
Reverend Beat-Man ist der Hohepriester des Rock’n’Roll, sein Petersdom steht in Bern in der Schweiz, und sein Evangelium verbreitet er mittels musikalischer Traktate auf seinem Voodoo Rhythm-Label. Im Sommer 2025 bereiste er ein weiteres Mal die USA, um seinen Gospel zu predigen, und hier berichtet er, was er erlebte und beobachtete.
Mein Name ist Reverend Beat-Man und ich berichte hier von meiner 20 Konzerte umfassenden einmonatigen US-Tour im Juli/August 2025. Ich hatte mir dafür ein überteuertes Arbeitsvisum besorgt, auf das ich hier nicht näher eingehen werde. Aber es rettet mir den Arsch und mit einem kurzen Gespräch komme ich schnell durch die Grenzkontrolle am Flughafen von Los Angeles. Ein weißer Mann mittleren Alters zu sein, ist gegenüber einigen anderen Leuten, die ich in der Schlange sah, sicherlich ein Vorteil.
Der Mietwagen kostet ein Vermögen. Die Bearbeiterin am Schalter, eine kurzarmige Vietnamesin, googlet meinen Bandnamen, schmunzelt über die Aufnahmen und ist schließlich so begeistert, dass sie mir ein besseres Angebot macht. Das Erste, was ich im Autoradio höre, sind Hassreden über die „Terrorkundgebungen“ (Free Palestine-Proteste) und dass sie es völlig in Ordnung fänden, die Universitäten in den USA dafür zu sanktionieren. Auf einem anderen Kanal wird darüber diskutiert, wie gefährlich die Aktionen von Donald Trump sind (seit sechs Monaten der Präsident der USA) und welche verheerenden Folgen der von ihm verbreitete Hass auf die Gesellschaft habe. Es sind also beide Meinungen vertreten, das finde ich zumindest einigermaßen in Ordnung.
Während der Tour spreche ich mit den unterschiedlichsten Menschen, und was die Leute am meisten beschäftigt, ist Donald Trump. Ich versuche, mich zu erinnern, wie die Dinge in den USA vor der Corona-Pandemie gewesen waren, und sehe jetzt viel weniger Obdachlose, es stehen auch keine Tagelöhner mehr vor dem Home Depot, einem US-Baumarkt, herum und suchen nach Arbeit. Die Leute haben mir gesagt, die Erklärung dafür sei ICE. Das ist eine Spezialeinheit, die Menschen ohne gültige Papiere oder Kriminelle aufspürt und in ihre Herkunftsländer abschiebt. Die Leute haben inzwischen große Angst, überhaupt auf die Straße zu gehen, auch die Obdachlosen verstecken sich, so gut es geht.
30.7. El Centro, CA – Mexca
Nachdem ich meine Backline, also Gitarrenverstärker, Kickdrum und Hi-Hat, von Pixie Browne, die das alles für mich organisiert hat, abgeholt habe, mache ich mich auf den Weg zur ersten Show in El Centro, unweit der mexikanischen Grenze und der Mauer. Der Ort liegt etwa fünf Autostunden von L.A. entfernt – vorbei an Solarzellen-Kraftwerken, Windmühlen und Rinderfarmen, deren Geruch wie Pfefferspray in den Augen brennt. El Centro sieht aus wie ein Planet aus einem „Star Wars“-Film, nichts als Staub und Wüste, kleine Satellitenstädte und „Mad Max“-ähnliche Leute, die bei etwa 47 °C im Schatten im Wohnwagen leben. Und da ist auch noch Salvation Mountain, ein Hügel mit einer Kunstinstallation von einem komplett durchgeknallten Typen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, die ganze Wüste mit grellen Farben zu bemalen und „Jesus liebt dich“ und „Liebe“ im Allgemeinen auf die Steine zu schreiben.
