sketche zu lauter, schneller Musik zu machen. Es ging also darum, Spaß mit unseren kulturellen Wurzeln zu haben, die sich auf das Überleben, Natalie Portman und das Verarschen von Antisemiten bezogen.
Warum eigentlich Natalie Portman? Sie kommt an mehreren Stellen in deinen Texten vor.
Das ergab sich aus dem Running Gag, dass ich von ihr wie besessen war. Wir haben immer wieder Anspielungen auf sie in die Texte eingebaut und auf dem letzten Album haben wir sogar einen ganzen Song über sie gemacht. Es gab sogar Versuche, sie auf unser „Fiddler“-Album zu bekommen und fast wäre es dazu gekommen, weil unser Freund Ben zu der Zeit mit der Schauspielerin Claire Danes zusammen war und sie mit Natalie befreundet war. Aber wir konnten unsere Zeitpläne nicht miteinander in Einklang bringen. Tja, was soll’s? Ihr Pech!
Demnach war YIDCORE schon vor deiner schriftstellerischen Arbeit ein Ausdruck dieses erwähnten kollektiven Gedächtnisses, weil ihr jungen Jüd:innen die Möglichkeit gabt, ihre jüdische Identität auf eine neue, unkonventionelle und auch selbstironische Weise auszudrücken und wiederzuentdecken?
Oh, absolut. Es war der erste Weg, den ich je gefunden habe, um mir darüber klar zu werden, wer ich war und was es bedeutete, ein kulturell unangepasster Jude zu sein, dem sein Jüdischsein zu diesem Zeitpunkt noch wichtig war. Die Texte waren für mich immer das Wichtigste. Ich liebte es, zu sehen, wie ein Lied auf der Seite Gestalt annimmt. Es mag abgedroschen klingen, aber ich höre immer noch gern „They tried to kill us. They failed. Let’s eat!“ und schmunzle selbstgefällig über einige der Zeilen. Es trifft genau den Kern dessen, was ich bin, und ist gleichzeitig dumm, lustig und feierlich. Das ist genau das, was ich mir immer von YIDCORE erhofft habe.
In deinem Roman „The Book Of Dirt“ geht es auch um Themen wie die eigene und kollektive jüdische Identität und die Suche nach der eigenen Familiengeschichte. Warum hast du das Mittel des Romans gewählt, um das Thema aufzuarbeiten, und nicht etwa ein Sachbuch darüber geschrieben?
Das Schreiben war schon immer meine große Liebe. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Romane ich im Laufe der Jahre angefangen und wieder aufgegeben habe. Die Musik war ein unerwarteter Umweg. „The Book Of Dirt“ war eine glückliche Fügung, die ganz zufällig aus der Musik entstanden ist. Wir waren in Israel, hatten gerade eine Tournee beendet, und die Jungs waren auf dem Heimweg. Ich wollte noch bleiben und ein paar Freunde besuchen. Außerdem war meine Freundin dort und sie hatte Familie, die sie sehen wollte. Also dachte ich, wenn ich schon mal da bin, kann ich auch gleich nach Yad Vashem fahren und sehen, was ich über meine Großeltern herausfinden kann. Nach dem Tod meines Großvaters waren erstaunliche Geschichten über ihn bekannt geworden. Gerüchten zufolge war er von den Nazis als literarischer Kurator für Hitlers Museum der ausgestorbenen Ethnie ausgewählt worden. Ich dachte mir also, dass es vielleicht Dokumente gibt, die etwas Licht in diese Angelegenheit bringen könnten. In der Zwischenzeit hatte ich viel über seine Kindheit nachgedacht und darüber, wie er aus seinem kleinen Dorf in den tschechischen Bergen, wo sein Vater Rabbiner war, nach Prag geflohen war, um eine weltliche Ausbildung zu erhalten. Eines Tages wachte ich einfach auf und schrieb eine Geschichte, die später zum Prolog wurde und von seiner Flucht handelt. Ich nahm an einem großen Kurzgeschichten-Wettbewerb in Australien teil, den ich gewann, und plötzlich fragten mich ein Verleger, ob ich ein Buch hätte. Ich sagte „Nein, aber ich bin gerade dabei, eines zu schreiben, das diese Geschichte fortsetzt.“ In Yad Vashem habe ich nicht viel gefunden, also habe ich einen anderen Weg eingeschlagen und versucht, mir die Erfahrungen meiner Großeltern vorzustellen. Meine Urgroßmutter mütterlicherseits war eine Konvertitin, und ich erfuhr, dass auch sie eine erstaunliches Leben hatte. Also schrieb ich ihre Geschichten als Fiktion, weil mir einfach die „Fakten“ fehlten, und ich reiste zwischen Australien, der Tschechischen Republik, Israel und Amerika hin und her und sammelte die kleinen Fetzen, die ich finden konnte. Und dann meldete sich das Jüdische Museum in Prag bei mir und teilte mir mit, dass sie bei der Digitalisierung ihrer Sammlung einen Haufen Dokumente über meinen Großvater gefunden hätten. So wurde das Buch zu einer seltsamen Mischung aus Fakten und Fiktion, bei der ich die Grenzen verwischte und die Lücken mit magischem Realismus füllte, der auf tschechischer und jüdischer Mythologie beruht.
