© by Cat RoseVic Bondi prägt seit über vier Jahrzehnten die US-Hardcore-Szene. Los ging es in den 1980ern in Chicago mit ARTICLES OF FAITH, es folgten ALLOY und JONES VERY, später REPORT SUSPICIOUS ACTIVITY und DEAD ENDING und seit ein paar Jahren sind REDSHIFT seine Band, mit Vic Bondi an Gitarre und Gesang, Mike Catts am Bass und Adam Gross an den Drums. Anfang 2025 erschien deren neues Album „Chaos As Planned“ auf Alternative Tentacles und ich nahm das zum Anlass, mich mit dem Historiker Bondi per Videocall nach Seattle zu verbinden und über die Themen dieser Tage zu diskutieren: Trump, KI und Surfpunk.
Vic, wir haben dieses Gespräch gerade auf Spanisch begonnen. Ist das die andere Sprache neben Englisch, die du sprichst, oder gibt es noch mehr Sprachen?
Es gab eine Zeit, in der ich viele Sprachen beherrschte, aber jetzt komme ich nicht mehr so oft dazu, sie zu üben. In letzter Zeit habe ich mich wieder auf Spanisch konzentriert, weil ich viel in spanischsprachigen Ländern unterwegs war. Gerade habe ich mir das Buch „Cien Años de Soledad“ gekauft, das ich schon längst noch einmal lesen wollte. Ich hatte auch mal ganz passable Deutschkenntnisse und mein Französisch war ganz okay. Letzteres ist immer noch nicht schlecht ... aber auch nicht gut.
Die Kenntnis einer anderen Sprache eröffnet die Möglichkeit, aus einem Land unter einem Diktator Trump zu fliehen und sich woanders niederzulassen. Ist das eine Option?
Wohin soll man denn gehen? Die Oligarchen sind überall auf der Welt im Aufwind. Trump und seine Regierung haben sich jetzt mit Putin verbündet, und Putin wird Europa unter Druck setzen. Sie werden den Krieg an eure Grenzen bringen und wäre ich ein Lette oder ein Litauer, hätte ich jetzt wirklich Angst, denn diese Länder und auch Moldawien werden unter enormen Druck geraten, und zwar unter physischen Druck. Parallel finanzieren und unterstützen Putin und wahrscheinlich jetzt auch Trump und die Republikaner aus den USA all diese rechten Gruppen in Europa, die die Macht an sich reißen oder Wahlen gewinnen wollen. Nur weil man es wie in den Niederlanden geschafft hat, sie einzudämmen und unter Kontrolle zu halten, heißt das nicht, dass das so bleibt. Und der Vizepräsident der Vereinigten Staaten kommt nach Deutschland und trifft sich mit der Führung einer Neonazi-Partei anstatt mit dem Kanzler – unglaublich. Aber in welches Land soll man gehen ...? Vielleicht nach Mexiko, Präsidentin Claudia Sheinbaum scheint Rückgrat zu besitzen und traut sich, sich gegen Trump zu stellen. Aber viele Männer tun das nicht, die Männer scheinen vor diesem Typen einfach einzuknicken. Ich verstehe das nicht. Grundsätzlich finde ich, dass man dort, wo man lebt, für Demokratie und Frieden eintreten sollte, denn da hat man die besten Chancen, etwas zu erreichen. Aber ich verstehe nicht wirklich, was diese Oligarchen für eine Zukunft im Sinn haben. Es scheint eine Zukunft mit viel weniger Menschen und viel mehr Robotern zu sein. Es scheint fast so, als wäre ihre Politik darauf ausgerichtet, möglichst viele Menschen zu töten. Sie streichen die Mittel für die Gesundheitsbehörden, in den USA gibt es jetzt Ausbrüche von Masern und Tuberkulose, die Menschen umbringen. Ist es ihr Plan, einen Haufen Menschen sterben zu lassen?
Die Vogelgrippe, die auch Kühe befällt und nun auch Menschen, breitet sich ebenfalls weiter aus.
