SCARS ON BROADWAY

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Könnte besser sein

Daron Malakian zeigt mit SCARS ON BROADWAY und „Addicted To The Violence“ ein weiteres Mal seine unberechenbare Kreativität. Der Kalifornier spricht mit uns über seine Geduld beim Songwriting, den Drang nach Experimenten, Synthesizer als Stimmungsträger und die ungebrochene Leidenschaft für Live-Auftritte.

Daron Malakian ist ein Künstler, der sich nie mit dem Gewöhnlichen zufriedengibt. Mit SYSTEM OF A DOWN hat er Maßstäbe gesetzt, mit SCARS ON BROADWAY einen Sound geschaffen, der sich jeder Einordnung entzieht. Mit „Addicted To The Violence“ legt er nun ein Album vor, das länger gebraucht hat, um zu entstehen, als alles, was er bisher gemacht hat. „Es hat wirklich ewig gedauert, bis ich zufrieden war“, sagt Daron. „Ich habe 2020 mitten in der Pandemie angefangen, vieles zu Hause aufzunehmen – Gesang, Gitarren, Drums. Erst war das okay für mich, aber irgendwann dachte ich: Nein, das klingt nicht so, wie ich es haben will. Zwei Jahre später habe ich alles noch einmal in einem richtigen Studio neu eingespielt. Das Album war da eigentlich schon gemixt und gemastert, aber ich habe alles wieder aufgerissen, neu aufgenommen, neu gemischt. Ich bin mein schlimmster Kritiker, egal wie viele Leute mir sagen: ‚Das klingt super.‘ Ich höre es mir an und denke: ‚Könnte besser sein.‘“

Daron ist bekannt für seine Perfektion, aber diese Platte ist kein steril poliertes Werk. „Ich habe bewusst die Kickdrums etwas zurückgenommen und wollte etwas Rohes, etwas Unperfektes. Ich mag es nicht, wenn Rock- oder Metal-Platten klinisch sauber klingen. Dieses Album ist absichtlich etwas dreckiger, hat mehr Kanten.“ Es geht ihm nicht darum, den Sound anderer zu kopieren. Vielmehr sucht er nach einem eigenen Charakter, nach einer Klangfarbe, die nur von ihm kommen kann.

Auch beim Songwriting verlässt Daron sich auf Instinkt und Zufall. „Ich plane nie, einen bestimmten Song zu schreiben. Viele Ideen passieren einfach und manchmal habe ich selbst keine Ahnung wie. Ich nehme ein Riff, speichere es schnell ins iPhone, früher habe ich das auf Kassette gemacht, und vielleicht kommt der Refrain erst ein Jahr später. Ich erzwinge nichts, ich warte, bis es passiert. Das hält mich auch demütig. Ich bin mir nie sicher, ob ich jemals wieder einen guten Song schreiben werde.“ Dieser Prozess macht die Musik organisch und unvorhersehbar. Daron sagt selbst, dass viele Songs wie aus Versehen entstehen. „Ich versuche auch nicht, etwas zu wiederholen, das schon mal funktioniert hat. Ich will immer etwas Neues, ohne meine Identität zu verlieren. Ich will, dass die Leute mich raushören, aber gleichzeitig will ich experimentieren.“ Diese Lust am Experiment zeigt sich nun in der musikalischen Vielfalt des Albums. Daron hört alles Mögliche an Musik und lässt alles in sein Unterbewusstsein fließen. „Vielleicht höre ich eine Band und zwei Jahre später taucht deren Vibe plötzlich in einem meiner Songs auf. In ‚Killing spree‘ gibt es ein Metal-Riff, aber der Gesang ist wie aus einem Cartoon. Außerdem habe ich mich von THE CRAMPS inspirieren lassen und ein bisschen Black Metal in den Blastbeats untergebracht. Das passiert einfach. Ich plane das nicht.“

Daron lässt sich von keinen Regeln einschränken. „Es gibt keine festen Grenzen, kein Muss. Ich habe Songs, die auf einem Synthesizer entstanden sind, und daraus dann Gitarrenriffs gemacht. ‚They say‘ oder ‚World long gone‘ hatten ursprünglich eine Gothic-Post-Punk-Stimmung. Ich habe erst später eine Rockband zusammengestellt und die Tracks mit ihnen eingespielt. Jeder Song hat seinen eigenen Ursprung.“ Auch bei dem neuen Album arbeitete Daron sehr oft allein. Dennoch gibt es Momente der Kooperation, die neue Impulse bringen. „Beim Titelstück ‚Addicted to the violence‘ war es ein Keyboard-Part von meinem Gitarristen Orbel Babayan. Nur diese eine Line. Ich hörte sie und wusste sofort, daraus muss ein kompletter Song werden. Solche Momente liebe ich – wenn ein kleiner Funke ein ganzes Stück inspiriert.“ Trotz des Alleingangs ist Daron offen für neue Wege. „Ich arbeite eigentlich nicht für andere Bands, aber ich habe mal einen Song für LINKIN PARK geschrieben. Ich hatte ihn schon fertig und habe ihn ihnen angeboten. Daraus wurde ‚Rebellion‘. Ich hatte das nicht geplant, es hat sich einfach ergeben. Wenn sich neue Kollaborationen ergeben, dann auf diese Weise.“ Das neue Album lebt auch von den Synthesizern, die an mehreren Stellen den Sound prägen. „Das war nicht geplant, aber sie ziehen sich durch mehrere Songs und geben dem Ganzen eine besondere Farbe. Es entsteht ein Charakter, eine Atmosphäre, ein Stil. Das unterscheidet dieses Album von allem, was ich bisher gemacht habe.“

Daron ist ein Perfektionist, aber er ist auch geduldig. „Ich sitze mit meiner Gitarre da, vielleicht spiele ich mehrere Tage nichts, dann plötzlich kommt etwas heraus. Ich warte einfach, bis die Ideen von selbst kommen.“ Live wird diese Energie greifbar. Kürzlich spielte Daron wieder mit SYSTEM OF A DOWN in Südamerika. „Egal ob im Stadion mit SYSTEM OF A DOWN oder im Theater mit SCARS ON BROADWAY – ich fühle mich jedes Mal gesegnet, überhaupt ein Publikum zu haben.“ Themen oder Konzepte lassen sich nicht auf das Album übertragen. „Viele Leute verbinden SYSTEM OF A DOWN immer nur mit Politik und vergleichen uns mit RAGE AGAINST THE MACHINE. Aber das greift zu kurz. Meine Songs sind immer ein Mix aus allem: Gesellschaft, Politik, innere Kämpfe, meine Stimmung. Alles passiert gleichzeitig.“ „Addicted To The Violence“ ist am Ende genau das: ein Album, das aus Chaos, Experimenten, Intuition und unermüdlichem Feilen entsteht. Ein Album, das nicht nachgibt, nicht bequem ist und keine Trends bedient. SCARS ON BROADWAY sind mit dieser Platte zurück, wütend, dringlich und lebendig wie eh und je.

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