Du wechselst im Verlauf des Romans durch Rückblenden zwischen der Gegenwart des Protagonisten und den Erlebnissen seiner Familie im Zweiten Weltkrieg, wodurch dieser sich nicht nur mit dem Trauma seiner Vorfahren auseinandersetzt, sondern auch mit den Auswirkungen auf sein eigenes Leben. War der Vorgang des Schreibens für dich selber ein Erkenntnisprozess? Um für dich herauszufinden, inwiefern dieses kulturelle Erbe dich prägt und beeinflusst? Oder warst du dir darüber vorher schon im Klaren und der Roman stand am Ende dieses Erkenntnisprozesses?
Ein echtes Verständnis und eine Wertschätzung meiner Familiengeschichte, nicht nur diese klassische idealisierte „Überlebender gleich Held-Trope“, war das fehlende Teil im Puzzle meiner Identität. Ich meine, ich wusste, dass der Einfluss da war, aber es war eine Schimäre. Ich konnte seine Substanz nicht begreifen. Und da vieles von dem, was man mir erzählt hatte, nur Gerüchte waren, die nach dem Tod meiner Großeltern aufkamen, konnte ich nicht wissen, was wahr war und was nicht. Natürlich sind wir alle das Produkt von Mythen, aber das schien mir ein bisschen zu viel. Deshalb ist das Buch so aufgebaut, dass ich meine Suche mit der Neuinterpretation ihrer Geschichten verwebe. Abgesehen von zwei Dingen, die für die Handlung wichtig waren, ist meine Suchgeschichte so ziemlich so, wie sie sich zugetragen hat, vieles davon in Echtzeit geschrieben. Und die Nacherzählung verwendet viele der Informationen, die ich unterwegs gefunden habe, sowie die Dokumente und Fotos, die ich gesammelt habe und von denen viele im Buch erscheinen. Wie sich herausstellte, ist die Geschichte meiner beiden Großeltern noch viel außergewöhnlicher als die Gerüchte. Und der eigentliche Held des Buches ist meine Urgroßmutter, die Teil eines Schmuggelnetzes wurde, um Lebensmittel und Vorräte in die Lager zu bringen. Das ist lustig, denn ich kannte sie. Sie starb, als ich etwa zehn Jahre alt war. Sie war eine zierliche alte Frau, die sanft und ruhig wirkte. Aber sie war eine furchtlose Heldin während des Krieges. Die Dinge, die sie tat, waren einfach verrückt. Ich habe keine Ahnung, warum sie nicht von den Nazis erschossen wurde. Deshalb sage ich auch, dass ich ein Buch über meinen Großvater schreiben wollte und stattdessen eines über meine Urgroßmutter geschrieben habe. Und natürlich über den Golem.
Kann Literatur wie deine ein Weg sein, ein Bewusstsein für die Verbrechen der Nazis im Speziellen und für Antisemitismus im Allgemeinen zu schaffen, wenn in naher Zukunft die letzten Zeitzeug:innen des NS-Regimes verstorben sind?
