SCHWARZEN SCHAFE

Foto© by Bandarchiv

40 Jahre sind genug

Nach MOLOTOW SODA verabschiedet sich jetzt die zweite deutsche Punkband, die mich gefühlt den größten Teil meines Punkrock-Daseins begleitet haben: DIE SCHWARZEN SCHAFE werden am 20. Dezember 2025 ihr definitiv letztes Konzert geben. Wir nahmen das zum Anlass, mit Sänger und Gründungsmitglied Armin, der auch Campary Records betreibt, über die Gründe zu sprechen, werfen einen Blick zurück in die Anfangstage, aber auch darauf, wie es jetzt weitergeht.

Wir haben noch lange nicht genug“, habt ihr oft gesungen. Warum ist jetzt nach 40 Jahren Schluss?

Irgendwann sollte Schluss sein. Es gibt viele Gründe, warum wir aufhören werden. Einer ist, dass es mir gesundheitlich nicht mehr so gut geht wie noch vor zehn Jahren. Ein anderer ist, dass sich irgendwie alles wiederholt. Wenn du zehnmal im selben Laden gespielt hast, willst du irgendwann da nicht mehr hin. Ich habe auch einige alte Bands gesehen, die ich vor 30 Jahren gut fand, und heute wirken sie sehr müde und langweilig auf der Bühne. Aber sie machen weiter, obwohl sie meiner Meinung nach weit über ihren Zenit hinaus sind. So möchte ich nicht enden mit der Band. Es ist auch bei uns irgendwie so und deshalb reicht es.

Schon vor 30 Jahren hast du davon gesprochen, dass DIE SCHWARZEN SCHAFE bald aufhören. Was ist der Unterschied zu heute?
Ups, habe ich das gesagt vor 30 Jahren? Nun, das war 1995 und wir hatten da gerade eine schlechte Phase in der Band. Zwei Leute waren 1992 ausgestiegen und wir hatten immer nur Ersatzschlagzeuger. Da war zwischen 1993 bis 1996 wenig los bei uns – das wurde ab 1997 wieder mehr, mit einem neuem Schlagzeuger. Ja, vielleicht war es damals Frust, heute ist es volle Überzeugung, dass Schluss sein muss.

Wie läuft eure Abschiedstour?
Wir sind ja noch dabei und es kommen ja noch Sachen, auf die wir uns sehr freuen wie der Ratinger Hof in Düsseldorf, das SO36 in Berlin, das Hafenklang in Hamburg, die Glockenbachwerkstatt in München, dazu Konzerte in der Schweiz und sogar in Argentinien.

Zurück zu den Anfängen. Wie bist du damals auf Punk aufmerksam geworden und wann hat dich das Virus selbst erfasst?
So richtig an meinem 15 Geburtstag. Da habe ich die ersten beiden THE CLASH-LPs gekauft und war begeistert – so hatte mich bis dato nichts begeistert. Dann kam eine Woche später die erste RAMONES-LP dazu und ich wusste, das ist mein Ding. Anfang 1980 bin ich dann los in die Stadt und habe nach Leuten gesucht, die was mit Punkrock zu tun hatten. An der Andreaskirche vor dem Kom(m)ödchen in der Düsseldorfer Altstadt habe ich dann einige Leute kennengelernt. Im Sommer 1980 ist dann die erste COCKNEY REJECTS-LP erschienen, da wusste ich, dass ich auch Musik machen wollte.

Was bedeutete Punk damals für dich – und wie ist das heute?
Das war der Aufbruch zur Revolte, raus aus der tristen Siedlung der Arbeiterkinder – sich einfach mehr hinterfragen, beobachten und probieren, etwas anderes zu machen als das, was mir in die Wiege gelegt wurde. Heute sehe ich die Dinge etwas anders, aber ich weiß heute noch, dass alles so, wie es war, das Richtige war. Ich hinterfrage immer noch viel, ich beobachte und mache mir Gedanken zu Dingen, die mich nerven. Punk hat mein Leben verändert und ich bin froh, ein Teil dieser Bewegung gewesen zu sein – oder noch zu sein.

Im Jahr eurer offiziellen Gründung 1985 wurde Punkrock wieder einmal für tot erklärt. Hardcore war das neue Ding, aber ihr spieltet Punkrock ... Welche Einflüsse hattet ihr?
Als wir angefangen haben, galt es erst mal, überhaupt etwas spielen zu lernen. Ich war da von Bands wie HANS-A-PLAST, DER KFC, SLIME schon inspiriert, aber so weit waren wir 1985 noch nicht. Das brauchte noch zwei Jahre, bis das Ganze Form annahm. Die ersten drei Konzerte 1986 waren auch vielleicht originell, aber nicht gut. Besser wurde es erst 1987, als Gerd eingestiegen ist und Gitarre spielte. Nun ja, eigentlich haben wir Punkrock gemacht, aber wir probierten auch andere Richtungen aus. So entstand auch 1988 unser Song „Zosher crew“. Aber Hardcore wollte ich nie machen, ich war vom Punkrock und seiner Energie begeisterter. Hardcore schaute man sich mal live an, aber Punkrock gehört mein Herz.

