
Klarer Fall: Vom Feind eingeschleust. Technohouse, Trance, Rave, Ecstasy, Love, Bassfreaks, After Hours, BPMs, DJs... Das Vokabular der Szene. Hype oder revolutionäre Erneuerung? Purer Hedonismus? Die letzte Generation? Mal wieder? Egal, fest steht, dass es dem Interviewer eine Menge Spaß bringt, sich in dieser Szene rumzutreiben. Tanzen, sich gehen lassen, stampfende Rhythmen, blitzende Lichter, zuckende Körper und jede Menge positive Energie. Die Power, welche dir ein Event wie die LOVE-PARADE mit auf den Weg gibt, ist enorm, und ein wirklich multikulturelles buntes Publikum weiß es zu schätzen. Auch immer mehr Leute aus der Hardcore-Szene sieht man dort. Die vielen einschlägig bekannten T-Shirts beweisen es. Nenn es Techno, nenn es House, nenn es Raving, was auch immer: Dr. Motte und seine Kumpane sind unter uns und machen ihr Ding. Take it or leave it. Wolfram Kahler sprach mit dem promovierten (?) Space-Teddy…
Es ist der 20. April (!!!), wir sitzen in einem Cafe namens "Kloster" in Berlin-Kreuzberg. Neben mir Dr. Motte, wir beginnen mit dem Interview. Wer bist du, was machst du?
Ich bin Berliner, 1960 geboren, habe Betonbauer gelernt, arbeitete sechs Jahre in diesem Beruf, bis ich davon psychosomatisch richtig krank geworden bin und dann sechs Wochen im Krankenhaus lag. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, bei dem ich mir gesagt habe, dass es so nicht mehr weitergehen kann, und mir vornahm, in Zukunft nur noch das zu machen, worauf ich Bock habe. Ich bin schon seit 1978 Musiker, spielte bis 1982 in einer Band Schlagzeug und Percussion und fing damals an, aus reiner Musikliebhaberei, an Kneipen und auch sonstige Leute Kassetten mit bunt gemischter Musik zu verkaufen.
Was war das für Musik?
Eine ganz unterschiedliche Mischung, wobei ich mich aber vor allem am New Yorker Underground orientierte. Zum Großteil auch solche Sachen, wie sie John Peel in seinen Sendungen gespielt hat. Von 78 bis 82 war ich Punk, vorher war ich Jazz-Hippie, und 82 entdeckte ich dann den schwarzen Groove. 1987 im Winter kam dann MARSHALL JEFFERSONs "House Music Anthem", so Klapperbeat mit billiger, schräger Orgel, Monotonie, Trash. aber trotzdem Soul. Das war für mich damals Gott, und seitdem bin ich bei House und so weiter hängen geblieben. Für mich ist das so eine konsequente Entwicklung von der absoluten Verneinung von allem des Punk, von Zerstörung und Chaos hin zu neuen "Forschungsergebnissen": Das sind für mich EBM, HipHop, Industrial, Psychedelic Sixties, das ging von amerikanischem Underground wie BUTTHOLE SURFERS bis hin zu heutigem verspieltem Techno. Neue Sounds, Veränderungen der Realität und so weiter.
Kannst du für uns mal kurz die Techno-Szene umreißen? Wer, was, wo?
Eine Techno-Szene gibts eigentlich gar nicht - es gibt nur eine Gruppe von Individualisten. Es geht nur darum, dass wir eine bestimmte Musik haben, aber jeder hört daran etwas Anderes. Für mich ist Techno die genialste Musik, die ich kenne, denn jeder kann sich selbst komplett in der Musik verlieren. Es geht nicht darum, Inhalte zu haben, sondern nur um die Musik und darum, auf die Musik abzufahren, auf ihr wegzufliegen. Leider gibt es zur Zeit im Techno verschiedene kommerzielle Auswüchse, auch wenn sie noch so Underground sind, die irgendwie Wiedererkennungswert, Hitcharakter und Massentauglichkeit besitzen. Oder DJs, die denken, sie müssten immer nur das spielen, was sie glauben, das die Leute hören wollen. Dabei wollen, die Leute durchaus was Neues hören, wollen was erleben, wenn sie weggehen.
Das ist ja auch das Problem, wenn man Leute, die von Techno nichts wissen, darauf anspricht: Die denken dann nur an so Hitparadensachen wie U 96, 2 UNLIMITED und Ähnliches.
Das ist kein Techno.
Ja, aber das sind die ersten Assoziationen, die Normalos beim Thema Techno haben. Kannst du dazu was sagen?