Ja, und in den USA kann man jetzt keine Eier mehr bekommen. Immer wenn du in den Supermarkt gehst, fehlen irgendwelche Sachen. Ich denke, diesen Sommer werden die Supermärkte hier in den USA viele leere Regale haben, weil wir etliche unserer Lebensmittel aus Mexiko und Lateinamerika beziehen. Auf Einfuhren von dort will Trump aber Zölle erheben. Dann sind viele der Menschen, die in den USA Obst und Gemüse ernten, Mexikaner oder Mittelamerikaner, und die wollen Trump und seine Leute aus dem Land jagen. Und die, die noch da sind, haben Angst, zur Arbeit zu gehen. Und so werden die Sachen auf den Feldern verrotten. Im Sommer, wenn wir normalerweise in den USA Supermärkte voller Lebensmitteln gewohnt sind, wird es wieder werden wie schon während der Pandemie und an allem fehlen. In gewisser Weise fühlt es sich so an, als ob Trump einem Drehbuch aus der Sowjetunion folgt: Die Leute werden Schlange stehen, um etwas einzukaufen.
Ein Aspekt bei diesen Oligarchen, die sich um Trump versammelt haben, ist deren Ablehnung der Demokratie. Schaut man sich beispielsweise an, was Peter Thiel, einer der Gründer von PayPal und Kumpel von Elon Musk, für politische Ansichten hat, stellt man fest, dass der von Demokratie wohl nicht so viel hält, eine Art Feudalismus scheint mehr nach seinem Geschmack zu sein. Man bekommt eine Idee davon, was Musk und seiner ultra-libertären Bubble für eine Zukunft vorschwebt.
Der Klassenkampf ist keine Verschwörungstheorie, der Klassenkampf ist real. Und das manifestiert sich in den aktuellen Ereignissen. Mit REDSHIFT haben wir kürzlich zusammen mit den DEAD PIONEERS in Tacoma gespielt, einer Stadt eine Stunde südlich von Seattle. Ich habe mit Abe über all das geredet und wir kamen zum Schluss, dass es aktuell auch einen Grund zum Optimismus gibt. Denn dieser konterrevolutionäre Angriff, diese Form von Klassenkampf der Reichen gegen den Rest von uns mit solchen extremen Maßnahmen, ist auch ein Symbol dafür, wie verzweifelt die sind. Abe sagte, er hoffe auf wilde Streiks und dass die Leute sich radikalisieren, um für ihre Klasseninteressen einzutreten. Wir haben unser Album am Tag der Amtseinführung von Trump veröffentlicht und es hat den großartigen Titel „Chaos As Planned“. Die Songs sind ziemlich militant und politisch und wir haben gemerkt, dass wir damit bei den Leuten einen Nerv treffen. Wir versuchen, unseren Teil dazu beizutragen, dass das Bewusstsein der Menschen dafür wächst, wie sie von den Reichen verarscht werden. Für mich ist das nichts Neues, ich habe das bislang in jeder Band gemacht, in der ich war, aber im Moment kommt es beim Publikum besonders gut an. In den letzten Monaten war jede Show ausverkauft, und ich glaube, die Leute verstehen, worum es uns geht. Es ist schön, dass wir mit unserer Musik einen kleinen Beitrag leisten können. Canciones para la resistencia!
Es wird immer wieder gesagt, die 1980er hätten deshalb so viel großartige Musik hervorgebracht, weil die Zeiten so beschissen waren, mit Kohl in Deutschland, Thatcher in Großbritannien und Reagan in den Vereinigten Staaten. Was sagt der Historiker dazu?
