THRICE

Foto© by Atiba Jefferson

Alben wie Filme

Mit „Horizons/West“ schließen die Alleskönner THRICE den Albumzyklus ab, den sie 2021 mit „Horizons/East“ begonnen haben. Geprägt von stetiger Weiterentwicklung sind auch die neuen Songs mit keiner anderen Veröffentlichung der Band aus Kalifornien vergleichbar. Cineastische Post-Rock-Elemente verschmelzen mit einer komplexen und intensiven Energie, die stellenweise an „Beggars“ oder „Vheissu“ erinnert. Dustin Kensrue, Teppei Teranishi sowie die Brüder Eddie und Riley Breckenridge belegen dabei erneut ihre Fähigkeit, experimentell und zugleich zugänglich zu bleiben, aber auch soziale und immer mehr persönliche Themen zu reflektieren. Dass dabei musikalische Grenzen erweitert werden, ist die logische Konsequenz und fast schon typisch für THRICE. Im Interview spricht die Band über Utopien, Dystopien, Synthesizer, die Streitkultur in der Band und die Kunst, nach über 25 Jahren immer noch relevant zu klingen. Und das ohne sich auf ein bestimmtes Genre festzulegen.

Lasst uns zu Beginn etwas über eure musikalische Beziehung zu Deutschland sprechen. Mir würden da ein paar Krautrock-Bands einfallen, die euch vielleicht inspiriert haben könnten. Haben die deutsche Musikszene, Post-Rock oder elektronische Einflüsse bei „Horizons/West“ überhaupt eine Rolle gespielt?

Dustin: Haha. Eigentlich kennen wir vor allem WIZO. Die waren irgendwo auf einer alten Punkrock-Compilation drauf, die wir rauf und runter gehört haben. Wir haben uns letztens gefreut, den Namen wiederzusehen. Ehrlich gesagt hat die deutsche Musikszene, wenn überhaupt, eher indirekt Spuren hinterlassen. Krautrock oder elektronische Experimente sind für uns schon immer spannend gewesen, aber eher in subtiler Form, da sich keiner von uns wirklich auf eine Richtung versteift hat.

Mit WIZO hat euer neues Album „Horizons/West“ relativ wenig zu tun. Während sein Vorgänger „Horizons/East“ noch stark fragmentarisch und philosophisch wirkte, klingt „West“ viel kohärenter und zugleich noch vielseitiger. War das beabsichtigt? Sind beide Alben gar zeitgleich entstanden?
Dustin: Du hast mit deiner Einschätzung recht, dass „East“ nicht so geschlossen klingt. Das war im Grunde auch ein gesplittetes Projekt. Wir hatten einen Haufen Songs, haben aussortiert und es entstand eher zufällig ein Album. Bei „West“ konnte ich von Beginn an mit einem klaren thematischen Rahmen arbeiten. Das Bild der untergehenden Sonne zieht sich durch das ganze Album. Es geht um Ende und Wandel, Verlust, aber auch Schönheit und Hoffnung. Es gibt dunkle Momente, aber auch Licht.

Ich musste beim Hören oft an dystopische 1980er-Szenarien denken und mir kamen eher Gedanken an Cyberpunk, Neon und Schatten. War das auf der musikalischen Seite beabsichtigt?
Dustin: Interessanterweise habe ich in der Zeit gar keine dystopischen Romane gelesen, sondern zwei Utopien: Aldous Huxleys „Island“ und Ursula K. Le Guins „Always Coming Home“. Beide zeigen, dass auch Utopien nie perfekt sind. Es gibt immer Ambivalenzen. Vielleicht erklärt das die Mischung aus Dunkelheit und Hoffnung, die du beschreibst.
Teppei: Musikalisch haben wir ein paar Stücke zurückgeholt, die eigentlich für „East“ gedacht waren, und Sounds recyclet. Es gibt also kleine Easter Eggs, die die beiden Alben verbinden. Aber vieles hat sich auch ganz organisch ergeben.

Die Songs „Blackout“ und „Nash“ setzen gleich zu Beginn ein starkes, dunkles Statement. Was steckt dahinter?
Dustin: „Nash“ habe ich extrem schnell geschrieben. Eher im Rausch, ohne es groß zu überarbeiten. Das ist bei mir sehr selten. Es ist eine Collage aus Gefühlen, dieses totale „Alles ist im Arsch“-Gefühl, ohne Lösung. Aber als Teil des Albums macht es Sinn, weil danach andere Facetten kommen. „Blackout“ wiederum ist ein Song über den Zusammenbruch alter Gewissheiten und die Frage, was danach noch bleibt. Es hat aber einen energetischen Unterton, der die dunkle Stimmung ausbalanciert.

