SPRINTS

Foto© by David Willis

Straight to hell

Holy Moly! Erst 2024 bekam das irische Post-Punk-Quartett SPRINTS für sein Debütalbum „Letter To Self“ in US- und UK-Medien reichlich positive Aufmerksamkeit, kaum ein Jahr später legen sie mit frisch besetztem Gitarristenposten einen bunten Strauß an melodischem, sozialkritischem Lärm nach: „All That Is Over“. Wie trotz ausgiebiger Tour so schnell so viele neue Ideen zusammenkommen? Frontfrau Karla Chubb, Gitarrist Zac Stephenson und Schlagzeuger Jack Callan erklären.

Es gab einige tiefgreifende Veränderungen nach eurem Debütalbum, unter anderem hat Zac euren Gitarristen Colm O’Reilly abgelöst. wie kam es dazu?

Karla: Colm hat die Band im April 2024 verlassen, als wir gerade kurz vor dem Ende einer dreimonatigen Tournee standen. Er wollte einfach ein Leben führen, in dem ihn Musik nicht vollständig in Anspruch nimmt, denn wenn du das hier hauptberuflich machst, bestimmt Musik so ziemlich dein ganzes Leben. Damit war er nicht wirklich glücklich, obwohl die Band an sich ihm schon Spaß gemacht hat. Zac kannten wir schon ein wenig aus der Dubliner Musikszene. Er hatte Colm auch schon mal für einen Gig vertreten, wir hatten also schon einmal mit ihm gespielt und wussten, dass das grundsätzlich passt. Deswegen haben wir ihn einfach gefragt, ob er schnell einspringen kann, weil wir einen vollen Festivalplan hatten. Und das hat dann auch top funktioniert, wir verstehen uns alle super gut, er ist ein fantastischer Gitarrist und ein netter Kerl. Und ja, es war irgendwie seltsam, wir kannten ihn ja noch nicht so lange, aber es hat sich angefühlt, als wären wir schon seit Jahren befreundet.

Zac, war das nicht ziemlich hart, innerhalb so kurzer Zeit neue Songs lernen zu müssen und direkt mit der Band aufzutreten?
Zac: Ja, das war schon eine echte Feuertaufe, ziemlich beängstigend. Aber es lief echt gut, wir verstehen uns bestens und alles hat richtig Flow. Als ich gefragt wurde, habe ich auch gar nicht groß darüber nachgedacht, mein erster Gedanke war einfach: Oh, toll, ich bin dabei! Klar, alles ist irgendwie neu, aber das gehört dazu. Ich hatte ja auch schon vorher viel live gespielt, das hat auf jeden Fall geholfen.

Ihr seid mit eurem Debüt ziemlich groß durchgestartet, es gab einen richtigen Hype um euch. Was hat das bei euch als Band ausgelöst?
Karla: Wenn du selbst im Zentrum des Ganzen stehst, lebst du dein Leben einfach so weiter, wie es gerade kommt. Aber ja, es hat uns natürlich schon einige Türen geöffnet, wir konnten viel mehr Touren. Und wir sind eine richtig gute Live-Band, haha. Vielleicht haben wir alle irgendwie eine Macke, jeder von uns ist gerne mit der Band unterwegs. Das Schönste daran ist, dass wir nicht nur mit City Slang zusammenarbeiten dürfen, einem Label mit so vielen Künstlern, die wir bewundern, sondern für den US-Markt nun auch mit Sub Pop. Für den Musikfan und den kleinen Teenager in uns fühlt sich das einfach großartig an. Wir sind, glaube ich, eine der wenigen irischen Bands, mit denen Sub Pop je zusammengearbeitet hat. Darüber sind wir einfach nur sehr glücklich und echt gespannt, wie sich das alles weiterentwickelt. Für unser zweites Album ist das jedenfalls schon mal ein ziemlich gutes Omen.
Jack: Ich erinnere mich noch gut, als „Letter To Self“ rauskam. Wir waren alle sehr zufrieden mit dem Album und haben natürlich auch gehofft, dass es gut ankommt. Aber als es dann erschien und wirklich in den USA von Magazinen wie Stereogum und anderen großen Namen positiv besprochen wurde, waren wir doch ziemlich überrascht. Wir haben uns gefragt: Was zum Teufel passiert hier gerade? Damit hatten wir wirklich nicht gerechnet. Aber ja, wie Karla gesagt hat, sind wir dann direkt in drei Monate Tour gestolpert. Du hast für einen Moment dieses verrückte Gefühl und dann denkst du: Okay, weiter, Shows spielen. Die ganze Zeit, bis es schon fast wieder vergessen ist.

