
Ich weiß nicht mehr wirklich, wann ich mir die erste ZickZack-Scheibe gekauft habe, es war die ABWÄRTS-7“ „Computerstaat“, es muss wohl Mitte der 1980er gewesen sein. Für lange Zeit sollte dies auch die einzige ZZ-Anschaffung bleiben, ich hatte ja irgendwann mit dem Thema Punk in Deutschland abgeschlossen und mich gänzlich englischsprachiger Musik hingegeben, insbesondere Hardcore und Artverwandtem aus den USA. Bis ... ja, bis ich irgendwann wieder etwas tiefer in die Materie eingetaucht bin. Ausgelöst durch eine Kiste Kassetten von Walter Mitty (Wartungsfrei) und dem Drang mehr über deutschsprachigen Untergrund zu erfahren, der eben nicht in Vinylform überlebt hat beziehungsweise überliefert wurde.
Und so kam das eine zum anderen, sprich die Jungfrau zum Kind. Woher kamen all diese Bands, was waren das alles für Leute, wer hat das veröffentlicht, woher nahmen die ihre Inspiration und warum zur Hölle wusste ich zuvor von all dem nichts? Okay, als Teenager gab es ständig tatsächlich Neues zu entdecken, aber irgendwann ist auch mal gut mit Neuem und gerade, wenn die musikalische Entwicklung zu stagnieren scheint, ist es an der Zeit, sich rückwärts zu orientieren und nach den Ursprüngen zu forschen oder, unwissenschaftlicher, zu suchen. Insofern habe ich irgendwann Anfang 2000 mehr Input gebraucht und fleißig Platten bestellt. So auch irgendwann bei ZickZack, ich glaube, zickzack3000 hieß die Website. Nachdem ich den ganzen Kram rauf und wieder runter bestellt hatte und der auch prompt geliefert wurde, klingelte plötzlich das Telefon. Am anderen Ende war Alfred Hilsberg.
Ich war verdutzt. Alfred Hilsberg ruft bei mir an! Ich fragte ihn, wie ich zu der Ehre komme, und er antwortete: „Du bist einer der wenigen, die in letzter Zeit mehr als nur einen Artikel bestellt haben, und ich frage mich, ob du vielleicht gerne noch mehr Material kaufen möchtest?“ Badong! Zisch, japp! Aber sicher doch! Und so haben wir uns erst mal lange, sehr lange unterhalten und kamen natürlich auch irgendwann zur Sache. Denn wie in Zukunft und sicherlich auch zuvor benötigte Alfred dringend Geld. Da ich ja nicht wusste, was mich erwartet, bat ich ihn, mir eine Liste per Fax zukommen zu lassen, und die ließ auch einige Tage später das Faxgerät mächtig rattern. Seite für Seite hat der Apparat die geilsten und unbekanntesten Platten, Kassetten und Poster ausgespuckt. Es war der feuchte Alptraum eines jeden Plattensammlers und Vinylfreaks. Viele Sachen, von denen ich noch nie zuvor gehört habe, und natürlich auch jede Menge Testpressungen on top.
Schnell hatten wir einen Deal und es war an der Zeit, Geld und Waren auszutauschen. Nein, natürlich keine Überweisung, denn nur Bares ist Wahres. Und so machten Alfred und Sabine sich auf den Weg ins Saarland, um mir das ganze Material zu übergeben. Krasser Scheiß! Ich war erst mal überfordert mit einer solchen Menge an Material – und vor allem solchem Material. Einmal Deutschland komplett mit diversen UK-Punk/Wave-7“s on top. Alfred saß bei mir im Keller und wir plauderten über Gott und die Welt, gingen abends noch nach Saarbrücken essen, sie übernachteten im Hotel und vorbei war der Spuk. Ich war erst mal mit Sortieren, Hören und vor allem schnellem, viel zu schnellem und voreiligem Verkaufen der Sachen beschäftigt. Ich wollte ja schließlich mein Geld auch wieder zurückhaben.