Ich habe beim Scrollen durch meine Social-Media-Kanäle oder durch manche Nachrichten in Gruppenchats manchmal das Gefühl, dass wir alle in einem endlosen Meme-Zyklus zwischen Katastrophe und Ablenkung sitzen. Spiegelt sich das in euren Texten auch irgendwo wider?
Dustin: Absolut! Wir leben in einer Zeit, in der wir permanent zwischen Überforderung, Ironie und Eskapismus wechseln. Das sickert zwangsläufig ein. Ich schreibe nicht tagespolitisch, aber die Stimmung der Welt, beeinflusst durch Klimakrise, Kriege und Social-Media-Ironie, färbt auf alles ab.

Kommen wir zum Album zurück. In „Undertow“ höre ich sogar eine Synth-Atmosphäre, die mich an THE ALBUM LEAF erinnert. Was das ein bewusster Stilbruch?
Teppei: Das war ein Demo von mir, das wir fast 1:1 übernommen haben. Wir schreiben nicht mit dem Vorsatz, jetzt mehr Synths, sondern lassen uns von einzelnen Ideen leiten. Und Synths begleiten uns seit „Vheissu“. Dazu kommt, dass wir alle viel Musik außerhalb von Rock und Hardcore hören. Es wäre falsch, wenn wir uns künstlerisch einschränken würden.
Riley: Genau. Das Interessante ist, dass wir als Band keine Scheuklappen aufhaben. Wenn jemand eine Idee hat, die uns packt, probieren wir sie aus. Egal, ob sie aus dem Metal, Ambient oder Pop kommt. Und das Ganze passiert nie, um irgendwie experimentell zu sein. Es passiert, weil es sich richtig anfühlt.

Ihr wirkt nach über 25 Jahren als Band erstaunlich harmonisch. Gibt es wirklich keine harten Konflikte bei Stilfragen?
Eddie: Doch, ständig, haha! Aber das ist nicht schlimm. Niemand von uns würde allein ein Album so hinbekommen.
Riley: Früher war der Streit manchmal destruktiv, heute ist er konstruktiv. Wir haben gelernt, dass Reibung dazugehört. Vertrauen ist das A und O. Wenn jemand einen Song hasst, hören wir zu. Wenn jemand Feuer für einen Song fängt, passiert dasselbe. Aus diesen Diskussionen entstehen Songs, die keiner allein hätte schreiben können. Das ist für mich der Kern von THRICE.
Dustin: Wir sind keine Einzelkämpfer. Jedes Album ist ein Gemeinschaftswerk. Deshalb ist der kreative Prozess so intensiv und manchmal frustrierend. Am Ende lohnt es sich aber immer wieder für uns.

Eure Musik passte auch nie so recht in eine Szene: zu melodisch für Hardcore, zu hart für Pop-Punk, zu eigen für den Mainstream. Hat euch das eher geschadet oder genützt?
Dustin: Am Anfang war es manchmal frustrierend, weil wir nie in eine Schublade passten. Aber langfristig war das ein Vorteil. Wir mussten so nie irgendwelche Erwartungen erfüllen und konnten unser Ding machen.
Riley: Das ist vielleicht auch der Grund, warum wir nach über 25 Jahren noch da sind. Wir haben keine Nische „verpasst“, wir saßen einfach immer zwischen den Stühlen. Und da ist unser Platz.
Eddie: Wir haben nie versucht, jemandes Szene zu bedienen. Das hätte uns wahrscheinlich zerstört.
Teppei: Genau. Glücklicherweise war das Gegenteil der Fall. Diese Freiheit, die wir uns erspielt haben, hat uns erlaubt, „Vheissu“, „Beggars“ und „Palms“ zu schreiben. Alben, die alle anders klingen, aber trotzdem THRICE, also wir sind.

Habt ihr dabei jemals Angst gehabt, dass eure Fans nicht die gleiche Einstellung teilen?
Eddie: Es hat sich erstaunlicherweise gezeigt, dass die Leute, die unsere Musik seit unserer ersten Alben hören, mit uns gewachsen sind. Wie wir unsere Musikgewohnheiten verändern, neue Stile entdecken und unseren Horizont erweitern, so scheinen das auch unsere Hörerinnen und Hörer zu tun. Natürlich merken wir auch, dass viele mit den Songs von damals etwas anderes verbinden und besonders reagieren, wenn wir sie spielen. Aber wir hören auch die Offenheit und Akzeptanz, ja sogar Neugier bezüglich der neuen Sachen. Die Menschen setzen sich mit unserer Musik auseinander. Das ist wirklich unfassbar schön zu sehen und mitzubekommen. Wir sind wirklich sehr dankbar dafür, dass wir uns das Vertrauen der Leute erspielt haben. So müssen wir uns keine Gedanken über irgendwelche Beurteilungen machen und können uns auf uns konzentrieren. Das ist künstlerisch wirklich befreiend.

