© by KuBuWeiter geht es in unserer Serie, die sich speziell um kleine DIY-Venues und ehrenamtliche Clubs mit Bezug zur Punk- und Hardcore-Szene kümmert. Um die wertvolle Arbeit zu würdigen, die dort seit vielen Jahren geleistet wird. Wir sprechen mit Macher:innen darüber, wo ihr Engagement seinen Ursprung genommen hat, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben und was sie antreibt. Wir starten mit dem Rattenloch in Schwerte, an der Schwelle vom Ruhrgebiet zum Sauerland. Stellvertretend fürs Team haben der amtierende Vereinsschreiber Jan Horstmeier und der amtierende Vorsitzende Fisher aka Florian Fischer unsere Fragen beantwortet.
Wie hat das alles angefangen mit eurem „Laden“, dem Verein, der Initiative, wie seid ihr organisiert?
Jan: Im Sommer 1987 wurde es einer kleinen Gruppe von Punks und Angepunkten zu langweilig in Schwerte, einer davon war ich – und das Underground-Jugendcafé Größenwaahn wurde ins Leben gerufen. Im Frühjahr 1988 schlossen wir uns mit Leuten aus anderen Initiativen und der in Gründung befindlichen Schwerter Band-Initiative zur Initiative Kunterbunt zusammen. Unsere Ziele waren die Schaffung eines Initiativenhauses in Schwerte, Proberäume für Bands und ein Zentrum für Kinder-, Jugend- und Kulturarbeit. Die Villa Kunterbunt. Dafür hatten wir uns die ehemalige Bürgermeistervilla am Schwerter Rathaus ausgeguckt, die vom Abriss bedroht war. Von Juli bis September 1988 haben wir Schwerte dann ganz schön aufgemischt. Unterschriftenaktionen, Infostände, Demos, Podiumsdiskussionen, erste Kulturveranstaltungen, und schließlich kam die Besetzung der Villa – bis heute Schwertes einzige Hausbesetzung. Es gab kaum einen Tag, an dem wir nicht irgendeine Aktion auf die Beine gestellt haben. Trotzdem, die Villa konnten wir nicht vor dem Abriss retten. Aber in den anschließenden Verhandlungen mit Politik und Verwaltung konnten wir unsere Ziele durchsetzen: Es wurde ein Proberaumzentrum eingerichtet und 1990 eröffnet, das bis heute in der Trägerschaft des Kunterbunt-Vereins weiterläuft. Ein Initiativenhaus gab es auch, das ist allerdings schon lange wieder Geschichte. Und nach einer Phase mit wechselnden Provisorien – zeitweise haben wir uns am Fraktionssitzungstag auf der Rathaustreppe getroffen, damit die anrückenden Rats- und Fraktionsmitglieder uns Woche für Woche vor der Nase hatten – bekam Kunterbunt im Herbst 1989 das ehemalige Lehrschwimmbecken der Stadt für seine Arbeit. Um die Trägerschaft für Kulturzentrum und Proberäume einfach übernehmen zu können, hatte sich aus der Initiative Kunterbunt am 31. Oktober 1988 der Kunterbunt e.V. gegründet. Wir haben schnell festgestellt, dass man im Rattenloch ganz gut Veranstaltungen aller Art bis hin zu kleineren Konzerten machen konnte, so dass wir seit 1990 fast alles genau dort auf die Beine stellen. Bis heute sind wir formal ein Verein nach deutschem Vereinsrecht, mit gewähltem Vorstand, Satzung, Sitzungsprotokollen und Mitgliederversammlungen. Allerdings haben wir ziemlich viel aus unserem Uraltselbstverständnis in unserer Satzung untergebracht – mit dem Ergebnis jahrelanger Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt, weil so etwas nicht unbedingt vorgesehen ist. Und unser bis heute unverändert basisdemokratisches Verständnis manifestiert sich in einem Element, das nach unserer Kenntnis nur der Kunterbunt-Verein hat: Unsere wöchentliche Arbeitssitzung, auf der fast alle Entscheidungen getroffen werden, und die damit bei uns faktisch den „normalen“ Vereinsvorstand ersetzt, ist ein in der Satzung verankertes Organ des Vereins. Verein und Vorstand sind letztlich aber auch nur eine Art Exoskelett von Kunterbunt. In der inneren Struktur diskutieren und entscheiden alle Mitglieder, die sich beteiligen wollen, ohne Rücksicht auf Vorstandsamt und Ähnliches.
