She-Punks von 1977 bis heute

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Einfach machen!

Im Herbst 2020 fingen die Recherchen zu einem Film über Frauen im Punk aus dem deutschsprachigen Raum an. Hinter der Idee steckte Christine Franz, die in Berlin als Musikredakteurin und Autorin für das Arte-Popkulturmagazin „Tracks“ tätig ist. Als Produktionsfirma beteiligt sind Sugartown aus Berlin mit dem WDR und die Schweizer Tellfilm als Koproduzentin. Christine Franz hatte für ihren ersten neunzigminütigen Musik-Dokumentarfilm aus dem Jahr 2017 „Bunch of Kunst“ zwei Jahre lang das britische Electropunk-Duo SLEAFORD MODS aus Nottingham begleitet. Dieses Filmporträt gewann etliche Preise und war auf vielen Filmfestivals zu sehen.

Ab Herbst 2021 wurde es konkret mit dem neuen Projekt. Der Arbeitstitel lautete: „Jung kaputt spart Altersheime – der Film“, nach dem bekanntesten Lied der Hannoveraner Band BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS aus dem Jahr 1980. Eine Facebook-Seite wurde eingerichtet und dort heißt es bis heute: „Ein Film über die Geschichte des Punk aus weiblicher Perspektive, über Musik-Rebellinnen und Vorreiterinnen. Und über das Lebensgefühl der späten 70er und frühen 80er Jahre.“ Dafür wurden Musikerinnen aus Berlin (MANIA D, MALARIA!), aus Düsseldorf (ÖSTRO 430), aus Zürich (KLEENEX, LILIPUT, TNT, KNONOWS) und Hannover (HANS-A-PLAST) ausgewählt. Ob Annette von den Bärchen jemals auf der Liste stand, ist nicht bekannt. Kurz nach den ersten Dreharbeiten in Zürich verstarb im Dezember unerwartet Madlaina Peer von KNONOWS, die mit Klaudia Schifferle von KLEENEX und LILIPUT und Sara Schär von TNT in ihrer aktuellen Band ONETWOTHREE spielte.

Im Herbst 2022 nahm das Projekt eine dramatische Wendung. Zwischen Christine Franz und der Produktionsfirma gab es künstlerische Differenzen. Sie wurde durch Reto Caduff ersetzt. Dessen letzte Regiearbeit war die Musikdoku „Conny Plank – The Potential of Noise“ aus dem Jahr 2017, für den er mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde. Der Film erhielt jetzt den Titel: „Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“. Er brachte nun Elisabeth Recker vom Berliner Label Monogam Records und Carmen Knoebel, einst eine der beiden Inhaberinnen des Ratinger Hofs aus Düsseldorf, auf das Filmset.

Im Herbst 2023 gab es eine weitere Überraschung. Es wurde bekannt, dass Christine Franz an einem eigenen Dokumentarfilm namens „Punk Girls. Die weibliche Geschichte des britischen Punk“ arbeitet. Im April 2024 wurde der einstündige Dokumentarfilm zum ersten Mal beim „Achtung Berlin“-Festival gezeigt. Ab September 2024 war dieser auch in der arte-Mediathek zu sehen (und ist es noch bis zum 12.12.24). Mit dabei ist hier Annette Benjamin von HANS-A-PLAST, die nicht mehr im ursprünglichen Projekt vorkommt.

„Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“ hatte seine Premiere am 24. Oktober 2024 auf dem 58. Filmfestival in Hof in Bayern. Der rote Faden zu der Geschichte ist, dass alle porträtierten Musikerinnen auch während der Zeit der Herstellung des Films in der einen oder anderen Form wieder musikalisch aktiv waren oder es noch bis heute sind. Dies unterstützt sicher die Sicht auf das Vergangene und kontextualisiert es auf das Heute. Am 1. Mai 2025 wird „Einfach machen!“ in den deutschen Kinos starten.

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Reto Caduff
Reto, was ging dir zuerst durch den Kopf, als du angefragt wurdest, das halbfertige Projekt „Jung kaputt spart Altersheime – der Film“ zu übernehmen?

Ich hatte von der Produzentin Milena Fessmann, mit der ich den Conny Plank-Film gemacht hatte, bereits mal vom Projekt gehört. Als ich dann konkret angefragt wurde, musste ich mir das schon erst mal gut überlegen. Regiewechsel in Filmen gibt es öfter als man denkt. Das kommt immer mal wieder vor, nur bekommen wir das als Zuschauer oft nicht wirklich mit. Bei Dokumentarfilmen ist es vielleicht etwas seltener, es sind ja meist von Autor:innen getriebene Projekte. Ich kenne Christine Franz nicht und auch nicht die Hintergründe, die zum Bruch zwischen ihr und der Produktion führten. Aber da war jetzt ein Produzententeam, das keinen fertigen Film hatte, aber eine Bringschuld gegenüber Förderern und Fernsehanstalten und schon mächtig im Verzug war. Da war ein Thema, das mich durchaus interessierte und dessen Protagonistinnen ich – zumindest musikalisch – kannte und die Möglichkeit, ein Projekt zu übernehmen, das für mich nach der Regie von sechs Musikdokus eine Herausforderung war. Die Kombination dieser Elemente brachte mich dazu, ja zu sagen.

