SKINNY NORRIS

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Sehr ungewöhnlich für Punk vom Dorf

SKINNY NORRIS, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Gießen, überraschten mich Ende 1992 mit ihrem rundum gelungenen Debutalbum „Yuk", das irgendwo zwischen SAMIAM und MOVING TARGETS gitarrenrockt und somit genau meinen Geschmack trifft. Ich sprach mit Helge, dem Sänger und Gitarristen. Die anderen Bandmitglieder sind Guido (Bass), Gerlinde (Schlagzeug) und Matthias (Gitarre).

Wie war denn das alles damals, bevor ihr plötzlich mit eurer CD auf Bad Moon Records ins Licht der Öffentlichkeit tratet?

Vor der Platte hatten wir rund ein Jahr zusammen gespielt. Guido und ich hatten vorher allerdings schon in zwei seltsamen Bands gespielt, die eigentlich klassische Schülerbands waren. Gefiel uns aber nicht so gut. Irgendwann bekamen wir dann aber die erste SNFU-Platte und „Suffer" von BAD RELIGION in die Finger und wussten: So 'ne Musik muss es sein! Aber da wir vom Dorf kommen, eigentlich so richtige Dorfpunks waren, fanden wir erst nicht die richtigen Leute, um so eine Band zu gründen. Wir hatten zu der Gießener Punkszene keinen Kontakt, obwohl damals schon EUGEN UND DER EFFEKTIVE JAHRESZINS, die frühere Band von Philipp BOXHAMSTER, am Rumoren war. Irgendwie sind wir dann über die Schule in so ne Band eingestiegen, über die wir dann einen Gitarristen fanden. Der nervte aber, so dass wir ihn bald wieder rausschmissen, dafür aber endlich jemand für's Schlagzeug fanden, nämlich Gerlinde, die damals erst 14 war. Die hatte damals kein eigenes Schlagzeug und besitzt auch heute noch keins, weil sie kein Geld hat.

Mittlerweile dürft ihr aber alle Auto fahren, oder?
Ja, Gerlinde ist mittlerweile 18, wir anderen sind auch noch nicht soviel älter, dürfen also alle Auto fahren, Bier trinken und zum Bund gehen - tun wir aber nicht. Naja, dann stieß Matthias zu uns und im Sommer '90 spielten wir endlich unser erstes Konzert. Das ging zwar völlig in die Hose, aber den Leuten schien es gefallen zu haben. Wir zogen uns aber erstmal ein halbes Jahr in den Proberaum zurück, um neue Songs zu schreiben und spielten dann unser zweites Konzert, zusammen mit I.H.SKA, der zweiten Band unseres Gitarristen. Co von den BOXHAMSTERS war auch da und hat uns im Suff angeboten, eine LP mit uns zu machen. Ich hab' ihn dann danach noch etwas genervt, so dass wir dann im Sommer '92 tatsächlich ins Studio gingen und die Platte einspielten.

Seid ihr denn bis dahin mal als Band aus Gießen rausgekommen?
Nee, wir haben eigentlich immer nur in Gießen und Umgebung gespielt, bis auf einmal, als uns die BOXHAMSTERS als Vorband zu einem Konzert mitnahmen.

Und wie seid ihr dann an den Posten als Vorband bei der letztjährigen SAMIAM-Tour ran gekommen?
Alles Beziehungen, was auch unser momentanes Problem ist. BAD COMMUNICATION und wir haben uns zu sehr auf Co und Big Store verlassen. Es lief immer alles über andere Leute, so dass wir selbst uns nie engagieren oder reinhängen mussten und so natürlich keine Erfahrung sammeln konnten. Zu der Tour mit SAMIAM musste uns Daniel von Big Store sogar richtig überreden, was eigentlich unglaublich ist, denn jede andere Band würde sich alle zehn Finger lecken, um mit denen zu touren. Naja, irgendwie kriegen wir eben unseren Arsch immer nicht so recht hoch. Zur Zeit sind wir dabei, selbst mal was geregelt zu bekommen und ich versuche gerade, ein paar Konzerte klarzumachen - was gar nicht so einfach ist! Wir fangen eigentlich wieder bei Null an, haben höchstens durch CD und die Tour einen kleinen Bonus. Wir merken, dass es relativ wenig bringt, im Proberaum zu stehen, sondern dass nur Auftritte einem die nötige Erfahrung bringen. Vor zwei Wochen spielten wir zusammen mit BAD COMMUNICATION in Crailsheim, und das war für uns der Vitaminstoß, den wir brauchten. Es gibt dir einen ungeheuren Kick, wenn die Leute vor der Bühne mitgehen, tanzen, ihren Spaß haben. Ohne Erfolg läuft so eine Band einfach nicht.

Du meintest vorhin, dass ihr aus einem kleinen Dorf kommt. Da macht man aber doch normalerweise andere Musik, oder? Entweder so furchtbaren Uffta-Uffta-Punkrock, oder man versucht sich an ganz plattem Hardcore. Wie kommt es, dass ihr eher an Bostoner Bands wie MOVING TARGETS oder LEMONHEADS erinnert?
Das kann ich dir nicht sagen, dafür habe ich keine Erklärung parat wie „Meine Eltern haben mich sehr früh mit LEMONHEADS in Kontakt gebracht. Ich denke, das kam einfach so, denn zu behaupten, Guido und ich wären zwei besonders herausragende Persönlichkeiten, wäre gelogen. Ich wundere mich selbst, dass BAD COMMUNICATION oder wir, die von den Dörfern kommen, nicht diesen Uffta-Uffta-Punk spielen. Eine mögliche Erklärung ist vielleicht die, dass es schwierig ist, auf dem Dorf anders zu sein - nicht in die Burschenschaft zu gehen und sich zwar auch vollaufen zu lassen, aber nicht da, wo sich die Dorfjugend besäuft, sondern stattdessen in die Stadt zu trampen. Oder vielleicht liegt es ja doch daran, dass meine Eltern nicht volksmusikbesessen sind und auch eher belesen - ich weiß es nicht.