Das ist eine wirklich schwierige Frage, denn die offensichtliche Antwort ist und muss ja lauten: Die Literatur ist eines der wirksamsten Mittel, um die Erinnerung aufrechtzuerhalten. Aber wir haben auch einen Punkt erreicht, an dem die Shoah zu einem beliebten Schauplatz für historische Fiktion geworden ist. Sie ist lediglich zu einem Kontext geworden. Und so haben wir populäre Werke, Bücher, die sich millionenfach verkaufen, die die Schrecken beschönigen, trivialisieren oder auf andere Weise verharmlosen, und die Geschichte falsch darstellen. Und es besteht die Gefahr, dass die „Erinnerung“, die weitergegeben wird, nicht authentisch ist, und dass wir irgendwann einen miesen historischen Roman lesen, der in Auschwitz spielt, und denken: „Na ja, so schlimm war es doch gar nicht. Was soll die ganze Aufregung?“ Das ist meine größte Angst. Als Schriftsteller haben wir eine Verpflichtung zur Authentizität, die die kreativen Reaktionen auf die Shoah nicht einschränkt, sondern Treue zu ihrem Wesen verlangt. Ich habe einige brillante absurde Komödien gelesen, die in den Lagern spielen. Ich habe gute Action-Romane und experimentelle Hochliteratur gelesen. Keiner von ihnen ist ein langweiliges Wiederkäuen der historischen Fakten. Aber sie alle sind der Shoah treu geblieben und haben keine krassen Fantasien erfunden oder schlampige Fehler eingebaut.
Wenn es um das Erinnern geht, scheinen leider auch große Teile der politischen Linken zur Zeit Nachholbedarf zu haben. Zum Beispiel wenn ich Judith Butler lese und sie sagt, die Hamas sei Teil eines internationalen linken Widerstands gegen die israelische Besatzung, und sie die Agenda der Muslimbruderschaft dabei völlig ignoriert. Wenn linke Kräfte mit Islamisten:innen zusammenarbeiten oder sie verharmlosen oder romantisieren, führt dies letztendlich zur Auslöschung linker Positionen. Damit einhergehen oft auch, bewusst oder aufgrund von Naivität, Relativierungen des Holocaust. Ich sehe da für meinen Teil ein Versagen, zumindest ein großes Defizit, der postkolonialen identitären Linken. Wie ist dein Standpunkt dazu?
Nun, das ist im Moment die große Frage. Ich betrachte mich als progressiven, linken Juden, aber ich liebe auch Israel, was seit dem 7. Oktober eine Art Oxymoron zu sein scheint. Es war eine Quelle endloser Frustration für mich. Man sagt mir, ich sei jetzt ein Apologet des Völkermords. Denn ja, ich liebe Israel, und ich bin nach wie vor traumatisiert und von einer sehr persönlichen Trauer über die Grausamkeit des 7. Oktobers geplagt. Aber ich verzweifle auch an dem, was seitdem geschehen ist, und an den absoluten Schrecken dessen, was Netanjahu und seine Kabale von Eiferern in Gaza getan haben. Angeblich in meinem Namen, ob es mir nun gefällt oder nicht. Letztendlich glaube ich nach wie vor fest an das Recht der Palästinenser:innen auf Selbstbestimmung in einem Land, das sie ihr Eigen nennen können. Für mich ist das nicht nur eine unvermeidliche, sondern auch eine gerechte und anständige Lösung. Dies negiert nicht die gleichwertige – und meiner Meinung nach nicht konkurrierende – Behauptung, dass auch die Jüd:innen ein Recht auf Selbstbestimmung in einem Land haben, mit dem sie seit Jahrtausenden verbunden sind. Wie Rami und Bassam, die unglaublichen Friedensstifter, die im Mittelpunkt von Colum McCanns Roman „Apeirogon“ stehen, sagten, können wir entweder lernen, ein blühendes Land oder einen Friedhof zu teilen, und wir alle wissen, was die bessere Wahl ist. Und so sehe ich die völlige Abkehr von meiner Position durch einige Teile der Linken als ein kritisches Versagen im differenzierten Denken. Ja, Netanjahu hat das Land von einer Klippe gestürzt, und sowohl Israelis als auch Diaspora-Jüd:innen sind auf den Sitzen festgeschnallt, ohne dass es einen Auslöser gibt, aber nenne mir ein anderes Land, in dem die Regierung schlecht ist und die internationale Reaktion nicht lautet, dass die Regierung gehen muss, sondern dass das gesamte Land beseitigt werden sollte. Das ist absurd. Israel sollte es besser machen. Es kann es besser machen. Es muss es besser machen. Aber ich glaube auch, dass die Palästinenser:innen es besser machen können als die Hamas. Das sind zwei Wahrheiten, die nicht schwer gleichzeitig zu vertreten sind. Das Problem, das ich habe, wenn ich dies dort zum Ausdruck bringe, wo ich mir wünsche, dass es gehört wird, ist, dass ich nicht in die intersektionelle Konversation aufgenommen werde, weil die Eintrittskarte die vollständige Ablehnung Israels als völkermörderisches kolonialistisches Projekt ist. Was diese ganze Holocaust-Relativierung angeht, so scheint sie eine absichtliche, billige Taktik zu sein, um Jüd:innen den größten Schmerz zuzufügen, anstatt irgendetwas Produktives zu tun, das diese massive Shitshow in einen vertretbareren Bereich bringen könnte.