Welche Personen standen und stehen dahinter, wer und was trägt das Ganze?
Jan: Anfangs waren wir zu fünft, inzwischen ist daraus ein Trägerverein mit etwa 150 Mitgliedern geworden. In den letzten 37, mit Größenwaahn-Vorlauf sogar 38 Jahren haben natürlich Hunderte von engagierten Menschen den Verein geprägt und am Leben gehalten – Einzelpersonen spielen dabei sicher manchmal eine Rolle, für den Erfolg von Kunterbunt und unserem Rattenloch in Schwerte ist es aber diese enorme Zahl von Menschen, die den Ausschlag dafür geben, dass das Rattenloch weiter besteht. Aktuell sind wir zwei Dutzend Hardcore-Aktive und etwa die gleiche Zahl von „gelegentlich“ Aktiven, die das laufende Programm im Rattenloch organisieren.
Fisher: Es ist vor allem das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder, die hier vor Ort sind und mitarbeiten, die ihre Erfahrungen machen und weitergeben, was den Kunterbunt e.V. ausmacht.
Was hat es mit eurem Namen auf sich?
Jan: Den Namen Kunterbunt haben wir uns im Frühjahr 1988 zugelegt, weil unser Projekt – Hausbesetzung und Organisation eines unabhängigen Kinder-, Jugend- und Kulturzentrums – in der ehemaligen Bürgermeistervilla am Schwerter Rathaus geplant war. Und diese Villa wollten wir zur Villa Kunterbunt von Schwerte machen. Daher kommt der Name des Vereins. Und als wir 1989 gerade das ehemalige Lehrschwimmbecken als Raum für unsere Arbeit bekommen hatten, sahen uns zwei Ratten durch das Kellerfenster bei einer Sitzung zu. So kam der Name Rattenloch zustande.
Gibt es Bands, die mit und bei euch groß geworden sind?
Jan: Groß im Sinne von steinreich und weltberühmt eher nicht. Für die lokale Bandszene, teilweise auch für die aus der näheren Region Dortmund/Hagen/Sauerland war und ist das Rattenloch oft der Ort des ersten öffentlichen Auftritts überhaupt, oder der erste Gig außerhalb der Heimatstadt. Eine Reihe von Bands aus dem Dunstkreis des Rattenlochs haben es immerhin zu regionaler Bekanntheit gebracht, ich denke da an BLACK MILK, PENETRATE GREY, NUMBNATION, PIGS CAN FLY. Das war allerdings im letzten Jahrtausend, ich bin eben schon ganz schön alt, und in vielen Fragen nicht mehr auf den neuesten Stand. Viel wichtiger finde ich aber, dass im Laufe der Jahrzehnte viele Leute durch ihre Mitarbeit im Kunterbunt e.V. überhaupt auf die Idee gekommen sind, sich auch selbst kreativ zu betätigen. Vorwiegend in der Musik und Bands, aber auch im Bereich Malerei, Schreiberei, Stage-Entertainment in jeder Form. Und einige haben es sogar geschafft, das zumindest zeitweise zu ihrem Broterwerb zu machen.
Was waren Höhepunkte in eurem Konzertprogramm? Gibt es wiederkehrende Events?
Jan: In den letzten 37 Jahren, die wir jetzt Konzerte veranstalten, habe ich mindestens hundert absolute Höhepunkte erlebt. Welches Konzert, welche Band sollte ich da vorrangig nennen? Alle zu nennen, geht auch nicht, die Liste wäre einfach viel zu lang. Wiederkehrende Events im engeren Sinne sind bei uns das jährliche Vereinsjubiläum am 31. Oktober, derzeit haben wir einmal im Quartal „Die Nacht der lebenden Toten“ als Industrial/Wave/Punk-Disco, veranstalten einmal jährlich die „Kunterbunten Kunsttage“ mit Ausstellungen, Lesungen usw. Und sonst machen wir regelmäßig immer vor allem eins, jede Menge Live-Acts auf unsere Bühne bringen.
