
Drummerboy dieser Ausgabe ist der Schweizer Thomas Wydler, Jahrgang 1959, den man einfach als einen der ganz großen, international tätigen Schlagzeuger dieser Welt bezeichnen muss. Er hat in seiner langjährigen Karriere mit so vielen Musikern und Bands zusammengespielt, dass der Platz für die ganze Liste nicht ausreichen würde. Sein unnachahmlicher Stil ist eine Mischung aus Jazz und Rock, kombiniert mit der Wildheit und Dynamik des Punk, so dass wir sehr froh sind, mit dem sympathischen Eidgenossen ein Interview für das Ox führen zu können.
Thomas, kommst du aus einer musikalischen Familie und bist von daher einschlägig vorbelastet?
Nein, eigentlich nicht. Mein Vater kam aus der Schweizer Arbeiterklasse und spielte kein Instrument, meine Mutter war Schwedin und auch auf ihrer Seite waren keine Musiker in der Familie. Die berühmteste Person in unserer Familie ist eigentlich mein Urgroßvater, der 1903 Schwergewichtschampion in New York City war, ihm habe ich später auch eine meiner Solo-Platten gewidmet. Mit Musik bin ich in Kontakt gekommen, weil mein Vater ein großer THE BEATLES-Fan war und wir das „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Album von 1967 und „Abbey Road“ von 1969 als Kassetten zu Hause hatten. Ich erinnere mich auch daran, dass mich die „Next“-LP von THE WHO von 1971 total begeistert hat, und irgendwie habe ich mich schon damals, im Alter von zehn oder zwölf Jahren, für das Schlagzeug interessiert. Ringo Starr und Keith Moon fand ich unglaublich gut und ich habe damals mit dem Lineal aus der Schule zu Hause herumgetrommelt. An ein eigenes Schlagzeug habe ich damals nicht gedacht, denn gegen Ende der 1960er Jahre spielten Kinder einfach kein Schlagzeug. Das stand also nicht an und eigentlich wollte ich ja auch Fußballer werden. Am liebsten wollte ich Franz Beckenbauer und Günther Netzer gleichzeitig sein, denn das waren damals meine großen Idole. Das Schlagzeugspielen habe ich also nicht weiterverfolgt, bis mein Vater 1974 zu Hause viel Jazz hörte und ich diese Rhythmen intuitiv cool fand und mitgetrommelt habe. Das hat mich so fasziniert, dass ich begonnen habe, alles über die Geschichte des Jazz zu lesen, und so bin ich auf die ganz großen Schlagzeuger gestoßen, wie Art Blakey, Elvin Jones, Gene Krupa und viele andere.
Wie bist du vom Sportler zum Musiker geworden?
Meine Karriere als Fußballer war schon 1977 zu Ende, weil ich einen schweren Meniskusriss hatte und nicht mehr spielen konnte. Radsport war mir auf Dauer auch viel zu anstrengend und machte keinen Spaß, weil man da wirklich hart trainieren musste, und so habe ich für mich beschlossen, dass Kunst doch besser ist. Vor 1976 hatte ich nie den Gedanken, dass ich Schlagzeug spielen könnte, aber ich hatte das Glück, dass ich schon 1977 bei Sal Celi Stunden nehmen konnte. Sal Celi war von New York nach Zürich gezogen und nach einem Jahr Unterricht bei ihm, brachte er mich auf die Idee, dass ich vielleicht Profi-Schlagzeuger werden könnte. Das war natürlich immer ein Traum von mir, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er vielleicht sogar Realität werden würde.
Wie kam es dazu, dass du die klassische Handhaltung gelernt hast?
Als mein Schlagzeuglehrer Sal Celi selbst anfing, bei Gene Krupa Schlagzeugspielen zu lernen, gab es ja nur Jazz. An Rock’n’Roll war noch nicht zu denken, also lernte Sal Celi die klassische Handhaltung und ich habe das so übernommen. Das machte auch später beim Punk keine Probleme, denn wenn man sich zum Beispiel Stewart Copeland von THE POLICE ansieht oder anhört, merkt man schnell, wie hart man auch mit der klassischen linken Handhaltung zuschlagen kann. Die Zürcher Punks haben am Anfang nur immer etwas komisch geschaut, wenn ich zum Vorspielen oder auf die Bühne kam.
Hattest du damals schon ein eigenes Schlagzeug und konntest zu Hause üben?