Wie weit ist es denn von euch nach Gießen?
So zehn Kilometer, was ohne eigenes Auto aber eine unüberwindbare Strecke ist. Deshalb: Ein Bier in die Tasche und Daumen raus! Tjaja, so war das früher. Interessant ist, dass es jetzt in einem Nachbardorf einen kleinen Kreis von Leuten gibt, die all diese Bostoner Bands, ein bisschen Ska und Hardcore hören. Sonst gibt es in so Dörfern ja immer nur die üblichen Metal-Cliquen, die nachts im Bushäuschen stehen, sich besaufen und Pentagramme in die Bänke ritzen. Vielleicht liegt es ja an der guten Luft hier bei uns, die die jungen Leute auf den richtigen Weg bringt. Ich wollte aber noch was dazu sagen, warum es auf dem Dorf schwieriger ist, anders zu sein. Wenn du kein Auto hast und in der Stadt niemand kennst, dann hast du gar keine Chance, mit so Szeneleuten in Kontakt zu kommen. An meiner Schule gab es auch niemand, der so drauf war. Deshalb gehen die meisten Jugendlichen hier erst gar nicht das Risiko ein, sich abzugrenzen: Wenn du abstehende oder gefärbte Haare hast, wirst du auf der Kirmes blöd angemacht, also gehst du da nicht mehr hin. Und dann ist es aus mit der Integration, dann gehörst du nicht mehr dazu. Man muss viel aufgeben, um viel zu gewinnen, haha.

Und was macht ihr so? Seid ihr alle Lehrlinge im örtlichen Eisenwarenladen?
Ich mache 'ne Lehre als Industriekaufmann bei einer Baufirma. Ich hatte ein bisschen studiert, aber mir gingen die Leute auf den Sack. Ich hab da nur rumgegammelt, bekam dann Torschlusspanik und fing deshalb die Lehre an. Ich dachte mir, das kann ja nicht so schwer sein, das machst du nebenher, dann kannst du dich auf die Musik konzentrieren - aber es kam doch anders und ich musste feststellen, dass ich für die Lehre ne ganze Menge Zeit investieren muss. Guido, der Bassist, ist Tischler und Schreiner, Gerlinde geht noch zur Schule und Matthias studiert irgendwas mit Wirtschaft.

Den Bandnamen habt ihr offensichtlich von dieser Jugendbuchserie „???" entnommen, die unter dem Namen Alfred Hitchcock erschienen ist und die jeder kennen dürfte.
Wie alle Bad Moon-Bands haben auch wir so nen Kindheitstick. Ich kenne eigentlich niemand, der keine „???"-Hörspielschallplatten zuhause hat. Man lag da immer auf dem Bauch, hat Lego gespielt und im Hintergrund liefen die „???". Skinny Norris war immer der böse, fiese Gegenspieler der drei Nachwuchsdetektive. Bei mir ist es so, dass ich Songs, bestimmte Gitarrenriffs, bestimmte Worte mit Farben assoziiere. Und Skinny Norris war immer eine besonders schöne Farbkombination. Es ist ein wohlklingendes Wort und hat einen bestimmten Bezug zu unserer Vergangenheit, mehr steckt nicht hinter dem Bandnamen. Wirklich neidisch bin ich allerdings auf den Bandnamen SAMIAM, der ist einfach toll. Die hatten früher mal ne Band, die hieß ISOCRACY - I SO CRAZY. Solche lautmalerischen Wortspiele liebe ich. Ich frage mich, ob die wegen der zweiten BEASTIE BOYS-LP, die kaum jemand kennt, auf den Namen kommen, denn da wird gerappt: „SAM IAM...". Außerdem glaube ich, dass Sam ein Synonym für Teufel ist. Auch unsere Songtitel sollen solche Assoziationen auslösen.

SKINNY NORRIS - selbstverliebter Schmusecore?
Ein bisschen selbstverliebt schon: Du stehst auf der Bühne, der Gitarrengurt drückt im Rücken, und fühlst dich gut, feierst dich selbst. Es macht dir Spaß, gibt dir ein gutes Gefühl und deshalb ist es durchaus o.k, ein bisschen selbstverliebt zu sein. Schmusecore? Kaum. Die Platte ist einfach zu schmusig abgemischt, denn die Leute von dem Studio, wo wir aufgenommen haben, machen sonst eher Softrock. Die sind supernett, haben aber noch nie was von MUDHONEY gehört, wissen also einfach nicht, dass Musik so klingen kann. Außerdem waren wir damals noch viel zu unerfahren. Ich wollte damals nur ne Single machen, aber es haben sich andere Leute in der Band durchgesetzt.

Was ist für die Zukunft geplant?
Auf der nächsten Ox-Compilation zu erscheinen, jede Menge Konzerte spielen und längerfristig ne neue Platte machen, aber dafür müssen wir erstmal ein Label finden. Wir sind keine Leute, die glauben, dass wir mit unserer Musik mal Geld verdienen können, aber wir wollen auch nicht versauern. Es wäre einfach schön, wenn bei uns mal jemand anruft, weil er ein Konzert mit uns machen will. Du willst nicht ewig ein Nobody sein.

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