Wenn das die Wahl ist, kann ich gerne auf Punkrock verzichten, ich hätte lieber die guten Zeiten, ganz ehrlich. Reagan war der Beginn des Dissenses in den Vereinigten Staaten. Als ich in den 1980er Jahren Punkrock-Songs geschrieben habe, hatten wir keinen einzigen Song über Ronald Reagan, denn unsere Kritik war persönlicher und systemischer. Es ging um das System, das dafür sorgt, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Ich hatte den gesunden Menschenverstand, das zu erkennen, wenn ich morgens um vier Uhr aufstehen musste, um in dieser Bar zu putzen und Scheiße aus einer Toilette zu holen, und danach zu meinem zweiten Job auf einer Baustelle ging. Das war nicht wirklich Reagan, es waren die Reichen, die mir das angetan haben. Es war ein System der Unterdrückung, das mir das angetan hat. ARTICLES OF FAITH haben also eher dieses Thema aufgegriffen, als sich an Reagan abzuarbeiten. Reagan war ein B-Movie-Schauspieler, der von reichen Leuten angeheuert wurde, um ihre Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten und sie dem Volk zu verkaufen. Mit Trump ist es genauso, der ist ein Sprachrohr der Reichen, für Peter Thiel und Elon Musk. Erst letzte Woche wurden wir Zeuge eines absolut verabscheuungswürdigen Moments, als wir sehen mussten, wie Elon Musk über Donald Trump thronte, der an seinem kleinen Schreibtisch saß und von Musks vierjährigem Kind belästigt wurde. An solchen Momenten erkennst du, wer wirklich die Macht in diesem Raum hat: Musk und nicht Trump. Und Peter Thiel und Miriam Adelson, die Uihlein-Brüder, die Koch-Brüder, Harlan Crow – es sind diese reichen Menschen in den Vereinigten Staaten, die wirklich Schaden anrichten. Solche Plutokraten heuern überall auf der Welt Jahrmarktsschreier an, um sie in der Öffentlichkeit zu repräsentieren, hier ist es Trump, in Europa Marine Le Pen oder Alice Weidel in Deutschland.
Wenn man ein Album herausbringt, bei dem es ja eine gewisse Vorlaufzeit gibt – das Songwriting, die Aufnahmen –, wie schafft man es da, eine gewisse Aktualität zu bewahren, damit das Ganze nicht überholt wirkt, wenn es herauskommt?
Seit damals, als ich mit der Musik anfing und Ronald Reagan Präsident war, ist bis heute ein ständiger Abwärtstrend zu beobachten. Die Reichen häufen immer mehr Reichtum an und zerstören die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, die wir zumindest in den USA und in Europa für die arbeitenden Menschen hatten. Natürlich, diese Errungenschaften galten nicht auf der ganzen Welt, und die Außenpolitik der USA und der europäischen Staaten gegenüber Lateinamerika, Afrika und Asien ist seit Generationen entsetzlich. Wir argumentieren also von einer ziemlich privilegierten Position aus, doch sie sind damit beschäftigt, diese zu zerstören. Denn wir hatten ja wirklich einige Fortschritte zu verzeichnen nach schrecklichen Kriegen, hatten Rechte und Privilegien erkämpft. Und jetzt geht es diesen Errungenschaften an den Kragen oder vielmehr seit den 1980ern schon. Das, was ich in den Texten von ARTICLES OF FAITH gesagt habe, gilt auch heute noch. Als Trump das erste Mal Präsident wurde, gewann er zwar nicht nach Stimmen, aber er gewann die Präsidentschaft aufgrund dieser seltsamen Einrichtung, die wir in der amerikanischen Politik haben, dem Electoral College, also das Wahlmänner-System. Mit meiner vorherigen Band REPORT SUSPICIOUS ACTIVITY, die ich mit J. Robbins gegründet hatte, hatten wir schon während der Bush-Präsidentschaft Songs aufgenommen. Doch dann schlief das ein, weil J. in Baltimore lebt und ich hier in Seattle und Erik in Los Angeles. Aber als Trump gewann, rief mich Darren Zentek, unser Schlagzeuger, an und sagte: „Du, wir müssen eine neue Platte machen.“ Und so haben wir 2017 „Leviathan“ aufgenommen, und als ich sie mir neulich anhörte, merkte ich, dass alle Texte auf der Platte heute immer noch funktionieren. Auch daran erkennt man die Kontinuität dieser Angriffe der reichen Leute auf uns. Ich konzentriere mich also nur selten auf einzelne Politiker, sondern eher auf die Systeme, und das gilt auch für das neue Album. In „Above the crowd“ etwa heißt es: „Democracy is cashing out / And all you get is theater“ Das ist eine Aussage, die auf Trump passt, aber eben nicht nur.
