RALF KÖNIG

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Interview mit dem schwulen Comiczeichner

Anlässlich einer Signierstunde - die reell dann drei Stunden dauerte -, des schwulen Comiczeichners Ralf König, an einem sonnigen verkaufsoffenen Samstag-Mittag, ergriffen wir die Gelegenheit am Schopf, ein Interview mit einem Mann zu machen, der durch seine herrlich lockeren und vor allem witzigen Bücher, wahrscheinlich mehr für die Normalisierung des Verhältnisses von Schwulen und Gesellschaft getan hat, als ein publicitysüchtiger, sich heftig outender und von einer Talkshow zur nächsten hetzender Rosa von Praunheim, der wohl innerhalb der Szene eher für Unmut sorgt, aber in der Öffentlichkeit nach wie vor als Vorzeigeschwuler gilt. Gerade bei meiner Großelterngeneration scheint ja im Kopf immer noch das Bild des von der Natur gestraften, kinderschändenden Perversen vorzuherrschen, der seine abartigen Triebe doch möglichst im stillen Kämmerchen ausleben sollte, anstatt den guten Katholiken auch noch mit so unverschämten Forderungen, wie die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, zu penetrieren. An dieser schrecklichen Krankheit -die wohl auch manche für ein weiteres Strafgericht Gottes halten - sind diese Entarteten ja auch in erster Linie schuld. Da geb ich doch nicht mein sauer verdientes Geld für so etwas Unwichtiges, wie AIDS-Hilfe her, u.s.w.. Nach meiner ersten Erfahrung mit seinen Büchern hatte ich erst mal ein schlechtes Gewissen, dass ich so herzhaft über die Unzulänglichkeiten eines, immer noch nicht vollständig anerkannten Teils unserer Gesellschaft ablachen konnte. Aber in der Tatsache, dass man nicht über, sondern mit Schwulen, über ihre, auch reichlich vorhandenen Schwächen - warum sollte es ihnen da besser gehen, als uns sogenannten Normalen -, lachen kann, steckt wohl die Leistung Ralf Königs, die man ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann. Die Autogrammstunde nutzten die meisten Leute dann, um, sowohl ihren eigenen Büchern zu einer erhofften Wertsteigerung zu verhelfen, als auch in letzter Minute irgendwelche Präsente mit einer persönlichen Note zu versehen. Ralf König selber präsentierte sich anschließend, in einem Lokal neben einem heftig frequentierten Spielplatz, trotz seines mittlerweile großen Erfolgs, als ziemlich bodenständiger Typ, dem es ganz lieb ist, dass er auf der Straße nicht sofort erkannt wird, und der nach dem Interview - man glaubt es nicht -, mit dem Zug zurück Nach Köln fuhr.

Machst du solche Signlerstunden eigentlich öfter?

Der Inhaber von dem Laden hat vier oder fünf Läden und hatte mich dann gefragt, ob ich Bock hätte, die abzuklappern. Und weil das Ganze in der Nähe ist - also Ruhrgebiet - , habe ich das dann einfach so gemacht. Ich mache das nicht mehr so häufig. Ich habe eine Phase gehabt, da bin ich kreuz und quer durch die Republik. Da erlebst du echt die heißesten Sachen. Ich war mal in Bad Kreuznach - da kam kein Schwein. Da fährst du durch die halbe Republik und es kommt keiner. Und die Verkäuferin weiß auch nicht, wer man ist. Irgendjemand hat das angeleiert, und dann sitzt du da und kannst kleinen Kindern beibringen, wie man Schweinchen malt. In Wiesbaden saß ich in einem Laden, die hatten kaum Comics, aber ganz viele Skateboards. Da kamen dann nur diese Kiddies, diese 11 -jährigen -, die da ihre Skateboards kauften, und knallten mir ihre Skateboards auf den Tisch. Ich durfte dann mit dem Edding Nasen drauf malen. Das sind so die Sachen, die ich liebe.