Die Konzert am Abend wird von Ernie in seiner Alk-Absteige durchgeführt. Ich habe ihn vor etwa 20 Jahren in München kennengelernt, als er Roadmanager für die BLACK LIPS war und wir mit dieser unvergesslichen Show zusammen mit den MONSTERS und Andre Williams für alle Ewigkeit in die Trash-Garage-Annalen eingingen. Ich erinnere mich an diese Show als eine der wildesten, die wir je hatten, wir haben uns ins Koma gesoffen und Hotelzimmer demoliert, einer hat draußen im Straßengraben gepennt und wurde aus dem Hotel rausgeworfen und die Polizei wollte Andre Williams verhaften ...
Das Mexca, der Name der Spelunke, hat keine Bühne, dafür einen teppichlosen Fliesenboden und eine HiFi-Anlage als PA, eine Feedback-Orgie ist im Anmarsch, nicht zu vergessen die 3.000 Lumen messerstechender Neonlichter direkt in die Fresse. Meine Freunde aus der nahegelegenen Wüstentrabantenstadt Jacumba Hot Springs treffen auch irgendwann ein und bringen Wein und gute Stimmung mit. Sie wohnen direkt an der berüchtigten Mauer und erzählen mir, dass das früher mal zwei zusammengewachsene Städte waren, eine auf der mexikanischen und eine auf der US-amerikanischen Seite, die sich die Grundschule teilten, dann kam die Mauer und die mexikanischen Kinder konnten nicht mehr zur Schule gehen, so dass die sich diese Seite in eine richtige Geister- und Drogendealerstadt verwandelte.
31.7. San Diego, CA – The Tower Bar
San Diego ist nur einen Flohsprung über die Wüste entfernt, das heißt von 45° auf 30°, und das freut mich doch sehr. Das Konzert findet in der legendären The Tower Bar statt, dem belgischen The Pit’s der USA. Mick heißt mich willkommen und wir trinken ein PBR. Dann kommen zwei Typen in die Bar und sehen sehr verängstigt aus. Sie nehmen allen Mut zusammen und sprechen mich an. Sie seien mega Fans und ihre Band hieße THE AXXIDENT und sie würden mir gerne ihre Musik vorspielen, wenn ich eine Minute Zeit hätte. Dann bringen sie mich zu einer Sandwich-Bar, die sie von dieser Idee haben überzeugen können, wo sie Schlagzeug und Gitarre aufbauen und ein paar Lieder für mich spielen. Die ganze Sandwich-Familie, der Koch, die Kellnerin und das Kind, das gerade Hausaufgaben machte, sind da und glotzen blöd aus der Wäsche, als die Band ihren psychedelischen Super-Fuzz-Trash-Punk spielt. Das ist das Mex/USA, wie ich es am liebsten mag. So Sachen passieren nur hier.
Der Club am Abend hat eine richtige PA und einen Tontechniker, der weiß, wie man alle Knöpfe richtig aufdreht. Der Merchandise-Verkauf beginnt bereits vor der Show und ich verkaufe schon an dem Tag fast alle T-Shirts und Platten, die ich mitgebracht habe. Der Abend wird eröffnet von THEE ALLYRGIC REACTION, einem Nebenprojekt von THE LOONS und THE WOGGLES, sie spielen klassischen 1960er Garage-Farfisa-Punk (gibt’s bei Soundflat Records). Mein Auftritt ist, soweit ich mich erinnere, sehr gut. Ich flirte noch ein bisschen herum, der Rest ist in meinem benebelten Gehirn verschwunden.
