SAFI

Foto© by Stephanie von Becker

Lust auf Krach

Deutschland hat eine ungekrönte Noise-Queen. Sie heißt Sandra Fink, kommt aus Leipzig und firmiert unter dem Kürzel SAFI. Das ist ihr Künstlername, aber auch der Name ihrer Band. In den berühmten Hansa Studios in Berlin hat das Trio mit Produzent Moses Schneider ein neues Album namens „Groteske“ aufgenommen. Für Sandra und ihre Band ist es bereits das dritte, aber das erste, mit dem sie für große Aufmerksamkeit sorgen könnten. Das Zeug dazu haben die zwölf Songs auf den Spuren von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN oder NINE INCH NAILS. Mit einer Stimme, die streckenweise an Nina Hagen erinnert, und schroffen, düsteren Sounds zwischen Post-Punk, Noise und Avantgarde.

Wie hat das mit SAFI angefangen?

Vor etwa 17 Jahren haben wir die Band als Trio gegründet. Ich hatte kurz nach dem Studium um die Jahrtausendwende in Leipzig eine Band namens NO WATER NO MOON, bei der ich Bass gespielt und die zweite Stimme gesungen habe. Das war ein Folk-Projekt. Das hat Spaß gemacht, war aber eigentlich nicht die Musik, die ich selbst gerne machen wollte. Deshalb habe ich beschlossen, meine eigene Band ins Leben zu rufen. 2006 habe ich mir eine E-Gitarre gekauft, damit angefangen, eigene Songs zu schreiben, und Musiker für eine Band gesucht. So habe ich schnell einen tollen Gitarristen gefunden, der auch Bass spielen kann, und der hat gleich einen Schlagzeuger mitgebracht. Alles Leipziger. Matthias Becker am Bass und Frank Semmer am Schlagzeug. Wir haben unser erstes Album geschrieben und sind damit bei ZickZack gelandet. Das war der Anfang. Inzwischen haben wir mit Jörg Wähner einen neuen Schlagzeuger, der war vorher bei CHAPEAU CLAQUE und APPARAT.

Ist SAFI eine „richtige“ Band oder dein Solo-Projekt mit Begleitmusikern?
SAFI ist mein Projekt. Ich bin das Gesicht der Band. Ich schreibe Musik und Texte allein. An den Arrangements arbeiten wir zusammen. Ich gebe aber alles ziemlich konkret vor, wie ich mir das vorstelle. Dann arbeiten wir die Songs gemeinsam aus, auch mit den jeweiligen Produzenten im Studio. Da verändert sich auch immer ein bisschen was.

Wie entstand dieser Sound zwischen Industrial, Noise und Avantgarde? Und woher kommt deine Lust auf Krach?
Es gab keinen bestimmten Impuls, diesen Sound zu wählen. Ich wollte einfach immer Krach machen und alles, was ich vorher gemacht habe, wollte ich eigentlich nie so richtig. Deshalb habe ich so lange gesucht, bis ich das so hatte, wie ich das wollte. Für mich geht es um pure Energie. Ums Explodieren in vielen kleinen Momenten. Aber natürlich versuche ich, das Ganze in Hörbarkeit zu gießen. Ich muss mich nicht komplett von Songstrukturen lösen, um Krach und Lyrik unter einen Hut zu bekommen. Moses Schneider, der als Krach-Produzent schlechthin gilt, hat das perfekt umgesetzt. Wir haben alles live im Studio aufgenommen. Da war Moses am Pult wie ein vierter Musiker. Dieser Lärm gibt mir Lebensenergie. Abseits der Bühne bin ich ein ruhiger und unscheinbarer Mensch. Ich denke, man sieht mir nicht an, dass ich solche Musik mache. Ich liebe einfach Krach. Geräusche auf der Straße, Baustellen oder harte Konzerte.

Welche Bands begeistern dich oder haben dich inspiriert?
Das ist sehr unterschiedlich. Ich mag ernste Musik, aber auch Klanginstallationen oder EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN. Dann aber auch CASPAR BRÖTZMANN MASSAKER oder SONIC YOUTH, Shoegaze-Bands wie MY BLOODY VALENTINE oder Drone-Metal wie von SUNN O))), wo es ordentlich vibriert. Die habe ich im Festsaal Kreuzberg gesehen und war begeistert.