War das heute das typische Feedback, das du In der Regel bekommst?
Heute war es schön. Also, es war etwas ruhig. Ich war auch heute nicht gut drauf, muss ich sagen. Ich hatte gestern etwas länger, und so. Es war nicht unbedingt der Spaßmacher. Aber von der Arbeit her, hatte ich drei Stunden gut zu tun, und das ist bisher das erste Mal so gewesen. Vorgestern, in Bochum war überhaupt kein Schwein. Da hatten die sehr wenig Werbung gemacht. Und in Hagen war es auch ein völliger Flopp.

Aber Im Gegensatz zu diesem Laden liegt der in Bochum doch sehr zentral.
Ich denke, dass es an fehlender Werbung lag. Die müssen dann schon mal sehen, dass sie eine Zeitungsnotiz machen, oder ein Plakat an die Uni hängen. Wenn nichts gemacht wird, dann kommt auch keiner. Ist doch klar.

Hast du eigentlich generell eine Ahnung, welche Leute dein Comics kaufen? Ist das Publikum eher normal zusammengesetzt, oder stammt es zum größten Teil aus Schwulenkreisen?
Das ist inzwischen wahrscheinlich ziemlich normal zusammengesetzt. Erst war das bei Schwulen so ein Geheimtipp. Bei denen war ich schon sehr bekannt, aber was darüber hinaus ging, da war es echt mau. Ich war da auch total neidisch, das weiß ich noch. Ich bin da immer durch die Buchläden gelaufen und habe mir die Comic-Ecken angeguckt. Und überall stand Walter Moers und Franziska Becker, aber ich stand nirgends. Das fand ich total nervig. Damals dachte ich, dass das bei mir am Thema liegt. Dass das einfach nur Schwule interessiert und darüber hinaus geht es nicht. Rowohlt hat mich dann ja vom Gegenteil überzeugt, als ich da '87 angefangen habe. Es dauerte ein Jahr, und plötzlich war ich in alle Munde.

Wie fing deine Karriere als Comiczeichner überhaupt an? In deiner Biographie steht, du hättest eine Tischlerlehre gemacht?
Ja, die Irrfahrten des Lebens. Ich habe immer schon gerne gezeichnet, solange ich mich erinnern kann. Als Kind habe ich mir Geschichten ausgedacht und dazu gezeichnet. Ich glaube, das erzählt dir jeder Comiczeichner. So fängt das meist an. Meine Eltern haben gedacht, das ist aber wohl nix, und ich sollte doch lieber Schreiner werden. Die haben mich dann in so eine grauenvolle Holzfabrik gesteckt, mit 150 Bildzeitungslesenden Prolo-Arbeitern. Da hab ich fünf Jahre meines Lebens ziemlich furchtbar verbracht, weil ich auch handwerklich überhaupt nichts drauf habe. Wie das Schwule meistens so haben - die können es nicht so. Ich hatte immer Angst, dass ich mir an diesen Kreissägen die Hände absäge. Das ist zum Glück nicht passiert. Ich hab dann mein „Coming Out" gehabt, und zwar auch in dieser Firma, was ich im Nachhinein als ziemlich gute Erfahrung schätze. 150 Proleten, und du bist plötzlich der Schwule. Wie die reagierten, das hat mir gezeigt, dass es das Beste ist, als Schwuler offen damit umzugehen. Die Einzigen, die wirklich verunsichert waren, waren die Prolls.

Wussten deine Eltern eigentlich Bescheid?
Meine Eltern haben halt die Kröte dann irgendwann geschluckt. Die fanden das erst überhaupt nicht lustig, aber als ich dann anfing, im Fernsehen als Comiczeichner aufzutreten, mussten sie irgendwann sagen: „Ja gut, dann muss es halt so sein.“ Ich hab dann in dieser Fabrik aufgehört und bin nach Düsseldorf gegangen und hab in der Akademie zehn Jahre Kunst studiert. Wobei sich „studiert" jetzt ziemlich gut anhört. Ich hab eigentlich nur da abgehangen und Comics gezeichnet. Und musste mir von den Profs anhören, dass ich das nicht tun sollte. Ich sollte lieber in Öl, Gips, etc., aber Comics, das wäre Scheiße. Jedenfalls, so wie ich es mache, und das versteh ich auch. Meine Klasse war direkt neben der von Beuys. Der machte da seine Fettecken, und ich daneben mit meinen Knollennasen. Irgendwas stimmte da nicht so richtig. Aber ich habe das als eine Zeit angesehen, in der ich BAFÖG bekommen habe und ich hatte eine Möglichkeit, mir die Comics selber beizubringen. Ich bekam das ja nicht von irgendjemandem gezeigt. Ich habe mir das halt selber beigebracht und deshalb war diese Zeit ziemlich gut.