1.8. San Pedro, CA – Recess Romp #4
Die Fahrt von San Diego nach San Pedro am nächsten Tag wäre eigentlich nur zwei Stunden lang gewesen, mit dem L.A.-typischen Stadtverkehr dauert es aber gute fünf. San Pedro ist eine legendäre Punkrock-Küstenstadt, die Heimat zum Beispiel von MINUTEMEN, DESCENDENTS, BLACK FLAG oder SACCHARINE TRUST. The Sardine, wo der Recess Records Romp #4 stattfindet, ist dafür berüchtigt, dass SUBLIME ihre Karriere in diesem Club begonnen haben. Zwei Bühnen, eine Bar, Fotoautomat und Terrasse zum Kiffen. THE URINALS und THE ALLEY CATS, die seit Mitte der 1970er existieren, geben auch Vollgas. Der Gitarrist ist aber mindestens 90 Jahre alt und trottet herum wie Ozzy oder meine Urgroßmutter. Gleich nach meiner Show packen mein Promomann Matt Hutchinson und ich das Auto und fahren zügig zu einem Radiointerview mit Stella, der Moderatorin der „Stray Pop“-Show auf KXLU, die bis drei Uhr morgens dauert, so dass wir am Ende kaum noch die Augen offenhalten können.
2.8. Los Angeles, CA – Zebulon
Ich bin im Zebulon zu Gast, einem der wenigen unabhängigen Clubs von L.A., die nicht von Live Nation (vergleichbar mit Ticketmaster) gefressen wurden (im gleichen Monat: OSEES, Derya Yildirim, ACID MOTHERS TEMPLE, Marc Ribot oder SOUTHERN CULTURE ON THE SKIDS). Den Abend eröffnen die Lokalmatadore CHEAP TISSUE, danach kommen THE CROTCHES aus Las Vegas. Deren Sänger Eylon organisierte für mich bereits Shows in Israel, als dort alles noch einigermaßen okay war. Ich erinnere mich, dass wir damals alle zur Demonstration gegen Netanjahu gefahren sind. Er und sein Bruder konnten die Situation dort nicht mehr ertragen und sind in den Staaten abgetaucht. Jetzt verdient er in Las Vegas als „Hellvis“ mit einer teuflischen Trauungszeremonie seinen Lebensunterhalt. Als Frontmann von THE CROTCHES ist er eine Mischung aus Cowboy-Macho, Marktfrau und Bruno, der sich Bierflaschen auf dem Kopf zerschlägt und sich erotisch auf den Tischen räkelt.
3.8. Palmdale, CA – Transplants
Am Tag darauf spielen wir wieder zusammen. Diesmal in Palmdale, das immer noch ein Bezirk von L.A. ist. Die Fahrt führt über unzählige Gebirgszüge und man denkt, dass keine Seele dort haust, außer ein paar betrunkenen Cowboys und abgemagerten Kojoten, und damit habe ich richtig getippt.
Das Transplants ist eine Brauerei mit eigenem Fassbier und einem Taco-Truck vor der Tür. Die Größe des Clubs ist etwa so, als ob man ein Wienerwürstchen in eine Turnhalle schmeißt. Leider kommen nicht genug Leute, um eine Wurst-Schlacht zu veranstalten. Am selben Abend sind auch LOS VORTEX in Latexanzügen und Ketten und Nieten angerauscht: Scary Surf im MISFITS-meets-MESSER CHUPS-Style. Stella von KXLU ist aber, glaube ich, nur wegen der Hauskatze Patches gekommen. Die Katze ist die Königin im Club, sie hat ihren eigenen Tisch und jeder streichelt sie, es gibt sogar Merchandise mit ihr, T-Shirts, Tassen, Aufkleber, Handtücher, Socken ...
5.8. Templeton, CA – Club Car Bar
Die Tour führt uns immer weiter nach Norden nach Templeton. Eine ultra kleine Weinstadt mit vielen Weingütern, aber in der Club Car Bar, in der ich auftrete, trinken alle Bier. Mein Vorprogramm bestreitet BOBCAT THE ONE MAN BAND aus New York. Er reist seit Jahren durchs Land und schläft im Auto. Er riecht etwas streng an diesem Abend. Eine Woche vor meiner Show haben Bengel aus der Nachbarschaft mit Feuerwerkskörpern herumgespielt und die halbe Stadt niedergebrannt. Es riecht immer noch nach nasser Asche, die von einer Fliegenepidemie bevölkert wird.