Eine nicht ernst gemeinte Abschlussfrage: Welche sind deine fünf Lieblings-Anti-Religion-Punksongs?
„Religious vomit“ von DEAD KENNEDYS. Jello Biafra in Bestform, provokativ und schneidend. „God song“ von BAD RELIGION. Greg Graffin ist für mich der beste Texter im Punk. „Ego fum papa (I am the pope)“ von PROPAGANDHI. Ein bissiger Rundumschlag gegen religiösen Sexismus. „You’re wrong“ von NOFX. Zwar nicht ausschließlich religionskritisch, aber brillant. „Dear god“ von XTC. Vielleicht das eindringlichste musikalische Statement gegen religiöse Heilsversprechen überhaupt.
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GLOSSAR
Apeirogon ist ein Roman des irischen Autors Colum McCann, der 2020 veröffentlicht wurde. Der Titel bezieht sich auf ein geometrisches Konzept, ein Vieleck mit unendlich vielen Seiten, und symbolisiert die komplexe, facettenreiche Realität des Nahostkonflikts.
Chassiden sind Anhänger einer mystisch geprägten jüdischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstand. Sie betonen Frömmigkeit, Freude, Gemeinschaft und die spirituelle Nähe zu Gott.
Golem ist im Judentum eine mystische Figur, meist aus Lehm erschaffen, die durch heilige Worte zum Leben erweckt wird. Er symbolisiert menschliche Schöpfungskraft, aber auch deren Grenzen.
Hillel der Ältere war ein jüdischer Gelehrter des 1. Jahrhunderts v. Chr., bekannt für seine milde, menschenfreundliche Auslegung der Tora. Er prägte zentrale ethische Lehren wie „Was dir selbst verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht an.“ Hillel betonte Werte wie Demut, Nächstenliebe und Lernbereitschaft. Seine Lehren prägen das Judentum bis heute, sowohl im religiösen Leben als auch in Bildungseinrichtungen weltweit, etwa durch Hillel-Organisationen an Universitäten.
Na Nachs sind eine jugendliche, ekstatische Strömung innerhalb des chassidischen Breslauer Judentums. Sie folgen Rabbi Nachman von Breslov und besonders dessen Schüler Rabbi Yisroel Odesser. Ihr Markenzeichen ist der Slogan „Na Nach Nachma Nachman Me’Uman“.
Pessach ist das jüdische Fest zur Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Es dauert acht Tage, beginnt mit dem Sederabend und beinhaltet den Verzehr von ungesäuertem Brot (Matze).
Purim erinnert an die Rettung der Juden im Perserreich durch Esther. Es wird mit Kostümen, Feiern, dem Vorlesen der Estherrolle und Wohltätigkeit gefeiert – ein fröhliches, fast karnevalsartiges Fest.
Sukkot ist das Laubhüttenfest, das an die Wüstenwanderung der Israeliten erinnert. Juden wohnen symbolisch in Laubhütten und danken für die Ernte und Gottes Schutz in der Vergangenheit.
Yad Vashem ist Israels zentrale Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Sie erinnert an die sechs Millionen ermordeten Juden, dokumentiert ihre Geschichten und ehrt Gerechte unter den Völkern. Gegründet 1953, umfasst sie Museen, Archive, Denkmäler und Forschungszentren.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Daniel Schubert