© by Travis ShinnVier Jahre nach ihrem letzten Album melden sich SLEEPING WITH SIRENS endlich zurück und zwar mit einem Album, das visuell und musikalisch sehr an die Anfangsjahre der US-Post-Hardcore-Band erinnert. Im Fuze erklärt Sänger Kellin Quinn, wie es diese Verbindungen auf „An Ending In Itself“ geschafft haben, und was der neue alte Sound für die Band bedeutet.
Als ihr euer neues Album „An Ending In Itself“ angekündigt und auch das Cover veröffentlicht habt, fühlte ich mich irgendwie in meine Teenagerzeit zurückversetzt, denn das Artwork wirkt wie eine Anspielung auf euer Debüt „With Ears To See And Eyes To Hear“. Warum war euch diese Verbindung wichtig?
Ich glaube, das war irgendwie ein Zufall. Meine Absicht bei dem Albumcover war einfach, Bands zu würdigen, mit denen ich aufgewachsen bin, und viele ikonische Alben hatten handgezeichnete Artwork-Elemente. Mich haben immer Menschen angezogen, die tatsächlich Kunst machen, zum Beispiel ein Cover zeichnen, die wirklich kreativ sind. Darauf lag mein Fokus. Und dann kam das Ganze an einen Punkt, an dem uns auffiel, dass es dem ersten Album irgendwie ähnlich sieht, vielleicht sollten wir das also noch ein bisschen stärker ausarbeiten. Das haben wir getan, indem wir die Farben invertiert, aber den Baum als zentrales Element beibehalten haben. Und natürlich haben wir dem Ganzen unseren eigenen Stil verpasst. Es ist großartig, dass Leute eine Verbindung zum Debüt herstellen können, weil es tatsächlich ähnlich aussieht. Aber ehrlich gesagt hat sich das eher zufällig ergeben.
Euer neues Album klingt schon etwas roher, und ich finde, auch wieder deutlich härter als vielleicht verglichen mit den letzten beiden. Ist das so etwas wie eine Renaissance des Post-Hardcore?
Ich weiß nicht. Ich versuche nicht, dafür der Cheerleader zu sein. Ich denke, vieles hat damit zu tun, gewisse künstlerischen Entscheidungen zu treffen. Vieles hat zum Beispiel mit bestimmten Verstärkersounds zu tun. Es hat auch mit den Mitgliedern zu tun, die aktuell in der Band sind. Ich glaube, Tony bringt viel von diesem Post-Hardcore-Sound mit, auch weil er durch seine frühere Band THE WORD ALIVE diese Klangtexturen einfach draufhat. Diese Texturen standen auch auf unseren ersten Alben im Mittelpunkt. Und ich denke, es liegt definitiv daran, dass diesmal zwei Gitarristen zwei unterschiedliche Dinge spielen, während auf den letzten beiden Alben Jack wahrscheinlich sämtliche Gitarrenparts alleine gespielt und dadurch viel von seiner Persönlichkeit eingebracht hat. Das hat viel damit zu tun. Und dazu kommt noch, dass wir unsere Instrumente
vergleichsweise tiefer stimmen, auf Tonarten, die sich für meine Stimme angenehmer anfühlen, was die Musik natürlich auch besonders heavy klingen lässt.
Deine Stimme war schon immer ein zentraler Aspekt von SLEEPING WITH SIRENS, da sie offensichtlich anders klingt als bei den meisten Bands in der Szene. Und ich finde, wir müssen auch über den Titel sprechen, denn „An Ending In Itself“ hört sich ein wenig nach Abschied an, wobei ich hoffe, dass es das nicht ist.
Das habe ich jetzt schon ziemlich oft gehört. Für mich bedeutet der Titel eigentlich nur einen Abschluss einer bestimmten Phase. Ich habe das Gefühl, dass „How It Feels To Be Lost“, „Complete Collapse“ und dieses Album eine Art Trilogie bilden. Sie wirken, als würden sie in derselben Welt existieren. Auch wenn dieses Album eine Verbeugung vor älterem Material darstellt, habe ich das Gefühl, dass sie alle in derselben Landschaft angesiedelt sind. Deshalb stellt es eigentlich das Ende eines Kapitels dar, das diese drei Alben umfasst. Und das nächste, das wir machen, wird sich sicherlich klar davon unterscheiden. Ich glaube nicht, dass wir wieder ins Studio gehen und noch mal etwas aufnehmen könnten, das genau wie diese drei klingt. „An Ending In Itself“ markiert also das Ende von etwas und den Anfang von etwas anderem.
Ich finde es interessant, dass du sagst, dass sich im Studio alles einfach ergeben hat und die ganzen Verweise auf eure früheren Veröffentlichungen nicht beabsichtigt waren. Denn als ich das Album gehört habe, hatte ich den Eindruck, dass ihr den äußeren Druck abgeschüttelt und einfach genau das gemacht habt, worauf ihr gerade Lust hattet. Empfindest du das auch so?