Vielleicht ist also der Trick eines guten Songwriters, zeitlose Aussagen zu machen.
Ja. Aber ich wünschte, sie wären nicht so zeitlos. Als ich jünger war, hatte ich die Vorstellung, dass es eine fortschrittliche Vision für die Zukunft gibt und die Rechte und Talente von immer mehr Menschen anerkannt würden. Das Schöne an der Demokratie ist ja, dass sie anerkennt, dass alle Menschen unterschiedliche Fähigkeiten haben. Und wenn jeder seine originären Fähigkeiten nutzen kann, bringt uns das alle voran, weil jeder tut, was er mag und will. Ich bin seit 30 Jahren in der Softwarebranche tätig. Als ich dort anfing, war die Vorstellung, dass man als Manager etwas „managen“ muss. Nein, ich „manage“ gar nichts. Mein Job ist es herauszufinden, was die Leute gerne tun, und dann lasse ich sie es tun. Und dann muss ich nichts managen. Und das ist die Idee hinter Demokratie: Man erkennt die Talente und Fähigkeiten der Menschen und gibt ihnen genügend sozialen und wirtschaftlichen Spielraum, damit sie das umsetzen können, und alle profitieren davon. Früher hatte ich die Vorstellung, dass wir in einer progressiven Zukunft leben werden, wo die Rechte des Einzelnen gewahrt werden und jeder die Möglichkeit hat, sein individuelles Talent auszuleben. Jetzt ist das Gegenteil der Fall, denn die Vision der Mächtigen ist, die Menschen und ihre Wünsche einfach beiseite zu fegen. Die werden als irrelevant betrachtet im Kontext der Zukunft, die Elon Musk anstrebt und wo Roboter und künstliche Intelligenz die Arbeit für jene kleine Elite von Menschen erledigen, die den gesamten Reichtum der Gesellschaft horten. Das ist eine absolut menschenfeindliche Zukunftsvision! Und ich kenne niemanden, der mit einem gewissen Maß an Empathie und Mitgefühl für andere ausgestattet ist, der so etwas gutheißen könnte. Man muss schon ein Soziopath sein, um sich für diese Zukunft zu entscheiden.
Interessant ist die Gleichzeitigkeit des Aufstiegs von Elon Musk und der erneuten Wahl von Trump mit dem Hype um die künstliche Intelligenz. Korrelation oder Koinzidenz? Was sagt dazu der Mann mit einer Karriere in der Software-Industrie?
Es ist derzeit vor allem noch ein Hype. Vielleicht ist dir ja aufgefallen, dass in letzter Zeit niemand mehr davon spricht, dass diese Systeme die Menschheit übernehmen werden. Das werden sie nicht, denn das war schon immer Schwachsinn. Der KI liegen extrem komplizierte Algorithmen zugrunde. Viele davon wurden während des Baus der Atombombe entwickelt, um vorherzusagen, wie sich Elektronen und Neutronen in einer atomaren Umgebung verhalten würden. Es sind solche probabilistischen Algorithmen, die man im Kern der KI verwendet. Aber sie sind eben auch nur das, also Algorithmen. Sie denken nicht, sie sind nicht empfindungsfähig – das war schon immer Blödsinn. Sie sind nur sehr effektiv darin, ein Ergebnis zu bestimmen. Computer können bestimmte Dinge sehr gut. Wenn du einem Computer eine Routineaufgabe gibst und ihm sagst, dass er diese wieder und wieder und wieder und wieder machen soll, erledigt der das viel besser als ein Mensch – weil er eine Maschine ist. Und diese Entscheidungsfindungstheoreme und randomisierten Algorithmen, die von der KI verwendet werden, tun nichts anderes. Das ist keine Science Fiction, das ist Science, Wissenschaft. Und Wissenschaft ist, dass eine Menge mathematischer Aktivitäten in einem elektronischen Schaltkreis stattfinden, auf einem Computerchip, dessen Herstellung sehr komplex ist. Ich weiß nicht, ob du schon mal in einem Rechenzentrum warst ...
