
Druckvoll lärmende Gitarren mit melodiegeladenem Glitzertopping kennzeichnen nicht nur viele Sabotage-Veröffentlichungen, sondern auch beide bisher natürlich dort erschienenen Alben des Frankfurter Post-Punk-Trios SUSPECTRE. Wie das alles zustande kommt und warum live gerade jemand anderes als Felix trommelt. erklären Flo (gt, vc), Felix (dr) und Markus (b).
Ihr habt gerade ziemlich viel um die Ohren, habe ich mitbekommen. Wie schafft ihr das normalerweise mit Familie, Arbeit und Band?
Felix: Ja, gute Frage. Das ist tatsächlich ein großer Punkt bei uns, das alles unter einen Hut zu bekommen, so ganz geht es nicht immer auf. Ich habe zwei kleine Kinder, jetzt im Mai kam meine jüngste Tochter auf die Welt und ich bin zur Zeit so ein bisschen raus. Vor allem was Live-Konzerte angeht. Ich war auch gerade nicht mit in Berlin, da ist Tilli, sonst bei KILL MORRISSEY und DIE PLATZENDEN EITERPICKEL, eingesprungen und hat für mich Schlagzeug gespielt. Aber es wird bestimmt nächstes Jahr auch wieder ein bisschen einfacher.
Das ist also jetzt nur eine Zwischenlösung und du willst langfristig auch live noch mal einsteigen?
Felix: Ja, genau. Unsere Abmachung ist gerade, dass ich weiter Songs mitschreibe. Und wenn die Konzerte jetzt nicht so wahnsinnig weit weg sind oder sich das irgendwie einrichten lässt, dann fahre ich auch mit und spiele die. Gerade war das aber einfach zu viel. Ich war von der Arbeit aus schon unterwegs, da ist es schwierig, noch ein weiteres Wochenende weg zu sein.
Insgesamt macht ihr vom Artwork bis zu den Videos das meiste selbst. Wer übernimmt bei diesem riesigen Workload was?
Flo: Alles Visuelle übernehme ich, weil ich beruflich Grafikdesigner in einer Agentur bin und damit entsprechend Erfahrungen mitbringe. Ich habe auch früher schon Konzertposter und Artworks für andere Bands gemacht, weil mir das einfach Spaß macht, mit den anderen gemeinsam Ideen zu entwickeln, sei es jetzt für ein Cover, ein Musikvideo, T-Shirts oder Sticker. Alles aus eigener Hand zu haben, macht die Sache stringent. Aber ja, wir lassen auch mal was von anderen machen. Besonders während Corona haben wir Freunde aus der Kultur- und Kunstszene mit ins Boot geholt, damit sie ein Einkommen haben. In dem Zusammenhang hat zum Beispiel eine befreundete Künstlerin das Musikvideo zu „Kaleidoscope“ gemacht. Dafür haben wir auch einen Schauspieler engagiert, weil der einfach keine Aufträge hatte. So sind auch ein paar coole Kollaborationen entstanden.
Markus: Wir hatten als Band Corona-Hilfe beantragt und deswegen ein bisschen Geld zur Verfügung. So konnten wir auch anderen Künstlern finanziell ein bisschen unter die Arme greifen.
Felix: Ansonsten geben wir das erst mal an Flo, weil der es auch technisch umsetzen kann und das einfach der kürzeste Weg ist.
Markus: Ja, genau. Und der muss ein paar Nachtschichten einlegen, haha.
Flo: Die Musikvideos sind schon sehr aufwändig. Um alles zu schneiden, braucht es tatsächlich ein paar Nachtschichten. Weil wir in der Regel kein Budget haben, ist es eben einfach günstiger, das selbst zu machen.
Ihr kommt ursprünglich aus der Deutschpunk-Ecke, zumindest Felix und Flo. Was hat euch sonst noch beeinflusst im Laufe der Zeit?
Flo: Wir haben fast jedes Punk-Subgenre mal durchgespielt, also von Deutschpunk über Skatepunk, in späteren Jahren Hardcore und Crust. Wir hatten auch lange eine Crust- und Hardcore-Band. Jetzt sehen wir nicht mehr unbedingt wie Punks aus, aber wir leben das irgendwie auf unsere Mittdreißiger-Art aus, haha. Der Spirit ist geblieben.
Markus: Es war auf jeden Fall eine lange Reise. Also es gab diese lange Youthcrew-Phase, eine Hardcore-, D-Beat-, Neocrust-Phase hatten wir auch.
Flo: Man muss dabei bedenken, dass sich die Art des Medienkonsums inzwischen total geändert hat. Felix und ich kennen uns noch aus unserer Schulzeit in Erlangen. Und als wir so mit 13, 14 angefangen haben, Musik zu machen, da ging es noch los mit gebrannten CDs, die man von Freunden bekommen hat, und dann haben wir das gehört, weil es eben verfügbar war. Das klingt so nach Schwarzweißfernsehen, haha, war aber so. Später sind wir eher über Konzerte auf Bands aufmerksam geworden. Heute ist das mit diesen uferlosen Möglichkeiten alles so unfassbar einfach. Wenn ich jetzt noch mal 13, 14 wäre, weiß ich nicht, ob ich wieder Deutschpunker werden würde, aber über die damals verfügbaren Mittel und Wege hat sich das eben so ergeben.
