TERROR

Foto© by Atiba Jefferson

Stay positive

„Pain Into Power“ heißt das vermutlich neunte Album, das die mittlerweile über ganz Nordamerika verstreut lebende Band TERROR herausbringt. Riesige Veränderungen gibt es nicht gegenüber dem Vorgänger „Total Retaliation“ von 2018, der Groove wurde etwas heruntergefahren und es ballert wieder mehr. Sänger Scott Vogel beantwortet meine Fragen per Videointerview, dabei inmitten von Ikea-Umzugskartons auf dem Boden liegend.

Scott, TERROR gibt es jetzt seit zwanzig Jahren. Was denkst du, wenn du zurückblickst? Was war positiv? Und welche negativen Erfahrungen hast du gemacht?

Das Erste ist, dass ich nie gedacht hätte, dass wir so lange existieren würden – einfach weil die meisten Hardcore-Bands nicht so lange aktiv sind. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass wir so viel machen konnten. Wir waren wirklich überall auf der Welt, haben durch die ganzen Reisen so viele Leute kennen gelernt, haben mit Bands gespielt, zu denen wir aufgeschaut haben oder mit anderen, die gar nicht aus unserem Genre sind. Dazu konnten wir in all den Jahren so viele Platten rausbringen. Wenn ich jetzt tiefer graben würde, könnte ich dir auch vom Stress und den Absurditäten erzählen, die natürlich auch vorkamen. Aber lass uns beim Positiven bleiben.

Vor ein paar Wochen habe ich mit Mike Hartsfield von FREEWILL, der New Age Records betreibt, über TERROR gesprochen. Er meinte, TERROR seien das beste Beispiel, das sich jeder nehmen sollte, der eine ernsthaft funktionierende Band haben möchte. Wir konnten uns nicht ausmalen, was es für euch bedeutet, wenn ihr sonst 300 Shows im Jahr gespielt habt und wegen den weltweiten Lockdowns zu Hause bleiben musstet. Was habt ihr die letzten zwei Jahre gemacht und seid ihr irgendwie abgesichert gewesen?
Zum Glück haben die meisten von uns Arbeitslosengeld beziehen können. Es war nicht viel, aber sehr hilfreich. Im Grunde genommen war es ganz gut, eine Pause vom permanenten Touren zu haben. Ich hatte Zeit herauszufinden, was ich für mich wirklich wollte – und bin schließlich nach zwanzig Jahren in Los Angeles und TERROR wieder zurück nach Buffalo gezogen. Ich habe L.A. irgendwann nicht mehr so gemocht. Und jetzt ziehe ich schon wieder um, allerdings nur eine Meile weiter. Außerdem waren wir auch als Band aktiv, haben eine neue Platte geschrieben und aufgenommen.

Ihr hattet auch ziemlich viel anderen Output – um nur mal die Single „Sink To The Hell“ zu nennen, die vier unveröffentlichte Songs aus der „Keepers Of The Faith“- und „Live By The Code“-Zeit enthält.
Unser Drummer Nick nimmt im Studio immer Demos auf und hat mittlerweile ziemlich viel auf seinen Computern. Es gibt immer mal Lost Tracks, die es nicht wert sind, veröffentlicht zu werden oder die einfach nicht fertig geworden sind. Er hat sie wiedergefunden und wir haben sie auf Andrew Klines Label War Records rausgebracht.

Ich finde, dass sie alle vier Hits sind, wieso habt ihr die Lieder nicht schon damals veröffentlicht?
Nicht alles schafft es auf eine LP, weil es manchmal einfach nicht passt. Es gibt Tonnen von Lost Tracks und diese vier waren es wert, veröffentlicht zu werden.

Euer Gründungsmitglied Todd Jones ist bei der neuen LP „Pain Into Power“ auch wieder dabei, aber nicht als Bandmitglied, sondern als Produzent. Wie kam es dazu?
Ich war noch in L.A. und meine Bandmates Nick und Martin waren auch dort, Jordan war in Kanada und Chris in Maine. Wir drei in L.A. beschlossen, dass wir anfangen sollten, neues Material für eine neue LP zu schreiben. Ich habe Todd einfach gefragt – wir hatten immer eine gute Beziehung zueinander. Er ist einer der besten, talentiertesten und engagiertesten Songschreiber, die ich kenne. Und das bezieht sich auf alles, was er anfasst, egal ob es bei CARRY ON oder BETRAYED war oder jetzt bei NAILS. Außerdem hat er quasi die ersten zwei TERROR-LPs geschrieben. Im Ergebnis hat er dann unsere Platte produziert. Todd ist aber nicht Teil der Band wie früher. Er hasst Touren, deshalb würde es natürlich nicht funktionieren. Er bringt aber viele Ideen und viel Energie mit ein. Ich hoffe, dass er auch unsere nächste Platte produziert.