8.8. San Francisco, CA – Bottom of the Hill
Mein Auto macht schon mal sehr komische Geräusche, aber ich schaffe es noch gerade nach San Francisco, einst die Stadt der Blumenkinder, jetzt die der ausgewachsenen Silicon Valley-Bonzen. Am Nachmittag noch schnell ein Live-Radiokonzert reingeschoben bei KFJC 89.7 FM und danach nach Auckland, wo ich bei meinen netten Gastgebern Mistress Persephone und Konrad (NIXED) übernachten darf. Nach der vierten Taco-Runde machen wir uns auf den Weg zum legendären Bottom of the Hill. KYUSS, THE WHITE STRIPES oder die BEASTIE BOYS haben sich dort ihre ersten Sporen verdient. Den Abend eröffnen einheimische Highschool-Kifferjungs namens DARK META RAILROAD. Die haben sich GarageBand runtergeladen, einen Synthesizer gekauft und spielen, in ein Green-Slime-Monsterkostüm gepresst, Trap-Synthpunk-Pop. Danach kommt Jimmy Touzel in einem babyblauen Cowboy-Outfit, gespickt mit Strasssteinen. Er steht vor einer Wand aus vier riesigen MusicMan-Verstärkern, die übereinander gestapelt sind. Er macht sowas wie Chris Isaac, aber im Drone-Stil und es ist der Hammer. Seine Freundin hilft mir dann beim Merchverkauf und wir betrinken uns. So lasse ich schließlich meine Gitarre im Club liegen. Mein Plan war eigentlich, am nächsten Tag früh nach Reno loszufahren, aber das schaffe ich nicht.
9.8. Reno, NV – Midnight Coffee Roasting
Ich muss sagen, ich war ein bisschen voreingenommen gegenüber Reno, weil die letzte Show dort seltsam war und dieser Laden jetzt das Wort „Coffee“ enthält, aber man soll ein Buch nie nach seinem Einband beurteilen. Die Leute, die das Midnight Coffee Roasting betreiben, sind tolle Kaffee-Punks, und die Leute, die kommen, sind klasse Trash Donut Kids, die schon nach dem ersten Ton komplett ausrasten und die beste Zeit ihres Lebens haben. Die erste Band ist MARTY ROBBINS GHOST mit Olaf Jens, dem berühmten Cartoonisten, am Schlagzeug. Sie spielen Trash-Rockabilly. Nach mir kommen die Lokalmatadore PUSSY VELOUR und heizen ordentlich ein. Wolfgang, der Sänger, ist ein wiederauferstandener Lux Interior (THE CRAMPS), plus zwei Mädchen an Bass und Gitarre sowie der Koch des Cafés am Schlagzeug. Hardcore-Rock’n’Roll vom Feinsten! Bisher die beste Band auf der Tour.
Die Nacht darf ich in Pete Slovenlys Haus verbringen, danke nochmals. Dann gibt mein Auto komplett den Geist auf und ich tausche es gegen ein neues (Amerikaner gegen Japaner = weniger Benzinkosten).
10.8. Quincy, CA – Rich Bar Taproom
Die nächste Show ist in Quincy, einem Ort, von dem noch nie eine Menschenseele etwas gehört hat, und mir wird auch schnell klar weshalb. Die Route führt endlos durch Wälder und Wüsten und endet in einem 4.000-Seelen-Bergdorf mit Supermarkt und einer Bar, deren Besitzer gleichzeitig der Baumarkt gehört. Ich befürchte zunächst, sie werden mich massakrieren und häuten und danach vergewaltigen, aber sie lassen Gnade walten. Der Auftritt im Rich Bar Taproom, der draußen auf einer Holzbühne stattfindet, ist super lustig. Die Bookerin ist ultra cool, sie hat alles voll im Griff, kocht, serviert Bier und animiert alle Leute. PUSSY VELOUR sind auch wieder dabei und es ist toll, die Jungs wiederzusehen. Wir haben coole Gespräche, trinken Bier und essen Junkfood, die Gitarristin gibt jedem ein kleines Geschenk und ich bin über beide Ohren verliebt.
