SWANS

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Lärm und Transzendenz

Ende Mai hat sich mit „Birthing“ ein weiteres episch angelegtes Album zur bereits umfangreichen Diskografie der Anfang der 1980er Jahre im Umfeld von No Wave, Industrial und Noiserock von Michael Gira in New York City gegründeten SWANS (nach den kurzlebigen CIRCUS MORT) gesellt. Eine Diskografie, zu der auch einige meist rein akustische Solo-Platten von Gira gehören, ebenso wie die Releases der von 1998 bis 2009 aktiven SWANS-Nachfolgeband THE ANGELS OF LIGHT oder das einmalige Dark-Ambient-Projekt THE BODY LOVERS/THE BODY HATERS. Überwiegend erschienen diese Releases auf Giras eigenen Label Young God, später oft in Zusammenarbeit mit Mute. „Birthing“ stellt nun für Gira einen weiteren Schlusspunkt und Neubeginn in der Geschichte der seit 2010 wieder Platten veröffentlichenden und tourenden SWANS dar. Lassen wir uns überraschen, wie es weitergeht.

In der ersten, bis 1997 andauernden und stark von Giras Zusammenarbeit mit seiner damaligen Lebensgefährtin Jarboe geprägten Phase ihrer Existenz galten SWANS als „loudest band in the world“, auch wenn sie sich 1989 anlässlich ihres Albums „The Burning World“ (ihr einziges Album für ein Majorlabel, das MCA-Sublabel UNI) den Vorwurf gefallen lassen mussten, zur „folksy Americana troupe“ mutiert zu sein. Seitdem unterliegt der nur schwer zu klassifizierende SWANS-Sound einem ständigen Transformationsprozess, sowohl in musikalischer als auch personeller Hinsicht, und ist in den letzten Jahren gerade auf Platte immer meditativer und harmonischer geworden. Live sind SWANS aber immer noch eine der lautesten Bands der Welt, deren Konzerte wie Messen oder Rituale anmuten, mit Frontman Gira als manischem Hohepriester, der diese zu einem exzessiven, physisch äußerst intensiv erfahrbaren Höhepunkt führt. Eine umfassende SWANS-Historie würde hier den Rahmen sprengen, sehr empfehlenswert sind in dieser Hinsicht Marco Porsias auf DVD und Blu-ray erhältlicher Dokumentarfilm „Where Does a Body End?“ von 2019 und Nick Soulsbys 2023 auch auf Deutsch erschienene Oral History „Sacrifice and Transcendence“.

Michael, schon seit geraumer Zeit komponierst du SWANS-Songs auf sehr spartanische Art mit der Akustikgitarre, bevor sie zu Bandarrangements werden, was angesichts der Intensität, die die Band bei ihren wirklich beeindruckend lauten Konzerten besitzt, kaum zu glauben ist. Wie lange entstehen SWANS-Songs schon auf diese Weise? Hast du zu diesem Zeitpunkt schon eine genaue Vorstellung davon, wie der Song auf der Platte klingen soll?
Ich habe schon etwa 1986 angefangen, Songs auf der Akustikgitarre zu schreiben, kurz vor dem Album „Children Of God“ aus dem Jahr 1987. Davor habe ich mir die Dinge auf einer Bassgitarre ausgedacht. Meine ersten Versuche waren noch unbeholfen und etwas unreif, aber ich hoffe, dass ich mich im Laufe der Jahre verbessert habe. Oft höre ich ganze Arrangements in den Resonanzen und Obertönen der offenen Akkorde, die ich allein in meinem Zimmer spiele, und ich bin ganz hingerissen, wenn ich dort sitze und zuhöre, wie sie zustandekommen. Natürlich ändert sich alles, wenn ich die Songs mit meinen Mitstreiter:innen spiele, aber irgendwo muss man ja anfangen. Es ist ein langer Prozess, die Songs zu entwickeln, und sie sind nie wirklich fertig. Sie wachsen und verändern sich ständig. Der Beitrag der anderen Musiker:innen, mit denen ich zusammenarbeite, ist entscheidend, aber ich treibe die Dinge immer in Richtung des Hochgefühls, das ich empfand, als die Songs zum ersten Mal allein in meinem Zimmer entstanden. Das Material ist am besten, wenn es uns wie von selbst führt und wir auf den Wellen des Klangs reiten, wohin auch immer sie uns tragen.