Fisher: Wir hatten im Laufe der Jahre sehr viele überregionale und auch internationale Bands im Rattenloch, dabei auch viele Uraltlegenden, und Bands, die wir heutzutage gar nicht mehr im Rattenloch unterbringen könnten, mit unserem Besucher:innenlimit von 150 Personen. Für mich war mit 14 Jahren das Aha-Erlebnis ein rappelvolles Konzert mit RANTANPLAN im Rattenloch, wo die Leute von den Geländern im Konzertpool gesprungen und völlig abgegangen sind. Damals hatten wir manchmal mehr als 350 Leute im Rattenloch. Das ist bei den heutigen Brandschutzbestimmungen unvorstellbar.
Was stellt ihr neben Konzerten noch auf die Beine?
Fisher: Wir betreiben ein Proberaumzentrum mit fünf Räumen im Keller einer anderen Schwerte Schule, wo aktuell rund 15 Rock- und Punkbands ihren Proberaum haben. Zweimal wöchentlich ist unser Rattenloch als offenes Jungend- und Stadtteilzentrum geöffnet. Wir machen Workshops, um unsere Kenntnisse innerhalb von Kunterbunt weiterzugeben und uns auszutauschen. Wir machen DIY-Filmprojekte, Theaterstücke, sogar Musicals, beteiligen uns bisweilen am lokalen Kinderferienspaß, aber auch an Events wie der „Runde um den Block“ oder dem „Welttheater der Straße“, und bringen auch gerne absurde Shows auf unsere Bühne.
Wo liegt euer stilistischer Schwerpunkt, und warum da?
Jan: Punk, Punk, Punk, in allen Varianten. Wir Kunterbunten kommen mehr oder weniger überwiegend aus der Szene. Sofern man in einer eher kleinen Stadt wie Schwerte von einer „Szene“ sprechen kann. Das war allerdings nicht immer so, in unserer Frühphase als Kunterbunt haben wir selbst nicht daran geglaubt, dass wir hier so etwas wie das Rattenloch aufbauen und so lange am Laufen halten können. Unser erstes „richtiges“ Punk-Konzert in Schwerte hatten wir damals mit „Ein Wunder wird wahr!“ betitelt. Das anarchische DIY als zentrales Prinzip im Punk passt wohl einfach am besten zum ungeschriebenen Selbstverständnis des Kunterbunt-Vereins.
Fisher: Wir veranstalten die Musikgenres, die wir selbst gerne live sehen würden. Meistens Punk, aber auch Metal, Alternative, Hardcore, Rap, Ska, Reggae oder klassische Musik. Seltener sind Elektro- oder Techno-Veranstaltungen. Aber wir sind für alles offen. Nur das DIY-Prinzip bleibt bestimmend, das heißt wir machen keine Veranstaltungen als „Dienstleister“.
Welche Werte wollt ihr mit eurem Tun vermitteln?
Jan: DIY. Misch dich ein. Mach dein Ding. Dazu Basisdemokratie in Reinkultur. Alle entscheiden alles. Akzeptanz unterschiedlichster Persönlichkeits- und Lebensentwürfe. Und natürlich: You gotta say yes to another excess! Rattenloch-Nächte können verdammt lang sein.
Fisher: Die Weitergabe von Kenntnissen und Erfahrungen, das Prinzip der Selbstwirksamkeit. Durch Engagement kann man eine Menge Sachen ermöglichen, wie Kulturveranstaltungen zu sozialen Preisen, aber auch Veränderungen, im Kleinen manchmal sehr einfach und direkt erkennbar, im Großen können wir alle zumindest einen Beitrag leisten. Menschen zu motivieren, sich ehrenamtlich zu engagieren, nicht nur im eigenen Interesse, sondern eben auch für andere – ohne Konsumzwang, ohne Verdienstinteresse. Bei uns bekommt niemand auch nur einen Cent für die Zeit, die in Kunterbunt, das Rattenloch und das ganze Drumherum eingebracht wird.
Wer kommt zu euren Veranstaltungen? Beschreibt mal euer Publikum ...
Jan: Das ist ausgesprochen bunt. Wir machen ja auch „Kunterbunt for Kids“, also reicht das Altersspektrum mittlerweile von 6 bis 80 Jahren. Wir machen auch „seriöse“ Veranstaltungen der bürgerlichen Bildungs-Hochkultur beziehungsweise beteiligen uns an denen, da kommen erfreulicherweise auch Leute in unser Rattenloch, die man in so einem alten Punk-Schuppen eher nicht erwarten würde. Wir sind eben auch ein lokaler Akteur der Jugend- und Kulturarbeit, das geht dann über das übliche Punk-Publikum hinaus.