Als Mann einen Film von einer Frau über Frauen im Punk zu übernehmen, war sicher eine Herausforderung für dich, oder? Wie haben die Protagonistinnen, die im Film zu Wort kommen, darauf reagiert? Hast du sie direkt angesprochen oder die Produktionsfirma?
Das fand ich jetzt gar nicht so problematisch. Natürlich war mir wichtig, dass alle Beteiligten damit d’accord waren – und das waren sie, nachdem die Produktion sie informiert hatte. Ich glaube, nach all den Investitionen – Geld, Zeit, Effort – und einer langen Pause waren alle froh, dass das Projekt zu Ende geführt wird. Wir sind heute glücklicherweise an einem Punkt, wo man viel offener über Geschlechterrollen diskutieren kann. Es gibt endlich viel mehr Regisseurinnen, die Filme machen können, und gleichzeitig sollte es auch okay sein, wenn ein Mann bei einem Film über Frauen im Punk Regie führt. Ich glaube, wir sind da in der Geschlechterdiskussion längst einen Schritt weiter. Aber schon klar, hätte ich als Autor dieses Thema bei den Förderstellen eingebracht, wäre das eine andere Diskussion gewesen. Mich hat motiviert, dass die Protagonistinnen damit null Probleme hatten. Es ging darum, ihre Geschichte zu erzählen, und offensichtlich haben sie mir das zugetraut.

Wie bist du vorgegangen nach der Sichtung des bestehenden Materials? Wie wurdest du persönlich bei den involvierten Musikerinnen vorstellig? Annette Benjamin von HANS-A-PLAST war ja, soviel ich, weiß nicht mehr dabei. Existierte zu diesem Zeitpunkt von ihr schon aktuelles Filmmaterial? Gab es neue Ideen von deiner Seite, die du in den Film hinbringen wolltest – und ein Budget dafür?
Das war natürlich die größte Herausforderung. Das bestehende Budget war schon zu einem großen Teil aufgebraucht. Und die Vorgabe war klar: aus dem bestehenden Material mit ein paar wenigen zusätzlichen Drehtagen innerhalb kürzester Frist einen fertigen Film abzuliefern. Weil die Zeit drängte, heuerte die Produktion das Schnittduo Beatrice Babin und Ginés Olivares an – wir arbeiteten also zu dritt in Berlin am Schnitt. Nicht mehr dabei waren Annette Benjamin von HANS-A-PLAST, die sich mit der Autorin solidarisch erklärte, sowie der Kameramann und die Cutterin. Von Annette gab es schon eine ganze Reihe an gedrehtem Material, das fiel jetzt weg und ich musste ein neues Narrativ entwickeln. HANS-A-PLAST waren ja nie eine reine Frauenband, obwohl Annette da sicher die prägende Figur war. Ihr Ausstieg hat mich dazu bewogen, mich inhaltlich auf reine Frauenbands zu fokussieren. Ich wollte auch einen Blick von außen und wir haben mit einigen wichtigen weiblichen Figuren aus der Szene von damals gedreht. Davon haben es Elisabeth Recker von Monogam Records und Carmen Knoebel vom Ratinger Hof in den fertigen Film geschafft. Es ist also zum Schluss ein Film geworden, bei dem kein einziger Mann gefeaturet wird, und ich finde, das passt so auch gut zum Thema und der Geschichte.

Das mit Elisabeth Recker und Carmen Knoebel finde ich sehr bereichernd. Dadurch kommen nochmals zwei interessante Stimmen dazu. Elisabeth Recker unterstützt ja die Frauen aus Berlin und Carmen Knoebel die Frauen aus Düsseldorf. Als ich den Film sah, ist mir umgehend Bice Curriger aus Zürich eingefallen. Sie ist sogar kurz im Film zu sehen. Sie stand 1980 federführend hinter der Ausstellung „Saus und Braus – Stadtkunst“, wo auch Werke von Klaudia Schifferle von LILIPUT gezeigt wurden. Auf der Vernissage traten LILIPUT und O.U.T. auf, wo ja Manon Pepita Duursma dabei war, die später bei MALARIA! als Sängerin einstieg. Hattest du das auf dem Schirm?
Ja, „Saus und Braus“ kannte ich, ich war damals zwar zu jung, um die Ausstellung in Zürich mitbekommen zu haben, ich habe aber den Ausstellungskatalog. Es lief so viel zu der Zeit, wahnsinnig. Da war ja auch noch das Venus Weltklang Festival im Tempodrom in Berlin 1982 – davon zeigen wir einen kleinen Ausschnitt von dem MALARIA!-Auftritt und dem Interview mit Gudrun Gut. Das war sogar mal als jährliches Frauen-Rock-Festival angedacht, habe ich gehört. Wie immer bei solchen Geschichten hätte es noch so viel zu erzählen gegeben, aber wir wollten ja nicht bloß die alten Zeiten abfeiern. Ein wichtiges Element im Film ist, dass all diese Künstlerinnen – teilweise nach langen Pausen – jetzt wieder Musik machen, diesen Geist von damals in die Neuzeit tragen. Das finde ich toll und über diese Motivation, über das älter und reifer werden, wollte ich mit den Protagonistinnen sprechen.

