SLIME: Tex Brasket

Foto

Einfach gute Laune verbreiten

„3!+7hoch1“ ist das zweite SILIME-Album mit Sänger Tex Brasket, der vor fünf Jahren zur Band gestoßen ist. Seitdem erleben SLIME die wohl erfolgreichste Phase ihrer sehr langen Geschichte. Grund genug also, mit Tex auf dieses Zeit zurückzublicken und über das neue Album zu reden.

Tex, du bist seit fünf Jahren Sänger von SLIME. Wie fühlt sich das an? Hat sich dein Leben dadurch sehr verändert?

Seit meiner ersten Audition sind tatsächlich inzwischen fünf Jahre vergangen. Alles hat sich für mich verändert. Nichts ist, wie es mal war. Das kann man wohl so sagen. Konkret lebe ich zum Beispiel schon lange nicht mehr in Berlin, sondern in einer Kleinstadt in Westfalen, wo ich mich sehr wohl fühle. Hier führe ich im Vergleich zu früher ein recht zurückgezogenes Leben. Ich verbringe echt gerne Zeit zu Hause. Fakt ist: Ich habe ein Zuhause. Das ist mehr als der Ort, an dem ich lebe. Wenn ich es nicht verkacke, bin ich gerade mal so richtig irgendwo angekommen. Das ist bestimmt die größte Veränderung, die stattgefunden hat. Bis hierher war es eine spannende Reise, die ich auch in meinem Buch „Dreck und Glitzer“, das im vergangenen Jahr erschienen ist, ausführlich beschrieben habe. Die Tendenz ist bei mir im Moment, dass eigentlich alles immer nur noch geiler wird, sich gut anfühlt, dass es bei kleinerem Auf und Ab immer besser wird. An Tagen, wo es sich vielleicht mal nicht so gut anfühlt, rufe ich mir einfach in Erinnerung, wie geil es gerade ist. Das funktioniert. Ich lerne nach wie vor auch sehr viel, bin im Prozess. Mit der Band, wie auch privat. Und ich bin auf jeden Fall auch viel ruhiger geworden.

Du bist also total in der Band angekommen. Nicht wenige Leute unkten damals, dass du die vermeintlich großen Fußstapfen nicht würdest füllen können, die Diggen hinterlassen hatte. Weil SLIME ohne Diggen, das würde ja mal gar nicht gehen.
Weißt du, ich will als Musiker meine eigenen Fußabdrücke hinterlassen. Was war, war und was unsere Kritiker denken, interessiert mich nicht so sehr. Wir machen als Band sowieso nur noch Sachen, auf die alle richtig Bock haben. Ich habe also meistens das Gefühl, total in der Band angekommen zu sein, aber auch das ist ein Prozess, eine Band zu sein. Wenn ich das Gefühl mal nicht so spüre, dann liegt das Problem meistens bei mir. Ich finde mich irgendwie nach wie vor in die Rolle als Sänger von SLIME rein, weil ich den Anspruch an mich habe, immer noch etwas besser werden zu wollen. Von Stillstand halte ich da nichts. Ich glaube aber, die Band ist ganz happy mit mir. Und auch ich bin happy, einfach nur deswegen, weil ich mit vier unglaublich talentierten, großartigen Kolleg:innen und einzigartigen Menschen Kunst kreieren darf.

Mit „3!+7hoch1“ ist nun euer neues Album raus. SLIME gelten als die prototypische Punkband hierzulande. Wie geht man als Band und deren Sänger mit dem dadurch entstehenden Erwartungsdruck um?
Es war zunächst einmal wichtig, sich einzugestehen, dass einfach Druck da ist. Und genau das ist die spannende Herausforderung: Den Druck rauszunehmen und einfach kreativ sein. Dass da ein rosa Elefant namens Erwartungsdruck auch noch nach fünf gemeinsamen Jahren und zwei gemeinsamen Alben im Raum steht, wird ausgesprochen. Und weil er da nun für alle sichtbar steht, können wir mit ihm umgehen und ungezwungen kreativ sein. Das neue Album entspringt jedenfalls einem spannenden Entstehungsprozess.

Macht ihr euch den Druck selbst oder kommt er von außen?
Lass es uns besser gar nicht Druck nennen, wenn ich so darüber nachdenke. Das klingt viel zu drastisch und dramatisch. Lass es uns eine Herausforderung nennen, ein geiles zweites gemeinsames Album zu schreiben. Den Anspruch stellen wir an uns selbst. Das jetzt noch irgendwer sagt, nun sind SLIME aber wirklich nicht mehr SLIME, das glaube ich nicht. Wer meckern wollte, hat es nach dem ersten Album getan. Es waren nicht viele Menschen, aber ein paar, die hatten was zu meckern. Dafür kamen viele neue Fans hinzu ... Deshalb spüre ich selbst mittlerweile auch eigentlich keinen dramatischen Druck mehr, wenn ich nach vorne blicke.