Beuys?! Wie alt bist du denn?
Ich werde jetzt 33 im August.

Wann hast du wirklich angefangen, zu veröffentlichen?
'79 war das. Da habe ich so die ersten Veröffentlichungen in alternativen Schwulenzeitungen gehabt, und dann auch irgendwann mein erstes Heft.

Wie sieht denn so im allgemeinen die Situation der Zeichner Im Comicbereich aus?
Ich denke, dass man schon mal gute Karten hat, wenn man komische Sachen macht. Also so Cartoons und irgendwie lustige Sachen verkaufen sich generell besser als diese sehr aufwendigen Abenteuer-Geschichten, wobei ich das sehr schade finde. Das ist eine ganz andere Dimension von Comic, wo ich mich überhaupt nicht zugehörig fühle. Die einzige Gemeinsamkeit sind Sprechblasen, und das ist auch schon alles. Ich interessiere mich auch gar nicht für Comics und die Comicszene. Also, wenn ich hier in so einem Laden sitze, und die Jungs in der Schlange unterhalten sich über den neuen „weiß der Henker", Batman, oder so, das geht mir echt am Arsch vorbei. Da habe ich überhaupt nichts mit zu tun. Ich komme ja auch eigentlich aus einer ganz anderen Ecke. Mein Einsteiger war nicht die Comicszene, sondern die Schwulenszene, und das ist bis heute so geblieben.

Weniger schwuler Zeichner, sondern eher zeichnender Schwuler?
Das jetzt aufzuwiegen, das kann ich jetzt gar nicht sagen.

Du zeichnest also in erster Linie, weil du Bock drauf hast, und nicht weil du großartig beeinflusst worden wärst?
Beeinflusst schon! Ich hatte immer meine Lieblingssachen. Wenn ich sage, ich interessiere mich nicht für Comics - da sind schon Ausnahmen. Ich hatte im Laufe der Zeit immer mal Sachen, die mich total bebockt haben. Besonders einige dieser Volks-Verlag-Geschichten, und diese U-Comics. Ein Zeichner (dessen Name leider nicht mehr zu rekonstruieren ist) hat mal einen Band gemacht, mit einem Männchen, das einen dicken Zauberhut auf hat. Das lief immer rum und trat allen Leuten in die Eier. Ne ziemliche Kiffersache, die viel mit Drogen zu tun hatte. Das fand ich toll damals. (Die lieben Kinderchen auf dem Spielplatz haben mittlerweile begonnen große Steine auf eine Rutsche zu donnern. Die Geräuschkulisse würde selbst die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN noch beeindrucken). Kinder, ehrlich! Irgendwann habe ich dann die Claire Bretecher entdeckt. Das war das, was mich so richtig begeistert hat, und wo ich dachte, da will ich auch hin. Eine Weile hab ich auch ziemlich auf diese Frau geschielt. Was die so macht und wie sie es macht. Ich glaube, dass jeder Zeichner, der es zu etwas gebracht hat, seine Idole gehabt hat und irgendwo ne Weile abgeguckt hat. Das finde ich auch völlig normal.

Es ist nur die Frage, ob derjenige es irgendwann zugibt - oder auch nicht.
Ob man es zugibt, na ja, und vor allem, ob man es irgendwann überwindet. Es gibt jede Menge Leute, die zeichnen genau wie Moebius und werden diesen Schritt, einen eigenen Stil zu entwickeln, nie machen. Das finde ich dabei dann ein bisschen tragisch. Ich denke, dass mich Claire Bretecher sicherlich mittlerweile nicht mehr beeinflusst. Die Sachen sind einfach nicht mehr so bissig, wie sie mal waren. Die Zeichnungen finde ich immer noch ganz wunderbar. Aber mein Weg geht jetzt woanders hin.