Das Interessante dabei war auch, dass zum vierzigjährigen Jubiläum der beiden Anlässe vom 2020 in der Galerie Strauhof in Zürich abermals eine Ausstellung samt Publikation dazu stattfand. Und wer spielte da ihr erstes Konzert auf der Vernissage? ONETWOTHREE, die aktuelle Band von Klaudia und Sara. Nur fand ich es unterirdisch, dass die beiden sich in „Schriftdeutsch“ durch den Film schlagen mussten. Warum sie sich nicht auf Schweizerdeutsch äußern konnten, ist mir unerklärlich, man kann das ja mit Untertiteln versehen. Neben den Damen von MALARIA! und ÖSTRO 430, die mit ihren Aussagen alles auf den Punkt bringen, hatten sie einen schweren Stand und ich musste mich ein wenig fremdschämen. Du kannst natürlich nichts dafür.
Ein Großteil der Interviews war bereits gedreht, als ich zur Produktion kam. Es war folglich klar, dass auch ich diese Interviews auf Hochdeutsch drehe. Das musste ja zusammenpassen. Ich glaube, wir Schweizer hören da natürlich sensibler hin als das Hochdeutsch sprechende Publikum. Ich finde, es hat Charme, so wie es ist.

Ein weiterer Punkt ist der Titel „Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“. Es gibt da ein Buch von Vivien Goldman mit dem Titel „Die Rache der She-Punks“. Da geht es um Frauen im angelsächsischen Raum. War das eine Inspiration für den Titel? Dann die Jahreszahl 1977, steht die einfach für Punk? Keine der involvierten Musikerinnen spielte schon 1977 in einer Punkband.
Irgendwann musste ein Filmtitel her, denn der Songtitel von BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS war ja nur als Arbeitstitel gedacht, soweit ich weiß. Wer genau am Ende mit dem „She-Punks“ kam, weiß ich nicht, aber ich denke, der Titel vermittelt in etwa den Inhalt des Films. „Einfach machen“ wird ja von fast allen Protagonistinnen im Film auch tatsächlich als das Credo der damaligen Zeit erwähnt, für mich passt das. Und ich denke, 1977 bezieht sich, wie du sagst, eher auf die Ankunft des Punk in unseren Breitengraden als auf die persönliche Historie unserer Musikerinnen. Ich finde Titelfindung bei Filmen immer eine sehr herausfordernde Aufgabe; da müssen die Interessen des Marketings, der Autorenschaft und der Produktion zusammenfinden.

Ein weiterer schwieriger Moment für den Film war sicher, als am Weihnachtsabend dem 25. Dezember 2021 unerwartet Madlaina Peer starb. Sie spielte mit Klaudia Schifferle und Sara Schär in der Band ONETWOTHREE. Es gibt eine Szene im Film, wo man die Frauen einfach backstage sieht, ohne dass da viel passiert, und auch die Aussage von Klaudia, dass sie nach dem Konzert zu Madlaina herüberschaute und sie irgendwie ein komisches Gefühl überkam.
Das war natürlich keine einfache Aufgabe, diese traurige Tatsache von Madlainas Tod in den Film zu nehmen. Aber es ist natürlich Teil der Geschichte von ONETWOTHREE, der genau während des Zeitpunkts dieses Films stattfand. Und etwas universeller betrachtet ist es natürlich auch Teil der Erfahrungen, die wir als Menschen über fünfzig oder sechzig, die mit Punk und Post-Punk großgeworden sind, jetzt machen. Rundherum sterben unsere Freunde, viel zu früh und meist unerwartet. Ich fand es wichtig, diese Thematik mitzunehmen, das gehört zur Dramaturgie dieses Films und unseres Lebens.

Würdest du abermals ein nicht von dir angefangenes Filmprojekt übernehmen und fertigstellen wollen?
Der Prozess war schwierig, aber es hat sich gelohnt. Dank der Unterstützung des gesamten Teams und der Frauen im Film haben wir „Einfach machen!“ ins Ziel gebracht. Das Resultat lässt sich sehen, finde ich. Es ist wirklich ein Gemeinschaftswerk geworden, was vielleicht auch etwas den Kollektivgedanken der Punk-Zeit spiegelt. Wenn die richtigen Leute mit einem lohnenswerten Projekt kommen, würde ich nicht a priori nein sagen. Für mich war es toll, diese Künstlerinnen kennenzulernen, die ganz klar Wegbereiterinnen waren für vieles, das wir heute als selbstverständlich betrachten. Es hat natürlich auch Spass gemacht, auf Zeitreise zu gehen. Ich war 15 oder 16, als ich das erste Mal alleine mit dem Zug von Zürich nach West-Berlin fuhr, da sind beim Betrachten der Archivaufnahmen viele Erinnerungen hochgekommen. Es war eine spezielle Zeit, die ich so nie mehr erlebt habe später. Dieser Power, diese Kreativität, das Nonkonforme der späten 1970er/frühen 1980er Jahre hat viele schöne Blüten getrieben, die auch mich nachhaltig geprägt haben. Ich bin happy, dass diese Geschichte erzählt wird, zu einem Zeitpunkt, wo wohl einige gedacht haben, es sei schon alles über Punk erzählt und verfilmt worden. Und wenn es irgendwelche Leute dazu animiert, mal das iPhone wegzulegen oder den Laptop zuzuklappen und einen Bass oder Drumsticks in die Hand zu nehmen, dann ist die Mission erfüllt. Einfach machen!

