
Finnland - ein Staat irgendwo am Arsch der Welt, zwischen Polarkreis und Russland. Helsinki, die Hauptstadt, ist einem von Namen her noch geläufig, aber das war's dann auch. Was man weiß von diesem Land, das ist geprägt von Aki Kaurismäkis düsteren Filmen: Graue Landschaften, graue Städte, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, Frustration überall. Der kulturelle Beitrag scheint des Landes scheint sich auf eben jene Filme und die Leningrad Cowboys zu beschränken. Das kann aber doch nicht alles gewesen sein, oder? Ich unterhielt mich Anfang Mai mit Joose, dem Betreiber des finnischen Stupido Twins-Labels, der die mittlerweile ja auch hier bekannten WALTARI entdeckte.
Und, den Mai-Feiertag gut überstanden?
Naja, es war recht anstrengend. Hier ist es Tradition, sich am Tag vorher mit seinen Freunden zu treffen und ordentlich einen zu trinken. Am Feiertag selbst geht es dann so weiter und man setzt noch einen drauf, hehe.
Von der wirtschaftlichen Lage Finnlands her gibt es am Tag der Arbeit aber eigentlich nicht viel zu feiern, oder?
Stimmt. Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem, gerade unter den jungen Leuten. Die Arbeitlosenquote liegt im Augenblick bei rund 20%, und mit 30% ist sie bei den Jüngeren sogar noch höher.
Genug Protestpotential also für Punk- und andere Rockbands.
Ja, ich denke schon. Punkrock erlebt in Finnland gerade eine Renaissance, und die wirtschaftliche Lage ist sicher auch ein Grund dafür. Viele alte Punkbands haben sich reformiert und jede Menge neuer Punkbands schießen wie die Pilze aus dem Boden.
Was sind denn die bekanntesten Punkbands in Finnland?
Von den alten Bands sind das LAMA, deren erstes Album wir als CD wiederveröffentlicht haben. Lama ist finnisch und heißt soviel wie Regression, was ja auch wieder passt. Die Band existiert zwar nicht mehr, ist aber nach wie vor sehr beliebt. Dann gibt es einen Typ namens Pelle Milliona, der auch sehr beliebt ist und schon seit 15 Jahren in der Punkszene ist.
Zwei Bands, die mir spontan einfallen, sind CMX und RADIOPÜHELIMET.
CMX haben sich in den letzten Jahren von ihren Punk- und Hardcorewurzeln wegentwickelt und gehen die Sache jetzt etwas künstlerischer an. Ihre Songs sind viel langsamer geworden, sie verwenden sehr viele Geigenklänge und machen sowas wie „Schamanenrock". RADIOPÜHELIMET gibt es nach wie vor und sind wohl die bekannteste Hardcoreband Finnlands.
Und was für Bands gibt es sonst noch, die vielleicht auch Leute im Ausland interessieren könnten?
Für mich ist es schwer, das zu entscheiden, aber ich denke, dass WALTARI, 22-PISTEPIRKO und LENINGRAD COWBOYS die bekanntesten Bands sind. Die haben aber auch Plattenfirmen in Zentraleuropa hinter sich, was ihnen sehr hilft. WALTARI und 22-PISTEPIRKO sind natürlich auch hier in Finnland die bekanntesten Independentbands, während die LENINGRAD COWBOYS hier noch viel größer sind.
Was für Bands sind denn noch so angesagt?
LENINGRAD COWBOYS natürlich, dann verschiedene typisch finnische Bands, die auch auf Finnisch singen. Die haben wegen der Sprachbarriere aber auch gar keine Chance, jemals außerhalb Finnlands zu spielen. EPONORMALI beispielsweise spielen seit 15 Jahren zusammen und fingen als die „RAMONES von Finnland" an. Heute sind sie mehr die DIRESTRAITS von Finnland. Eine andere Band namens KOLOM ASNEINEN (oder so ähnlich), was auf Englisch soviel heißt wie „The Third Woman", macht einen ganz ähnlichen Sound. Dann gibt es natürlich viele Solo-Künstler, die aber niemanden außerhalb Finnlands interessieren.
Wird die finnische Musikszene denn von einheimischen Bands oder von amerikanischen und englischen Bands beherrscht, wie in jedem anderen Land auch?