Ich glaube, ich habe die SWANS das erste Mal bewusst wahrgenommen, als ich Ende der 1980er Jahre euer wunderbares JOY DIVISION-Cover von „Love will tear us apart“ hörte, von der es gleich drei verschiedene Versionen gab. Es gibt nicht so viele Coversongs in der SWANS-Diskografie, warum habt ihr diesen eventuell etwas überstrapazierten Titel, den Paul Young 1984 einem breiten Publikum bekannt machte, ausgewählt und was hat er damals für euch bedeutet? Die SWANS-Platten zu dieser Zeit besaßen ja durchaus einen Hauch von Gothic-Rock.
JOY DIVISION waren eine wirklich großartige Band und ich höre sie mir bis heute von Zeit zu Zeit an. Oft klingt es für mich immer noch großartig, aber manchmal, wenn ich es höre, wirkt es auf eine Art auch etwas kindisch, wie die selbstverliebte Poesie eines Teenagers, die in Musik umgesetzt wurde. Aber selbst dann bin ich froh, dass es sie gibt. Mein fünfjähriger Sohn liebt JOY DIVISION und wir tanzen dazu, ebenso wie zur Musik von CAN, den frühen PINK FLOYD und Scott Walker ... Aber was die Auswahl des Songs für ein Cover angeht, so erinnere ich mich, dass ich wollte, dass er wie das amerikanische Weihnachtslied „Little drummer boy“ klingt. Leider haben wir meiner Meinung nach kläglich versagt. Je mehr wir daran arbeiteten, desto lebloser klang es. Trotzdem war ich sehr froh zu hören, dass es einen gewissen Zweck erfüllte. Es war ein weiterer Schritt auf unserem Weg und ich habe sehr viel aus dieser Erfahrung gelernt.

Produziert wurde die „Love Will Tear Us Apart“-EP von Roli Mosimann, der von 1982 bis 1984 Mitglied der SWANS war und Ende 2024 leider viel zu früh verstarb. Inwieweit konnte er die Band in ihrer extremsten Phase während dieser drei Jahre prägen, gibt es Erinnerungen an ihn, die du teilen möchtest?
Roli brachte ein gewisses Maß an Disziplin und Zurückhaltung in den Rhythmus der SWANS. Sein Schlagzeugspiel war sehr minimalistisch, hatte aber Gefühl und war präzise. Das war ein gutes Gegengewicht zu den wirbelnden Klangfluten, die wir produzierten. Was persönliche Erinnerungen an ihn angeht, habe ich nur wenige, die erwähnenswert sind. Die lebendigste ist wohl verbunden mit der letzten Show, die wir 1984/85 in der Danceteria in New York City zusammen gespielt haben. Es war eine spektakuläre Show. Alle sagten, wie schade es war, dass die damalige Besetzung der SWANS damit am Ende war, aber ich wusste es besser. Ich schüttelte Roli am Ende der Show die Hand, und das war’s dann.

Mosimann war eines der vielen Mitglieder der SWANS, die seither Teil des ständig wechselnden Line-ups der Band waren. Es ist nicht ungewöhnlich für Bands mit einer so langen Karriere, dass nur noch eine prägende Person übrig bleibt, die die treibende Kraft hinter dem Ganzen ist, aber wie erklärst du dir diesen extremen Mitgliederschwund, einfach als Teil eines nie endenden künstlerischen Transformationsprozesses? In Marco Porsias Dokumentarfilm „Where Does a Body End?“ gibt es eine interessante Szene, in der Bassist Christopher Pravdica entnervt das Studio verlässt, weil er nicht versteht, was genau du ihm vermitteln willst. Glaubst du, dass du im Umgang mit deinen Bandkolleg:innen Fehler gemacht hast?
Es ist kein Geheimnis, dass es in der Vergangenheit schwierig war, mit mir zu arbeiten. Wahrscheinlich bin ich auch jetzt nicht besonders einfach, aber ich habe über die Jahrzehnte gelernt, meine Impulsivität, meine Ungeduld und mein Temperament zu zügeln. Ich liebe die Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, und gemeinsam bieten wir einen Rahmen oder einen Ort, an dem die Musik die Führung übernehmen und ihren Geist durch uns ausdrücken kann. Wenn es wirklich funktioniert, dann ist es wie der „Atem Gottes“, der durch uns hörbar wird. Es erfordert Hingabe und Beharrlichkeit, lange Stunden des Kampfes und schließlich Unterwerfung, um an diesen Ort zu gelangen, der für uns alle heilig ist. Alles andere, Persönlichkeiten, Konflikte, Erschöpfung, fällt weg, wenn die Musik ihre höchste Stufe erreicht hat. Das ist es, wofür wir leben.