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Sara Schär, TNT und ONETWOTHREE
Sara, kannst du dich noch erinnern, wann wie und mit wem du zum ersten Mal mit der Idee des Films über Punk-Musikerinnen im deutschsprachigen Raum in Berührung gekommen bist?

Durch einen gemeinsamen Freund machte ich Bekanntschaft mit Milena Fessmann, sie ist nicht nur Produzentin, sondern auch Music Supervisor. In diesem Zusammenhang begegneten wir uns auf dem Zürcher Filmfestival ZFF und Milena erzählte mir von ihrem Filmprojekt, bei dem sie mich unbedingt dabeihaben wollte. Der Film war noch in der Projektphase, wenig später meldete sich die Regisseurin selbst bei mir.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Christine Franz? Konntest du dich aktiv mit Ideen einbringen?
Wir drei von ONETWOTHREE waren anfangs skeptisch, was den Film betrifft. Die Band hatten wir gegründet, weil wir fühlten, dass es Zeit war, wieder laut zu werden. Wir wollten nicht einfach alte Songs aufwärmen, sondern neue Stücke schreiben, zusammen etwas kreieren, das die Zeit atmet. Insofern waren wir nicht darauf erpicht, in unserer musikalischen Vergangenheit herumzuwühlen und wieder die alten Bilder zu zeigen. Wir schauten nach vorn – also war unsere Bedingung, dass die neue Band ONETWOTHREE im Film präsent sein sollte. Christine hat das bei unserem ersten Gespräch in Zürich aufgenommen und war begeistert von der Idee. Zudem hat sie uns erzählt, dass auch die anderen Musikerinnen, die porträtiert werden sollten, allesamt wieder Musik machen. Es lag also wieder etwas in der Luft, und das sollte dem Film eine ganz andere Richtung geben, als einfach eine Doku mit zusammengeschnittenen Archivaufnahmen.

Am 25. September 2021 bist du mit deiner aktuellen Band ONETWOTHREE zum vierzigjährigen Jubiläum in der Roten Fabrik in Zürich aufgetreten. Das Filmteam war vor Ort und Christine hat mit euch ein Interview geführt. Im Film erzählt Klaudia, dass sie nach dem Konzert zu Madlaina rübergeschaut und sich bei ihr ein komisches Gefühl bemerkbar gemacht hat. Kurz darauf verstarb Madlaina an Krebs.
Madlaina hatte sich entschieden, ihre Erkrankung nicht öffentlich zu machen, und diesen Wunsch respektiere ich auch hier. Wir mussten für das Album Fotos machen, Texte erarbeiten, Entscheidungen für das Cover treffen, Interviews geben, für Auftritte proben, die Mixes fürs Album selektieren und und und. Madlaina war voll dabei. Doch dann ging alles viel zu schnell, bei der Plattentaufe, dem Konzert am 11. Dezember 2021 im El Lokal in Zürich, haben wir sie zum letzten Mal gesehen.

Im Film ist auch zu hören, wie ihr euch danach entschieden habt, zu zweit weiterzumachen. Heute gibt es ONETWOTHREE schon länger nicht mehr. Warum?
Nach einiger Zeit war klar, wir wollten mit ONETWOTHREE weitermachen. In den neuen Songs haben wir vieles verarbeitet und die Musik weiterentwickelt. Unser Label Kill Rock Stars hat uns sehr unterstützt. Im Frühling 2022 gingen wir nochmals ins Studio, um vier Songs aufzunehmen, sie kamen digital heraus und wir fertigten zusammen mit dem Label 53 Vinylsingles an, jede mit einem individuellen, von uns und KRS gestalteten Cover. Rückblickend gesehen war das ein schöner Schlusspunkt des Projekts ONETWOTHREE, obwohl es nicht so gedacht war. Nach Konzerten in Zürich und in Holland haben wir wieder separate Wege eingeschlagen. Klaudia konzentriert sich wieder auf ihre künstlerische Arbeit. Mich wird man mit einer neuen Band wieder auf der Bühne sehen.

Im Jahr darauf kam es zwischen Christine Franz und der Produktionsfirma zu künstlerischen Differenzen. Sie wurde daraufhin durch Reto Caduff ersetzt. Hast du ihn davor schon gekannt und wie wurde das an euch herangetragen?
Wir fanden es nicht so toll, dass Christine sich aus dem Projekt herausgenommen hatte, wir hatten einen guten Draht zu ihr. Aber wir hatten schon einige Energie in den Film gesteckt und wollten gerne, dass er fertig wird. Reto Caduff hatten wir beide entfernt gekannt, wir trafen uns mit ihm und konnten uns in die Fertigstellung mit Ideen einbringen.