In wie fern sind deine Geschichten einfach nur Geschichten, und wo hast du ein wirkliches Anliegen? Bei „Bullenklöten" hast du ja die „Coming Out"Sache exemplarisch verarbeitet.
In erster Linie habe ich eigentlich keine Message. Ich freue mich über diesen Erfolg, und dass ich als schwuler Zeichner/Autor so viele erreiche. Das ist eine Sache, die doch ziemlich einmalig hier ist. Normalerweise schreiben schwule Autoren nur für Schwule, sonst interessiert das kein Schwein. Bei mir geht das aus irgendeinem Grund über die Grenzen hinaus. Wenn ich so überlege, wie ich so drauf war, mit 15/16, da hätte ich gerne sowas gehabt, wie ich es jetzt mache. Sachen, die es ein bisschen locker angehen. Comics, oder auch nicht. Wo schwul sein nicht als Krankheit oder als Schicksal angesehen wird, wo man sein Leben lang unglücklich ist. Dieser ganze Schmarren, der da erzählt wird. Und das gab es zu der Zeit als ich jung war noch nicht. Ich weiß, dass ich damals gerne so etwas gehabt hätte. Das ist eine Sache, die ich wichtig an meinen Arbeiten finde. Ich weiß, dass das viele Leute lesen und dass das so Manchen vielleicht etwas entkrampft, was dieses Thema angeht. Aber in erster Linie möchte ich schon Sachen machen, die mir im Kopf rumschweben. Auch ein bisschen an die Pornographie ran. „Bullenklöten", das war ein Buch, das war so überreif im Kopf. Ich wollte einfach mal eine Story machen, die in sich stimmt und lustig ist. Wo die Charaktere auch irgendwie hinkommen und wo es auch richtig zur Sache geht. Nicht so schamhaft unter der Bettdecke. Das hat mich gereizt und machte mir auch sehr viel Spaß. Und ich muss sagen, ich dachte immer wieder, dass das doch nur die Schwulen kaufen. Aber weit gefehlt, das hat fast die gleiche Auflage, wie die Rowohlt-Sachen. Ich kann das inzwischen gar nicht mehr trennen. Ich hab ja fünf Verlage am Hals, die alle was wollen. Das war ja der Urgedanke dabei, das ich für jede Idee, die ich habe, einen Verlag habe, und auch das Publikum dafür. Rowohlt dann eben nicht so hart, aber dafür mehr Inhalt. Das ist inzwischen völlig egal, woraus ich ein Buch mache und was drin ist. Die Leute kaufen es. Das ist halt so.

Fühlst du dich nicht inzwischen künstlerisch total gespalten, wenn du da ständig Irgendwelche Kompromisse eingehen musst?
Ja, das ist ein Problem. Ich kann bei Rowohlt ja alles machen. Ich kann alles in die Sprechblasen schreiben. Verbal ist da alles okay. Aber ich kann da nicht, wie in „Bullenklöten", über vier Seiten zeigen, wie einer dem anderen den Arsch leckt. Das macht Rowohlt dann doch nicht mit. Ich fürchte meine Tendenz geht dahin, gerade so was weiter zu machen. Einfach nicht mehr überlegen zu müssen: Wie? Dieses Zurücknehmen finde ich doof. Einfach das machen, was mir in den Kopf geht. Ich habe auch Probleme mit Rowohlt, das jetzt so weiter zu machen. Ich bin schon sehr lange an einem Buch für Rowohlt dran, wo ich echt nicht mit weiter komme, weil das irgendwie schwierig geworden ist. Ich möchte mal etwas mehr auf ernstere Sachen eingehen. Es gibt ja noch die Kehrseite der Medaille. Es gibt AIDS und es gibt Gewalt gegen Schwule. Da mache ich ganz gerne einen Bogen rum, weil das ein totaler Humorkiller ist. Das betrifft mich dann auch selber und das zieht mir irgendwie den Hals zu. Natürlich kriege ich die Sterberei inzwischen hautnah mit. Und da noch Komik zu bewahren, das weiß ich nicht, ob ich das so noch leisten kann. Andererseits, wenn ich den Anspruch haben will schwules Leben realistisch darzustellen, dann gehört das dazu, und ich muss da irgendwann ran.

