
Mit „Horizons/West“ vollenden THRICE nicht nur ihr aktuelles zweiteiliges Albumkonzept, das sie 2021 begonnen haben. In der Entstehungsphase des neuen Werks hat die kalifornische Band auch den Sprung in ihre frühe Vergangenheit gewagt und Dinge wiederentdeckt, die heute viel mehr Spaß machen, als man sie in Erinnerung hatte. Somit schlägt „Horizons/West“ eine Brücke zwischen den alten und neuen THRICE, was es zu dem wohl spannendsten Album der Band seit vielen Jahren macht.
Es ist Ende Juni und THRICE haben die Produktion ihres neuen Werks erst vor wenigen Tagen abgeschlossen. Genaue Termine für die Ankündigung oder die Veröffentlichung gibt es noch nicht. Selbst die Zeit, das Album den eigenen Familien vorzuspielen, hat sich noch nicht gefunden. Da sie zur Zeit aber für ein paar Festivalauftritte und Clubshows in Europa ist und einen Off-Day in Düsseldorf hat, wird kurzerhand ein Pressetag anberaumt, um über „Horizons/West“ zu sprechen. In Zeiten von Video- und Telefon-Interviews nicht nur eine seltene Gelegenheit, ein direktes Gespräch zu führen, sondern das auch mit der kompletten Mannschaft – Sänger und Gitarrist Dustin Kensrue, Gitarrist Teppei Teranishi, Bassist Eddie und sein Bruder, Schlagzeuger Riley Breckenridge. Dass die Musik für die Band selbst zu diesem Zeitpunkt noch frisch ist und es bisher keine Presseinfos oder einstudierten Statements gibt, merkt man vor allem Frontmann Dustin Kensrue an, der immer nachdenklich und schnaufend nach den passenden Antworten sucht.
Horizons/East
Zum Einstieg müssen THRICE sich wahrscheinlich bei jedem der anstehenden Interviews die Frage gefallen lassen, warum das neue Werk so lange auf sich hat warten lassen. Schließlich hieß es auch im Fuze-Interview 2021 zu „Horizons/East“, dass es sich um ein Konzeptwerk handele, zu dem bereits zehn weitere Songs geschrieben sind, die unter dem Titel „Horizons/West“ noch im Folgejahr, also 2022, erscheinen sollten. „Ursprünglich war das der Plan,“ bestätigt Dustin. „Wir hatten eine Menge Ideen, waren aber nach der Fertigstellung von ‚East‘ völlig ausgelaugt und haben dann gemerkt: Wir selbst waren die Einzigen, die uns zu diesem Weg verpflichtet hatten. Wir hätten ‚West‘ fertigstellen können, und es wäre gut geworden, keine Frage. Aber es wäre definitiv nicht dieses Album geworden.“ Zudem gab es auch organisatorische Gründe, wie Riley ergänzt: „Das Zeitfenster hat sich verkürzt, weil das 20-jährige Jubiläum von ‚The Artist In The Ambulance‘ anstand und es den Plan einer Tour dazu gab.“ Also zog Dustin die Reißleine: „Irgendwann habe ich eingeworfen, dass wir es ja einfach später aufnehmen könnten. Es tat gut, den Ansatz noch einmal aufzufrischen. Vor allem für mich, was die Texte angeht, war es großartig, lange zu wissen, woran ich arbeite. Am Ende ist es unser thematisch konsistentestes Album seit ‚The Alchemy Index‘.“
THRICE mussten also einsehen, dass es besser ist, Abstand und neue Perspektiven zu gewinnen. Zweifelt man dann aber nicht irgendwann an dem Konzept selbst, dass man sich auferlegt hat, und entfernt sich immer mehr von der grundsätzlichen Idee? Kann sein, aufgeben war dabei allerdings keine Option, wie Eddie bemerkt: „In gewisser Weise wäre das Konzept textlich auch unvollständig geblieben, wenn wir ‚West‘ nicht gemacht hätten.“ Dustin bestätigt: „Ich hatte schon viel über die inhaltliche Aufteilung nachgedacht. Es ist nur einfach schön, wenn man zwischen zwei Projekten Zeit zum Leben hat. Man sammelt neue Inspirationen aus dem Alltag, aus dem, was man hört, sieht oder lernt.“ Dass die Perspektiven, aus denen man neue, kreative Kraft schöpft, nicht immer komplett neu sein müssen, beweist die Tatsache, dass auch die erwähnte Jubiläumstour zum „The Artist In The Ambulance“ Spuren hinterließ, wie die Band erklärt. Vielleicht hätten Details, wie die Doublebass bei der ersten Single „Gnash“, sonst nicht ihren Weg ins neue Album gefunden. Aber dazu später mehr.