Du hast mit Reto Caduff auf dem ZFF dieses Jahr in einem Paneltalk über den Film gesprochen. Wie hast du dich da eingebracht und worum ging es genau?
Es war eine Case Study im Rahmen der Sound Track Zürich am ZFF. Ich saß als Protagonistin des Films in der Runde. Es gab eine interessante Frage aus dem Publikum: Inwiefern braucht eine Bewegung ihre eigene Musik? Die Antwort ist klar: Punk war in der Schweiz der Soundtrack der 1980er-Bewegung. Musik verbindet Leute, bringt sie physisch zusammen – das braucht es, wenn man Veränderungen herbeiführen will.

Wo liegt für dich der Unterschied beim Musikmachen zwischen damals und heute? Du hast eigentlich dein Leben lang mit Männern in einer Band gespielt, es gab diese kurze Phase nur mit Frauen. Hast du noch immer Ambitionen für ein weiteres musikalisches Projekt?
Für mich gibt es keinen Unterschied. Im stillen Kämmerlein vor mich hindüdeln bringt mir nichts. Das Spannende am Musikmachen ist die Interaktion zwischen Musikern, um Neues entstehen zu lassen. Man wird mich sicher wieder als Sängerin einer Band hören, ich prüfe im Moment verschiedene Möglichkeiten.

Du führst ja seit einigen Jahren die Firma Movietracks. Du kümmerst dich da um das Abklären von Musikrechten. Somit hast du immer wieder mal mit Musikfilmen zu tun. Warst du auch schon in weitere Musikprojekte in der einen oder anderen Form involviert?
Ich durfte für die tolle Musikdoku über den Gitarristen John Scofield „Inside Scofield“ die Musikrechte klären. Der deutsche Regisseur Jörg Steineck hat den Musiker über eineinhalb Jahre on the road begleitet und konnte so einmalige Einblicke in das Tourleben der Jazz-Legende gewinnen. Auch hat er den Menschen John Scofield sehr schön porträtiert.

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Christine Franz … über „Punk Girls“
Die weibliche Geschichte des britischen Punk erzählt Christine Franz in ihrem Film „Punk Girls“, in dem unter anderem Viv Albertine von THE SLITS, Gina Birch von THE RAINCOATS, Vivien Goldman, Autorin von „Revenge of the She-Punks“, Annette Benjamin von HANS-A-PLAST, Kathleen Hanna von BIKINI KILL, Stephanie Phillips und Estella Adeyeri von BIG JOANIE und Poly Styrene von X-RAY SPEX zu Wort kommen.

Christine, du hattest im April beim „Achtung Berlin Festival“ die Filmpremiere von „Punk Girls“, im September 2024 lief er im TV bei Arte. Was für Rückmeldungen und Reaktionen hast du bis heute erhalten und ist eventuell schon ein Nachfolgeprojekt im Gespräch?

Wir haben wahnsinnig viel tolles Feedback bekommen. Besonders hat mich gefreut, dass uns so viele Musikerinnen und weiblich besetzte Bands geschrieben und angesprochen haben, die sich offensichtlich mit den Protagonistinnen identifizieren konnten. Die Idee war, die Protagonistinnen endlich ihre eigene Geschichte erzählen zu lassen. Eine Perspektive, die für uns bisher immer in der gängigen Punk-Geschichtsschreibung gefehlt hat. Und vielleicht konnten wir ein bisschen zum deutsch-französischen Kulturaustausch beitragen: Eine Arte-Zuschauerin aus Frankreich schrieb uns zum Beispiel, sie habe durch den Film zum ersten Mal von HANS-A-PLAST gehört und werde sie bei ihrem nächsten DJ-Auftritt auflegen. Zu deiner anderen Frage: Ja, ein paar Ideen sind schon im Orbit, es ist aber noch zu früh, um darüber zu sprechen.

Ab wann und warum hat dich dieses Thema so interessiert?
Auf einige der Bands bin ich so richtig bewusst zum ersten Mal im Rahmen meiner SLEAFORD MODS-Doku „Bunch of Kunst“ gestoßen. Ihr damaliger Manager hatte die umfangreichste Plattensammlung, die man sich vorstellen kann, darunter auch viele europäische Punkbands. Er war zum Beispiel riesiger Fan von ÖSTRO 430 und MALARIA! und da fiel mir zum ersten Mal bewusst die Haltung dieser Bands auf. Danach habe ich auch Bands wie THE SLITS und THE RAINCOATS anders gehört und habe die Bücher von Vivien Goldman und Viv Albertine verschlungen. Und dann hatte ich das große Glück, Annette Benjamin von HANS-A-PLAST kennenzulernen, die in Berlin gerade mit ihrer neuen Band DIE BENJAMINS im Proberaum war. HANS-A-PLAST umwehte in meiner alten Heimat Hannover fast so eine mythische Aura. Mindestens genauso spannend fand ich, dass Annette Benjamin jetzt, nach so langer Musikpause, wieder was Neues macht. Also irgendwie kam da vieles zusammen. Und natürlich immer wieder die Frage: Wieso gibt es eigentlich so wenig zu den grandiosen Frauen im scheinbar längst auserzählten Thema Punk? In der gängigen Punk-Geschichtsschreibung blieben sie doch größtenteils eher eine Randnotiz. Dabei haben all diese tollen Musikerinnen und Bands so viel angestoßen!