Woher, meinst du, kommt das gestiegene Interesse an schwuler Kultur außerhalb der Szene? Ist die Gesellschaft etwa toleranter geworden?
Die Gesellschaft? Ich weiß nicht. Ich glaube, das sind ein paar Leute, die halt Comics lesen. Erstmal ist es lustig, egal ob das jetzt schwul ist oder nicht. Die Leute finden es erstmal ganz gut gemacht. Das ist erstmal das Ding, dass man da ablachen kann. Dass es schwul ist, hat gerade für die Heteros auch was voyeurhaftes. Man kann da gut mal so reingucken. Wie sind die Schwulen denn so drauf? Hat aber so weiter nichts damit zu tun.

Ein Exotenbonus?
Ein bisschen hängt das auch noch damit zusammen. Vielleicht ist das diese doch etwas lockere Art und Weise wie Schwule mit Sex umgehen. Ich glaube schon, dass es da einen Unterschied gibt. Alleine, dass da zwei Männer aufeinandertreffen. Da sind dann sehr schnell die gleichen Interessen und Gedanken da, als wenn da jetzt ein Mann und eine Frau zusammentreffen. Ich kenn mich da nicht so aus, aber ich glaub das schon, dass Frauen erstmal so'n bisschen anders drauf sind, und dass es da nicht so schnell „Rappel,Rappel" geht, wie bei Männern untereinander. Das macht, glaube ich, sowohl Frauen, als auch Männern totalen Spaß zu lesen. Wie könnte es denn sein, wenn das alles etwas weniger Krampf hätte?

Das dieser voyeuristische Blick plötzlich ganz andere Dimensionen annehmen kann, zeigst du sehr schön in „Bis auf die Knochen", wo ein Hetero-Bulle mit Familie, Gefallen an der Leder-Szene findet, und zu seinen wahren Bestimmung findet. Wie darf man dieses Buch und den Vorgänger „Das Kondom des Grauens" eigentlich verstehen? Steckt da schon fast eine „Safer Sex"-Phobie hinter?
Du musst sehen, dass das Ding schon sechs Jahre alt ist, und damals ging mir das total auf den Senkel. Überall in der Schwulenszene wurde einem entgegengebrüllt: „Mach Safer Sex.". Das war plötzlich die „heilige Kuh". Man durfte da auch nichts gegen sagen. Ist ja auch nichts gegen zu sagen! Aber, wenn man das so'n bisschen erlebt hat, wie es ohne „Safer Sex" war, also ohne so eine scheiß Krankheit, die einen bedroht. Wo man einfach drauflos rödeln konnte, da war das schon nervig. Ich glaube, aus diesem Gefühl heraus habe ich dann irgendwann gedacht: Ich mache mal jetzt ein Kondom mit Zähnen. Mal gucken, was die Jungs dazu sagen. Ich hab damals nicht im Traum gedacht, dass das der Knaller ist, und jetzt auch noch das meistverkaufte Buch von mir. Auch im Ausland ist das der absolute Vorreiter. Erst kommt „Das Kondom ... " und dann kommt der Rest, das ist ganz irre. Wie es gemeint ist? Also, es ist eigentlich ein Quatsch. Ich werde dann oft gefragt, ob das irgendwas mit „Safer Sex" oder überhaupt mit AIDS zu tun hätte. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, das ist einfach nur ein Blödsinn. Ich hoffe, dass das die meisten Leute auch so sehen.

