
THEE HEADCOATEES waren – und sind – so was wie der weibliche siamesische Zwilling von Billy Childishs Band THEE HEADCOATS, der Name unterscheidet sich nur durch das Doppel-E hinten. Sie existierten in ihrer ersten Phase von 1991 bis 1999, gingen zurück auf THE DELMONAS und bestanden aus Holly Golightly, Kyra LaRubia, Ludella Black and Debbie „Bongo“ Green. Beide Bands waren – und sind – eng miteinander verwoben, die Frauen aus der Clique um Billy Childish, THEE MILKSHAKES und THEE HEADCOATS machten eben irgendwann ihr Ding, aber zusammen mit den Männern, und nahmen das als Basis für eine eigene musikalische Karriere. Saskia Holling hat das im Detail in ihrem Buch „Girlsville“ beschrieben. Ich nahm das parallel zur neuen THEE HEADCOATS-Platte „The Sherlock Holmes Rhythm ’n’ Beat Vernacluar“ erschienene THEE HEADCOATEES-Album „Man-Trap“ zum Anlass für ein Gespräch mit Ludella Black.
Wie geht es dir, was macht das Wetter?
Es ist sonnig und echt schön. Ich war gerade draußen und es ist super. Gestern hat es wie verrückt geregnet, da hatte ich einen kleinen Auftritt in London auf einer Hochzeitsfeier.
Wohnst du immer noch auf einem Hausboot, wie ich in dem Buch gelesen habe?
Ja, und wir haben sogar zwei Hausboote. Ich lebe mit Micky [Hampshire] zusammen, der früher bei den MILKSHAKES war und jetzt bei den MASONICS ist. Ein Boot hat vor ein paar Jahren ein Leck bekommen, also mussten wir alles ausräumen, um zu sehen, wo das Wasser reinkommt. Für die Zwischenzeit hatten wir ein weiteres gekauft und es direkt daneben geparkt. Wir wohnen jetzt auf dem zweiten Boot, während wir das erste renovieren.
In Städten wie Amsterdam wird es immer schwieriger, einen Platz für sein Boot finden, geschweige denn dass es bezahlbar wäre, ein Boot zu kaufen. Wie ist es in London, auf einem Boot zu leben, und wie erschwinglich ist das noch?
Es ist schwieriger geworden. Von offizieller Seite mag man keine Hausboote mehr. In London muss man, wenn man auf einem Boot lebt, damit alle paar Wochen umziehen, man bekommt keinen festen Liegeplatz. Wir sind hier schon seit 40 Jahren und ich klopfe auf Holz, dass wir bleiben können. Uns drohte aber auch schon mal das Ende, das Stadtviertel sollte „entwickelt“ werden. Aber im Moment sind wir sicher und glücklich.
Wie lebt es sich auf so einem Boot? Ich stelle mir das im Winter ziemlich kalt und feucht vor.
Wir haben einen Holzofen, der hält uns schön warm. Aber ja, die Winter können hart sein, wenn die Wasserrohre einfrieren. Dann müssen wir manchmal mit dem Eimer Wasser holen, aber das dauert meist nur ein oder zwei Tage lang. Das schaffen wir.
Saskia Holling veröffentlichte 2021 mit „Girlsville“ ein Buch über THE DELMONAS und THEE HEADCOATEES. Damals waren letztere Geschichte, jetzt gibt es sie wieder. Was ist seitdem passiert?
Vor allem hat sich die Band wieder zusammengefunden. Nun, das kam wirklich völlig überraschend. Ich habe nach dem Split mit den MASONICS und solo als Ludella Black weiter Musik gemacht. Außerdem habe ich bei den THE 5.6.7.8’S gesungen, dieser japanischen Girlband, und das mache ich auch aktuell noch. Mit THEE HEADCOATEES war es irgendwann Anfang der 2000er wirklich vorbei, Debbie hat als Erste aufgehört, dann Holly und dann Johnny, und damit war’s vorbei. Das war damals ziemlich bitter, deshalb konnte ich mir echt nicht vorstellen, dass wir jemals wieder alle zusammenkommen würden. Aber jetzt ist es passiert, es gibt ein neues Album und wir hatten echt viel Spaß beim Aufnehmen. Holly hat ihren Teil natürlich in den USA aufgenommen ...
... da lebt sie seit geraumer Zeit.
Ja, und das musste dann hinzugefügt werden, weil sie Amerika im Moment nicht verlassen kann wegen Trump. Wir hatten viel Spaß zusammen, wir waren einfach Freundinnen, die zusammen gemacht haben, was wir immer getan haben.
War die inzwischen vergangene Zeit ein wichtiger Faktor? Manchmal trifft man jemanden wieder, hat Spaß zusammen und fragt sich, was damals eigentlich los war, warum man im Umfrieden auseinandergegangen ist.