THRICE haben eine Geschichte, was Konzepte bei Alben angeht. Hält man daran fest, weil es die Arbeit erleichtert, oder hilft es, den Fokus zu behalten? „Ich denke, es ist beides,“ überlegt Dustin. „In mancher Hinsicht macht es die Arbeit tatsächlich leichter. Das klingt wie ein Widerspruch, aber Einschränkungen können sehr befreiend sein. Wir suchen immer nach guten Rahmenbedingungen dieser Art. ‚The Alchemy Index‘ war deswegen so spannend, aber wir haben seither nie ein Konzept gefunden, das auch nur annähernd so gut funktioniert hat. Diesmal war es wieder spannend. Es gibt gewisse Parallelen – zum Beispiel, dass die letzten Songs aufeinander Bezug nehmen, ähnlich wie bei ‚The Alchemy Index‘. Aber auch bei der Frage, wie die Stücke auf einem Album ineinanderfließen. Es gibt kleine Easter Eggs und Querverbindungen.“
Horizons/West
Kommen wir zum neuen Album. Bestätigt die Band den Eindruck, dass der zweite Teil wieder ein Stück härter klingt als „Horizons/East“ und auch andere jüngere Werke? Dustin kann den Gedanken nachvollziehen: „Insgesamt ist ‚West‘ tatsächlich etwas härter. An einigen Stellen ist ‚East‘ ruhiger, während es bei ‚West‘ mehr Rock-Elemente gibt, zum Beispiel die Refrains in ‚Nash‘ oder ‚Undertow‘, die einfach wuchtig sind. Was den Sound betrifft, sind beide Alben sehr dicht und sich sehr nah, aber bei ‚East‘ ist diese Dichte eher luftig aufgebaut.“ Riley ergänzt: „Wir haben bei ‚West‘ schon noch mehr verzerrte Sounds eingebaut und mit aggressiverem Gesang und Drums gearbeitet.“
Die Gründe dafür findet Dustin in den erwähnten Jubiläums-Shows zu „The Artist In The Ambulance“. „Ich glaube nicht, dass das unbedingt Absicht war. Das Spielen der alten Songs zwischen den Alben hatte etwas Kathartisches. Für uns war das so ein Full-Circle-Moment, weil wir uns lange von diesem riffbasierten Zeug distanziert haben. Und dann kam es irgendwann zurück, und wir dachten: Das macht doch eigentlich Spaß. Es war wie ein Kreis, der sich schließt. Und dann hieß es plötzlich: Was können wir noch von damals verwenden? Und: Hey, wir können das hier ja auch mal wieder machen. Es fühlt sich aber nicht so an, als würden wir einfach etwas wiederholen – sondern es ist frisch.“
Zurück zum Zwei-Album-Konzept. Im Osten geht die Sonne auf und im Westen geht sie unter, so weit, so simpel. Aber was genau verbindet „East“ und „West“ denn nun, nachdem prinzipiell alles neu gemacht wurde und die Jubiläumskonzerte zusätzlich alles durchgerüttelt haben? Dustin überlegt: „Ursprünglich war die Idee des ‚Horizons‘-Konzepts viel breiter angelegt. Als wir es dann aufgeteilt haben, begannen wir darüber nachzudenken, wie sich dieses Bild von Sonnenauf- und Sonnenuntergang übersetzen lässt. Was repräsentieren diese Dinge? Bei ‚East‘ war die Frage: Was bedeutet Neubeginn, ein neuer Blick auf die Dinge? Beim neuen Album geht es viel um Enden – manche positiv, manche negativ – und darum, damit umzugehen. Für mich persönlich hat das viel mit meinem