Ich kenne das nur von Fotos.
Rechenzentren sind extrem komplizierte Einrichtungen. Sie haben Feuerlöschsysteme, Kühlsysteme, das Gebäude muss für enorme Gewichte und Lasten ausgelegt sein. Es ist unvorstellbar aufwändig, schwierig zu bauen, zu verwalten und zu warten. Die Vorstellung, dass sich so etwas in etwas, wie man es aus „Terminator“ oder „Colossus: The Forbin Project“ kennt, verwandeln könnte, war immer schon Unsinn. Aber es war nützlicher Nonsens, um reiche Leute dazu zu bringen, anderen reichen Leuten Geld für ihre weiteren Unternehmungen geben. Wenn Elon Musk nun prahlt, er werde die Mitarbeiter der Bundesbehörden durch KI ersetzen, dann ist das Blödsinn. Jeder in der Computerbranche weiß, dass Elon Musk voller Scheiße ist, das ist alles nur Hype. Viel mehr Sorgen macht mir Peter Thiels Projekt Palantir, denn dieses Unternehmen verkauft Data-Mining-Ressourcen an Regierungen. Die Israelis nutzen es, die Deutschen nutzen es, die Amerikaner nutzen es. Wozu diese KI in der Lage ist? Mit der wäre es möglich, bestimmen zu lassen, wem man aufgrund seines Wahlverhaltens die Sozialleistungen streichen kann, sobald man entschieden hat – Beispiel USA –, dass die Demokraten zu unterstützen ab jetzt illegal ist. Das ist für mich erschreckend, aber die haben die Systeme dafür. Was mich immer sehr frustriert, ist es, wenn radikale Linke sagen: Ich bin ein Akzelerationist. Oder: Ich bin Leninist. Und die Leute werden für eine Revolution auf die Straße gehen! Ich sage: Ihr Deppen habt nicht auf dem Schirm, was es heute für Überwachungssysteme gibt! Jeder von uns ist in Datenbanken gespeichert. Das Einzige, was euch davor bewahrt, von diesen Systemen konsequent unterdrückt zu werden, ist die Ineffizienz der Leute, die diese Systeme verwalten, und deren Faulheit. Die Chinesen haben es versucht und es hat nicht funktioniert, weil sich die Verantwortlichen gefragt haben: Muss ich wirklich jeden einzelnen Aspekt des Verhaltens eines Menschen überwachen? Aber im Großen, da kann man so was schon in den Griff bekommen. Deshalb machen mir Peter Thiel und Palantir viel mehr Angst als Elon Musk. Elon Musk ist ein verdammter Idiot. Er ist wie Trump eine Mischung aus Hype und Unsinn. Und seine Autos bauen Unfälle. Sie waren mal gut und wurden mit enormen Subventionen des Bundesstaats Kalifornien gebaut. Er hat 17 Jahre gebraucht, um mit Tesla Gewinn zu machen, und heute ist das Unternehmen wieder nicht profitabel. Dieser Mann ist also kein Zauberer. Er ist kein Genie. Er gehört nicht einmal in dieselbe Kategorie wie Nikola Tesla.
Arbeitest du bis heute in der Softwarebranche?