13.8. Portland, OR – Dante’s
In Portland habe ich mir blödsinnigerweise ein billiges Motel gebucht, hier gibt es Meth-Junkies, die sich draußen gegenseitig anschreien, alleinerziehende Mütter mit verwahrlosten Kindern, die in überfüllten Autos mit all ihrem Hab und Gut eintreffen, und gegenüber ist ein Bordell mit Nutten und Betrunkenen. Mein Bett riecht nach Kinderpisse, aber ich habe mir Ohrenstöpsel reingpopelt und schlafe wie ein Stein. Tags darauf führt mich Jack Rudo von Xray FM in der Stadt herum, die George H.W. Bush einst als „Klein-Beirut“ beschimpfte, weil er sie so sehr verabscheute. Ich verstehe auch bald warum: Portland ist total links und anarchistisch, an jeder Ecke gibt es einen Secondhand- oder Plattenladen, jede Menge Live-Clubs und eine Million Bands mit Gitarren. Wir gehen dann mit Cécilia von OPERATION S, SEX CRIME und THE NO-TALENTS ins Alibi, die älteste Tiki-Bar der USA. Es gibt an dem Tag glücklicherweise kein Karaoke, aber tolle Cocktails.
Am Abend spiele ich im Dante’s, Portlands wichtigstem Veranstaltungsort. Dort geben sich die Bands die Klinke in die Hand: ELECTRIC SIX, DWARVES, MUDHONEY, MELVINS, MUMMIES ... THE SINKS eröffnen den Abend, ein Mitglied der Band ist der Ex-Bassist von POISON IDEA. Dann spielen AMY BETH AND THEE CREEPS einen super LoFi-Oldschool-Hardcore-Rip-Off-Style. Der Club liegt in der Innenstadt, in der zahllose völlig durchgeknallte, verwahrloste Junkies und Obdachlose durch die Nacht schreien und brüllen. Ein Mädchen rennt mit einem Messer herum und sticht immerzu auf einen Baum ein, aber er will nicht sterben. Polizei gibt’s keine, sagt man mir, nach Corona und einigen Unruhen hat sie sich zurückgezogen.
14.8. Astoria, OR – 503 Marquee
Am nächsten Morgen fahre ich nach Astoria, ein altes Fischer- und Bootsbauer-Städtchen gleich um die Ecke. Ich übernachte in Mike Vasquez’ Haus, das aussieht wie die Villa der Familie Munster und gleichzeitig auch das Aufnahmestudio für das Label Estrus Records ist. Der Abend im 503 Marquee wird von der lokalen Punkband BETA VOIDS mit Hardcore-Punk eingehämmert. Danach liefern AMY BETH AND THEE CREEPS ein weiteres umwerfendes Trash-Garage-Punk-Set ab. Ich esse meinen Burger und rocke dann die Bude, bis keiner mehr stehen kann. Ein schönes Ende für Videoclip Nr. 1 der kommenden Voodoo Rhythm-Veröffentlichung „Reverend Beat-Man & Milan Slick“ mit unzähligen Filmen von „on the road“. Nach dem Konzert am späten Abend spielt uns Mike noch einige seiner neuesten Produktionen vor: SUX aus Seattle oder THE FATAL FLYIN’ GUILLOTEENS aus Houston, TX.
Zurück in Portland findet bei Cécilia eine Grillparty statt, mit 50 Personen, Musik und Alkohol. Kepie Ghoulie, Tina und Dannielle von den TRASHWOMEN, die SATAN’S PILGRIMS – alle sind gekommen. Cécilias Haus gleicht einem Museum der französischen und US-amerikanischen Popkultur-Geschichte. Sie ist Künstlerin und macht Mosaike, also habe ich viel Material, um Videoclip Nr. 2 fertig zu drehen.