aktuellen Lebensabschnitt zu tun. Bestimmte Dinge in meinem eigenen Leben und dem der Menschen um mich herum haben heute ein anderes Gewicht. Das wollte ich in den Songs einfangen. Oft geht es dabei um Sterblichkeit, ums Älterwerden, um die allgemeinen Frustrationen des Lebens. Es gibt weniger Hektik, auch wenn unser Leben insgesamt immer noch sehr voll ist. Aber die Art, wie man mit seinem Platz in der Welt umgeht, verändert sich mit dem Alter. Das steckt für mich in vielen Songs von ‚West‘.“
Neben der inhaltlichen Verknüpfung der beiden Alben sieht Eddie aber auch musikalische Verbindungen: „Wir haben mit vielen kleinen Dingen gespielt. Zum Beispiel Sounds vom Ende des einen Albums genommen und sie an den Anfang des nächsten gesetzt.“ Teippei führt ein weiteres Beispiel an: „Am Ende von ‚East‘ gibt es ein Soundbett, das wir genommen und an den Anfang von ‚West‘ gesetzt haben. Damit startet das Album, in einer anderen Tonart, kombiniert mit so einer schrägen Bass-Schleife, die Ed am Anfang von ‚The color of the sky‘ spielt – dem ersten Song auf ‚East‘. Genau dieses Bass-Thema haben wir wieder aufgegriffen und in den Anfang von ‚Blackout‘ gepackt, der das neue Album ja eröffnet.“
Horizons
Es gibt einige Bands, die berichten, dass sie eine Jubiläumstour eigentlich ohne große Emotionen angegangen sind, sie das Erlebnis dann aber doch mehr berührt hat als ursprünglich erwartet – seien es die Reaktionen der Fans, aber auch die Auseinandersetzung mit dem alten Material. Für THRICE scheint die Wiederbegegnung mit „The Artist In The Ambulance“ so ein Erlebnis gewesen zu sein, wie Dustin berichtet. „Man bekommt, wenn wir das Album als eine Art Zeitkapsel sehen, einen guten Eindruck davon, was wir damals gefühlt haben. Und auch das Proben und Wiedererlernen von Songs, die wir lange nicht live gespielt haben, war richtig cool. Ich war positiv überrascht von den ganzen Details, die wir damals schon drin hatten. Es war keineswegs nervig, das Album zu spielen, sondern im Gegenteil: Es hat Spaß gemacht.“ Eddie bestätigt die positive Erfahrung: „Ich glaube, wir alle haben das Album am Ende mehr gemocht, als wir es getan haben, bevor wir es wieder hervorgeholt haben. Es hat auch geholfen, dass wir es neu aufgenommen haben.“
Ein Album neu einzuspielen, gehört bei Jubiläen eher selten dazu, für THRICE war es aber ein fundamentaler Teil des Ganzen. „Das gehörte dazu,“ erklärt Dustin. „Nicht nur das Wiederaufgreifen, sondern auch das Neuaufnehmen und damit den Songs eine neue Art zu geben zu existieren – eine Art, wie die Leute das Album heute hören können, aber auch wir selbst. Wir mochten den alten Mix nicht und fanden, dass wir zu steif gespielt haben. Und trotzdem wurde es zu diesem die Karriere definierenden Album, bei dem die Leute eine Version von uns hörten, von der wir dachten: Das sind eigentlich nicht wir. Dahin noch mal zurückzugehen und das geradezurücken – das war richtig gut.“
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