Wie sah die Punk-Szene damals in Düsseldorf aus? Ihr habt eurer Heimatstadt ja schon auf eurer ersten 7“ einen Song gewidmet.
Ich denke, dass wirklich viel an wegweisender Musik aus Düsseldorf gekommen ist. Und der Punkrock in den frühen 1980ern war gut in Düsseldorf. Wir wollten einen Song schreiben über das, was Düsseldorf ausmacht. Es ging um Yuppies, Geld etc. – all die Dinge, die man ablehnte, gab es ja in Düsseldorf zuhauf, aber es gab ja eben auch Punkrock und den Underground; nicht zu vergessen der große Schatten der Kunstakademie, die in vielen Dingen die Szene hier beeinflusst hat.

Eure erste 7“ hast du auf deinem eigenen Label Campary Records veröffentlicht. Gab es damals keine interessierten Labels oder was war der Grund?
Natürlich gab es Labels, aber in uns war der DIY-Gedanke: Wir machen das selber. Wir nehmen die Todesmaschine der Französischen Revolution als Logo von Campary Records, köpfen in Gedanken Obrigkeiten, die uns tyrannisieren und unterdrücken, und regeln unsere Konzerte und den Vertrieb der 7“ selbst. Die erste Single ist 1987 erschienen, hieß aber „1989“. Es sollte eine Art Verweis auf den Sturm der Bastille 200 Jahre zuvor sein ...

1989 wart ihr aber auf Incognito Records, wo 1990 eure erste LP „Ars Iustitia“ erschien. Wie kam es dazu?
Ich habe Barny kennengelernt, der mochte unseren Sound und war ein mega netter Typ, der total viel erzählen konnte vom 77er-Punk in England, einen super guten Mailorder hatte und dazu richtig mit dem Label durchstarten wollte. Da lag es nahe, mit ihm zu arbeiten.

1991 wart ihr mit THE BROKEN TOYS aus den USA auf Tour. Wer hat das organisiert und welche Erinnerungen habt ihr?
Großartige, die BROKEN TOYS waren sehr coole und nette Leute, ich mochte die Band und ihren Sound. Die Tour hatten wir selber organisiert, zusammen mit Barny von Incognito Records. Es waren tolle Gigs in Finnland, Schweden, Deutschland und der Schweiz. Da die Tour den ganzen März hindurch ging, war es teilweise bitterkalt in Skandinavien. Es lag mega viel Schnee in Finnland und es war teilweise minus 15 Grad. Ich kann mich erinnern, dass wir in Vaasa in einer entweihten Kirche gespielt haben und in Helsinki in einer Großraumdisco, dazu kamen Konzerte in einem besetzen Haus in Stockholm. Unvergesslich ist auch der Gaskessel in Biel, wo wir ein richtig tolles Konzert hatten.

Ende der 1980er, Anfang der 1990er gab es einen neuen Boom, was Deutschpunk anging. Hatte das auch Auswirkungen auf DIE SCHWARZEN SCHAFE?
Nein, nicht so richtig. Wir hatten auch weiterhin unsere Konzerte, mal waren sie gut, mal lief was nicht so. Aber einen Boom um uns gab es nicht. Die Band war nie so eine typische Deutschpunk-Band. Es war Punkrock mit vielen Einflüssen, aber wirklich kein Deutschpunk.

Auf der ersten 7“ gab es den Song „Friede den Hütten und Krieg den Palästen“. Später wolltet ihr „Rote Sterne“ sehen und auch die „Revolution“ ist für euch noch nicht vorbei. Euer Traum? Warum keine „schwarz-roten Sterne“?
„Friede den Hütten und Krieg den Palästen“ ist von CHAOS & DOGMA, der Band, in der Gerd vor DIE SCHWARZEN SCHAFE war. Es stammt von einer Flugschrift von Georg Büchner zur Revolution 1848 in Deutschland. In „Rote Sterne“ geht es um einen Typ, der Beziehungsstress hat und bei all dem Ärger zurück zu den Sternen will. Was so gemeint ist wie rot-schwarze Sterne, aber bei DIE SCHWARZEN SCHAFE sind sie rot. „Revolution“ habe ich 2012 geschrieben, dahinter steckt der Gedanke, dass eine friedliche Revolution das ganze eingefahrene System sehr gut beleben würde. Wenn man von vorne anfängt und durch eine Revolution den Leuten klarmacht, dass rechtes Gedankengut und Handeln niemals erwünscht sein wird, braucht es eine Revolution.