Es ist auch der Tag, an dem Donald Trump in Alaska den roten Teppich für Wladimir Putin ausrollt, also ist die Stimmung etwas getrübt und jeder hier schämt sich seines Landes. Ich muss auch sagen, dass ich bisher noch niemanden getroffen habe, der in irgendeiner Weise auch nur ansatzweise gut findet, was hier abgeht. Wir Europäer, ich zähle mich jetzt als Schweizer auch dazu, haben ja oft den Eindruck, dass die Amis alle stramm dahinterstehen, dem ist aber definitiv nicht so.
16.8. Seattle, WA – Clock-Out Lounge
Mit ’nem Kater im Kopf geht es am nächsten Tag ab nach Seattle in die Clock-Out Lounge – sie liegt in der Gegend, wo Jimi Hendrix geboren wurde. Tagsüber machen sie dort San-Francisco-Style-Pizzas und in der Nacht wird’s zum Live-Lokal für etwa 300 Gäste, wobei vielleicht 50 gekommen sind. Der erste Act ist der fantastische Mister Ink, es folgen GRAVELROAD, die frühere Begleitband von T-Model Ford, und klassischer Bluesrock. Das ist mein bisher schlechtestes Konzert auf dieser Tour und das tut mir auch sehr leid. James Burdyshaw, bekannt durch Sub Pop, CAT BUTT und SINISTER SIX, hat mir netterweise eine Unterkunft angeboten. In den USA bekommt man eigentlich von niemandem Essen, Getränke oder einen Schlafplatz, man ist meist ganz auf sich alleine gestellt.
17.8. Tacoma, WA – The New Frontier Lounge
Die nächste Show ist nur 45 Minuten von Seattle entfernt in Tacoma, der Geburtsstätte der SONICS und THE WAILERS. Ich spiele in der New Frontier Lounge eine meiner besten Shows auf dieser Tour mit der bisher schlechtesten Gage. Und ich bin froh, dass John mich eine weitere Nacht im Bett seiner kürzlich verstorbenen Mutter schlafen lässt. Das Vorprogramm an diesem Abend bestreiten seine Band SINISTER SIX und SCOTT AND THE HOTHEADS. Die New Frontier Lounge ist ein großartiger alter und traditionell amerikanischer Trash-Country-Laden. Die Chefin ist „Rosie“ aus Norwegen, circa zwei Meter groß, blondes Haar und zäh wie ein paar rostige Nägel. Wir essen Chicken Wings und trinken ihr Bier. Das Sound-Girl ist auch ultra, viele junge Leute auf LSD kommen und flippen bei der Show total aus. Amerikaner sind einfach die coolsten Leute der Welt, alle haben viel Spaß und eine lustige Geschichte zu erzählen.
19.8. Boise, ID – Neurolux
Nächster Halt: Boise, Idaho, das Hauptquartier der Mormonen. Wäre die Schweiz die USA, wäre sie Boise. Alles ist sauber, die Innenstadt ist rausgeputzt und fußgängerfreundlich, jeder fühlt sich pudelwohl, aber wenn man nicht von hier ist oder etwas fremd wirkt und eine Bar betritt, drehen sich alle um und es herrscht Totenstille. Obdachlose habe ich auch keine gesehen, sie haben mir aber versichert, dass für sie gesorgt sei mit Unterkunft etc. Klingt für mich irgendwie etwas unheimlich.
Der Abend beginnt mit GHOST BEACH, dem amerikanischen Gegenstück zu BIKINI BEACH. Sie sind jung, enthusiastisch und haben alle ihre durchgeknallten Teenager-Freunde mitgebracht. Ansonsten sind nicht viele gekommen.
20.8. Salt Lake City, UT – Urban Lounge
Das Gleiche gilt auch auch in Salt Lake City. Im Grunde ist es auf der gesamten Tour nie richtig voll, keine Show ist ausverkauft. Vielleicht bin ich ein bisschen verwöhnt von den Auftritten in Europa, wo auch viele junge Leute auftauchen, außer in Deutschland, aber hier sind es hauptsächlich ältere Semester. Ich habe keinen Schimmer, was die jungen Leute hier so machen, aber „always look on the bright side of life“. In den Clubs ist stets genug Platz zum Atmen, was auch schön ist.
