
THE NUNS - vor mittlerweile 18 Jahren, als die meisten von uns noch Kindergarten oder Grundschule besuchten, waren sie schon Punks und die Helden der San Franciscoer Szene. Heute sind Jeff Olener, Jennifer Miro und Jeff Raphael immer noch unter uns, wirken auf „Four days In A Motel Room", ihrem erst vierten Album, trotz fortgeschrittenen Alters verdammt frisch und sind Pflicht für jeden, der auf klassischen New Wave-angehauchten Girlpop a la BLONDIE, KIM WILDE oder BANGLES steht. Ich sprach mit Jeff Olener und Jennifer Miro.
Die Leute, die euch früher kannten, dürften mittlerweile zum Großteil aus der Szene rausgewachsen sein, und da ihr euch mit Platten in den letzten Jahren ziemlich rar gemacht habt, solltest du vielleicht zuerst eine kurze Beschreibung der NUNS liefern: Wer seid ihr, wer wart ihr?
Jeff: Alejandro und ich drehten damals einen Film, lernten Jennifer kennen und starteten eine Band. Das ist die Kurzfassung. Die Punkszene war damals gerade erst am Entstehen. Wir gehörten dazu und waren in San Francisco und dem Rest von Kalifornien ziemlich schnell sehr bekannt. Das war Ende 76. Wir tourten dann kreuz und quer durch die USA, spielten als Vorband beim letzten Konzert der SEX PlSTOLS und nahmen 1980 unser erstes Album auf, das bei Bomb Records erschien. Wir lösten uns dann für ein oder zwei Jahre auf, kamen wieder zusammen und nahmen unser Album „Rumania" auf. Seitdem spielen wir zusammen und brachten noch zwei Alben raus, nämlich „Desperate Children" und jetzt „Four Days In A Motel Room“.
Wie kommt es denn, dass die NUNS, obwohl eine Band der ersten Stunde, immer ein Geheimtip geblieben sind?
Jeff: Du meinst die Tatsache, dass zwar viele Leute schon mal unseren Namen gehört haben, aber die Band eigentlich nicht kennen? Ich denke, das lag an den Umständen. Zuerst hatten wir ein richtig großes, professionelles Management, das erstmal alle Angebote der Majorlabels zurückwies, weil es pokern wollte. Wir waren damals jung und dumm und wussten es nicht besser. Das Ergebnis war, dass wir irgendwann ohne Plattenvertrag und Management dastanden, weil der erste Hype vorüber war. Wir haben daraus gelernt und heutzutage kümmern Jennifer und ich uns um alles selbst. Ich denke, dass es überhaupt nichts bringt, zurückzublicken und sich vorzustellen, was gewesen wäre, wenn es damals so und so gelaufen wäre. Das ist sechzehn Jahre her! Was hast du vor 16 Jahren gemacht?
Ich war acht Jahre alt und ging in die zweite Klasse.
Jeff: Ich war damals 19 und Jennifer 15. Sie ging zu High School. Wir waren klein und dumm, Kinder, die in einer Punkband spielten. Heute wollen wir einfach nur Konzerte spielen, Platten aufnehmen und Spaß haben. Wir wissen, was wir können und dass wir gut sind.
Und was antwortest du, wenn dich jemand fragt, warum ihr alten Säcke noch in einer Punkband spielen müsst und nicht einfach Platz für den Nachwuchs macht?
Jeff: Erstmal haben wir mit Delphine und Leslie zwei Jungs in der Band, die deutlich jünger sind als ich, Jennifer und Jeff, und zweitens hat sich an unserem Alter bisher noch niemand gestört - ich weiß aber nicht, wie die Leute in Deutschland das sehen.
Es gibt schon ein paar Leute hier, die sich darüber lustig machen, dass all die alten US-Bands wie ARTICLES OF FAITH, SEVEN SECONDS , YOUTH BRIGADE oder D.O.A. hierher auf Tour kommen, dicke Gagen einschieben und damit einheimischen, kleinen Bands das Leben schwer machen.
Jeff: Das ist ja nicht deren Problem. Die einheimischen Bands sollen schauen, dass sie als Vorband spielen können und so die Chance haben, allmählich bekannter zu werden. So war das schon immer. Es bringt überhaupt nichts, verbittert zu sein. Die Bands sollen sich um ihre Musik kümmern und nicht versuchen, sich untereinander auszuspielen.
Ihr wart immer eine Undergroundband und seid nie in die Mühlen des Majorbusiness geraten. Meinst du, dass euch das davor bewahrt hat, frühzeitig alt und verbraucht zu klingen?