„My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ war 2010 ohne Frage ein großartiges Comeback-Album, das 14 Jahre nach dem letzten SWANS-Release „Soundtracks For The Blind“ erschien, obwohl Begriffe wie Comeback- oder Reunion-Album, wie es bei reformierten Bands üblich ist, fast schon despektierlich sind, denn die künstlerische Vision dahinter war ja nicht nur ein Aufguss alter Zeiten. Dennoch muss viele Fans das Fehlen Jarboes enttäuscht haben, wofür es natürlich gute Gründe gab. Ich fand, dass sie eine starke weibliche Note bei den SWANS einbrachte, was im frühen männerdominierten Noiserock eine Seltenheit war. Bis zu einem gewissen Grad findet sich dieses Element auch bei THE ANGELS OF LIGHT durch Dana Schechter, die auch auf den späteren SWANS-Platten zu hören ist. War dir dieser Aspekt auch später wichtig, dass es sich nicht um rein männlich dominierte Rockmusik in einem männlich dominierten Musikgeschäft handelt?
Jarboes Beitrag zu SWANS war natürlich in vielerlei Hinsicht wichtig. Als ich mich jedoch entschloss, die SWANS wiederzubeleben, kam es mir nie in den Sinn, sie zu bitten, an dieser neuen Neuauflage mitzuwirken. Genau das wollte ich nicht tun, nämlich in die Vergangenheit zurückkehren. In Anbetracht der Verstrickungen unserer persönlichen Beziehung und dessen, was sie in den neuen Sound hätte einbringen können, hielt ich es für unangemessen, sie für mein Ziel, etwas Neues zu beginnen, einzuspannen. Was das Thema Weiblichkeit/Männlichkeit angeht, falls es hier überhaupt eine Rolle spielt, so ist es mir eigentlich egal. Ich sehe die Musik sicherlich nicht als besonders „männlich“ an. Ich wähle bestimmte Leute für die Band aus, weil ich ihnen persönlich vertraue, weil ich auf die Lauterkeit ihrer Absichten vertraue, hinzu kommt dann das musikalische Können. Im Idealfall steht der Sound weit jenseits des Geschlechts. Wenn überhaupt, ist es das Ziel, das Geschlecht und andere nutzlose Zwänge auszulöschen.

In „Where Does a Body End?“ machst du auch keinen Hehl aus deinem problematischen Verhältnis zum Alkohol. Es gibt dieses romantische Bild des drogenabhängigen Künstlers, der dadurch seine Kreativität steigern kann. Und in der New Yorker Underground-Szene der 1980er Jahre waren harte Drogen weit verbreitet. Neigen sensible Künstler dazu, Methoden der Selbstzerstörung anzuwenden? Dass Künstler für die Kunst leiden müssen, ist wahrscheinlich nur romantischer, morbider Kitsch, oder?
Nun, ich war damals oft betrunken, oder halb betrunken, oder wartete ängstlich auf den Moment, an dem ich es sein konnte, etwa 40 Jahre lang, Tag für Tag. Aber das Wichtigste war die Musik und das Streben nach der absoluten Freude, die sie einem bereiten konnte, immer. Nichts anderes durfte dem in die Quere kommen, schon gar nicht meine bisweilen dumme oder selbstzerstörerische Persönlichkeit. Das, was letztendlich zählt, ist die Musik, nicht die Menschen, mich eingeschlossen, die letztlich nur Spielfiguren im Dienste ihres Schaffenswillens sind.

In Nick Soulsbys Buch „Sacrifice and Transcendence“ sagst du „I’m no stranger to failure“ und auch in „Where Does a Body End?“ wird oft der Begriff des Scheiterns verwendet. Aber kann eine einflussreiche Band wie SWANS, die seit den frühen 1980er Jahren zahllose künstlerisch anspruchsvolle Platten aufgenommen hat und dafür von Publikum und Kritik hoch gelobt wird, überhaupt gescheitert sein? Es sei denn, man betrachtet sie nur unter kommerziellen Gesichtspunkten, aber natürlich sind die SWANS-Platten auch nicht unbedingt das, was man als kommerzielle Musik bezeichnen würde.
Scheitern, absolutes, vernichtendes Scheitern und sogar bittere Erniedrigung sind eine wichtige Grundlage für alles, was von Bedeutung ist. In diesem Sinne bin ich also froh, dass ich so konsequent gescheitert bin, auch wenn ich es wohl lieber hätte, wenn ich das nicht so öffentlich gemacht hätte.