22.8. Phoenix, AZ – Chopper John’s
Die Fahrt nach Phoenix ist lang und ultra heiß, so als hätte jemand aus Versehen die Ofentüre offengelassen. Neun Stunden Fahrt durch die Hölle und genug Zeit, um Radio zu hören: Trump ist immer noch Topic No. 1, er will nun die Nationalgarde in alle Städte der USA schicken, die von Demokraten regiert werden, um die Obdachlosen- und Drogensituation in den Griff zu bekommen. Fox News sagt: Endlich tut jemand etwas und wir werden saubere Straßen haben, auf denen unsere Familien ohne Angst herumlaufen können. Denn ihr Plan ist es, alle Obdachlosen und Drogenabhängigen und natürlich die Demokraten ins Gefängnis zu stecken. NPR hingegen hinterfragt die Situation und kommt zum Schluss, dass Obdachlosigkeit und Drogensucht kein Verbrechen sind, sondern die hässliche Seite einer gescheiterten Sozialpolitik, die die Regierung endlich in die Hand nehmen sollte. Die christlich-rechts gerichteten Sender sind empört wegen des „Cracker Barrel“-Logos und weil die ganze Dekoration der Restaurantkette erneuert werden sollte. Sie nennen dies einen Abbau der fundamentalen Grundrechte in den USA und fürchten sich, das sie in Zukunft Tofu-Steaks essen müssen. Für alle Nicht-Amerikaner: Cracker Barrel ist eine Fastfood-Kette, die auf Bauernküche spezialisiert ist. Im Eingangsbereich gibt es einen Souvenirladen mit unzähligem Chinakram im amerikanischen Stil, drinnen wird man mit einer aufgesetzten Südstaaten-Freundlichkeit bedient, ungefähr so wie in Disneyland.
In Phoenix klettern die Temperaturen bis auf 48 °C und um Mitternacht sind es immer noch 40 °C. Ich werde bei Melanie Reeves einquartiert, sie ist die Hauptorganisatorin in Sachen Underground-Trash und Garage-Punk in der Stadt und hat mich in Chopper John’s Biker Bar eingebucht, einer totalen Alkoholiker-Absteige. Aber wie immer in meinem Leben kommt es anders als man denkt: John, der Besitzer, ist der loyalste und fairste Mensch der Welt und gibt mir 18% von dem gesamten Geld, das er an diesem Abend verdient. Sein Sohn und dessen Frau stehen hinter der Theke und schenken amerikanisches Piss-Bier aus. Es kommen auch Biker, aber solche ohne Südstaatenflaggen.
An diesem Abend spiele ich mit der Psychobilly-Legende THE SPASTIKS aus New York, Paul Roman von THE QUAKES taucht auch noch auf und wir haben interessante Gespräche. Dann betreten PUPPY & THE HANDJOBS die Bühne, der Sänger in Babywindeln und mit S&M-Ketten um den Hals. Die ganze Band hüpft herum und kämpft mit sich, um die richtigen Akkorde auf ihren Instrumenten zu finden, aber sie sind super lustig und haben eingängige Surf-Pop-Punk-Songs.
23.08. Las Vegas, NV – Usual Place
Die Fahrt nach Las Vegas ist ein Erlebnis für sich. Die Landschaft überwältigt einen und ich habe genug vom Talkradio im Auto und höre Musik von meinen iPod. Es ist mein Heavy-Metal-Tag. Ich höre „Metal Rendez-Vous“ und „Hardware“ von KROKUS sowie die ersten beiden Platten von ROSE TATTOO und IRON MAIDEN, und als ich ankomme, dröhnt mir der Kopf. Im Usual Place begleiten mich wieder die unglaublichen THE CROTHES, die ihre bisher beste Show abliefern. Sie machen Musik im Stil der frühen ALICE COOPER-Sachen, aber mehr Punk. Später spielen noch RHYTHM ACE & THE NU-TONES, eine LoFi-Farfisa-Garage-Band aus Rochester, NY.