Jeff: Richtig. Man hat uns zwar herumgestoßen, aber nie zu Boden geschlagen. Wir standen mal kurz in Verhandlungen mit CBS, aber bevor die Sache Konturen annehmen konnte, war die Aktion schon wieder abgeblasen. Wir wollen in erster Linie Platten aufnehmen und wenn uns das jemand bezahlen will, dann o.k. Aber wir denken nicht in Kategorien von „DER DEAL“, das ist typisches Achtziger-Jahre/Ronald-Reagan-Denken. Wir waren aber schon vorher da und wollen mit diesem schrecklichen, übelkeiterregenden materialistischen Scheiß nichts zu tun haben. Andere Bands denken an nichts anderes und machen sich verrückt deshalb. Die NUNS kümmern sich nur um ihre Musik., o.k.?"
Diese Einstellung bedeutet aber auch, dass ihr nicht die Medienöffentlichkeit bekommt wie z.B. FLIPPER oder RED KROSS, die so lange dabei sind wie ihr und zum Schluss doch noch einen Majordeal abbekommen haben. Dabei ist eure neue Platte absolut „radiotauglich", wird aber wegen des fehlenden Majordeals nicht gespielt.
Jeff: Klar, es ist schön, wenn die Platte im Radio gespielt wird und ich will ja auch, dass möglichst viele Leute unsere Musik zu hören bekommen. Aber wenn nicht, was soll ich da machen? Ich mache mir darüber keine Gedanken mehr, denn das führt zu nichts.
Zu diesem Zeitpunkt kommt Jennifer ins Spiel, die bis dahin nur im Hintergrund gelauscht hatte und nun ihre Schwatzhaftigkeit befriedigen will, indem sie mir ihre Vorstellung von der Band erklärt:
Ich sehe die NUNS als sowas wie eine experimentelle Theatergruppe an, die ständig Neues ausprobiert. In den NUNS kannst du alles machen - wir sind sowas wie künstlerische Kamikazekämpfer. Wir waren von Anfang an underground, rebellisch und strange, und deshalb machen mir die NUNS auch heute noch Spaß. Wir verdienen damit zwar nicht viel Geld, aber es macht Spaß, völlige künstlerische Freiheit zu haben. Ich kenne genug Leute in Bands mit Majordeals um zu wissen, dass die so gut wie keine künstlerische Freiheit mehr haben: Ihre Texte werden nachbearbeitet, das Artwork überwacht, die Musik nach dem Geschmack des Labels produziert und so weiter. Bei den NUNS dagegen kannst du machen, wozu du gerade Lust hast. Gerade heute, wo Musik immer in bestimmte Kategorien eingeordnet wird und man - auch im Punk -, ungeschriebenen Regeln folgen muss, ist mir das ungeheuer wichtig. Eine der Regeln, auch im Punk, ist die, keine Frau in der Band zu haben. Schau dir doch mal an, wie wenig Frauen in Bands spielen. Allein mit meiner Existenz als Sängerin in einer Punkband breche ich also schon eine Regel. Und deshalb macht es Spaß, in den NUNS zu sein.
Wer ist denn bei euch für das Songwriting zuständig?
Ich schreibe beinahe alle Songs. Ich liebe es, neue Songs zu komponieren. Auf jeden Song auf der Platte kommen zehn oder fünfzehn weitere, die wir nicht aufgenommen haben. Ich nerve auch alle meine Freunde und Freundinnen mit meinen Songs, spiele sie ihnen immer wieder vor und will wissen, was sie davon halten. Sie sagen, ob sie einen Song gut finden, was daran nicht gut ist und warum und helfen mir so, mir selbst gegenüber kritisch zu bleiben.
Wie kommt es denn dann, dass ihr bei diesem Song-Output in sechzehn Jahren nicht mehr als vier Platten veröffentlicht habt?
Wir hatten einfach nicht das Geld dazu und ich habe sehr lange gebraucht um herauszufinden, wie man billig aufnehmen kann. Jetzt weiß ich das und kann dir im billigsten Studio eine brilliante Platte produzieren. Anfangs hatte ich keinerlei Ahnung vom Aufnehmen und musste mich deshalb immer auf andere Leute verlassen, während ich heute den Leuten im Studio detaillierte Anweisungen geben kann. Die neue Platte war zum Beispiel von den Aufnahmen her die billigste, die wir bisher gemacht haben. Du wirst es wahrscheinlich kaum glauben, aber wir haben gerade mal 2.000 Dollar fürs Studio ausgegeben. Wir haben das dadurch geschafft, dass wir die Songs im Proberaum bis ins kleinste Detail geprobt haben und dann ins Studio gingen, sie einspielten und nur ganz wenig nachbearbeiteten. Für meine Gesangsparts habe ich nur eine Stunde gebraucht und musste mich noch mit dem Produzenten streiten, weil der natürlich noch endlos daran herumfeilen wollte.