Es ist ziemlich schwierig, einem Außenstehenden zu erklären, was Techno ist. Eigentlich muss man ihn in einen Techno-Club mitschleppen und ihm sagen, er soll alle seine Vorbehalte zu Hause lassen, sich einfach gehen lassen. Dann wirst du merken, dass du zwar total harte, laute Sounds hast, teilweise lauter und schneller als irgendwelche Metalsachen, aber dass dann irgendwas in dir passiert: Dein Bewusstsein verändert sich im positiven Sinn - du fühlst dich glücklich. Deshalb kann man über Techno auch nicht einfach nur sagen, dass er laute, schnelle Bass-Drums mit Off-Hi-Hats und nem Synthie, der eine Bassfigur oder ein Thema spielt, denn das erklärt den "Spirit" nicht. Auf die Schnelle kann man das nicht erklären. Techno hat seine Anfänge in Deutschland: KRAFTWERK, TANGERINE DREAM. ASHRA TEMPLE, KLAUS SCHULZE, die ganze Elektronik-Szene zu Beginn der Achtziger. Das ging dann weiter mit Hi-Energy, Industrial und EBM. Das sind die Haupteinflüsse. Zusammen mit dem Groove, dem Krach, den Sounds und den Spirits, die man hat, ergibt das Techno. Im Techno ist alles möglich. Techno könnte man aber auch als ein "Abfallprodukt" von Ambient (ruhige, beinahe New-Age-mäßige Synthiemusik) bezeichnen. Weil das aus dem gleichen Verständnis heraus produziert wurde, man mit Sounds experimentiert. Techno ist nämlich nicht immer unbedingt schnell, so mit 150. 170 bis 200 BPM, sondern kann auch mal gar keinen Beat haben, sondern nur mit Klängen experimentieren. Und ein guter DJ., der fängt den Abend mit Ambient an und hört mit Ambient auf. Dazwischen liegt alles, was an Techno gerade aktuell und neu ist. Nochmal: Es geht nicht darum, die Hits zu spielen, sondern um eine stetige, in sich schlüssige Weiterentwicklung der Musik.
Kannst du vielleicht mal die Rolle des DJs bei der ganzen Sache erläutern? Im Techno werden ja die alten Strukturen insofern aufgebrochen, als dass nicht mehr strikt unterschieden wird zwischen Musiker und DJ.
Die Aufgabe des DJs ist es, die Leute zu unterhalten und sie zum Tanzen zu bringen. Dabei ist es nicht wichtig zu wissen, wie der Song heißt, denn dafür kommen pro Woche zu viele neue Technostücke heraus. Die Musik ist im Techno eigentlich anonym. Derjenige, der die Musik den Leuten dann vorstellt, ist allerdings nicht anonym - der DJ nämlich. Der muss dann versuchen, durch die Musik seine Identität, seinen Charakter herauszuarbeiten. Das hört man dann auch, denn jeder DJ hat seinen eigenen Stil und wird dadurch dann zum "Musiker" des Abends.
Die Techno-Szene ist ja nur schwer zu überblicken. Kannst du denn mal ein paar Zahlen nennen, wie viele Leute zu Technoveranstaltungen kommen, wie viele DJs es gibt, wie hoch die Auflage der Platten ist, etc.?
Weltweit verkauft man von diesen Underground-Club-Hits in der Regel nicht mehr als 2.000 Platten. Für ein Label wird es da natürlich schwierig, einen Gewinn zu erwirtschaften und davon wiederum neue Produktionen zu finanzieren. Aber wenn man sich anschaut, wie stark Techno im Augenblick ist, mit was für einfachen Produktionen man in die Charts kommen kann, dann ist das doch überraschend. 1990 war "French Kiss" von LIL LOUIS der erste No. 1-Hit der damaligen Techno- oder House-Szene. Jetzt haben wir das wieder mit diesen ganzen Platten, die in die Charts kommen. Man kann da eigentlich keine Voraussagen treffen, denn die Techno-Szene ist total Underground und wir bekennen uns dazu. Von uns hört eigentlich keiner Radio, denn unsere Musik wird da sowieso nicht gespielt. Ich beispielsweise habe mein Radio verkauft. Was die Szene betrifft, so gibt es da einen festen Stamm von Leuten, die schon lange dabei sind, aber wir freuen uns über jeden, der Techno für sich neu entdeckt. Die Entwicklung der Szene kann ich vielleicht anhand der LOVE PARADE erklären. Die erste LOVE PARADE fand im Sommer '89 statt, am ersten Samstag im Juli. Da waren 200 Leute auf dem Kudamm. Das muss man sich so vorstellen, dass wir da drei LKWs mit Musikanlagen und Lautsprechern hatten und wir dann einfach mitten auf der Straße tanzten, unsere LOVE PARADE machten. Ein Jahr später waren schon 2.000 Leute da, wieder ein Jahr später waren 6.000 Leute da und letztes Jahr waren es 10.000 Leute. Diese Steigerungszahl dürfte auch für die gesamtdeutsche Szene gelten. In die Clubs gehen so zwischen 500 und 1.000 Leute - nicht alle auf einmal, aber im Durchlauf. Das hängt natürlich vom Club ab und vom DJ., der an dem Abend auflegt, denn der DJ ist mittlerweile der Star und die Leute folgen ihm von Club zu Club.
Siehst du in dieser immer noch stattfindenden Steigerung ein Problem? Der Aufwand für diese MAYDAY-Veranstaltungen ist ja mittlerweile gigantisch. Birgt diese Gigantomanie nicht die Gefahr, dass sich die Sache irgendwann mal totläuft?