Manche Leute haben den Eindruck, dass du in deinen Büchern Vorurteile, bzw. Klischees über Schwule noch untermauerst. Wie siehst du das?
Was sind Klischees? Das ist so eine Sache. Ich werde öfters gefragt, ob ich nicht auch Vorurteile bestätige. Und dazu kann ich nur sagen: Ich bleibe in dem was ich mache immer mir selbst ehrlich gegenüber. Das ist mein Grundsatz. Also ich fange nicht an irgendwelche Sachen zu behaupten, die überhaupt nicht stimmen. Wobei das natürlich tierisch überspitzt ist, was ich tue. Wenn es bei mir immer nur um's Rödeln geht, dann hat das auch viel mit mir zu tun, und nicht mit den Schwulen an sich. Wenn es in der Schwulenszene wirklich genau so abginge, das wäre ja nicht zu ertragen. Aber Vorurteile? Wenn gesagt wird: Schwule ziehen oft Frauenkleider an. Das stimmt so natürlich nicht. Andererseits, wenn mal irgendwo ne klasse Party ist, dann schmeiß ich mal gerne in nen Fummel. Das macht nämlich einfach Spaß, sich einfach mal aufzurauschen, dann ab und „Gacker, Gacker, Kreisch". Das ist eben Spaß! Das mach ich, und das machen viele andere, die ich kenne, mit Spaß und Freude. Das machen viele Schwule aber auch nie, weil sie da keinen Bock drauf haben. Heteros denken dann immer, wenn sich ein Schwuler in ein Kleid schmeißt, dann ist das geil. Dann finden andere Schwule das geil. Und das ist völliger Quatsch. Du mußt dir echt überlegen, bevor du zu ,ner Party gehst, ob du als Transi den Spaß haben willst, oder ob du vielleicht nen Kerl abkriegen willst. Wenn du da als Transi hinläufst, dann hast du keine Chance da nen Kerl abzukriegen. Keiner findet dich im Fummel geil. Deshalb sind die Jungs ja schwul, weil sie keine Kleider wollen. Das ist immer so zweischneidig mit diesen Vorurteilen, da ist immer was dran, aber es wird einfach aus der falschen Perspektive gesehen. Schwule haben total viel Spaß am Sex, aber den haben Heteros sicherlich auch. Es ist doch jetzt Blödsinn zu behaupten, Schwule hätten nur Sex im Kopf. Das stimmt natürlich wieder nicht. Es gibt immer diese zwei Seiten. Ich muss da mal irgendwie nen Comic drüber machen. Diese Missverständnisse sind wirklich noch relativ groß. Ich kann mich da nur schlecht reinversetzen, wie Heteros das so lesen.

Wie stehst du eigentlich zu der momentan aktuellen Diskussion über die Schwulen-Ehe?
Ich bin da schon öfter mal drauf eingegangen. Ich mache in der Schwulenzeitung „Magnus" eine Serie - da bin ich schon einige mal auf die Schwulen-Ehe eingegangen. Das ist halt die Diskussion. Im Moment wollen alle heiraten.

Ist der Begriff „Ehe" von der Hetero-Seite nicht schon so konservativ besetzt, dass man ihn schon deshalb in der Schwulenszene ablehnen müsste?
Ich stimme dir da zu. Ich würde es nie tun. Ich würde nie heiraten; das finde ich einfach nur bescheuert. Also ich würde jetzt auch nicht sagen, dass die Leute das nicht fördern sollten. Letztendlich geht es nicht um's heiraten und Treue bis zum Lebensende, sondern es geht eigentlich um so ne rechtliche Geschichte. Weil das im Moment am laufenden Band passiert, dass Schwule halt an AIDS, oder so sterben - und sie haben nicht mit Testament vorgesorgt. Dann kann der langjährige Freund eine Erbschaft vergessen. Dann kommt nämlich genau die Familie, die nie was mit dem Typ zu tun haben wollte, und sackt sich alles ein. Und auch steuerliche Gründe. Diese Ungerechtigkeiten, die da laufen, sind die Gründe warum geheiratet werden will. Aber ich glaube, da ist auch noch der eine oder andere, der den Kitsch ganz gerne dabei hätte. Für mich kommt das überhaupt nicht in Frage. Sollen se es alle fordern, aber da hab ich echt nichts mit zu tun.