Ich denke, der Zugang zu Musik aus allen erdenklichen Nischen ist auf jeden Fall viel einfacher geworden. Aber ist es auch tatsächlich leichter als vorher, als Band richtig durchzustarten? Wie denkt ihr darüber?
Felix: Gute Frage. Es ist natürlich alles viel gleichzeitiger. Man kriegt alles mit und sieht alles, was es so gibt. Dadurch ist es aber auch schwerer, die Aufmerksamkeit auf irgendetwas zu richten. Natürlich haben wir dann Schwierigkeiten, sichtbar zu sein, wenn nebenbei vieles andere auch rauscht. Früher hat sich das erst mal regionaler beschränkt, das Tun und der Radius der Bekanntheit, die Leute, mit denen man Zeit verbracht hat. Und heute kann man gleichzeitig auch noch irgendwie gucken: Was ist heute Abend im JUZ Mannheim los, obwohl man eigentlich irgendwo anders wohnt. Von daher würde ich sagen, es gibt heutzutage auf jeden Fall andere Schwierigkeiten als früher.
Markus: Ich denke schon, dass Musikmachen ein bisschen zugänglicher geworden ist und dadurch nicht mehr hauptsächlich Jungs, sondern stärker als früher auch Mädchen, Frauen, LGBTQ+-Personen in Bands spielen und eine höhere Aufmerksamkeit bekommen können. Auch die Technik ist deutlich erschwinglicher geworden. Es ist inzwischen recht einfach, brauchbare Aufnahmen zu machen, die man dann ins Internet hochladen kann. Also ich glaube, da gibt es schon auch neue Möglichkeiten, die das Musikmachen ein Stück weit – der Begriff passt vielleicht nicht so ganz – demokratisiert haben. Ich habe auch das Gefühl, dass Punk nicht mehr so dogmatisch ist und mehr Raum für Experimente lässt. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als wir angefangen haben, da musste man schon sehr eindeutige Codes bedienen, um irgendwie anerkannt zu werden, und das scheint mir nicht mehr ganz so krass zu sein heutzutage.
Wobei das vermutlich lokal auch relativ unterschiedlich war, da gab es mal offenere, mal weniger offenere Szenen. Aber das stimmt schon, das sehe ich ähnlich. Was jetzt Veröffentlichungen angeht, legt ihr ja Wert auf Vinyl-only-Releases. Oder lohnt sich alles andere einfach nicht mehr?
Felix: Also ich habe noch einen CD-Player im Auto und ich freue mich über alle CDs, die ich noch irgendwo auf Konzerten mitnehmen kann. Aber die meisten Leute, die noch Tonträger kaufen, gehören wohl zu denen, die noch einen Plattenspieler zu Hause haben. Aber es ist schon so, dass es für die Verbreitung der Musik lohnt, auf das Online-Ding zu setzen, und wenn es überhaupt Tonträger gibt, dann Vinyl, weil es auch ein Stück weit ein Liebhaberobjekt ist. Und dafür steht Sabotage ja auch. Auch die Überraschungsfarbe der Platten war die Idee von Franz [Klein; Sabotage Records-Gründer]. Ich glaube, wenn wir da ankommen würden und sagen „Lass uns noch mal ein paar CDs pressen“, dann wäre das auf jeden Fall ein witziges Gespräch, haha.
Was trägt jeder von euch zu eurem musikalischen Gesamtbild bei?
Felix: Na ja, als wir angefangen haben, wollten wir eigentlich eher einen wavigen Sound. Aber ich spiele gern sehr dynamisch und irgendwie auch rockig Schlagzeug und hatte irgendwie nicht so große Lust darauf oder konnte das auch nicht wirklich, dieses Monotone ist nicht so mein Ding. Genau das war, glaube ich, ein Faktor, der unsere Musik ein bisschen in die Richtung gestoßen hat, in die wir jetzt gegangen sind.
Markus: Mein Bassspiel, würde ich sagen, hat in unserer Band mit nur einer Gitarre schon auch ab und zu die Rolle des zweiten führenden Instruments. Der Bass ist nicht nur das Fundament, sondern trägt auch manche Songs entscheidend mit, gerade wenn die Gitarre mal nur so drüber schwirrt – natürlich in sehr ausgeklügelt, schöner Weise. Und dann muss die Basslinie so einfach gehalten sein, dass ich noch in der Lage bin, dazu zu singen, ohne kognitiv komplett überfordert zu sein, haha.
Flo: Und weil Drums und Bass meist sehr tight und sauber spielen, erlaubt mir das so ein bisschen, dazu herumzudilettieren, ohne dass es auffällt. Ja, ich habe echt keine große Ahnung vom Gitarrespielen, Markus muss mir manchmal die Akkorde zeigen. Meine Superpower ist, während des Songwritings zu gucken, was interessant sein könnte. Was haben nicht schon 80 Millionen Bands gemacht. Welche ungewöhnlichen Sounds gibt es und was macht es so ein bisschen einzigartig?
© by - Ausgabe # und 2. August 2024
© by - Ausgabe # und 17. Juni 2021
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Anke Kalau
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #176 Oktober/November 2024 und Anke Kalau
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #157 August/September 2021 und Kalle Stille