Lass es mich noch mal aufgreifen: Ihr macht nur noch, worauf ihr Bock habt. Habt ihr euch auf „3!+7hoch1“ noch mal neu erfunden?
Die Menschen, die das Album hören, sollen sich selbst einfach möglichst unvoreingenommen einen Eindruck machen können. Da will ich gar nicht so viel vorwegnehmen. Ein großer Unterschied zum letzten Album ist, dass wir dieses Mal mit einem Produzenten, Jörg Umbreit, zusammengearbeitet haben und nicht einfach nur ein Master abgegeben haben. Jörg hat das großartig gemacht und viel Einfluss auf das Album genommen. Er bringt sehr viel Erfahrung mit und holt das Beste aus einem raus und bietet ein sehr professionelles Umfeld. Was meinen Part, die Vocals, angeht, entstand eine sehr angenehme, weil produktive Reibung zwischen uns. Die Stimmung in der Band bei den Aufnahmen war viel entspannter als beim ersten Album. Wir sind alle immer sehr gerne zu den Sessions angereist. Wir haben es in Drei-Tage-Blöcke eingeteilt, damit es auch nicht zu viel wird, und ganz entspannt gearbeitet. Es war insgesamt einfach ein runderer Prozess. Allein schon weil ich wusste, was ich tue und was ich alles machen kann. Das musste ich ja beim ersten Album erst noch lernen. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass ich bei den aktuellen Aufnahmen wusste, wie es ist, mit der Band zu performen. Das ist wichtig für mich beim Songwriting. Ich konnte mir jetzt eine Vorstellung davon machen, wie es für mich sein würde, die neuen Songs live zu spielen. Wir hatten ja erst nach Veröffentlichung der „Zwei“ gemeinsam live zu spielen begonnen. Bei den Aufnahmen zum ersten Album hatten wir auch Spaß, aber der Prozess war etwas zäher. Jetzt hat es noch einmal viel mehr Spaß gemacht und es war eben sehr entspannt. Spaß hat es auch deshalb gemacht, weil wir uns anders als beim ersten Album nicht mehr die Frage stellten, ob wir mit dem, was wir tun, eigentlich durchkommen. Dieses Mal war die Haltung eher: Lass uns mal gucken, ob wir auch „damit“ durchkommen. Wir haben unter anderem mal einen Drumcomputer oder ein Tamburin eingesetzt.

Wie hat sich deine Rolle im Prozess im Vergleich zum ersten Album konkret verändert?
Mit „Rotterdam“, das ist eine Bonnie-und-Clyde-Nummer, ist dieses Mal nur ein Song von mir dabei, den ich schon vor SLIME gespielt habe. Ich habe mich voll auf die Lyrics konzentriert und den Gesang, aber keine weiteren Kompositionen beigesteuert. Ich spiele auch keine Gitarrenparts auf „3!+7hoch1“. Elf hat mir die vorläufigen Musikstücke zugeschickt und ich habe die Texte dazu geschrieben. Elf ist ein unglaublich versierter Komponist, mit dem ich sehr gut kreativ zusammenarbeiten kann. Wir haben uns die Bälle jeweils wunderbar zugeworfen. Es hat sich so was wie ein blindes Verständnis füreinander entwickelt. Die eigentlichen Songs sind dann aber zu fünft gemeinsam im Studio entstanden. Da haben alle ihre Ideen eingebracht. Ich hatte so ein großes Vertrauen in das Gelingen des kreativen Prozesses und war weniger verbissen als sonst. Oft musste ich schon zu Anfang wissen, wie der fertige Song hinterher klingen sollte. Ich habe also viel in Sachen Songwriting gelernt. Ich bin sehr stolz auf uns alle.