Es gibt also auch jede Menge konservative Schwule?
Was meinst du wie viele blöde Schwule es gibt?! Nicht zu fassen.

Wie sieht denn so die wirtschaftliche Situation von deutschen Comiczeichnern aus?
In meiner Situation kann ich natürlich ganz gut davon leben. Also, wenn es so weitergeht, dass ich gar nicht so schnell zeichnen kann, wie die Leute mir das Zeug aus der Hand reißen, dann geht es im Moment ganz gut. Bei Walter (Moers) wird es nicht anders sein, sonst würde der nicht dauernd in Amerika abhängen. Werner (Brösel) ist natürlich so ein Überflieger - der wird wahrscheinlich schon seinen Swimmingpool haben. Da habe ich jetzt keine Ahnung. Ich bin ihm einmal bei einem Comichändler in Erlangen begegnet, aber ich kann mit dem menschlich nichts anfangen. Walter find ich klasse; wir sind gute Freunde und telefonieren andauernd, wenn er nicht in Amerika ist. Das ist der einzige, über den ich wirklich noch ablachen kann. Deutsche Comics, gerade komische Sachen, da kann ich nicht viel dran finden. Aber bei Walter, „Arschloch" und so, und seine ältere Sachen, da kann ich mich noch selber richtig amüsieren. Irgendwas ähnelt sich da, wie wir es machen. Das hat uns glaub ich so zu einander geführt. Wir wollten ja immer schon mal ein Buch zusammen machen. Zwei Geschichten haben wir mal zusammen gemacht. So'n Buch war immer schon mal in unserem Kopf, aber das wird nix, wenn der dauernd in Amerika abhängt.

Im Merchandising bist du Moers aber eher unterlegen. So herausstechende Charaktere wie „Das kleine Arschloch" fehlen doch bei dir?
Wenn ich den Maccaroni (Hauptfigur aus „Kondom des Grauens" und „Bis auf die Knochen") als Plastikfigur oder auf Tassen rausbringen würde - das ging weg wie der Teufel, mit Sicherheit. Aber da hab ich keinen Bock drauf. Was der Walter da macht, ist voll die Abzocke. Aber da kann auch der Walter jetzt weniger was für, das ist wahrscheinlich wirklich die Verlags-Politik. Und das ist auch letztlich nicht schlecht. Natürlich macht er da ne Heidenkohle mit. Wenn die Leute meinen, sie müssten „Das kleine Arschloch" als Korkenzieher haben. Warum nicht!? Ich selber habe erstens so eine Figur nicht - das stimmt schon. Das „kleine Arschloch" ist schon so eine Sache, mit der sich wirklich jeder identifizieren kann. Ich habe auch kein Interesse in der Form mit meinem Zeug in den Markt zu knallen. Das hat auch den Effekt, dass man sich's irgendwann leid sieht. Es gibt diesen Zeichner Waterson, der „Calvin & Hobbs" macht. Die Comics gehen in Richtung „Peanuts", sind aber sehr viel bissiger. Es gibt da kein Merchandising. Der Zeichner hat für sich beschlossen, dass niemals eine Tasse, Handtuch, etc. mit seinen Figuren bedruckt wird, sondern dass seine Figuren nur als Comicbücher herauskommen. Das find ich klasse. Erstens Hut ab, denn der könnte sich dumm und dämlich an dem Zeug verdienen, weil das wirklich richtig toll ist, aber der will das nicht. Ich muss sagen, dass ich mit meinen T-Shirts, mit dem bisschen, was es gibt, auch nicht so glücklich bin. Erstmal würde ich es selber niemals tragen. Ich selber natürlich nicht, aber ich würde auch nie ein „Kleines-Arschloch“-T-Shirt tragen. Dass ich mit einem T-Shirt rumlaufe, wo draufsteht: „Aus dem Weg, hier kommt ein Arschloch“. - also, das finde ich einfach bescheuert. Bei den T-Shirts sind dann andere Leute im Spiel, die die Farben machen, und am Ende ist das alles ein großer Scheiß. Ich hab da keinen Bock drauf.