Ich finde es auch erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis sich jemand, insbesondere eine Frau, diesem Thema zugewandt hat. Warum, glaubst du, ist das so?
Mal ehrlich, so überraschend ist das leider eigentlich gar nicht, wenn man sich die Musik- und auch die Filmbranche so anschaut. Es ändert sich zwar vieles, aber beide Bereiche sind ja größtenteils Boys Clubs. Wie oft ich im Vorfeld gehört habe: „Die kennt doch keiner!“, „Die sind schwierig!“, „Die waren doch gar nicht relevant!“ oder „Das ist jetzt aber zu einseitig, nur Frauen!“, da könnte man ein ganzes Bullshit-Bingo draus machen. Und das waren noch die harmloseren Kommentare im Vorfeld bei der Recherche. Ich hatte bei der Doku das große Glück, dass unsere Redakteurin bei Arte sehr an das Thema geglaubt hat. Außerdem hatten wir einen tollen Produzenten, der vieles ermöglicht hat, und ein wunderbares Film- und Postproduktionsteam, das mit viel Herzblut dabei war. Denn Filmemachen ist ja fast ein bisschen so wie in einer Band zu sein, die Konstellation muss stimmen, sonst funktioniert es nicht. Und zum Glück scheint die Zeit ja auch gerade reif zu sein für das Thema, man denke da nur an tolle Bücher wie „Revenge of the She-Punks“ von Vivien Goldman, „Punk As Fuck“ von Diana Ringelsiep und Ronja Schwikowski oder den Dokumentarfilm „I am A Cliché“ über Poly Styrene von ihrer Tochter Celeste Bell – um nur einige wenige zu nennen. Und hoffentlich kommt noch vieles mehr in den nächsten Jahren, zum Punk-Geburtstag. The more the merrier! Denn ich finde, dass diese Musik nichts von ihrer Relevanz und Dringlichkeit verloren hat und man auch heute vieles von diesen wunderbaren Frauen lernen kann.

Genau, es sind nun bald fünfzig Jahre vergangen seit dem Ausbruch des Punk.
Ausbruch des Punk – schön gesagt!

Bis auf Poly Styrene von X-RAY-SPEX, die leider 2011 an den Folgen ihrer Krebserkrankung starb, arbeiteten alle deine Protagonistinnen gerade an neuen Projekten. Hatte dies einen Einfluss auf deine Auswahl? Und was glaubst du, warum gibt es etliche Protagonistinnen, die von der Zeit damals nichts mehr wissen wollen?
Irgendwie schien die Sternenkonstellation gerade günstig, es lag etwas in der Luft. Denn alle arbeiteten wieder an neuen Projekten. Gina Birch hatte gerade ihr Solo-Debüt „I Play My Bass Loud“ veröffentlicht und war mit einer ihrer Arbeiten auch in der großen Gruppenausstellung „Women In Revolt“ in der Londoner Tate vertreten, in der übrigens auch Werke von Poly Styrene von X-RAY SPEX, von der Musikjournalistin und ehemaligen Managerin von THE CLASH, Caroline Coon, und von Linder Sterling von LUDUS zu sehen waren. Viv Albertines preisgekrönte, autobiografische Bücher waren in England Bestseller und Annette Benjamin war gerade mit ihrer neuen Band DIE BENJAMINS im Studio. Auch viele andere Wegbegleiterinnen verfolgten wieder neue Projekte. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Protagonistinnen durch diese Neuanfänge natürlich auch wieder mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt haben und Lust hatten, über diese Zeit zu sprechen. Sie alle haben eine unglaublich mitreißende Energie und Schaffenskraft. Sie alle fügen ein neues Kapitel hinzu. Ich hatte also überhaupt nicht das Gefühl, dass sie davon nichts mehr wissen wollen, im Gegenteil. Ich persönlich finde es auch mehr Punk, etwas Neues zu starten, als nur zurückzuschauen.

Relativ am Anfang des Films hören und sehen wir kurz Siouxsie Sioux von SIOUXSIE AND THE BANSHEES mit Steven Severin und einer weiteren weiblichen Person. Sie war eigentlich die wichtigste und am längsten aktive Frau in der englischen Punk-, Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung. Hat sie ansonsten nicht in dein Filmkonzept hineingepasst?
Ja, das war ein schöner Moment, als wir Siouxsie Sioux beim Durchforsten des ZDF-Archivs entdeckt haben. Ein Team von „Aspekte“ war 1976 in London bei einem SEX PISTOLS-Konzert dabei und hat ein Interview mit ihr gedreht, es wirkte fast zufällig. Überhaupt, das Archivmaterial! Du kannst dir vorstellen, wie viel Spaß es gemacht hat, sich monatelang durch die Festplatten, Google-Drives und Umzugskartons zu arbeiten, die uns Filmemacher wie Don Letts, Norbert Meissner oder Horst Herz zur Verfügung gestellt haben. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Na klar, die Liste der Wunschinterviewpartnerinnen ist bei so einem Film natürlich ellenlang! Was bei 54 Minuten TV-Sendezeit eine ziemliche Herausforderung darstellt. Andererseits, ein Film ist ja auch kein Wikipedia-Artikel. Uns war es wichtiger, den Protagonistinnen ihren Raum zu geben, als vermeintlich alle und jede irgendwie nur kurz abzuhaken. Außerdem kristallisierte sich in den Interviews ziemlich schnell heraus, dass sich der Film um die Besonderheiten der Bandkonstellationen drehen wird. Also darum, wie es war, mit anderen Frauen gemeinsam in einer Band zu spielen und auf der Bühne zu stehen. Mich haben auch eher die Brüche in den Musikerinnenbiografien interessiert. Also nicht die geradlinigen, langjährigen Karrieren, sondern die Geschichten mit Enden und Neuanfängen.