Ja, genau. Das war damals und jetzt stehen wir hier. Alle haben sich super verstanden und wir freuen uns sehr auf die Veröffentlichung der Platte und hoffen, dass wir auch ein paar Konzerte geben können. Wir warten, bis Holly sich sicher genug fühlt, um aus den USA herzukommen, bevor wir das machen.
Wie möchtest du eigentlich angesprochen werden? Im Buch bist du Sarah, wie du eigentlich heißt – oder soll ich Ludella sagen? Manchmal trennen Menschen ja bewusst ihre Bühnen-Persona von der „echten“ Person.
Ich bin Ludella und ich bin Sarah, aber du kannst mich Sarah nennen. Die meisten Leute kennen mich sowieso unter beiden Namen, also ist das in Ordnung.
In den letzten Jahren gab es hier und da mal eine intensive Debatte um die Wahrnehmung von Frauen in der Musikszene, etwa wenn auf Frauen als „Freundin von“ oder „Frau von“ Bezug genommen wird. Wenn ich zu euren Anfängen als Band zurückgehe, spielt der „Freundin von“-Aspekt aber durchaus eine Rolle, oder?
Ich war ja zuerst bei den DELMONAS, und damals schon war ich Mickys Freundin. Und später hatten Billy und ich die Idee mit THEE HEADCOATEES – die sollten so was wie die THEE HEADCOATS-Version der DELMONAS sein. Der Ausgangspunkt waren also Billy und ich und die HEADCOATS und dann die Freundinnen von Bruce, John und Billy. Und es hat einfach gepasst, da hatten wir Glück.
Dieser Freundinnen-Aspekt, war das damals ein Thema?
Nein, denn jeder wusste, dass das so war. Na ja, am Anfang dachten die Leute, wir wären Betrügerinnen, weil wir unsere eigenen Instrumente nicht selbst spielten, die Jungs taten das. Aber die Leute, die uns kannten, wussten ja, was die Idee dahinter war, es hatte also überhaupt keine Bedeutung.
Die DELMONAS gab es von Mitte bis Ende der 1980er, und als dann ab den frühen 1990ern die HEADCOATEES ins Spiel kamen, war das die Zeit, als in den USA die Riot Grrrl-Bewegung entstand, die dann auch nach Europa kam. Inwiefern hattet ihr damit zu tun, oder war das nur ein Zufall?
Ich denke, dass es Zufall war. Wir hatten unsere Fans, und das waren nicht unbedingt die, die die Riot Grrrl-Szene verfolgten. Ich glaube, dass wir uns zu der Zeit nicht wirklich für etwas anderes interessiert haben als für das, was wir selbst gemacht haben. Wir lebten in unserer eigenen kleinen Bubble.
Es gab also keine Agenda hinter den HEADCOATEES?
Ich denke nicht. Wir haben nie damit „gespielt. Wir waren einfach die Mädchenversion der HEADCOATS. Und tatsächlich kamen wir oft viel besser an als die Männer.
Ich habe euch nur einmal live gesehen, das war in Köln im Rhenania, Mitte der 1990er.
Ja, das war Mitte der 1990er. Ich liebe es, in Deutschland zu spielen. Ich war auch schon oft mit den MASONICS dort. Leider haben wir seit ein paar Jahren nicht mehr bei euch gespielt, seit dem Brexit.
Wenn man ein Diagramm erstellen würde mit allen persönlichen Beziehungen zwischen den Bands und Musiker:innen im THEE HEADCOATS-Kosmos, würde wohl Billy Childish im Mittelpunkt dieses Geflechts stehen, oder wie siehst du das?
Billy ist der, mit dem immer noch alle irgendwie verbunden sind. Als die MILKSHAKES anfingen, waren es Micky und Billy, die beiden waren der Kern der Band. Ich glaube, die Leute denken immer, dass Billy der Hauptakteur war, aber aus ganz persönlichen Gründen möchte ich das richtigstellen. Und wie du schon sagtest, es gibt so viele Freunde aus all diesen Jahren, mit denen wir immer noch in Kontakt stehen, dass es mittlerweile einen riesigen Stammbaum gibt: Der spielt mit dem, die ist in dieser Band, der in jener ... und im Laufe der Jahre gab es ziemlich viele Wechsel.
Gibt es jemanden, der so was wie der offizielle Archivar des Ganzen ist, der all diese Aktivitäten verfolgt und aufschreibt?