Ja. Aber wie lange ich da noch arbeiten werde, das weiß ich nicht. Ich dachte auch schon vor langer Zeit, dass ich bald aufhören würde, Musik zu machen, aber ich mache immer noch Musik. Natürlich ist es körperlich anstrengender als früher, denn ich bin jetzt viel schwerer als in meiner Jugend und ich habe nicht mehr die Ausdauer, die ich früher hatte. Musik auf die Bühne zu bringen ist immer noch eine ziemlich sportliche und anspruchsvolle Angelegenheit, sogar in dieser Band. Es hilft, dass wir viele Instrumentalstücke haben. Das liegt zum Teil daran, dass ich mich immer mehr dafür interessiert habe, nicht einfach nur Gitarrist zu sein, sondern eine gewisse Virtuosität zu entwickeln und hart daran zu arbeiten. Ich spiele jetzt Sachen, die ich als Jugendlicher nie hinbekommen hätte. Ich wollte nun das mit dieser Band etwas forcieren, deshalb haben wir so viele Instrumentals. Auf „Chaos As Planned“ sind vier oder fünf, auf dem ersten Album auch, und wir spielen viele davon live. Sie erlauben mir eine kleine Pause vom Schreien.
Auf „Chaos As Planned“ gibt es eine neue Version von „Walter Benjamin at the border“, das auch schon auf einer DEAD ENDING-7“ zu finden war. Als die erschien, hörte ich zufällig im Radio einen Beitrag über die Flucht des deutschen Philosophen Walter Benjamin vor den Nazis nach Spanien, der sich im Kontext dessen 1940 das Leben nahm. Warum hast du diese Geschichte in einen Songtext verwandelt?
Ich habe einen großen Teil meiner Dissertation über die Frankfurter Schule geschrieben. Ich hatte Benjamin, Adorno und Horkheimer gelesen, Horkheimers „Eclipse of Reason“ ist ein wirklich großartiges Buch. Ich hatte mich also schon als junger Mann während meines Studiums mit den Werken der Frankfurter Schule vertraut gemacht. Und natürlich hatte ich „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ gelesen, Benjamins Opus Magnum. Ich kannte also seine Schriften und wusste von seinem Schicksal, dass er nach Spanien geflohen war und sich umgebracht hatte. Der Song nimmt sich aber eine gewisse künstlerische Freiheit, er ist nicht historisch korrekt. Ich habe diesen Song zuerst mit DEAD ENDING gespielt und als Single veröffentlicht, und nun haben wir ihn mit REDSHIFT erneut aufgenommen. Der Song bedeutet mir in mehrerer Hinsicht ziemlich viel, ich habe ihn vor fünf, sechs Jahren geschrieben, während der ersten Amtszeit von Trump. Der Track ist zweigeteilt: im ersten Teil geht es um mich, wie ich allein lebe, meinen Platz im Leben nicht finde, mit einer ungewissen Zukunft, keine Gnade, kein Frieden – vielleicht der Anfang einer tausendjährigen Nacht. Das sind wir, das bin ich in dieser Zeit, an einem Tiefpunkt, am unglücklichsten Punkt des Lebens.
Ist das eine Anspielung auf Hitlers tausendjähriges Reich?
Ja. Und dann geht es im zweiten Teil um Benjamins Flucht von Frankfurt nach Paris und spätere weiter zur spanischen Grenze. Ich spiele den Song schon seit fünf Jahren live, auch solo und akustisch. Vor drei Jahren lud mich Bob Mould ein, als Opener bei seinen Solo-Konzerten dabei zu sein hier an der Westküste. Also habe ich das Stück ein paar Mal akustisch aufgeführt, also in einer Version, in der man den Text wirklich gut verstehen kann. Es war am Ende meist absolut still. Keiner applaudierte. Niemand freut sich über dieses Lied, auch ich nicht, es ist ein wirklich verzweifelter Song. Ich wäre froh, wenn es wirklich nur ein trauriges Lied wäre und nicht ein Omen. Es ist jetzt an uns, dafür zu sorgen, dass es das nicht ist.
Du hast deine Solo-Sachen erwähnt und auch DEAD ENDING, und es gibt, um es bildhaft auszudrücken, einige Grabsteine auf deinem Bandfriedhof ...