Auf dem Plattencover und in Texten wie „Do you want me on my knees?" baust du dir so ein „Madonna des Punkrock"-Image auf.
Das ist kein künstliches Image, sondern das Leben, das ich führe. Ich treibe mich viel in Hollywood rum und führe wohl das, was manche Leute als ein „wildes Leben" bezeichnen würden. In meinen Texten schreibe ich darüber: darüber, wie sich Menschen und besonders Männer mir gegenüber verhalten. Solange ich so aussehe, wie ich eben aussehe, wird sich daran auch nichts ändern. Wenn ich mir die Haare braun färben, eine Brille tragen und weite, braune Blusen tragen würde, könnte ich das verhindern, aber ich glaube nicht, dass ich mich dann wohlfühlen würde. Ich muss mich damit abfinden , dass mich die Leute für ein blondes, gutaussehendes Dummchen halten und schreibe Songs darüber. Als wir die Platte aufnahmen, befand ich mich außerdem in einer sehr schwierigen Phase, fühlte mich nicht sonderlich gut und wollte deshalb, dass die Platte nicht auch noch düster und depressiv wird, sondern hi-energy, aufregend, jung und sexy - eine Platte, die mir d a s Gefühl gibt „Yeah, I can do it!". Das war es, was ich wollte, nicht so sehr ein Anlehnen an MADONNA-Klischees.
Du wolltest also ein Zeichen setzen gegen politisch korrekte Prüderie, gegen asexuelle, anti-erotische Punkbands?
Exakt. Nimm zum Beispiel die Band eines Bekannten, die keine Frauen im Backstagebereich duldet. Ich kam zum Konzert und wollte mich mit ihm unterhalten, aber die ließen mich nicht durch. Ihm war das nachher peinlich, aber für mich offenbarte es auch etwas, nämlich eine extrem prüde Form von Sexismus. Warum soll ich mich schämen, eine Frau zu sein? Warum soll ich mich, meinen Körper, in einer Ecke verstecken, mir die Haare schneiden und versuchen, möglichst hässlich auszusehen? Nur weil diese Leute Probleme mit Frauen haben? Als Frau sollte man, verdammt nochmal, das Recht haben, die Musik zu machen, die Frau will und so aufzutreten, wie es einem gerade gefällt. Wenn das alles nicht gelten soll, dann weiß ich nicht, wozu Punkrock noch gut sein soll. Als wir anfingen Musik zu machen, gab es jede Menge Frauen im Punkrock, aber keine von denen scheint sich durchgesetzt zu haben. Die Männer übernahmen endgültig das Ruder und Punk wurde zu diesem Hardcore-Macho-Ding. E s gab anfangs wirklich unglaublich viele Punk-Sängerinnen, die aber nie so richtig akzeptiert wurden: „Mädels, Punk ist nichts für euch, verpisst euch!". Ich stehe aber auf Punk und dieses spielerische Machogepose, so lange es nicht ernstgemeint ist und die Jungs nicht gemein zu mir sind, hahaha.
Jeff taucht wieder a u s d e m Hintergrund auf, um seine Sicht dieses Themas loszuwerden.
Als wir anfingen, war es schon eine verdammt punkrockig-rebellische Tatsache, eine Sängerin zu haben. Außer Jennifer hatten wir noch drei Sänger. Damals kamen all diese Schriftstellertypen zu unseren Shows, und auch Leute wie Lou Reed und Andy Warhol. Die hielten uns damals für völlig verrückt und innovativ, obwohl vom heutigen Standpunkt aus gesehen an den NUNS gar nichts so besonderes dran war. Ein Grund, warum die Leute, die uns kennen, uns mögen, ist vielleicht der, dass wir von dem, was wir tun, zu hundert Prozent überzeugt sind.
Jennifer: Das ist mir auch aufgefallen und ich finde es total schade. Jedesmal, wenn ich in einem Plattenladen bin, grabe ich nach all diesen Bands. Ich liebe diese ganze blonde New Wave-Künstlichkeit, auch wenn es heutzutage absolut nicht politisch korrekt ist, hehe. Sowieso ist unsere Platte die derzeit politisch unkorrekteste überhaupt. Ich glaube, ich habe wirklich kein Thema ausgelassen. Ich gehe mit irgendwelchen Millionären aus, bin blond und dekadent - und auch unsere Bandvergangenheit hat alles, um uns bei diesen ganzen politisch Korrekten unbeliebt zu machen: Wir hatten 'nen Dealer als Manager, Sid Vicious gab sich auf einer unserer Party 'ne Überdosis, Silvester Stallone hat mich mal verklagt...