Ich habe ein Sammelalbum, ein richtig dickes Ding im A3-Format, nur zu den MILKSHAKES und den DELMONAS, und daraus muss ich wirklich mal was machen, bevor das ganze Ding auseinanderfällt. Alle Beteiligten haben ihre eigene Version dessen, was passiert ist, aber bisher wurde noch nichts umfassend katalogisiert. Aber wir müssten da mal was machen, solange wir uns noch an alles erinnern können. Und ich habe auch eine Menge schöner Fotos.
Musiker:innen sind bisweilen genervt, wenn sie, gerade im Kontext eines neuen Albums, doch wieder über alte Zeiten reden sollen. Wie geht es dir damit?
Ich bin stolz auf alles, was ich getan habe, und empfinde es als Privileg, in all diese Aktivitäten involviert gewesen zu sein. Klar, wir werden alle älter, aber ich finde es immer noch alles spannend, was wir so mit unseren Bands tun können. Und ich bin immer noch sehr begeistert von neuen Projekten. Möge das noch lange so weitergehen!
Es gibt viele Paare, bei denen der eine nicht unbedingt die Interessen des anderen teilt. Ihr seid in der glücklichen Situation, dass ihr die gleichen musikalischen Interessen habt.
Ja, und das ist auch wichtig, wenn man wie wir auf sehr begrenztem Raum lebt, wie auf unserem Hausboot. Da müssen wir einfach miteinander klarkommen. Und jenseits der Musik ist Mick Maler, ich bin Töpferin, ich stelle Töpferwaren her. Wir teilen also auch ein Interesse an Kunst. Wir können uns echt glücklich schätzen, dass wir auch beste Freunde sind. Wir verstehen uns einfach super gut.
Wie viel Platz nimmt Musik in eurem Leben ein?
Im Laufe der Zeit sind wir in Sachen Musik immer wählerischer geworden und haben beschlossen, dass wir nur noch das machen, was wir wirklich machen wollen, etwa was Konzerte betrifft. Es gibt für uns noch so viele andere Dinge, die wir machen wollen, so dass wir da einfach Rosinenpicker geworden sind. Für meine Töpferarbeiten habe ich ein Atelier mit Blick auf den Fluss, da bin ich drei Tage die Woche – und nicht auf dem Boot. Ich verkaufe meine Werke in Galerien, bei Ausstellungen und in Geschäften. Und ich arbeite noch in einer kleinen Buchhandlung.
Wie kam es zwischen all diesen Aktivitäten zur Reformierung der HEADCOATEES?
Wir alle standen noch in Kontakt miteinander. Billy lebt immer noch in der Medway-Region, Bruce wohnt auch nicht allzu weit weg, ebenso Debbie, nur Johnny lebt in Sizilien. Seinen Besuch mussten wir also organisieren. Alles in allem war es ziemlich einfach, alle zusammenzubekommen. Und die Jungs sind so drauf, dass die einfach ihre Instrumente in die Hand nehmen und schon ist alles wieder da. Die vergangene Zeit spielt für die keine Rolle, die wissen, was sie tun.
War von Anfang an klar, dass die Jungs die Instrumente spielen würden und ihr singt, dass sich also diese Konstellation aus den Anfängen nicht ändern würde?
Ursprünglich sollte es ja nur ein THEE HEADCOATS-Projekt sein, die Backing-Tracks waren sowieso fertig. Debbie ist eine sehr gute Schlagzeugerin, meiner Meinung nach ist sie die zweitbeste Schlagzeugerin überhaupt, nach Bruce, der ist die Nummer eins. Holly spielt Gitarre, Kyra und ich spielen eigentlich nichts, also singen wir.
Kannst du mir was zur Auswahl der Songs sagen? Es sind ein paar Coverversionen dabei, etwa von den BEATLES und den RAMONES.
Ich, Kyra und Billy haben uns zusammengesetzt und ein paar Titel aufgeschrieben, die zu uns passen könnten. Billy hatte schon ein eine Reihe Songs, die er für die HEADCOATS geschrieben hatte, und wir hatten die Idee, ein paar THEE MIGHTY CAESARS-Nummern zu spielen. Und so überlegten wir, welches Cover und welcher Song zu welcher Person, zu welcher Stimme passt. Man merkt das einfach, wir haben ganz unterschiedliche Stimmen. Man weiß schnell, oh nein, das ist nichts für mich, das passt eher zu Debbie. Es ergab sich ganz organisch.
Ich finde es interessant, dass das HEADCOATS-Universum auf der ganzen Welt Fans hat. Und es sind sehr engagierte Fans, die eure Platten kaufen, von denen es eine Menge gibt, also von all den Bands aus dem „Billy-Universum“. Handelt es sich eher um ein weltweites Phänomen, als dass die britische Presse das im Blick hätte?