Szenekritik gab es von eurer Seite auch immer wieder. „Neue Rituale“ oder „Das ist nicht mein Punk“. Aus welchen Gründen habt ihr diese Songs geschrieben.
Ich habe bestimmt 90% der DIE SCHWARZEN SCHAFE-Texte geschrieben, aber nicht diese beiden. „Neue Rituale“ ist von Gerd. Der Song ist von 1991 und es geht darum, dass man zusammenhalten und -arbeiten sollte, anstatt sich anzufeinden, was ja immer so war und ist. Jeder kocht seine eigene Suppe und sagt von vornherein: „Das schmeckt mir nicht ...“ „Das ist nicht mein Punk“ ist von Christian, der von 2006 bis 2015 Bass gespielt hat und meiner Meinung mit dem Song sehr gut beschreibt, was er nicht mag.

In „So lang dabei“ singst du, dass du auf den Chaostagen 1983 in Hannover warst. An was kannst du dich erinnern? Und warum gibt es diesen Song?
Das ist eine Erinnerung an Dinge, die ich erlebt habe. Der Song wurde 2001 geschrieben und 2003 dann textlich fertig gemacht. 1983 war ich in Hannover. Der Chaostag sollte ein Punks- und Skins-Verbrüderungstreffen sein, was aber nicht klappte. Teils sind die Leute vor aggressiven Skins geflohen, die Bullen mischten mit und es entstand ein Riesenchaos. Ich glaube, an diesem Datum hat man festgestellt, dass Skins eine ganz andere Lebensauffassung haben und nichts auf Punk-Picknicks und -Treffen verloren haben.

Ihr wart schon dreimal in Argentinien auf Tour. Was ist das Faszinierende an Punk aus Argentinien, der von dir ja auch auf Campary Records gepusht wird?
Als wir 2019 die erste Tour da spielten, wusste ich nicht, was uns erwartet. Wir wussten nur, alle lieben da die RAMONES und auch DIE TOTEN HOSEN. Aber schon beim ersten Konzert in La Plata habe ich gemerkt, das ist mein Ding. Es ist die Begeisterung der Leute, dieser Enthusiasmus, diese Energie. Tja, und mir gefallen die Bands da. Alle machen guten Midtempo-Punkrock, können spielen und gut singen. Auch die Art, wie die Songs aufgebaut sind, ist mein Ding. Ich finde vieles an dieser Musik viel viel besser, als etwa diesen Millennium-Punk. Das ist überhaupt nichts für mich. Und so habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Musik von diesen Bands in Europa zu veröffentlichen. Natürlich ist es schwer, weil die hier keiner kennt, und was der Deutsche nicht kennt, das lehnt er ja gerne ab, ohne es gehört zu haben. Aber damit muss man leben, und wenn es mir gefällt, dann ist das schon mal gut und ein Grund es zu produzieren. Es gab aber sehr viel gute Kritiken zum Beispiel für den „Chaos From Argentinia Vol. 1“-Sampler, so dass ich gerne einen zweiten Teil rausbringen möchte, dann aber auf Vinyl. Und mit Bands wie LAS VIN UP oder TRAJE DESASTRE hat sich auch eine Freundschaft entwickelt. Wir hatten als DIE SCHWARZEN SCHAFE viele sehr gute Konzerte in Argentinien. Die Leute dort mögen das, was wir machen, und wir haben viele Freunde gewonnen auf den drei Touren.

Bei den Hunderten von Gigs mit DIE SCHWARZEN SCHAFE – welche Aktionen, Peinlichkeiten, Konzerte sind dir in besonderer Erinnerung geblieben?
Die Konzerte in Argentinien sind schon ganz oben, aber es gab auch viele gute Auftritte in Deutschland. Ich erinnere mich gerne an die drei Konzerte in Paris. Das war immer schräg, aber auch gut. Auch von den vier Touren in Polen existieren Geschichten, die man gerne mal in die Runde schmeißt. 2005 in Turku, in Finnland, haben wir in einem Männerwohnheim gespielt, ohne Bühne. Da war so ein heftiger Pogo, wie ich es vorher nie gesehen habe. Aber ja, es gab auch Konzerte, die nicht gut waren. Wir hatten mal beachtliche zwei Zuschauer in Hermelina in Finnland, mussten in Polen vor Nazis fliehen oder haben oft in Räumen geschlafen, in denen es schimmelig oder extrem kalt war. Sehr schräg waren auch die Konzerte in Österreich. Immer wohl gefühlt habe ich mich im Baskenland, und die Schottland-Gigs waren auch toll.