MAYDAY geht ja davon aus, dass man den Leuten das gibt, was sie erwarten - und das ist der kommerzielle Teil der ganzen Geschichte. Da macht man riesig viel Werbung, karrt die ganzen Leute dort hin und macht nach kommerziellen Aspekten Musik. Man spielt die Songs, die alle kennen. damit das Publikum auch schön schreit. Ich halte von diesem MAYDAY-Konzept nichts, aber die Leute, die das machen, fahren damit sehr gut. Für mich ist das Verarschung, weil MAYDAY keinen Spirit, keine Inhalte hat. Die LOVE PARADE dagegen ist aus der Szene gewachsen, da wurde nicht gezielt darauf hingearbeitet, dass die Veranstalter den großen Reibach machen. Bei der LOVE PARADE soll sich jeder einzelne aktiv beteiligen. während bei MAYDAY die Leute etwas vorgesetzt bekommen.
Diese LOVE PARADE, wo die Lastwagen mit den Soundsystems durch die Straßen fahren und die Leute hinterher tanzen, das hat ja auch was von Rosenmontagsumzug an sich, oder?
Der Unterschied besteht darin, wer das macht. Die Außenstehenden verstehen vielleicht nicht, was das abgeht, aber das macht nichts, denn wir feiern uns da einfach selbst. Es ist witzig zu sehen, wie die Omis am Straßenrand stehen und sich freuen. dass die Jugend auf der Straße tanzt, statt irgendwie Krawall zu machen. Sogar die Polizei freut sich mit uns, haha. Wenn man das mit Karneval vergleichen will, dann mit Karneval in Rio. Zu unserer LOVE PARADE kommen auch Leute aus aller Welt, bis aus Japan.
In letzter Zeit hat man öfter mal was von Polizeiaktionen gegen die Techno-Szene gelesen, dass die Polizei Razzien wegen Drogen gemacht hat und Clubs schließen mussten.
Dass es soweit kommen konnte, ist dumm. Ich bin nicht gegen Drogen, aber ich bin auch nicht dafür. Das muss jeder selbst entscheiden, wenn jemand meint, Drogen nehmen zu müssen, bevor er in eine Club geht, dann ist das o.k., aber braucht dann nicht davon zu quatschen und großartig rum erzählen, wie viel er sich eingeworfen hat, sondern soll auf die Musik abfahren und es genießen. Die Musik ist die Droge. Dass in Deutschland Clubs wegen Drogen Probleme haben, ist die Auswirkung eines falschen Verständnisses von Techno, dass jetzt manche Leute denken, die Musik könnte man nur mit Drogen aushalten. Zum Teil liegt das an der Dummheit der Journalisten, die entsprechend blöde Berichte über die Techno-Szene geschrieben haben, oder an dem reaktionären Teil der Politiker, die Techno für Musik halten, die die Leute verblödet. Und diese Drogenstories setzen da nur noch einen oben drauf. In Bayern gab es da wohl einige Probleme. Als Clubbesitzer und Veranstalter von Techno-Parties muss man darauf achten, dass man den Laden „sauber" hält. Die Musik ist die Droge, und sonst gar nichts!
Innerhalb der Technoszene und in den Clubs ist der Anteil der Schwulen recht hoch. Woran liegt das?
Das ist eben deren Musik. Die Schwulen waren die ersten. die zu 130 BPM getanzt haben, damals, zu Hi-Energy-Zeiten. Seitdem wurde das immer schneller. Außerdem haben Schwule meistens ein anderes Verhältnis zur Musik als die Heteros, sind offener für neue Enwicklungen. Die House-Music wurde damals in Amerika, in Chicago von schwulen Schwarzen „erfunden".
Du lebst mittlerweile von der Musik, von Techno?
Ja, von der Musik als Ganzes. Dazu gehört für mich: Ein eigenes Label, ein eigener Verlag, eine eigene Produktionsstätte, als DJ zu arbeiten, in die Clubs zu gehen und selber Techno-Parties zu veranstalten. Und wenn man das richtig macht, kann man davon leben. Ich habe keine Lust, die Leute zu verarschen, sondern versuche immer ehrlich zu sein. Stand up or shut up!
Wie wird sich Techno weiter-entwickeln?
Das kann man nicht sagen. Acid House wurde schon zigmal totgesagt. Techno auch, aber das ist nur die Presse, die das schreibt, weil die nicht in der Szene drinstecken und immer nen neuen Aufhänger brauchen. Die Szene ist nach wie vor sehr lebendig, es gibt immer wieder neue Clubs und Ereignisse und ich entdecke immer wieder Neues, wie Musik aus Frankreich, woher ich sowas nie erwartet hätte. Techno wird immer vielfältiger, geht um den ganzen Erdball. Mittlerweile gibt es schon Techno aus Japan und Australien.
Noch was zum Abschluss?
Ja, eine Botschaft an die Leute, die sogenannte "alternative Musik“ hören, aber genauso altbacken sind wie ihre Eltern, weil sie außer ihrer Musik nichts gelten lassen: Wer immer nur die gleiche Musik hört. nichts Neues gelten lassen will, der ist dumm und langweilig.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #15 II 1993 und Wolfram Kähler