Man hat In deinen Büchern manchmal den Eindruck, dass Frauen in der Regel eher schlecht wegkommen. Entweder sie sind schwanger oder generell irgendwelche hohlen Tussis, und mit Schwulen haben sie erst recht Probleme.
Aber Frauen haben in der Regel keine Probleme mit mir. Die Frauen die zu mir in die Signierstunden kommen - und das sind verdammt nicht wenig -, die finden das total klasse.

Manche Leute gehen sogar soweit, dir schwulenfeindllche Tendenzen zu unterstellen.
Dann haben die von Schwulen keine Ahnung, oder kennen andere als ich kenne. Wenn die Leute sich mal in der Szene umgucken würden, würden sie so was nicht behaupten. Schwulenfeindlich!? Das kann ich nicht nicht nachvollziehen. Natürlich gibt es Schwule, die ganz anders sind, als ich sie in den Comics darstelle, aber ich habe auch gar nicht den Anspruch alle Schwulen darstellen zu wollen. Wer bin ich denn!? Ich gucke, was ich so erlebe und was in meiner Umgebung passiert und das ist mein Stoff. Und wenn einer ganz anders lebt, nicht in die Kneipe geht, zurückgezogen mit seinem Freund, dann mag der das vielleicht auch schwulenfeindlich finden. Das weiß ich nicht. (Mittlerweile haben die Spielplatzgeräusche einen beachtlichen Lärmpegel erreicht.) Ohhhh! Kinder, echt!

Vielleicht hast du ja Probleme mit Kindern und Haustieren (z.B. Schewardnadse In „Der bewegte Mann")?
Ich hab mit Kindern überhaupt nichts am Hut. Ich hatte noch nie was mit Kindern am Hut - die gehen mir total auf den Senkel. Mit Tieren bin ich groß geworden, die find ich klasse. Ich versteh mich auch wunderbar mit meiner Mutter. Ich weiß auch nicht, was mir da immer in die linke Hand fährt, dass da immer so schreckliche Mütter auftauchen. Das muss irgendwie so'n Psychologe vielleicht mal klar machen. Also Tiere find ich toll, aber die sterben bei mir auch immer an Überfettung, oder sowas.

Wie sieht denn dein Verhältnis als Schwuler zur Kirche aus?
Ich bin ziemlicher Kirchenfeind. Ich bin da als Kind nie zugepestet worden, in die Kirche zu gehen, oder so. Ich weiß auch gar nicht woher das kommt, aber ich finde diese Verdummung des Volkes und diesen Papst einfach nur banal. Auch was die sich da zusammenglauben. Ich habe ein anderes Gottesbild, und da denke ich nicht drüber nach, weil mir das sowieso zu hoch ist. Wenn ich da mal ganz selten was drüber mache - z.B. in „Zitronenröllchen", wie die Jungfrau in die Wüste flieht - , da krieg ich meistens Ärger von den Schwulen. Es gibt ja so einen Verband: „Homosexuelle & Kirche". Das sind gläubige Schwule, die sich da zusammengetan haben. Das finden die aber überhaupt nicht lustig. Sie versuchen halt die Bibel so zu interpretieren, dass das halt alles gar nicht gegen Schwule ist. Die Bibel kannst du ja drehen und wenden wie du willst. Von daher macht da jeder seine Wahrheit draus, und dann kloppen sie sich darüber. Für mich ist die Bibel einfach eine über die Jahrtausende von irgendwelchen Menschen zusammengedachte Schwarte. Also, mich betrifft das nicht.

Du hast da übrigens eine schicke Tätowierung... (Ein Kreuz auf dem Oberarm) Eine Jugendsünde?
Meine erste große Liebe. Die hat mich irgendwann gepackt - dieses Arschloch, mit 17, hat mich auf's Bett geschmissen und hat mir mit dem Schraubenzieher „Jesus lebt" auf die Haut geritzt. Das hatte schon was von S&M, aber das war mir damals noch nicht klar. Und weil ich immer an den erinnert werden wollte, habe ich mir das dann reingestichelt. Ich bin froh, dass es keine nackte Frau ist.

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