Alternative Tentacles wird 2025 die Platten von ARTICLES OF FAITH neu auflegen, in der zweiten Hälfte des Jahres. Du kannst die Musik von JONES VERY auf Bandcamp finden, bei ALLOY ist es aber schwierig, das ist meine einzige Band, von der du nicht wirklich viel bekommen kannst. „Eliminate“, die erste Platte von ALLOY, habe ich aber online gestellt, auf Bandcamp oder Apple Music oder sonst wo. Die anderen sind immer noch nicht verfügbar. Alles, was Alternative Tentacles veröffentlicht hat, kannst du noch bekommen, also REPORT SUSPICIOUS ACTIVITY, DEAD ENDING und jetzt REDSHIFT. Und mein Solo-Zeug kannst du auf meiner Bandcamp-Website finden, „The Ghost Dances“ und „Primary“ sowie zig andere Sachen. Was immer mir einfällt, packe ich da rein. Ich habe ein ganz gutes Studio in meinem Haus, so dass ich immer, wenn ich eine Idee habe, die einfach aufnehmen kann. Du findest da also jede Menge Zeug, manches ist toll und manches von fragwürdigem Wert. Ich weiß nicht, ob es die Leute wirklich interessiert, wenn ich einen Jazz-Klassiker singe.
Von Bandcamp sind wir schnell bei Social Media. Was nutzt du, was nicht?
Ich bin bei Bluesky, aber auch auf Instagram und Facebook. Das liegt ehrlich gesagt daran, dass es hilft, die Band zu promoten. Es sind effektive Werkzeuge, um Leute zu erreichen. Insofern fällt es mir schwer, mich davon zu trennen, denn hier erfahren die Leute von unseren Shows und sie kommen dann auch. X habe ich an dem Tag verlassen, an dem Elon Musk es gekauft hat. An dem Tag, an dem er das X-Büro in San Francisco betrat, sagte ich: „Ich bin raus.“ Alle meinten: „Geh nicht!“ Ich sagte: „Es ist vorbei. Wenn du glaubst, dass Twitter irgendwann wieder so wird, wie es einmal war, liegst du komplett falsch.“ Musk ist ein Zerstörer. Er ist wie Trump. Er hat kein Geschick und keine Fähigkeiten. Also wird alles, was er anfasst, untergehen. Die Tatsache, dass SpaceX und Starlink so lange überlebt haben, liegt daran, dass er die Leute da das Unternehmen meist selbst führen lässt. Aber seine Raketen explodieren ständig, ich weiß also nicht, wie erfolgreich das Unternehmen wirklich ist. Musk hat Twitter zerstört, und ich wusste, dass er das tun würde, also bin ich sofort ausgestiegen, als er dort auftauchte. Ich hätte es fast mit Facebook und Instagram ebenfalls gemacht, als Zuckerberg so lächerlich vor Trump gebuckelt hat nach der Wahl. Ich habe mich aber immerhin von all meinen Google-Tools getrennt, als dieser „Golf von Mexiko“-Bullshit losging. Ich habe wortwörtlich gesagt: „Fuck you, ich benutze keine Google-Produkte mehr!“ Und tatsächlich ist mein Leben dadurch besser geworden. Man stellt plötzlich fest, dass man Google eigentlich gar nicht benutzen muss. Ich habe jetzt einen neuen Browser, nicht mehr Chrome, ich verwende DuckDuckGo als Suchmaschine und MapQuest für Karten. Google Chrome muss ich allerdings leider noch für die Arbeit nutzen. All diese Tech-Leute, die bei Trumps Amtseinführung waren, sind Scheißkerle, die ich nicht mehr unterstützen werde.
Ich bin in der Apple-Welt gefangen. Mal sehen, was Apple tun wird.
Apple war lange Zeit das Nonplusultra in Sachen Datenschutz. Ich habe auch einen Mac. Die meiste Zeit meines Arbeitslebens habe ich an Windows-Rechnern verbracht, und ich kannte mich mit Windows viel besser aus als mit Mac, aber nachdem ich 2012 bei Microsoft aufhörte, hatte ich innerhalb eines Jahres einen Mac. Es ist einfach viel schwieriger, ihn zu hacken. Und das Gleiche gilt für das iPhone. Aber ich weiß nicht, welche Anpassungen sie jetzt zugunsten der Oligarchie vornehmen. Ich habe im Internet Gerüchte gelesen, dass sie Starlink integrieren wollen, aber ich weiß nicht, ob das stimmt.