Ich finde, die LP erinnert stark an eure früheren Veröffentlichungen und hat weniger Groove als zum Beispiel „Keepers Of The Faith“.
Das liegt daran, dass eben unser Gründungsmitglied Todd Jones die Platte produziert hat. Jordan, der alles geschrieben hat, und Chris waren am anderen Ende der Welt und haben uns ihre Parts geschickt, und Todd hat daran gearbeitet. Es war sehr hilfreich, dass Todd den Blick von außen hatte. Er wollte die Platte kurz, brutal und super intensiv haben, ohne viel Schnickschnack und auch mit weniger Groove. Einfach so, als ob du einen Presslufthammer vors Gesicht bekommst – und das von Anfang bis Ende. Ich glaube, dass wir genau das geschafft haben, genauso wie bei unserem Demo oder auf „Lowest Of The Low“. Ein paar kurze groovige Atempausen sind enthalten, aber nur wenige.

Auf Hardcore-Platten gibt es traditionell viele Features von Musiker:innen anderer Bands. Wie kam es dazu, dass bei „Can’t help but hate“ CANNIBAL CORPSE-Sänger George „Corpsegrinder“ Fisher zu hören ist?
Wir haben vor Jahren mit ihnen getourt. Außerdem sind sie aus Buffalo, schon deshalb habe ich sie immer schon supportet. Ich war nie ein richtiger Death-Metal-Fan, wir mögen sie aber sehr und haben großen Respekt für sie. George selbst ist ein großer Fan von Bands aus den späteren Achtzigern, von New York Hardcore-Acts wie WARZONE oder auch GORILLA BISCUITS. Er hat diese Bands alle live gesehen. Sonst hatten wir als Gäste ja immer Hardcore-Sänger wie Eddie von LEEWAY, Jamey von HATEBREED oder Freddy von MADBALL. Mit George sind wir einfach mal aus unserer Kiste rausgehüpft. Ich würde sagen, es ist richtig cool geworden.

Ich war etwas überrascht von der positiven Message des Titelsong „Pain into power“, der das Album eröffnet.
Ich denke, über die Gesamtheit der Platte betrachtet, von der Musik, den Texten und dem Artwork her, ist es überwiegend negativ, aggressiv und brutal. Es ist für uns alle schwer, in Zeiten wie diesen, etwas positiv zu sehen. Es passiert jede Menge Bullshit und wir kassieren immer wieder Schläge in die Fresse. Gerade deshalb wollten wir diesen positiven Aspekt reinbringen und das gleich im ersten Song.

Im Gegensatz dazu kommen dein Hass und die Verachtung anderen gegenüber häufiger in den Texten vor – auf der neuen Platte in „Boundless comtempt“ oder in „Can’t help but hate“, in dem es heißt: „When I look your fucking way / When I hear the stupid shit you say / I just can’t tolerate / Can’t help but hate you“. Hast du, wenn so etwas schreibst, wirklich eine real existierende Person vor Augen?
„Can’t help but hate“ ist eher allgemeiner und mit einem offenen Ende versehen, es geht generell um die vielen falschen und manipulativen Typen auf der Welt. „Boundless contempt“ beschreibt eine bestimmte Person und Situation – aber ich denke, es ist nicht unbedingt notwendig, hier ins Detail zu gehen. Es ist cool, wenn die Lyrics genau das ausdrücken, was dich gerade beschäftigt. Ebenso großartig ist es, wenn du als Hörer, der vielleicht nicht dieselben Gefühle und Erfahrungen hat, dir da etwas komplett anderes rausziehen kannst.

Ihr habt in den letzten Wochen wieder häufiger auf der Bühne gestanden. Wie ist das Feeling dort? Bemerkt ihr irgendeine Form der Unsicherheit oder Angst wegen Corona im Pit?
Wir haben kurze Touren in den USA und im UK hinter uns. Angefangen haben wir im November in Arizona, da waren wir zwei Wochen unterwegs mit DRAIN, ONE STEP CLOSER und DARE. Ich konnte mir vorher nicht wirklich vorstellen, wie es werden würde, und habe mir deshalb vor unserem Auftritt angesehen, wie die Bands mit dem Publikum interagieren. Manche der Zuschauer trugen Maske, 90% nicht. Es war eng und total voll. Das Mikro wurde von einem zum anderen gereicht. Es war, als gäbe es so etwas wie einen Corona-Virus nicht. Wir haben also gesagt, es ist, wie es ist, und haben gespielt. Die Tour war super und die Shows voller Energie. In unserer Tourcrew waren manche vorsichtiger und haben Masken getragen. Soweit ich weiß, ist niemand krank geworden. Das nächste Ding war eine DYING FETUS-Tour, die in größeren Hallen stattfand. Das ist so eine verrückte Death-Metal-Band oder so etwas in der Art. Und auch hier war es dasselbe, wenn wir spielten, war es sehr energiegeladen, aber auch etwas beängstigend. Dazu muss ich sagen, dass ich ziemlich heftig Corona hatte, als das damals losging. Ich habe jede Impfung genommen, die ich bekommen konnte. Alles in allem war es aber ziemlich safe und gleichzeitig war die Energie großartig.