Am Schluss der Doku schlägst du den Bogen zu Kathleen Hanna von BIKINI KILL aus Olympia, Washington. Die gelten als Begründerinnen der Riot Grrrl-Bewegung in den USA. Der Titel der Doku lautet aber „Punk Girls. Die weibliche Geschichte des britischen Punk“. Ich verstehe natürlich, dass sich die Riot Grrrls bis zu einem gewissen Grad sicher an den frühen Protagonistinnen des englischen Punk orientiert haben, obwohl es bei ihnen vor der Haustüre endlos viele interessante und wichtige Frauen in der frühen amerikanischen Punk Bewegung gab.
Es geht ja in der Doku auch um die Querverbindungen und die Legacy der frühen She-Punks. So ist ja zum Beispiel auch Annette Benjamin von HANS-A-PLAST aus Hannover dabei, für die ein Konzert von X-RAY SPEX in London zu einer Art Erweckungserlebnis wurde. Für mich ist Kathleen Hanna eine der grandiosesten Frontfrauen und eines der wichtigsten weiblichen Rolemodels ihrer Generation. Ich fand es gerade spannend, dass sich Kathleen Hanna und ihre BIKINI KILL-Bandkollegin und Musik-Topcheckerin Tobi Vail in den 1990er Jahren so stark an den europäischen Musikerinnen der 1970er Jahre orientiert haben. Übrigens nicht nur an den Engländerinnen wie THE RAINCOASTS oder THE SLITS, sondern auch an den Schweizerinnen KLEENEX und vielen anderen. Nicht nur für mich, sondern auch für Gina Birch stand Kathleen Hanna deshalb ganz oben auf ihrer persönlichen Wunschliste für diesen Film, als ich mit ihr im Vorfeld über das Projekt sprach. Genauso wie übrigens auch BIG JOANIE, die wiederum den Staffelstab von den Riot Grrrls übernommen haben und kürzlich sowohl mit BIKINI KILL als auch Gina Birch auf Tour waren, die wiederum Fans von BIG JOANIE sind. So schloss sich quasi der Kreis über drei Generationen von She-Punks, die einander gegenseitig inspiriert haben. Quasi eine Art künstlerischer Feedbackloop.

In England selbst, aber auch im restlichen Europa der 1980er Jahre explodierte der Frauenanteil in Post-Punk-Bands ja beinahe. Sogar in der konservativen Schweiz bestand ein beachtlicher Teil der Bands aus Musikerinnen, die sogar für 28% der Tonträger-Veröffentlichungen verantwortlich waren. Wie siehst du das?
Was uns ja wieder zu der Anfangsfrage zurückbringt: Warum blieben sie in der gängigen Punk-Geschichtsschreibung oft nur eine Randnotiz? Diese Geschichten müssen also endlich erzählt werden.

Jetzt wage ich mich ein wenig auf ein gefährliches Terrain mit dieser Aussage. Aber ich hatte immer den Eindruck, dass sich die Frauen im Punk eigentlich in der Szene selbst sehr wohl fühlten. Damals waren sie eher genervt, wenn man sie auf das Thema „Frauenband“ ansprach. Das war eigentlich intern völlig egal. Sie wollten doch ihre eigenständige Musik machen, sich entfalten, wie wir alle, um das ging es, und nicht immer wieder gefragt werden: Warum seid ihr eine Frauenband?
Gegenfrage: Geht es dir nicht auch so, dass du manche Dinge heute anders bewertest als damals? Die Musikerinnen sprechen ja über die Zeit damals aus heutiger Perspektive, da wäre es doch komisch, wenn sie mit dem Abstand von vierzig Jahren nicht auch über vieles anders denken würden. Um mal Annette Benjamin von HANS-A-PLAST zu zitieren: „Wir haben uns ja selbst alle mit so einem männlichen Blick gesehen, sich davon zu distanzieren, musste man auch erst mal lernen.“ Dass das Verhältnis zu Begriffen wie „Frauenbands“ und „Feminismus“ damals durchaus ambivalent war, sagen die Protagonistinnen ja auch sehr deutlich. Und leider auch, dass viele von ihnen Gewalterfahrungen gemacht haben. Aber das ist leider noch mal ein ganz eigenes Thema.