Lass uns über die Texte reden. Die Hälfte deiner Songs fangen mit dem Wort „Ich“ an. Warum arbeitest du so viel mit aus der Ich-Perspektive?
Ich sammle Beobachtungen aus meiner Umgebung. Meine Texte beziehen sich also auf mich in meiner Umwelt. Immer wieder stelle ich kleine Störungen fest. Dinge, die nicht passen. Ich entlarve Situationen und sammle Eindrücke, die mich oder die Gesellschaft stören. Das sind teilweise sehr düstere Themen. Gerade in dieser politischen Zeit. Da muss man einfach das Maul aufmachen, finde ich. „Groteske“ ist durchweg politisch. Die Single „Fieber“ zum Beispiel thematisiert Hass im Internet. Wie Distanz zu anderen Menschen durch den Bildschirm entsteht. Wie Zuspitzung und Radikalisierung entstehen können. Allerdings habe ich das im Text sehr bildhaft und lyrisch ausgedrückt, nicht so konkret wie hier im Interview. Der Titelsong „Groteske“ ist eine Beschreibung von Europa. Draußen klopfen die Kriege an die Tür und wir sitzen in unserem Sessel. Uns geht es bestens und wir meckern die ganze Zeit. Zumindest in Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Es ist einfach gruselig.

Wie nimmst du die Stimmung in Sachsen nach der Landtagswahl wahr?
Ich habe richtig Angst. Aber Leipzig als Studentenstadt ist so eine Blase, da bekommt man die allgemeine Stimmung nicht so richtig mit. Da gibt es eine große linke Szene und sehr viel Subkultur. Connewitz und Plagwitz sind die Viertel, in denen man sich aufhält. Dort leben fast nur Gleichgesinnte. Aber im Umland von Leipzig wird es schnell problematisch. Ich denke jeden Tag darüber nach, was die AfD jetzt alles verändern kann. Wenn es nicht nach vier Jahren vorbei ist mit dem Boom, werden Mittel für alternative Kultur gekürzt und ihnen unliebsame Einrichtungen geschlossen. Die schauen sehr genau darauf, welche Kunst sie fördern und welche nicht. Ich befürchte Schlimmes für Theater oder Kulturhäuser, die sich um die queere Szene bemühen. Das wird sehr schwer, wenn es so weitergeht.

Wie bist du denn an einen Termin bei Moses Schneider gekommen? Ich denke, der hat bestimmt eine lange Warteliste.
Ich kannte Moses schon, weil er unser erstes Album „Kalt“ produziert hatte. Beim zweiten Album „Janus“ haben wir nicht mit ihm gearbeitet. Deshalb wollte ich ihn bei „Groteske“ unbedingt wieder dabeihaben, weil ich gemerkt hatte, wie es ohne ihn ist, haha. Wir laufen uns in Berlin ab und zu über den Weg. Also habe ich ihn einfach angeschrieben und gefragt, ob er Zeit und Lust hat, und er hat sofort zugesagt. Wir haben uns in seinem Arbeitsstudio in Berlin getroffen und er hat einen Plan für uns gemacht. Wir haben ein Jahr an den Songs gearbeitet, bevor wir ins Hansa Studio gegangen sind. Er hat das für uns gebucht und wir hatten zehn Tage Zeit. Dort ist genug Platz, dass wir uns auf mehrere Räume verteilen und noch lauter sein konnten, als wenn wir in einem Raum aufgenommen hätten. Deshalb ist die Wahl aufs Hansa Studio gefallen. Er hat für uns einen guten Deal ausgehandelt, das war trotzdem sehr teuer für mich. Aber das musste einfach sein, ich hatte schon was zur Seite gelegt für die Produktion.