Es ist ziemlich erstaunlich, dass hier in Finnland rund 50% aller verkauften Platten von finnischen Bands verkauft werden. Im Vergleich mit dem Anteil deutscher Bands an den Verkäufen in Deutschland ist das ziemlich viel. Die finnische Musikszene ist dementsprechend lebendig, und es gibt jede Menge kleiner Plattenfirmen. Problematisch ist aber die wirtschaftliche Lage mit der hohen Arbeitslosigkeit, denn das bedeutet, dass gerade die Jugendlichen nicht viel Geld haben, um Platten zu kaufen. Die Mehrzahl der Platten, die hier verkauft werden, kommen deshalb auch aus der „Adult Rock" oder Soft-Rock-Ecke sowie „Schlagers“.
Heißt das tatsächlich „Schlagers"?
Ja, bei uns heißt diese Musikrichtung tatsächlich „Schlagers" - und es sind auch Schlager. Wir verwenden das deutsche Wort.
Wie groß ist denn die finnische Underground-Szene? Finnland ist ja von der Einwohnerzahl her ein ziemlich kleines Land und außer Helsinki fällt mir jetzt keine größere finnische Stadt ein.
Die ganzen Majorlabels haben natürlich Büros in Helsinki, und dann gibt es zwei finnische Label - eins in Helsinki, eins in Tampere -, die vor allem Rockbands unter Vertrag haben. Die könnte man in internationalen Dimensionen als Indie-Labels bezeichnen, aber wir nennen sie Majorlabels, da sie um so vieles größer sind als die wirklichen finnischen Indie-Labels. Eines davon heißt Poko Records, die kommen aus Tampere, das andere heißt Megamania und sitzt in Helsinki. Dann gibt es in Helsinki unser Label, Stupido Twins, sowie unser Sublabel namens Twinhead, auf dem wir versuchen, so Sachen wie Acid Jazz oder Schlagers zu verkaufen - ohne großen Erfolg, wie ich zugeben muss. In Tampere gibt es dann noch ein Label namens Hiljaset Levit (oder so ähnlich) Records. In einem kleinen Ort zwischen Helsinki und Tampere sitzen Gagadu Disc, und aus Vaasa, das ist an der Küste, kommen Kroklund, die sich auf Punkrock spezialisiert haben. Das fünfte große Indie-Label schließlich ist Bad Vugum aus Oulu, die sich auf alles Lärmige spezialisiert haben. CMX und RADIOPÜHELIMET waren bei Bad Vugum, bevor sie zu größeren Labels wechselten. Ansonsten gibt es noch ein paar kleine Labels, die aber nicht regelmäßig Platten rausbringen.
Konzentriert sich denn dann das Szeneleben auf die beiden größten Städte Helsinki und Tampere?
In Turku, der drittgrößten Stadt, gibt es ebenfalls ein paarClubs. Und in den verschiedenen finnischen Universitätsstädten gibt es natürlich auch noch mindestens einen Club.
Aber was die Europatouren all der US-Bands betrifft, so wird Finnland ja komplett links liegen gelassen.
Ja, wir sind hier relativ abgeschnitten. Aber wenn du auf eine Landkarte schaust, dann weißt du, dass es dafür gute Gründe gibt. Finnland ist vom Meer umgeben und grenzt im Süden an Russland. Bands aus dem Ausland verlieren deshalb viel Zeit und Geld, wenn sie nach Finnland kommen, da die Anreise schon sehr kompliziert und langwierig ist und sie außer in Helsinki auch nirgends auftreten können.
Und? Findest du das gut oder schlecht?
Ich würde natürlich gerne viel mehr ausländische Bands sehen, aber für unsere einheimische Szene ist es natürlich gut. Unsere Bands haben so größere Chancen und es ist wohl auch der Grund, weshalb es hier so viele Labels und Bands gibt. Im Gegensatz zu Stockholm oder Kopenhagen findet in Helsinki eben nicht jeden Abend ein Konzert statt.
Habt ihr denn gute Kontakte zu den baltischen Staaten und zu Russland, nachdem Mitteleuropa ja recht weit weg ist?
Generell nicht übermäßig viele Kontakte, aber unser Label hat sehr gute Verbindungen nach Estland und Litauen. Wir haben auch Platten von den beiden estländischen Bands J.M.K.E. und RÖÖVEL ÖÖBIK veröffentlicht sowie eine CD-Compilation namens „Balts Bite Back" mit Bands aus allen drei baltischen Staaten, bei der wir mit einem litauischen Label namens Zona zusammengearbeitet haben. Außerdem haben wir Freunde in St. Petersburg und Moskau, aber mit denen machen wir eigentlich keine Geschäfte, denn sie haben einfach kein Geld.