Gibt es Texte beziehungsweise Songs, die du so heute nicht mehr schreiben oder auch spielen würdest?
Wir haben mehr als 150 Songs aufgenommen und da ist bestimmt der eine oder andere dabei, der nicht mehr zeitgemäß ist. Aber alles in allem sind die Sachen okay. Etwas schräg finde ich im Nachhinein die „Chaos & Dogma“-10“, aber damals war es mal was anderes als das, was wir davor oder danach gemacht haben, und das ist dann okay.

Wie würdest du DIE SCHWARZEN SCHAFE in wenigen Worten selbst beschreiben?
DIE SCHWARZEN SCHAFE waren immer eine Punkband. Auch wenn es deutsche Texte gab, so ist das nicht die Schublade „Deutschpunk“. Es ging immer darum, viele persönliche Texte zu schreiben und damit Dinge zu verarbeiten, außerdem Songs über aktuelle Themen und Punk mit Melodien zu machen, die wir alle sehr mögen.

Wenn du die Jahrzehnte beschreiben solltest, gab es da Unterschiede für die Band? Dein jeweiliger Lieblingssong aus jedem Jahrzehnt?
Ich denke ganz klar, der Song der 1980er ist „Friede den Hütten und Krieg den Palästen“, für die 1990er steht „Neue Rituale“. Für die 2000er Jahre „So lang dabei“ und „Jetzt kommen die Jahre“, für die 2010er ganz klar aus meiner Sicht „Revolution“ und für die 2020er Jahre „Stand der Dinge“.

Wird es noch mal Neuauflagen euer Platten geben?
Vielleicht machen wir noch eine 7“, es gibt Ideen. Die „Ars Iustitia“ sollte nochmals nachgepresst werden, das wäre etwas Besonderes und auch „Die Suche nach dem Licht“. Es wäre schön, wenn es jemand machen möchte. Bitte melden.

Wie geht es jetzt weiter?
Am 20.12. wird unser letztes Konzert im AK47 in Düsseldorf sein und dann ist das Ganze Geschichte. Micha und ich machen danach als Akustik-Duo weiter, aber mit viel weniger Konzerten als früher. Eventuell nehmen wir da mal was auf. Denn es macht viel Spaß, akustisch zu spielen – und DIE SCHWARZEN SCHAFE-Songs sind ja auch mit dabei.

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Diskografie
„1989“ (7“, Campary, 1987) • „Reagan On Speed“ (7“, Campary, 1988) • „Julia E.P.“ (7“, Incognito, 1989) • „Wir haben noch lange nicht genug!“ (7“, Incognito, 1989) • „Split“ (7“, Split w/ KLAMYDIA, Incognito, 1990) • „Ars Iustitia“ (LP, Incognito, 1990) • „Helden für einen Tag“ (7“, Incognito, 1992) • „Civitas Dei/Civitas Terrena“ (7“, Campary, 1992)
„Gute Geister“ (7“, Impact, 1993) • „Your Anarchy Can Be The Kingdom Of Heaven Reject Systems Morality“ (7“, Pogostick, 1995) • „’85-’95“ (2CD Comp, Impact, 1995) • „Chaos und Dogma“ (10“/CD, Plastic Bomb, 1997) • „Exitus“ (7“, East Side, 1998) • „Last Gang In Town“ (7“, Campary, 2002) • „Auf der Suche nach dem Licht“ (LP/CD, Plastic Bomb, 2003) • „Wir haben noch lange nicht genug!“ (LP/CD Comp, Campary/Teenage Rebel, 2005) • „Keine Zeit/Assassin Wanted“ (LP, Split w/ NAKED AGGRESSION, Campary, 2006) • „Schrei“ (12“/CD EP, Campary, 2008) • „Jetzt kommen die Jahre“ (LP/CD Comp, Teenage Rebel, 2010) • „Revolution“ (7“, Campary, 2013) • „Split“ (LP/CD, Split w/ LOS DISCKOLOS, Campary, 2014) • „Contra El Tiempo“ (CD Comp, Campary, 2019) • „Break Free“ (7“, Split w/ NAKED AGGRESSION, Campary, 2019) • „Jetzt kommen die (nächsten) Jahre“ (LP Comp, Rerelease, Campary, 2019) • „Systemrelevant“ (LP/CD, Campary, 2021)

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