Du hattest auch prominente Gäste im Studio wie Dennis Lyxzén von REFUSED oder Roger Baptist aka Rummelsnuff. Wie bist du zu denen gekommen?
Das sind alles Kumpels von mir. Ich hatte einfach Bock, mir für fast jeden Titel meinen Lieblingsmenschen einzuladen. Wir waren als Vorband für REFUSED auf Tour. Dennis hat uns damals so großartig supportet und dafür gesorgt, dass wir sogar spielen durften, wenn bei Konzerten andere Vorbands gebucht waren. Deshalb habe ich ihn gefragt, ob er Lust hat, beim Song „Was es ist“ dabei zu sein. Und er hatte tatsächlich Bock. Roger Baptist kenne ich über ZickZack, das Label von Alfred Hilsberg. Ich habe ihn ein paar Mal besucht, als er Türsteher im Berghain war. Wir treffen uns immer noch gelegentlich. Das ist ein sehr lieber und loyaler Typ. Mir wird immer warm ums Herz, wenn ich ihn sehe. Ich gehe auch gerne zu seinen Konzerten, die dauern drei Stunden, wenn er mit seinen ganzen Türsteher-Kumpels feiert. Das ganze Publikum sieht dann aus wie er. Viel Testosteron, aber sehr liebevoller Umgang miteinander.

Du hast Bildende Kunst in Leipzig studiert. Bist du Autodidaktin oder hast du auch eine musikalische Ausbildung absolviert?
In meiner Abiturklasse hatte ich mich fürs musikalische Profil entschieden. Da hatte ich eine klassische Ausbildung am Klavier, aber auch Chor- und Solo-Gesang. Ich wollte schon immer Kunst studieren und habe mich danach an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig beworben und bin genommen worden. Parallel bin ich von der klassischen Musik abgekommen und beim Pop gelandet. Damals bin ich in eine Coverband namens MUNKIS MÜTZE eingestiegen, die Songs von Joe Cocker gespielt hat. Da war ich ein Mädchen im Background-Chor. Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Ich weiß gar nicht, ob es diese Band überhaupt noch gibt. Das war mein erster Berührungspunkt mit Rockmusik auf der Bühne.

Dieses Jahr hast du beim „Wave-Gotik-Treffen“ in Leipzig gespielt. Wo verortest du dich eigentlich? Eher in der Punk- oder in der Gothic-Szene?
Ich fühle mich im Indie-Bereich zu Hause. Wir haben diesen avantgardistischen Spirit, aber auch die Energie von Punk auf der Bühne. Außerdem sind wir keine Akademiker. Unsere Musik entsteht nicht auf dem Notenpapier, sondern im Bauch. Mit der Gothic-Szene gibt es aber auch eine Schnittmenge, weil unsere Songs sehr düster und schwermütig sind. Es gibt aber immer einen Hoffnungsfunken. Die Musik ist nicht so angelegt, dass man danach aus dem Fenster springen will. Die Songs sollen eine positive Energie vermitteln, obwohl wir krasse gesellschaftliche Themen aufgreifen. Außerdem haben wir elektronische Elemente, die gut in diese Szene passen. Wir haben aber nicht diese stampfenden E-Drums, die da üblich sind, sondern einen echten Schlagzeuger. Beim Wave-Gotik-Treffen wurden wir sehr gut aufgenommen. Vielleicht auch, weil wir anders waren als das restliche Programm.

Wie viel Leipzig steckt im Sound und den Texten von SAFI?
Total viel. Ich habe Leipzig als Wendekind erlebt und die Kohleförderung um die Stadt herum. Die ganze Industrie, das Kleinstädtische und die Nähe zu Berlin. Das steckt alles in der Musik. In Leipzig entsteht sehr viel coole Musik. Es gibt gute Verbindungen in die Avantgarde-Szene nach Chemnitz oder Dresden und zu den Künstlern der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Da gibt es viele Berührungspunkte.

Es gibt viele Leute, die sagen: Leipzig ist inzwischen das bessere Berlin.
Ich bin nach Berlin gegangen, weil es mir hier zu kleinbürgerlich war. Mir hat nicht gefallen, dass die Leute so grummelig sind. Dass sie alles in sich reinfressen, wenn sie ein Problem haben. Das habe ich an Berlin schon immer gemocht: Wenn dir was nicht passt, dann raus damit! Leipzig ist im Vergleich zu Berlin aber sehr entspannt und hübsch. Da wurde sehr viel restauriert und durch die vielen Studenten ist es kulturell viel lebendiger geworden. Leipzig ist ein guter Spot für Subkultur. Es ist alles da, was man braucht. Viele Grünflächen, Weltoffenheit und Musik. Mir gefällt es, immer hin- und herzufahren. So hole ich mir das Beste aus beiden Welten.

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