„3!+7hoch1“ ist ein sehr politisches, aber auch ein sehr persönliches Album. Welche Themen bewegen euch gerade besonders?
Wie es um die Menschen und die Menschheit steht, das bewegt uns. Schau dir allein die Entwicklung der internationalen Beziehungen an. So viele Kriege und Terror auf der Welt. Soziale Ungerechtigkeiten, ein zunehmend erfolgreich geführter Kulturkampf von rechts. Entfesselter Neoliberalismus. Die stetige Verrohung der zwischenmenschlichen Beziehungen, weil alle glauben, dass die Endzeit begonnen hat. Jeder für sich und alle gegen alle. Diese Entwicklungen schlagen sich in unseren Songs nieder. Es steckt also viel Wut, Besorgtsein und Angepisstheit in dem Album, sonst wäre es wohl auch kein SLIME-Album. Weil die Verhältnisse nach wie vor so scheiße sind, wurde uns auch Humor immer wichtiger, um das alles besser ertragen zu können, und Lebenslust, die wir der Ohnmacht entgegenstellen. Einfach mal gute Laune verbreiten. Das wollten wir eben auch erreichen. Denn wenn es unserer verbissenen Szene an einem mangelt, dann an fucking Humor. Als Band humorvoll sein zu können, das ist auch eine gute Erfahrung.

Kann und will man in Zeiten von komplexen Krisen: Klima, Kriege in Nahost, im Sudan und in der Ukraine etc., anders als früher in den Texten noch konkrete Antworten geben?
Erst mal muss man sich eingestehen, dass man meist keine schnellen Antworten hat. Ich habe oft ein Problem damit, direkt Partei zu ergreifen oder mich zu solidarisieren, gerade weil viele Konflikte so hochkomplex sind. Gut und Böse sind nicht immer leicht zu unterscheiden. Für mich ist Menschlichkeit der Gradmesser für die Bewertung und Positionierung in Konflikten. Mit geht es um die Menschen, um die Zivilisten. Ich will mich zum Beispiel nicht mit einer Sache solidarisieren, die ich noch nicht richtig verstanden habe. Ich will mich auch vor keinen Karren spannen lassen. Sind es vielleicht doch einfach alles Schweine, die sich da gegenseitig bekämpfen? Oder werden die meisten Kämpfenden von noch viel größeren Schweinen dazu gezwungen? Je älter ich werde, desto mehr stelle ich fest, dass viele Menschen keine Ahnung haben, wovon sie reden, dafür aber sehr viel Meinung. Einfach mal die Fresse halten, wenn man keine Ahnung hat, und sich informieren, das ist mein Standpunkt. Deshalb stelle ich lieber Fragen, als vorschnelle Antworten zu geben.

Wie gut oder schlecht funktionieren heute die alten Songs und Texte noch? Wie diskutiert ihr das als Band?
Die alten Sachen, die wir spielen, funktionieren. Die machen Bock. So einfach ist das. Alte Songs, auf die sich nicht alle verständigen können, spielen wir nicht. Wir diskutieren also darüber, was noch passt und was nicht, aber ein großes Thema ist das nicht. Die Songs, die SLIME als Teenager geschrieben haben, würden heute wohl zum großen Teil nicht mehr so ohne Weiteres passen. Aus manchen Songs ist die Band einfach herausgewachsen, aber das können Elf und Christian viel besser beantworten, als ich das könnte. Diese Songs sind häufig so alt wie ich oder älter.

Wie geht ihr mit vereinfachten populistischen Slogans um, die auch in unsere Szene hineinwirken?
Weil wir in der Band nicht immer einer Meinung sind, geben wir uns wirklich Mühe zu diskutieren. Standpunkte, die wir als Band rausgeben, werden von allen geteilt. So hoffen wir keinen Anteil daran zu haben, billigen Populismus zu spreaden. Und was die Leute in der Szene so erzählen, erzählen sie eben. Dazu haben wir vielleicht eine Meinung, aber das müssen wir dann nicht öffentlich kommentieren. Und wo das nicht gilt, sprechen unsere Songs eine klare Sprache.

Hat sich nach deiner Beobachtung mit der Band auch das Publikum verändert, das zu den Konzerten kommt?
Es kommen immer noch erstaunlich viele Kids zu unseren Konzerten. Aber das war eigentlich immer schon so, sonst gäbe es SLIME wahrscheinlich längst nicht mehr. Auch die Älteren kommen nach wie vor. Wir hatten schon Opas mit ihren Enkeln auf Konzerten. Die Generationen haben sich auf unseren Konzerten aber insgesamt noch etwas mehr gemischt. SLIME haben immer noch was zu sagen und sprechen Jung und Alt an.

Zum Schluss: Welcher ist dein Lieblingssong auf dem neuen Album?
Das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich bin mit dem Album so happy, weil es so vielseitig ist, dass ich gar keinen Song hervorheben wollte. Spontan würde ich mich aber, wenn ich muss, auf „Wer du bist“ festlegen.

Anzeige