Ja, ich meine, so entstehen die besten Alben. Auch dass „Let’s Cheers To This“ ein so großartiges Album ist, liegt darin begründet, dass wir gerade „With Ears To See And Eyes To Hear“ hinter uns hatten. Ich glaube, wir wollten damals nicht in dieselbe Schublade gesteckt werden wie all die anderen Bands, die vergleichbar klangen. Wobei das Ziel anfangs wahrscheinlich genau das war – ein Album zu machen, das wie diese Bands klingt. So beginnt man schließlich oft: Man orientiert sich an Künstlern, zu denen man aufschaut. Aber „Let’s Cheers ...“ war sehr stark von dem Gedanken geprägt, einfach genau das Album zu machen, das wir machen wollen. Sogar so sehr, dass wir damals eigentlich die Freiheit hatten, alles zu tun, was wir wollten, denn als „With Ears To See And Eyes To Hear“ erschien, wurde es vom Publikum nicht direkt so aufgenommen, wie es heute in Erinnerung geblieben ist. Ich glaube, manche Magazine haben ihm nur einen von vier oder fünf Sternen gegeben. Wir hatten also wirklich nichts zu verlieren. Und diesmal fühlt es sich wieder ähnlich an. Es ist jetzt auch schon unser achtes Album und ich denke, wir haben uns eine wirklich großartige Fangemeinde aufgebaut. Da gibt es Menschen, die unsere Band lieben, die unsere Shows besuchen und unsere Musik richtig großartig finden. Wir haben uns einen sehr loyalen Kreis aufgebaut. Deshalb fühlten wir uns freier, etwas zu veröffentlichen, das wir selbst machen gerne wollten. Wir haben auch mit einem anderen Produzenten gearbeitet, neue Dinge ausprobiert. Und ja, ich habe das Gefühl, dass man nicht ewig dasselbe machen kann. Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man sagt: Okay, wir müssen unseren Fokus verändern. Und genau das haben wir bei diesem Album getan.
Und es gibt darauf auch einen sehr direkten Rückbezug, nämlich im Song „Process“. Da singst du die Zeile: „Sometimes you gotta fall before you fly“, die bereits in „Who are you now“ auf „Let’s Cheers To This“ vorkam. Dadurch wirkt es fast so, als würdet ihr mit diesem Album auch vieles aus der Vergangenheit verarbeiten.
Ja, ich freue mich, dass dir das aufgefallen ist. Ich mag es immer, wenn Bands solche kleinen Rückbezüge einbauen. Und „Process“ fühlte sich in dem Moment wirklich sehr wie eine Hommage an diesen älteren Track an. Es ist eben auch ein Song, den die Leute lieben. Deshalb war es cool, diese Zeile hier einzubauen. Vielleicht können wir ja irgendwann sogar ein Mashup daraus machen, wenn wir ein Konzert spielen. Über solche Dinge denke ich beim Songwriting ständig nach, wie cool es doch wäre, diese beiden Stücke in einem Mashup miteinander zu verbinden. Vielleicht können wir in dieser Richtung irgendwann etwas machen. Was die Neigung zurückzublicken und zu reflektieren angeht: ich glaube, das kommt einfach mit dem Alter. Wenn man jung ist, denkt man nicht über die Zukunft nach. Man hat ja keine Ahnung, dass die Zukunft einmal so aussehen wird, wie sie es schließlich tut. Und wenn man älter wird, schaut man zurück und denkt: Verdammt, das ging wirklich schnell! Also ja, ich denke schon, dass das Album in gewisser Weise eine Form von Reflexion ist.
Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass dieses Album – obwohl du gesagt hast, dass es mit den beiden vorherigen Platten eine Trilogie bildet und somit etwas abschließt – auch irgendwie eine neue Ära von SLEEPING WITH SIRENS einläutet. Ehrlich gesagt fühlt es sich ja fast wie ein Neuanfang an.
Ja, ich habe ein paar Rezensionen dazu gelesen und mir auch verschiedene YouTube-Reaktionen auf die Songs angesehen. Und immer wieder höre ich so was wie: „SLEEPING WITH SIRENS sind zurück.“ Aber wir waren doch nie weg! Wir haben die ganze Zeit Shows gespielt. Wir waren in großartigen Läden zu Gast und es hatten tolle Auftritte. Wir sind gerade zurück von unserer Tour mit PIERCE THE VEIL. Vielleicht ist es ganz gut, dass die Leute das jetzt so wahrnehmen ... Also das ist eben das Besondere am Musikmachen: Man geht ins Studio, macht ein Album, investiert ganz viel Herzblut, Seele und Arbeit. Aber sobald es draußen ist, liegen alle weiteren Entscheidungen beim Publikum. Wenn die Leute also der Auffassung sind, dass „An Ending In Itself“ unsere Wiedergeburt oder was auch immer darstellt, dann nehmen wir das gerne an.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass das auch zu tun hat mit dieser ganzen neuen TikTok-Ära. Da sind so viele junge Menschen, die eure Band gerade erst entdecken, obwohl ihr inzwischen fast acht Alben veröffentlicht habt. Bei PIERCE THE VEIL gab es ja auch diesen riesigen TikTok-Hype, und plötzlich besteht ihr Publikum bei Konzerten fast nur noch aus jungen Leuten. Vielleicht spielt das ebenfalls eine Rolle, einfach weil jüngere Leute euch jetzt erst entdecken.
Ich denke, das ist ein Verdienst dieser ganzen Musikszene, von der Warped Tour und allen diesen Dingen zusammen. Als ich in der Highschool war, habe ich dafür gelebt. Das war die Musik, für die ich gelebt habe. Ich habe Bands wie THE USED und UNDEROATH gehört. Ich wollte unbedingt zur Warped Tour. Ich wollte Teil dieser Szene sein. Ich wollte Bandmerch tragen. Ich wollte Converse mit Dickies-Hosen tragen, weil Tom DeLonge das anhatte. Solche Dinge eben. Deshalb ist es cool zu sehen, dass das immer noch Teil der Kultur ist – vielleicht sogar mehr als zuvor. Irgendwann kommt man in ein Alter, in dem man nicht mehr das hören möchte, was die Eltern hören. Man will auch nicht Radio hören. Man will seine eigene Musik haben und seine eigene Community. Deshalb glaube ich nicht, dass dieser Teil unserer Szene irgendwohin verschwinden wird. Es ist großartig zu sehen, dass junge Leute heute immer noch auf Punkrock abfahren.
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