Du hast erwähnt, dass ihr mit REDSHIFT ständig tourt. Was ist mit Europa?
Ja, wir wollen zu euch rüberkommen. Ich habe ein paar Tourbooker angesprochen, ich möchte eigentlich schon diesen Sommer einen Abstecher nach Europa machen. Dieses Jahr werden wir hier in den USA auf vielen Festivals spielen, es kamen viele Anfragen. Ich glaube, das liegt daran, dass das Album sehr gut läuft und die Leute jetzt wirklich an der Band interessiert sind. Vielleicht klappt das auch bei euch. Europa. Wenn ihr also die Platten kauft, kommen wir rüber und spielen eine Tour. Ich würde gerne wieder ein bisschen durch Europa tingeln, das habe ich seit 20 Jahren nicht mehr gemacht.
Ich hatte das Glück, 2010 in Chicago beim Riot Fest ein letztes Mal ARTICLES OF FAITH zu sehen, das war ein einmaliges Erlebnis.
Du hast die allerletzte Show gesehen, die AOF gespielt haben und jemals spielen werden, also ist das gut für dich. Du warst im Metro und zwar am zweiten Abend, oder? Das war die letzte Gig, den wir je gespielt haben, und es war eine sehr sehr gute Show.
Das war eine der besten Hardcore-Shows in meinem Leben.
Als der Strom ausfiel und das Publikum weitergesungen hat und wir einfach alle zusammen gesungen haben, das war phänomenal! Danach haben wir viel darüber gesprochen, dass wir vielleicht wieder auf Tour gehen sollten, aber diese Musik ist körperlich so anstrengend. Bei der Show, die du gesehen hast, hatte Dave Shield, unser Bassist, eine Rückenverletzung und bei dem Auftritt enorme Schmerzen. Danach wurde er am Rücken operiert. Also wir haben über weitere Konzerte nachgedacht, schließlich gibt es ja viele Hardcore-Bands aus den 1980er Jahren, die immer noch auf Tour sind. Aber beim genaueren Überlegen dachte ich, das würde bedeuten, dass wir ständig mit unserem jüngeren Ich konkurrieren würden im Bemühen, eine gute Live-Band zu sein. Und daran möchte ich nicht scheitern. Ich will nicht so enden wie BLACK FLAG, nämlich als eine blasse Imitation dessen, was sie mal waren. Es gibt Leute, die sagen, dass ARTICLES OF FAITH damals mit die beste Liveband waren, und ich will diesen Ruf niemals beschädigen. Nach diesem Doppelkonzert in Chicago hatten wir also eine Diskussion in der Band und einigten uns darauf, nicht mehr live aufzutreten. Das war eine schwierige Entscheidung. Die Jungs sind immer noch meine besten Freunde, aber wir konnten einfach nicht weitermachen und versuchen, gegen uns selbst anzutreten. Außerdem ist es für mich genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, auch mal mit anderen Leuten zu arbeiten und zu entdecken, wohin uns das so führt. Das war ein Teil des Anstoßes für diese Band, für REDSHIFT. Die beiden Jungs sind wirklich großartige Musiker. Sie kommen aus einer ganz anderen Ecke als ich, und so haben wir unseren Ausdruck zuerst in der Surfmusik gefunden. Inzwischen hat sich das erweitert, die neue Platte ist weniger Surf und eher ... experimentell. Sie enthält eine Menge noisiges Zeug, wir versuchen, neue Wege zu gehen. Das habe ich in meiner musikalischen Karriere immer versucht. Deshalb bin ich sehr stolz auf das, was wir mit ARTICLES OF FAITH gemacht haben. Es hat Bestand. Es ist gute Musik. Sie ist auch heute noch aktuell. Aber ich war schon in vielen tollen Bands und bin wieder in einer großartigen Band.
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