Damals ging das mit eBay recht einfach und auch schnell. Mehrere hundert Auktionen und gefühlte 14 Tage später klingelte erneut das Telefon und Alfred und ich telefonierten danach ziemlich regelmäßig und oft auch sehr spät abends. Egal, denn der nächste Deal stand an. Diesmal wieder viele Platten, Kassetten, Badges, Fanzines, Poster. Das Faxgerät hat sich zu Tode gerattert und eMails waren keine Option und auch Discogs war noch nicht erfunden. Treffpunkt war Salzgitter in irgendeinem Laden, wo auch ein Konzert stattfand. Ich bin nur wegen der Warenübergabe hingefahren und weil ich auch gerade die Kohle vom ersten Deal wieder drin hatte. Klar war, dass trotzdem zig Platten in meine Sammlung übergegangen sind. Klar war da der SO36-Sampler im Stahlcover dabei, ich hatte den sogar doppelt. Ach, wie schön war die Zeit.
Und stell dir die deutschsprachige Platte vor, die du schon immer haben wolltest, aber nie gefunden hast ... Ja, die war auch dabei. Und so ging das noch zwei, drei Mal über Jahre hinweg und wir standen in regem Kontakt. Irgendwann hat mir Alfred ein Bühnenoutfit von John Lydon verkauft, Notizen vom Hotelpersonal zu John Lennons und Yoko Onos Sit-in, Briefe von Bands an ihn, Infozettel, Demos von EXTRABREIT, Originalvorlagen für ZZ-Cover und ach, was weiß ich noch alles. Vieles davon habe ich heute noch, sehr vieles habe ich allerdings auch wieder verkauft. Unzählige Testpressungen von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, von MODERNE MUSIK, eine Andreas Dorau-7“, die es nur zur Testpressung von Rondo geschafft hat und die ich dummerweise auch verkauft habe. Was für ein Irrsinn.
Unser letztes persönliches Treffen fand in Wiesbaden statt, auf dem Abschiedskonzert von BLUMFELD, im Vorprogramm von R.E.M., es muss wohl 2003 gewesen sein. Wir hatten uns zuvor noch mal in Hamburg getroffen. So und irgendwann war ja dann auch, nahezu, alles gekauft und wieder verkauft, so dass wir nur noch privater Natur telefonierten oder wenn ich eine seiner früheren, von ihm veröffentlichten Bands wie RADIERER oder 4 KAISERLEIN wiederveröffentlichen oder schlicht und ergreifend einfach nur seine Meinung oder einen Rat haben wollte. In Geldnot war Alfred später immer wieder und er bot mir neben dem kompletten Label auch irgendwann die Rechte an seinen BLUMFELD-Veröffentlichungen an. Wie verzweifelt muss man sein, um so was zu tun, aber ich habe abgelehnt, denn das wäre dann doch eine Spur zu krass gewesen. Leicht gefallen ist ihm das sicher nicht, aber wohin gehen, wenn die Not groß ist. Und ich habe gerne versucht, ihm weiterzuhelfen.
Klar sagst du jetzt: Hast dir ja auch schön die Taschen vollgemacht! Ich sage: Schnauze! Es ging hier nicht um zwei Euro fuffzich und die Kohle wächst bei mir auch nicht im Gefrierfach. Wir haben immer mal wieder telefoniert und vor sieben oder acht Jahren haben wir auch noch mal einen kleinen Deal gestartet. Ich wollte auch immer von ihm, dass er mir ein Autogramm von Dschingis Bowakow besorgt: „Klar, bekommst du ...“ Aber es kam nie, wie leider auch vieles andere Zugesagte nicht. Aber scheiß drauf, auch so was gehört dazu. Und wenn man jemanden auch wieder so lange kennt, dann weiß man, dass so was letztendlich doch nicht wichtig ist, zumindest nicht sooo wichtig.
Ich mochte Alfred sehr und mag ihn auch immer noch. Schade, dass ich mich nicht letztes Jahr noch mit ihm zu einem Kaffee getroffen habe. Telefoniert hatten wir 2024 zum letzten Mal. Schade, sehr schade, aber es war mir wichtig, die Erinnerungen, die mir jetzt spontan eingefallen sind, aufzuschreiben, bevor ich sie vergesse.
Danke, lieber Alfred, danke von Herzen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Franck LaGare