Im Ernst? Warum?
„Das kann ich dir nicht erzählen - oder doch ? Jedenfalls stimmt die Geschichte , ich habe den Brief noch zu Hause liegen. Ich war damals auf einer Party von Heidi Fleiss, dieser Callgirlring-Chefin, die ja erst vor kurz em vor Gerichtstand . Naja, ich war jedenfalls auf dieser Callgirl-Party, bei der sie versuchten, mich zu rekrutieren, und Sylvester Stallone war auch da. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihm und bekam nachher wüste Drohungen von seinem Anwalt, bloß niemandem von dieser Party zu erzählen, denn es trieb sich da wohl auch der eine oder andere Dealer herum. Außerdem wollten sie mich von dieser Party nicht mehr gehen lassen, so dass ich mich durch's Fenster absetzen musste. Später fragten sie mich nochmal, ob ich nicht zu einer Party mit Tom Selleck gehen wolle, aber ich sagte nein. Ach ja, bei dieser Stallone-Party habe ich auf 'nem riesigen Flügel neben den Swimming Pool im im Salon „Suicide Child" gespielt. Die ganzen Callgirls waren mit den Body Guards in den Zimmern verschwunden und ich saß am Piano und spielte meinen Song. Das war absolut grandios! Eigentlich wollten die von mir auch, dass ich mit denen da rumficke - vor allem Stallones Bruder - , aber ich hatte null Bock drauf.
Willst du mich verarschen???
Nein! Ich habe den Brief von Stallones Anwalt hier rumliegen. Wenn du willst, bringe ich dir den mit, wenn wir auf Deutschlandtour kommen. Ich glaube, die hatten Schiss bekommen, weil da jede Menge Dealer und Prostituierte rumliefen und sie Stallones Namen raushalten wollten. In Hollywood warten ja immer noch alle wie gelähmt, ob Heidi Fleiss ihr kleines Büchlein aufmacht und Namen preisgibt. Stallone gehörte wohl auch zu ihren Kunden.
Woher kennst du denn diese ganzen reichen, berühmten Leute?
Wenn du blond bist und gut aussiehst, dann ergibt sich d a s fast von alleine. Ich habe ja früher schon in ein paar Horror-B-Movies gespielt und kenne daher ein paar Leute in Hollywood. Zu dieser Stallone-Party kam ich über das Casting für einen angeblichen Film. Das ist ein beliebtes Mittel, um sich schöne Mädels für eine Party zu angeln: Sie tun so, als suchten sie Leute für einen Film und lassen sie antanzen, um sich Girls für ihre Parties auszusuchen. Du würdest nicht glauben, wie dekadent Hollywood wirklich ist.
Du redest ständig von Hollywood, aber ich dachte, ihr kommt aus San Francisco.
Naja, L.A. liegt ja beinahe um die Ecke. Jedenfalls ist alles, was du jemals über Hoolywood gehört hast, wahr. Das ist alles so unglaublich dekadent!
Ich habe vor kurzem erst einen Artikel darüber gelesen, wieviele Schauspieler und Regisseure - ich erinnere mich an Tom Cruise - in der Scientology - Sekte sind und dass man ohne Sektenmitgliedschaft keine Chance auf einen Job hat.
Die haben alle irgendeine Macke: Jeder hat seine Sekte, seinen Guru, seinen Therapeuten, seinen Ernährungsberater, ist ein Ex-Drogenabhängiger , geht zu Narcotics Anonymous-Meetings,... Das zumindest ist eine Sache, auf die ich stolz sein kann: Ich habe nie Drogen genommen.
Jeff drängelt sich ans Telefon und will wissen, wie die deutsche Musikszene zur Zeit so aussieht, worauf ich ihm erzähle, dass es zwar wie in den USA jede Menge schlechter Rockbands gibt, die einen auf Grunge machen , aber auch viele guter Punk - und Hardcorebands.
Freut mich zu hören. Wenn wir auf Tour kommen, habe ich nämlich keinerlei Bock darauf, nur die übliche Kommerzmusikszene zu sehen zu bekommen mit ihren ganzen Wannabe-Amerikanismen. Ich will die richtige Szene sehen, den Underground. Ich hätte auch Lust darauf, nach der Tour mit der Band eine Weile in Deutschland zu bleiben und vielleicht eine neue Platte aufzunehmen, denn momentan läuft bandmäßig alles bestens..
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #17 II 1994 und Joachim Hiller