Nein, das war wirklich schwierig. Wir wohnten mitten in Zürich und die Stadt war schon damals sehr viel teurer als andere Orte, so dass an Übungsräume gar nicht zu denken war. Ich hatte mir mittlerweile aus den USA mein erstes Rogers-Schlagzeug mit Paiste-Cymbals bestellt und das stand dann im Trockenkeller des Mietshauses, in dem wir wohnten. Dort konnte ich üben, aber es war natürlich sehr laut, so dass sich das auf eine Stunde am Tag beschränkte. Zu dieser Zeit habe ich im Hauptberuf noch als Briefträger gearbeitet, so dass ich am Nachmittag immer genug Freizeit hatte. Nachdem ich ein Jahr für mich allein getrommelt hatte, brachte mich mein Schlagzeuglehrer dann mit dem Gitarristen der Band HERTZ in Kontakt. Ich wurde also 1978 deren Schlagzeuger und konnte endlich in einem Übungsraum trommeln so oft ich wollte. Das war für mich eine großartige Zeit, denn HERTZ waren in der New-Wave- und Punk-Szene unterwegs, von der ich keine Ahnung hatte. Ich hatte zwar 1977 schon Punks in Zürich gesehen, aber man konnte abends nirgendwo hingehen, weil es diese Sperrstunde gab. Außerdem musste ich sowieso morgens um fünf Uhr aufstehen, so dass ich bis dahin gar keine Gelegenheit hatte, in irgendeiner Szene zu sein. Wir haben dann mit der Band sehr viele Konzerte in Zürich und im Rest der Schweiz gespielt und so kam ich in diese New-Wave- und Punk-Szene hinein. Damals gab es in Zürich sehr viele Bands und Fanzines und die Szene war wirklich sehr groß und aktiv. Das war für mich ein großes Glück, denn man konnte auch als Anfänger noch ohne Probleme auftreten und Konzerte bekommen. Zu dieser Zeit war ich mir dann auch sicher, dass ich Profi-Schlagzeuger werden wollte, denn HERTZ waren da schon sehr professionell aufgestellt und wir verdienten so um die 500 Schweizer Franken pro Auftritt.
Erinnerst du dich an deine ersten Live-Auftritte?
Oh ja, wir haben damals in einem Zürcher Club namens Top Spot drei Konzerte hintereinander gespielt. Wir waren zu viert, hatten deutsche Texte und als Zugabe hat damals Dieter Meier von YELLO zwei bis drei Stücke mit uns zusammen gesungen. Mit dem bin ich auch heute noch befreundet und wir haben viel zusammen gemacht. Nachdem ich bei HERTZ ausgestiegen war, spielte ich bei der Band MUTTERFREUDEN von Rudolph Dietrich und wir hatten im April 1980 ein Konzert in Berlin, zu dem wir extra mit der Eisenbahn angereist sind. Damals kam ich mit der Berliner Szene in Kontakt und war überhaupt von der Stadt gleich total begeistert. Alles war anders, es gab keine Sperrstunde, und ich beschloss ziemlich schnell, dass ich in Berlin leben wollte. Schon im August 1980 bin ich dann nach Berlin gezogen.
Wie bist du damals in Kontakt mit Blixa Bargeld und EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN gekommen?
Ich war zufällig beim ersten Konzert von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN in einer Galerie hinter so einem Hühnergitter anwesend, da war es noch die erste Besetzung der Band mit meiner heutigen Ehefrau Beate Bartel am Bass. Da sind wir ins Gespräch gekommen und mir war der experimentelle Ansatz von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN von Anfang an gar nicht so fremd, weil ich ja zu dieser Zeit ein sehr großer Freejazz-Fan war. Abstrakte Musik fand ich sehr gut und eigentlich war ich auch kein echter Rock’n’Roller. Die Berliner Bands hatten einfach einen ganz eigenen Sound und den fand ich sehr interessant. Mit Rockmusik hatte das eigentlich wenig zu tun und gerade das fand ich super. Ich habe dann mit Blixa und den anderen aus der Band häufig im Risiko und im Ex’n’Pop abgehangen. Als ich schließlich 1985 bei den BAD SEEDS eingestiegen bin, war Blixa Bargeld deren Gitarrist und wir haben die nächsten zehn Jahre zusammen gespielt.
Wie wichtig sind dir bei deiner Ausbildung die Rudiments gewesen?
Ich habe gleich zu Beginn von Sal Celi das Notenlesen beigebracht bekommen und natürlich habe ich als junger Mensch nie gerne nach Noten gelernt, weil mir das viel zu anstrengend war. Aber ich habe das durchgezogen und jeden Tag eine Stunde lang meine Paradiddles und Double Stroke Rolls geübt. Ich habe mich da durchgebissen und mache es bis heute noch genauso. Ich bin 1979 in Zürich sogar noch auf das Konservatorium gegangen, um nebenbei klassisches Schlagzeug zu studieren. Mein Lehrer dort war der erste Schlagzeuger von Herbert von Karajan und bei dem habe ich einmal pro Woche geübt, ganze Musikstücke für Schlagzeug nach Noten zu spielen. In Berlin hatte ich später Unterricht bei Lutz Renziehausen, der auch großen Wert auf Grundlagentechniken legte und dessen Lehrbücher ich heute noch großartig finde. Ich übe heute jeden Tag 90 Minuten für mich und bin gerade dabei, mir anhand seines zweiten Buchs selbst südamerikanische Rhythmen beizubringen. Das ist sehr kompliziert, weil da viel mit Polyrhythmen gearbeitet wird, aber ich kann mich da richtig gut ausprobieren und gerade die Paradiddles sind für südamerikanische Rhythmen sehr von Vorteil. Bei mir im Übungsraum spiele ich auch seit drei Jahren mit zwei Bassdrums, obwohl ich das live auf der Bühne mit den BAD SEEDS nie machen würde.