Fisher: Im Rattenloch ist jede:r willkommen. Nazis und vergleichbare Spinner natürlich ausgenommen.
Wie finanziert ihr euch? Bekommt ihr Zuschüsse?
Jan: Der Verein finanziert sich – ob man es glaubt oder nicht – seit seiner Gründung fast ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Zuschüsse beantragen wir zweckgebunden im Einzelfall, wenn wir zum Beispiel mal eine richtig „große“ Band ins Rattenloch holen wollen, oder erhebliche Investitionen in die Ton- oder Lichttechnik fällig sind. Die finanzielle Autonomie war seit unserer Gründung ein zentrales Element des kunterbunten Konzepts, weil uns das auch vor jeder Einflussnahme auf unsere Programmgestaltung bewahrt.
Fisher: Und weil wir uns nie von dauerhaften Zuschüssen zu unserer Programmarbeit abhängig gemacht haben, sehen wir gerade seit Corona, was für ein wichtiger Punkt das ist. Politische Mehrheiten und die Haushaltslage können uns daher in unserer Arbeit nicht beeinträchtigen.
Jan: In der Hinsicht sind wir autonomer als so manches AZ!
Wie werden die Bands, die Künstler:innen bei euch untergebracht, versorgt und bekocht?
Jan: Die Unterbringung erfolgt in der Regel privat – einige Wohnungen unserer Mitglieder sind inzwischen international als Bandhotels bekannt. Hotelunterbringung ist die absolute Ausnahme,
Fisher: Das Essen kochen wir selbst, ganz nach Wunsch der Künstler:innen – im Regelfall mindestens vegetarisch, meistens inzwischen aber vegan. Das macht es ja auch einfacher.
Welche Rolle spielt die lokale und regionale Verwurzelung und Vernetzung?
Jan: Eine ganz große! Wir wollten immer unser Ding in Schwerte machen, haben uns hier vor Ort als lokale Gruppe gefunden, organisiert, sind sogar in die Kommunalpolitik gegangen. Im Schwerter Stadtrat von 1994 waren 21% Kunterbunt-Mitglieder! Der Zuspruch, den wir bei den Versuchen, das Rattenloch zu schließen, Anfang des Jahrtausends aus unserer Stadt bekommen haben, liegt auch darin begründet, dass wir uns immer als Teil dieser Stadt verstanden haben. Laut, unbequem, rebellisch, vielleicht unschön anzusehen – aber diese Stadt ist eben auch unsere Stadt, wir fordern unseren Raum ein und erkämpfen ihn uns, wenn es erforderlich ist. Wir haben andere Gruppen und Initiativen vor Ort zu jedem Zeitpunkt bisweilen sehr intensiv unterstützt, und das wirkt bis heute nach.
Fisher: Kunterbunt ist in dieser Stadt groß – weil wir wohl die Einzigen sind, die es seit 37 Jahren schaffen, niedrigschwellige Kulturarbeit zu initiieren, ein echtes Offene-Tür-Zentrum in der Innenstadt zu betreiben, und das auch noch frei von Zuschüssen. Das sehen viele hier in der Stadt und da hat sich bei der Schwerter Öffentlichkeit das Bild von Kunterbunt und vom Rattenloch in den letzten Jahrzehnten auch erkennbar gewandelt. Und je länger wir hier sind, desto vergeblicher werden die Versuche der Ewiggleichen, uns als „unerwünscht“ zu schließen oder auszuweisen.
Jan: Irgendwann wird halb Schwerte mal im Rattenloch gewesen sein – auch die, die es später nie zugeben würden. Und für die meisten wird es das Beste sein, was sie in Schwerte erleben konnten!
Was wünscht ihr als Einrichtung euch von der Politik, lokal wie im Großen?
Jan: Sie mögen uns in Ruhe lassen! Über „!Politiker!“ habe ich mich ansonsten bereits 1991 im gleichnamigen HÖLLENHÄHNCHEN-Song abschließend geäußert.
Fisher: Die Politik möge ihren Job machen und uns nicht weiter auf den Sack gehen. Ganz einfach.
Wie kann man euch unterstützen?
Fisher: Kommt zu unseren Veranstaltungen!
Jan: Werdet Mitglieder!
Fisher: Verbreitung der PR zu unseren Veranstaltungen ist natürlich auch hilfreich.
Jan: Spenden sind uns auch immer willkommen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Wolfram Hanke