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HANS-A-PLAST, CRAZY, MANNSCHAFT
22.11.1980 Zürich, Rote Fabrik


Am 25. Oktober 1980 wurde in Zürich vorerst provisorisch das Kulturzentrum Rote Fabrik eröffnet. Musik und Theater bildeten das Schwergewicht der Aktivitäten, allbekannt war die autonome Fahrradwerkstatt. Manche freie Theatergruppen, die in der Szene zunehmenden Einfluss gewannen, gaben in der Roten Fabrik ihr Debüt. Knapp einen Monat später spielten hier HANS-A-PLAST aus Hannover. Mit dabei waren als Vorgruppe CRAZY aus Luzern, die auch einen Teil der Anlage zur Verfügung stellten, und inoffiziell war es das erste Konzert von MANNSCHAFT aus Zürich.
Die Veranstalter hatten sich den Theaterraum im dritten Stock ausgesucht, doch es kamen zu viele Besucher, viel zu viele! Die Idee entstand, dass man kurzfristig die Aktionshalle wieder in Beschlag nehmen sollte, wo bis zu 800 Leute Platz finden konnten, die aber zu der Zeit vom Stadtrat geschlossen worden war. Das Equipment der Bands und die Anlage der Fabrik sollte mit den vielen hilfreichen Hände der Anwesenden so rasch als möglich von A nach B gebracht werden. Einzelne Mitglieder der beiden Bands waren von der Idee gar nicht begeistert, mussten sie doch damit rechnen, dass nicht alles von A nach B ging, sondern auch nach C oder D.
Somit wurde das Konzert trotz Verdruss vieler angereister Besucher, die keinen Einlass fanden, im Klubraum durchgeführt. Knüsel, der Sänger von CRAZY, ergriff jetzt das Mikrofon und sagte „Mer sind zom Musikmache cho, als machmer Musig. Er chönd d’Fabrik nochhär stürme“ und legte los. Nach dem Auftritt von CRAZY startete eine neue Debatte. Zum einen wurden die Bierpreise als zu hoch betrachtet und zum anderen war die Gitarre von HANS-A-PLAST geklaut worden. Nun, die Gitarre kam wieder zum Vorschein und das Konzert von HANS-A-PLAST sollte jetzt beginnen und Annette, ihre Sängerin, ließ sich auf hitzige Diskussionen mit Personen aus dem Publikum ein. Nichtsdestotrotz gab die Band ein tolles Konzert und die Besucher waren begeistert.
Im Anschluss kam es zu zwei Aktionen, mit denen scheinbar niemand so richtig gerechnet hatte, mit denen man damals aber immer wieder auf die eine oder andere Art zu rechnen hatte. Es war 1980 und „Der heisse Sommer 80“ lag noch in der Luft. Das erste Ereignis war natürlich nach dem Gusto der anwesenden Punks: Die Mitglieder der Punkband MANNSCHAFT sprangen kurzerhand auf die Bühne und spielten ihr erstes Konzert auf dem Equipment von HANS-A-PLAST. Nach gut sechs Songs merkten die Verantwortlichen der Roten Fabrik aber, dass die gar nicht auf dem Programm standen und drehten ihnen kurzerhand den Strom ab. Was sicher noch ein weiterer Funke für das zweite Ereignis war. Hier O-Ton ihres Sänger Bergi: „Als das Publikum für HANS-A-PLAST noch klatschte, kamen MANNSCHAFT auf die Idee, heute die Premiere zu geben. Man hatte am Nachmittag eine Probe und sich bis nach HANS-A-PLAST genug Mut angetrunken, um dies endlich hinter sich zu bringen. Also schlich man von links auf die Bühne, als die Hauptband rechts abging. Das ganze Repertoire von sechs Liedern war durch, bis der Strom abgestellt wurde.“
Das zweite Ereignis kann mit sinnlose Zerstörungswut zusammengefasst werden. Statt die Halle zu stürmen oder zu besetzten, wurde von einem Teil der frustrierten Besucher alles zerstört, was nicht niet- und nagelfest war. So hielt auch der Bartresen dem Sturm nicht stand. Die ganze Sache geriet komplett aus dem Ruder. Knüsel sieht heute noch das Bild vor sich, wie demontierte Toiletten aus dem Fenster des zweiten Stocks geworfen wurden. CRAZY hatten kurz vorher im Gaskessel in Bern gespielt und es waren etliche Skins aus Lausanne und Genf gekommen. Schon dort wurden Toiletten und diverses anderes zerstört. Der Gaskessel musste darauf für eine Zeit schließen. Knüsel sagt: „Das hat uns eher genervt. Deshalb schrieb ich ein Flugblatt vor dem Konzert in Zürich und habe einige Exemplare auf dem Gelände der RF aufgehängt. Nach dem Motto: Wir sollten nicht unsere eigenen Treffpunkte zerstören. Genützt hat es anscheinend nichts.“
Danach gaben Annette und der Gitarrist von HANS-A-PLAST dem Herausgeber des Break Out Fanzines Dani Vieli ein Interview. Mit dabei war auch Marlene, die Gitarristin von LILIPUT. Wenn man das Interview heute liest, kommt man zum Schluss, dass alle noch sehr aufgewühlt von den Ereignissen waren und das Ganze nicht richtig einordnen konnten. Außer natürlich Dani Vieli, der Annette mit seiner ruhigen, weichen Stimme beeindruckte.

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