Welches eurer Alben war rückblickend der größte künstlerische Sprung?
Dustin: Von „Vheissu“ zu „The Alchemy Index“. Da haben wir Erwartungen bewusst gebrochen, neue Instrumente ausprobiert und das Songwriting geöffnet. Das prägt uns bis heute.
Teppei: Damals haben wir gemerkt, dass wir niemandem gefallen müssen, außer uns selbst. Das war ein Befreiungsschlag.
Riley: Auch „Beggars“ war für mich prägend. Wir mussten Minimalismus lernen und Spannung aufbauen, ohne die Songs zu überladen.

Mittlerweile hören viele Menschen ihre Musik nur noch in Playlisten bei irgendwelchen Streamingportalen. Alben komplett durchzuhören ist eher untypisch. Wie seht ihr das?
Dustin: Für uns ist das Album als Ganzes zentral. Wir denken nie in Singles, immer in Alben. Natürlich kann man einzelne Songs mögen, aber das eigentliche Kunstwerk ist die Reise.
Eddie: Ich höre auch privat komplette Alben. Es gibt eine Tiefe, die nur im Zusammenhang funktioniert.
Teppei: Musik ist ein Prozess, keine Fastfood-Erfahrung. Wenn man sich Zeit nimmt, versteht man die Texturen, die Verbindungen zwischen den Songs und das, was die Künstlerinnen und Künstler als Subtext eingebaut haben.
Riley: Streaming hat das verändert, klar. Aber gerade deshalb ist es wichtig, Alben so zu gestalten, dass sie als Ganzes tragen. Früher gab es bei Vinyl durch den „Seitenwechsel“ eine natürliche Pause. Heute müssen wir dramaturgisch andere Wege finden, Spannung und Ruhe einzubauen, etwa wie mit einem Stück wie „Intermission“.

„Intermission“ wirkt wie eine Zäsur im Albumfluss. War das von Anfang an so geplant?
Teppei: Ja. Wir wollten eine Atempause, etwas, das die Dramaturgie bricht. Alben sind für uns wie Filme: Man braucht auch Momente der Ruhe, sonst verpufft die Wirkung.
Riley: So kann man sich auf die zweite Hälfte neu konzentrieren, anstatt alles wie eine lange Aneinanderreihung zu hören.
Dustin: Wir legen viel Wert auf das Gesamterlebnis eines Albums. Songs sind nicht nur einzelne Einheiten, sondern Teil eines Ganzen.

Brian Wilson arbeitete ähnlich. Irgendwie musste ich beim Hören von „Horizons/East“ auch an das BEACH BOYS-Album „Pet Sounds“ denken. Ein sich schlüssiges Werk voller Experimente. Klingt das für euch wie ein absurder Vergleich?
Dustin: Überhaupt nicht. Wir lieben „Pet Sounds“! Wenn jemand THRICE mit den BEACH BOYS vergleicht, nehmen wir das als riesiges Kompliment.
Riley: Haha. Wir sehen uns nicht im gleichen Olymp, aber die Idee, ein kohärentes Werk mit Experimenten zu schaffen, verbindet uns tatsächlich.

Wenn ihr einen Song von „Horizons/West“ auswählen müsstet, der die Essenz des Albums am besten einfängt, welcher wäre das?
Dustin: Vielleicht „Blackout“, weil er wie ein Scharnier zwischen „East“ und „West“ wirkt.
Teppei: Für mich „Undertow“, weil er so viele Facetten vereint.
Eddie: „Nash“, wegen der rohen Intensität.
Riley: Am liebsten alle drei. Aber genau das zeigt vielleicht, dass die Platte verschiedene Seiten hat.

Zum Abschluss: Was bedeutet euch das Ende des Zyklus, den ihr mit „Horizons/East“ gestartet habt und nun mit „Horizons/West“ beendet? Wo seht ihr die beiden Alben in eurer Diskografie?
Dustin: Für mich ist es ein Werk in zwei Teilen. „Horizons/East“ war die Morgendämmerung. Es war ein Album voller Fragen. „Horizons/West“ ist der Sonnenuntergang. Die andere Seite des Tages. Es ist ein Ende, das nicht nur traurig ist, sondern auch schön. Es kann wieder etwas Neues entstehen, wenn die Sonne erneut aufgeht. Zusammen ergeben beide etwas Ganzes. Und es wirkt wie eine Reise.
Riley: Und vielleicht ist es auch der Beweis, dass wir nach all den Jahren immer noch Kapitel aufschlagen können, die neu klingen.
Teppei: Diese beiden Alben sind für mich ein weiterer Schritt für uns als Band. Die Frage nach dem, was als Nächstes kommt, haben wir uns jetzt noch nicht gestellt. Das war während der Produktion von „Horizons/East“ anders. Da war klar, dass wir den Weg eines Quasi-Doppelalbums gehen wollten. Durch die separate Veröffentlichung der beiden Alben konnten wir uns gezielter auf das Gesamte konzentrieren und haben bewusst kein Doppelalbum veröffentlicht. Das hätte wahrscheinlich alle überfordert. Uns, und bestimmt auch die Menschen, die sich „Horizons/East“ und „Horizons/West“ angehört hätten.

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