Ich denke, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Hierzulande gibt es zwar Leute, die uns kennen, aber im Ausland sind es mehr. Ich war letztes Wochenende mit den MASONICS in Spanien, und dort kennt jeder die DELMONAS, die HEADCOATS und die HEADCOATEES. Und diese Leute freuen sich auch über die neuen Veröffentlichungen und sind begeistert. Als ich vor ein paar Jahren in Japan war, habe ich erfahren, dass es auch dort immer noch große Fans gibt von all dem, was wir machen.
Es muss ein tolles Gefühl, wenn man merkt, dass man etwas Einzigartiges geschaffen hat, das weltweit Fans hat. Das können nur wenige Leute von sich behaupten.
Haha, ja, das ist echt verrückt! Und wir haben uns dafür nicht mal besonders viel Mühe gegeben. Wir haben es einfach gemacht und es hat funktioniert. Die DELMONAS waren letztlich ja nur ein recht kurzlebiges Projekt, aber da habe ich festgestellt, dass ich großen Spaß am Singen habe. Ich bin ein großer Fan von Girlgroups. Mit den HEADCOATEES wurde daraus dann eine echte Berufung für mich.
Im Kontext der Girlgroups muss man erwähnen, dass es seitens gewisser Produzenten wie Phil Spector und Kim Fowley auch immer wieder krasse Fälle von Missbrauch gab.
Ja, auf jeden Fall. Aber ich finde, das muss man voneinander trennen. Sollte man Picasso nicht mehr schätzen wegen der Art, wie er Frauen behandelt hat? Ich denke, man muss Person und Werk trennen. Phil Spector war ein Monster, die SHANGRI-LAS wurden total von Shadow Morton kontrolliert und so weiter. Aber ihre Musik klingt trotzdem super. Sorry, das war wahrscheinlich nicht die richtige Antwort für viele Feministinnen, aber ich denke, man kann die Dinge trennen, die Kunst schätzen, und muss nicht zu viel über die dunkle Seite wissen.
Siehst du das, was du mit den DELMONAS und den HEADCOATEES gemacht hast, als etwas, das mit Feminismus, dem Empowerment von Frauen zusammenhängt?
Hahaha, nein. Absolut nicht. Ich glaube, keine von uns ist besonders feministisch eingestellt. Bei all dem, was wir getan haben, spielte nie irgendeine „Bewegung“ eine Rolle. Wir waren einfach nur Freundinnen und hatten Spaß.
Wie sieht es mit den Plänen für eine Tour aus? Solange Holly nicht ausreisen kann, kommen ja eigentlich nur die USA in Frage, oder?
Wir werden einfach abwarten. Es wäre schön gewesen, ein paar Shows zu spielen, wenn die Platte kommt, aber das war nicht möglich. Es wird irgendwann irgendwo ein paar Konzerte geben. Ich habe gestern mit Debbie überlegt, ob wir es auch mit nur zwei oder drei von uns machen könnten, aber wir waren uns einig, dass wir uns bereits so viel Zeit genommen haben, dass wir das jetzt auch als Gesamtprojekt durchziehen wollen. Sollte Holly definitiv nicht mehr kommen können, werden wir das überdenken.
Eure Platte erscheint wie das meiste aus eurem Kontext auf Damaged Goods in London. Welche Rolle spielen Ian und Duncan bei all dem?
Damaged Goods ist eine der wenigen Plattenfirmen, die sich wirklich um dich kümmern. Die sind ein Teil der Familie, würde ich sagen. Ian ist immer sehr hilfsbereit. Ich habe ihn das erste Mal in Japan getroffen, als wir da mit den HEADCOATS und HEADCOATEES spielten, und er war mit den MANIC STREET PREACHERS auf Tour. Er hing die meiste Zeit in Japan mit uns rum, mit uns hat es wohl mehr Spaß gemacht, haha. Damaged Goods hat ja schon meine drei Solo-Alben veröffentlicht, 2026 erscheint da auch meine neue Platte.
Was tut sich sonst in der Welt von Ludella Black?
Die Songs für das Album sind alle geschrieben, im Frühjahr nehmen wir sie auf, im Sommer kommt es raus. Und dann gibt es hoffentlich wieder eine kleine Tournee durch Europa.
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Diskografie
„Girlsville“ (LP, Hangman, 1991) • „Have Love Will Travel“ (LP/CD, Vinyl Japan, 1992) • „Ballad Of The Insolent Pup“ (LP/CD, Vinyl Japan, 1994) • „Bozstik Haze“ (LP/CD, Vinyl Japan, 1997) • „Punk Girls“ (LP/CD, SFTRI, 1997) • „Here Comes Cessation“ (LP/CD, Vinyl Japan, 1999) • „The Sisters Of Suave“ (LP/CD, Damaged Goods, 1999) • „Man-Trap“ (LP/CD, Damaged Goods, 2025)
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