„All That Is Over“ spricht viele aktuelle gesellschaftliche Themen an. Wo steuern wir da eurer Meinung nach gerade hin?
Karla: Verdammt, direkt in die Hölle, haha. Nein, mal ganz im Ernst. Ich glaube, wir stehen möglicherweise vor einigen sehr schwierigen Jahren. Geschichte verläuft ja, wie auch das Leben selbst, zyklisch, große Entwicklungen wiederholen sich immer wieder. Unsere Generation gehört zu denen, die schon eine ganze Reihe prägender „Once in a lifetime“-Ereignisse erlebt hat. Stellt sich die Frage, wie viele wir noch verkraften können, Corona, Gaza, Umweltkatastrophen und das Erstarken rechter Kräfte, das sind schon heftige Nummern. Aber vermutlich stehen uns leider noch weitere herausfordernde Zeiten bevor. Gleichzeitig sehe ich aber auch eine Phase kommen, in der viele gute, reflektierte Menschen Gehör finden und Kunst und Wissenschaft neuen Auftrieb bekommen. Hoffentlich sind die positiven Kräfte am Ende so stark, dass sich das Gute durchsetzen kann.
Jack: Meine größten Einflüsse beim Schreiben des Albums waren SciFi-Geschichten, Spiele, Bücher, Serien und so weiter. Am meisten beeindruckt und gleichzeitig erschreckt hat mich aber das Buch „Die Parabel vom Sämann“ von Octavia Butler. Es wurde Ende der 1990er geschrieben, spielt aber im Jahr 2024. Ich habe es Anfang 2024 gelesen und obwohl es kein Horrorroman ist, war es wahrscheinlich das Unheimlichste, was mir je untergekommen habe. Nicht wegen irgendwelcher klassischer Splatterhorrorschockmomente, sondern weil die Geschichte thematisch so nah an vielen Dingen ist, die gerade wirklich passieren, dass man sich nur denkt: Oh Mann, wir sind so am Arsch. Aber hoffentlich gibt es da draußen vielleicht doch noch eine gute Zukunft.

Welchen Einfluss haben Rechtspopulisten aktuell in Irland?
Karla: In den letzten Jahren ist das Thema auf jeden Fall deutlich präsenter geworden. Wegen der kolonialen Geschichte Irlands hatte es die extreme Rechten ja in der großen Politik lange schwer, wirklich Fuß zu fassen. In letzter Zeit gibt es aber wesentlich sichtbarere Proteste gegen Einwanderung. Das ist natürlich nichts, was man sich wünscht, aber es spiegelt Entwicklungen wider, die in vielen Teilen der Welt zu beobachten sind: Rechtsextreme Hetzer sprechen gezielt Menschen aus der Working Class an. Was jetzt nicht heißt, dass mit dem Finger auf diejenigen gezeigt werden sollte, die sowieso schon marginalisiert sind. Aber ja, es ist eindeutig schlimmer geworden und die Spirale dreht sich weiter.

Unter euren aktuellen YouTube-Videos finden sich einige üble Anti-Wokeness-Kommentare. Wie geht ihr damit um?
Karla: Darüber zu lachen ist ja oft der einzig sinnvolle Weg. Manche Bemerkung zu den Videos, die wir mit Drag Queens gedreht haben, könnte ja eins zu eins aus dem Handbuch von Donald Trump stammen, es ist einfach so absurd. Klar, es kann dich trotzdem verletzen, aber wenn es so offensichtlich ist, dass jemand nur Phrasen nachplappert oder vielleicht sogar ein von Elon Musk finanzierter Bot dahintersteckt, nicht unbedingt. Solche Leute sollen einfach keinen Einfluss auf mein Leben haben. Also bleibt am Ende wirklich nur, darüber zu lachen.