29.8. Cookeville, TN – Muddy Roots Festival
Zurück in L.A. lasse ich meine gesamte Backline in Matt Hutchinsons Garage und gehe zum BBQ mit Jessie und seiner Vinyl Record Association in East LA. Einen Tag später nehme ich einen der günstigen frühen Flüge nach Nashville, da ich beim Muddy Roots Festival in Cookeville spielen darf, mit den Headlinern T.S.O.L., EAGLES OF DEATH METAL und THE CASUALTIES sowie Hunderten weiteren großartigen Acts wie Jayke Orvis, Gipsy Rufina, ANGRY ZETA, PENTAGRAM STRING BAND, THE SPITS, KOFFIN CATS oder TOTAL CHAOS.
Tennessee ist definitiv ein Red State: Waffen- und Knarren-Shops am laufenden Meter, riesige Christen-Kreuze auf den Bergen und überall Sexshop-Werbung (aber alle Sex-Apps sind im Internet verboten). Es gibt Trump-Statuen und MAGA-Shirts in den Krimskramsläden, dazu hämmert einem christliche Rockmusik die Birne weich. Das Muddy Roots ist der komplette Gegenpol und das schwarze Schaf in der Gegend und wird deshalb auch von der Polizei gehasst, die unzählige Festivalbesucher auf Drogen und Alkohol kontrolliert. Das Festival mit etwa 3.000 Leuten hatte unzählige Zeltstände von lokalen Künstlern, die ihre Sachen verkauften, und eine Vinyl-Schneidemaschine von Mitte der 1950er vom legendären Sun Studio, das Howlin’ Wolf, Jerry Lee Lewis, Johnny Cash, Elvis The Pelvis oder Charlie Feathers beherbergte. Es ist ein Festival von Fans für Fans und ich bin froh, meine letzte Show der Tour hier spielen zu dürfen. Als Backline geben sie mir einen großen Marshall-Verstärker, den ich mit einem noch größeren Ampeg-Bassverstärker koppele und dann gibt’s was auf die Fresse. Mitten in meinem Set kommt der Teufel persönlich auf die Bühne, ganz rot bemalt mit spitzen Hörnern, und halbnackte Clown-Girls tanzen vor mir und die ganzen Festival-Schäfchen nehmen meine Musik in sich auf wie bei einer Messe aus lauter Kacke und himmlischen Himbeereis. Nach der Show kommt ein Typ zu mir und sagt, er habe seine körperliche Hülle verlassen, während ich spielte, um das Ganze von oben zu beobachten, und er ist nicht auf Drogen, was’n Ding!
Und schwups sitze ich im United-Flug nach Hause, bin total betrunken und sehe mir „Brennpunkt Brooklyn“ an. Schließlich komme ich an einem kalten, verregneten Sonntagmorgen in der Schweiz an. Alle Geschäfte sind geschlossen, mein Magen knurrt. Meine Katze zeigt mir den Mittelfinger und zieht zu meinem Nachbarn. Verdammt, ich will so dringend wieder auf Tour.
Beat-Man checkt aus.
Nachtrag
Die USA sind aus meiner Sicht klar gespalten und die Kontraste könnten nicht größer sein. Bei meinen Konzerten wurde ich zum Beispiel teilweise von Besuchern bestohlen, also Plakate, T-Shirts, Anstecker, während mir andere 100 Dollar als Dankeschön für mein Kommen zusteckten. Im Supermarkt ist alles hinter Gittern, ob die Deo-Abteilung oder Babynahrung, einfach alles, was man für den täglichen Bedarf braucht. In einer Kaffee-Bar in Oakland wollte ich einen Flat White bestellen und hatte meine Kreditkarte im Auto vergessen. Sie gab mir das Getränk umsonst, weil sie dachte, ich sei obdachlos ... Okay, auf Tour sehe ich nach ein paar Wochen ein bisschen so aus. Es gibt hier also eindeutig zwei Seiten.
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