Wer steckt denn hinter Stupido Twins?
Ich mache das Label zusammen mit meinem Freund Jorma, und außer uns beiden arbeitet hier niemand. Ich bin eigentlich noch Student, denn leben können wir von unserem Label noch nicht. Ich bin 29, Jorma34 und wir schlagen uns irgendwie durch. Außerdem schreibe ich noch für ein Musikmagazin hier in Finnland, und Jorma arbeitet in einem Hotel. Gegründet haben wir das Label vor fünf Jahren.
Das Finnlandbild der meisten Leute dürfte von den Filmen Aki Kaurismäkis geprägt sein. Wie viel davon stimmt denn, und was daran ist falsch?
Für mich ist das klischeehafter Schwachsinn. Ich hasse seine Filme und gehe auch nicht in seine Bar. Er hat nämlich in der Nähe meiner Wohnung eine Kneipe, aber ich gehe da nie hin, weil ich jemandem, der solche Filme dreht, nicht auch noch mein Geld in den Rachen werfen will.
Warum magst du die Filme denn nicht?
Ich denke, in ihnen wird ein falsches Bild von den Finnen verbreitet. Man könnte meinen, alle Finnen sind depressive Alkoholiker, die nur an Selbstmord denken.
Wie sieht das Leben in Wirklichkeit aus?
Das Leben hier in Helsinki unterscheidet sich nicht groß vom Leben in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Natürlich leben nicht alle Finnen in Helsinki und viele Leute leben in kleinen Städten, die tatsächlich recht deprimierend wirken können aber nicht so deprimierend, wie es Aki Kaurismäki aussehen lässt. Der Durchschnittsfinne unterscheidet sich also nicht großartig von den anderen Europäern. Ich muss allerdings zugeben, dass ich froh bin, im Großraum Helsinki mit seinen rund einer Million Menschen zu wohnen, und nicht irgendwo anders im Land.
Wird sich denn für euch als Label was ändern, wenn Finnland in der EU ist?
Nicht viel, außer dass es einfacher wird, Geschäfte mit Leuten innerhalb der EU zu machen. Der ganze Steuerkram ist nämlich bisher ziemlich kompliziert.
Und was habt ihr als Label in nächster Zeit vor?
Unsere aktuellen Releases sind LAMA und GREENHOUSE A.C. Wir sind leider immer knapp bei Kasse, weshalb wir uns sehr genau überlegen müssen, was für Platten wir rausbringen.
Was verkauft ihr denn für Stückzahlen ? Finnland ist nicht allzu groß, also ist das Käuferpotential recht beschränkt.
Vor der Rezession waren 1.000 Platten eine Stückzahl, bei der ein Indielabel glücklich war. Jetzt sind die Leute schon mit 500 zufrieden. Glücklicherweise gibt es aber auch ein paar Ausnahmen, wie etwa KLAMYDIA, die sowas wie die finnische Antwort auf die RAMONES sind und von deren letzter Platte wir rund 10.000 Stück verkauft haben. Die waren hier sogar in den Top Ten! WALTARI, die heute bei Roadrunner sind, waren früher unsere bekannteste Band, und deren alte Platten verkaufen sich auch ganz gut. Ansonsten bin ich schon glücklich, wenn ich hier 500 und außerhalb Finnlands noch mal 200 Platten verkaufen kann.
Interessiert sich denn außerhalb Finnlands überhaupt jemand für finnische Bands, von den eingangs erwähnten bekannten Bands mal abgesehen?
Im Augenblick läuft es ganz gut, und wir bekommen jede Menge Post aus Deutschland, gerade auch von Labels. Wenn unsere Bands auf Tour gehen, dann spielen sie immer auch in Deutschland und kommen dort ganz gut an. Seit diesem Jahr arbeiten wir auch mit Vielklang in Berlin zusammen, die neulich eine Compilation mit finnischen Bands herausgebracht haben. Ich bin auch überzeugt, dass wir vom musikalischen Potential unserer Bands her wirklich gute Chancen haben, im restlichen Europa Leute für unsere Bands zu begeistern.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #18 III 1994 und Joachim Hiller