Karla, du bist als Frau Teil einer nach wie vor sehr männerdominierten Musikwelt. Welche Erfahrungen hast du in diesem Zusammenhang bisher gemacht?
Karla: Gemischte. Klar bewegen wir uns in einem sehr männergeprägten Genre, und da kannst du – nicht nur als Frau – schnell vom Imposter-Syndrom überwältigt werden, an dir zweifeln oder dich darauf fokussieren, welche unangenehmen Dinge anderen erspart bleiben. Bei diesem Album habe ich aber bewusst versucht, den Fokus auf das Positive zu legen. Ich habe mittlerweile akzeptiert, dass ich bin, wer ich bin, warum sich also Stress machen? Wie ich wahrgenommen oder beurteilt werde, liegt nicht in meiner Hand. Mein Mantra dazu ist: Scheiß drauf, sie werden lästern, mich kritisieren, meinen Körper kommentieren oder Anti-trans- und anti-feministische Bemerkungen abgeben. Aber warum sollte ich dem unnötig Raum geben? Lieber ziehe ich mein Ding durch, gehe raus, mache weiter. Denn am Ende sind wir hier, um Musik zu spielen, unser Leben bestmöglich zu leben und andere zu inspirieren, die Musikszene weiter aufzumischen und den Trend zu mehr Frauen- und Nicht-Männer-Kunst voranzutreiben.

Musikalisch ist das Album meiner Meinung nach deutlich breiter aufgestellt als der Vorgänger.
Karla: Unser Sound ist jetzt definitiv breiter gefächert, Zac ist da sicher die naheliegendste Erklärung: Er hat als neues Bandmitglied frischen Wind reingebracht. Gleichzeitig lassen wir uns, wie Jack schon erwähnt hat, stark von Dingen außerhalb der Musik inspirieren, von Büchern, Serien, Videospielen, Filmen und auch von dem, was gerade in der Welt passiert. Dieser Drang, dem Alltag zu entfliehen, oder der ziemlich dystopischen Realität, in der wir leben, hat zu neuen musikalischen Experimenten geführt. Wir haben außerdem alle selbst viel spannende Musik gehört. Für mich waren zum Beispiel MANNEQUIN PUSSY, MASSIVE ATTACK, PORTISHEAD und THE DANDY WARHOLS prägend, die anderen haben noch mal zusätzliche Anregungen mit eingebracht.
Zac: Ein großer Einfluss für mich waren JESUS LIZARD, diese kantigen Industrialgitarren. Daneben habe ich auch viel Surfrock und Rockabilly gehört, vor allen Dingen das großartige LEE HAZLEWOOD’S WOODCHUCKS-Album „Cruisin’ For Surf Bunnies“, ein Instrumental-Surf-Album aus den 1960ern, das mich unglaublich gepackt hat. Und die CRAMPS haben definitiv auch ihre Spuren hinterlassen.

Ziemliche Gegensätze, die da aufeinanderprallen. Wie habt ihr diese Unterschiede klanglich und inhaltlich einfangen können?
Karla: Mit der Sonnenbrille auf der Autobahn cruisen, dieses Roadtrip-Gefühl wollten wir mit diesem Album eintüten. Mit so einer Art „Cowboy-Gothic“, haha. Dazu haben wir viel mit verschiedenen Pedalen und kleinen Spielereien gearbeitet, zum Beispiel mit unterschiedlichen Slide-Techniken, vor allem am Anfang von Songs. Ich liebe diese kleinen Momente, in denen alles in einem Meer aus Lärm versinkt. Mein absolutes Lieblingspedal war auf diesem Album wieder das Swollen Pickle [Fuzz], allein schon wegen des Namens. Ich habe es im Black Box-Studio bei der Aufnahme zu unserem ersten Album kennen und lieben gelernt, und wir haben es bei richtig vielen Tracks eingesetzt. Außerdem gibt’s da noch Moose Electronics, einen irischen Pedalhersteller, der alles in Handarbeit macht und nur sehr kleine Stückzahlen produziert. Ich glaube, wir haben alle mindestens ein Pedal von ihm. Ich selbst habe das Cosmic Tremorlo [sic!], das Cosmic Trigger und noch ein Distortion-Pedal. Die Teile sind wirklich wunderschön, klanglich und optisch. Ganz frisch ist mein neuestes Spielzeug, der Slow Multi-Texture Reverb von Walrus Audio. Ich habe ihn erst gestern bekommen und ganz ehrlich, das ist einfach der heiße Scheiß schlechthin. Ich hab sofort einen Song damit geschrieben, ich konnte gar nicht anders. Der Sound ist wirklich wunderschön, ein vielschichtiger Hall, mit dem man Töne ewig halten kann, über die man dann weiterspielt. Aber das ist ja noch Zukunftsmusik.

Eine ordentliche Portion Ironie könnte vielleicht auch zum doppelten Boden
Karla: Ich mag es eben, ein bisschen für Aufruhr zu sorgen. Es muss einfach immer eine Ebene geben, die über das Offensichtliche hinausgeht. Trotzdem – oder gerade deswegen – können so relevante negative, aber auch positive Themen wie Queerness, Freude, Liebe, Glück angesprochen werden.

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