Wie waren deine ersten Erfahrungen, die du bei Aufnahmen in einem Tonstudio gemacht hast?
Das war, als wir 1978 die erste HERTZ-Single aufgenommen haben. Wir waren damals im Sunrise Studio in Kirchberg, wo auch GRAUZONE oder Fred Frith ihre Aufnahmen gemacht haben. Das war so ein altes Bauernhaus auf dem Land und unser Sänger kannte den Besitzer und Techniker Etienne Conod, so dass wir da rein konnten. Damals haben wir natürlich noch nicht zu irgendwelchen Klicktracks gespielt, aber wir waren für die Aufnahmen gut vorbereitet. Ich hatte zu dieser Zeit viel Timing mit den Kopfhörern bei mir Übungsraum trainiert, wo ich vor allem geradlinige Sachen wie bei THE RAMONES oder KRAFTWERK nachgespielt habe. Das macht halt viel mehr Spaß, als nur zum Klick auf dem Ohr zu spielen, und außerdem lernt man auch viel mehr, wenn man zur Musik spielt, als wenn man nur zum Metronom trommelt. Auch bei den ersten Aufnahmen, die ich mit NICK CAVE & THE BAD SEEDS gemacht habe, war natürlich noch kein Computer im Spiel und man musste ohne Pro Tools auskommen. Da war eine ganz andere Vorbereitung für die Studiosessions erforderlich. Wir haben Demos aufgenommen und ich habe mir dann die Kassetten zu Hause angehört, um zu sehen, welche Parts gut funktionieren und welche ich neu arrangieren muss. Wenn wir dann ins Studio gegangen sind, hatte ich es schon im Gefühl, welche Songs wie am besten funktionieren, und die BAD SEEDS sind auch eine sehr schnelle Band. Wir haben meistens drei im Höchstfall einmal fünf Aufnahmen pro Song benötigt, bis er fertig war. Wenn man ehrlich ist, sind die Tracks ja auch nicht zu kompliziert zu spielen. Ich muss bei Nick Cave allerdings immer sehr gut aufpassen, denn ein gerader Rock’n’Roll-Beat ist bei ihm eigentlich immer fehl am Platze. Ich muss da sehr genau auf seinen Gesang achten, denn es läuft da vieles über seine Stimme und den Text.
Hast du grundsätzlich viel allein oder mehr mit der Band geübt?
Ich habe mit allen meinen Bands sehr viel geprobt. Meistens vier Mal pro Woche, so dass wir uns schon fast wie Profimusiker vorkamen. Zusätzlich habe ich noch täglich für mich allein geübt.
Spielst du lieber live oder im Studio?
Ich bin lieber im Studio. Ich bin jemand, der lieber im Studio experimentiert, als dass er live spielt. Früher, als ich noch jung war, da war alles aufregend und neu. Heute ist es zwar auch noch aufregend, live aufzutreten, aber jetzt bin ich ein bisschen älter und spiele aktuell nur noch im Studio. Auf der anstehenden „Wild God“-Tour kann ich Nick Cave leider nicht begleiten, weil ich Gelenkprobleme habe. Das wird irgendwann hoffentlich wieder okay sein, aber so kann ich nicht neun Wochen auf Tour gehen. Diesmal wird mich mein enger Freund Larry Mullins ersetzen, der ein klassisch ausgebildeter Drummer ist und in den 1990ern zehn Jahre bei Iggy Pop getrommelt hat.
Welchen Tipp würdest du jungen Schlagzeuger:innen mit auf den Weg geben?
Man sollte sich einfach viel Musik anhören und immer offen für verschiedene Richtungen und Genres sein. Ich habe mich nie auf nur einen Stil festgelegt, sondern mir alles Mögliche angehört, solange es gute Musik war. Ich höre Jazz, Rock, Avantgarde, Punk, Percussion, Krautrock und sogar Popmusik, solange es gutes Zeug ist. Ich höre mir heute noch sehr gerne klasse Drummer wie Earl Palmer oder Hal Blaine an, weil es mich begeistert, wie die ihre Breaks spielen, und weil ich da immer noch etwas lernen kann. Ich spiele mich selbst ungern in den Vordergrund und mein Credo ist immer gewesen, dass der Schlagzeuger nur so gut ist wie die Band, in der er spielt. Für mich selbst ist Improvisation das Größte, weil ich mich dabei am besten entfalten kann. Die eigene Persönlichkeit zeigt sich schon am besten bei einem Schlagzeugsolo, was man aber in Bands nur sehr selten machen kann, weil bei Auftritten von Rockbands einfach die Zeit dafür nicht gegeben ist. Die Zeiten, als Keith Moon sich in ewig langen Drumsoli austoben konnte, sind lange vorbei.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Christoph Lampert