Am Ende von Soulsbys Buch gibt es ein interessantes Zitat deiner Frau Jennifer in Bezug auf deine Arbeit: „Wenn er damit aufhören würde ­– und das wird er nicht tun –, würde er sterben.“ Das klingt zunächst sehr hart, aber es zeigt auch, wie ernst du deine Kunst immer genommen hast. Es gibt wahrscheinlich schlimmere Schicksale, als tagein, tagaus an etwas zu arbeiten, das einem wirklich wichtig ist, oder?
Ja, ich hatte das große Glück, mir ein Leben aufbauen zu können, in dem es kaum eine Trennung zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich tue, gibt. Das ist wohl ziemlich egoistisch von mir, aber so ist es.

Das Musikgeschäft hat sich in den letzten Jahren durch das Internet, nicht zuletzt durch die Pandemie drastisch verändert, Bands verkaufen kaum noch Platten und verdienen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Tourneen. Wie geht man mit diesen Umständen um als Künstler, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat – Beruf klingt leider immer so negativ –, der ein Label betreibt und auch noch für eine Familie sorgen muss?
Jahre, ja Jahrzehnte habe ich in einer Reihe von Jobs gearbeitet, die sowohl psychisch als auch physisch zermürbend waren, und irgendwann habe ich mich einfach mit jedem Molekül meines Seins geweigert, diesen absteigenden, schwachsinnigen Weg weiter zu gehen. Ich fand eine Weg, mit dem, was ich liebe, zu überleben. Und das tue ich immer noch. Das sogenannte Musikbusiness bedeutet mir absolut nichts. Ich habe meinen eigenen Weg gefunden, unabhängig davon. Zum Glück, sehr zum Glück gibt es genug Leute, die meine Musik mögen, so dass ich weitermachen kann. Meine Musik muss etwas Wahrhaftiges besitzen – das hoffe ich zumindest. Es ist sehr ermutigend zu sehen, dass auch immer mehr junge Leute zu unseren Konzerten kommen, was wohl bedeutet, dass sich die Dinge ständig regenerieren. Beharrlichkeit siegt!

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Diskografie
SWANS „Swans“ (12“, Labor, 1982) • „Filth“ (LP, Neutral, 1983) • „Young God“ (12“, K.422, 1984) • „Cop“ (LP, K.422, 1984) • „Greed“ (LP/CD, K.422, 1986) • „Time Is Money (Bastard)“ (12“, K.422, 1986) • „Holy Money“ (LP/CD, K.422, 1986) • „Children Of God“ (2LP/CD, Caroline, 1987) • „The Burning World“ (LP/CD, UNI, 1989) • „White Light From The Mouth Of Infinity“ (2LP/CD, Young God, 1991) • „Body To Body, Job To Job“ (LP/CD Comp, Young God, 1991) • „Love Of Life“ (LP/CD, Young God, 1992) • „The Great Annihilator“ (2LP/CD, Young God, 1995) • „Soundtracks For The Blind“ (2CD, Young God, 1996) • „Various Failures 1988-1992“ (2CD Comp, Young God, 1999) • „My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ (LP/CD, Young God, 2010) • „The Seer“ (3LP/2CD, Young God, 2012) • „To Be Kind“ (3LP/2CD, Young God, 2014) • „The Glowing Man“ (3LP/2CD, Young God, 2016) • „Leaving Meaning“ (2LP/2CD, Young God, 2019) • „The Beggar“ (2LP/2CD, Young God, 2023) • „Birthing“ (3LP/2CD, Young God, 2025) THE ANGELS OF LIGHT „New Mother“ (CD, Young God, 1999) • „How I Loved You“ (CD, Young God, 2001) • „Everything Is Good Here/Please Come Home“ (CD, Young God, 2003) • „The Angels Of Light Sing ‚Other People‘“ (CD, Young God, 2005) • „Akron/Family & Angels Of Light“ (CD, Split w/ AKRON/FAMILY, Young God, 2005) • „We Are Him“ (2LP/CD, Young God, 2007)

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