TOXIC REASONS

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Hardcoreband der ersten Stunde

TOXIC REASONS aus Indianapolis sind eine jener legendären US-Hardcorebands der ersten Stunde. Vor zehn Jahren, als alle Hardcorefans in Deutschland zusammen noch in eine mittelgroße Turnhalle gepasst hätten, tourten das Trio schon durch Europa: Ohne Geld, sich in einem schrottreifen Auto von Konzert zu Konzert schnorrend und mit einem Zelt als Pennplatz. Heute haben sie ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel, scheren sich aber nicht darum und bewiesen sowohl mit ihrem letzten Album „In The House Of God" als auch mit ihrer Tour, dass aggressiver Hardcore keine Bastion der Teenager ist. TOXIC REASONS waren, sind und werden sein: JJ - Schlagzeug & Gesang, Tufty - Bass und Gesang sowie Bruce - Gitarre und Gesang.

Eure wievielte Europatour ist das eigentlich?

JJ: Unsere fünfte, das heißt für mich erst die vierte, denn ich war ja eine Zeit lang ausgestiegen. Das erste Mal waren wir 1984 hier. Niemand hatte für uns eine Tour gebucht, wir kamen einfach rüber. Wir hatten vorher an unser damaliges Label Alternative Tentacles geschrieben und gefragt, wie wir an eine Europatour rankommen könnten, und sie gaben uns lauter gute Ratschläge, wie dass wir eine neue Platte draußen haben müssten und so weiter. Dummerweise interessierte sich niemand in Europa für uns, also sparten wir einfach etwas Geld und flogen rüber. Wir dachten uns, es ist viel einfacher ein Konzert zu bekommen, wenn man den Leuten direkt gegenübersteht.

Und das hat geklappt?
JJ:
Ja, irgendwie. Wir waren beinahe drei Monate in England - es war schrecklich! Da war dieser Laden namens „Ratskeller", den wir für Konzerte mieten mussten - aber immerhin, es kamen ein paar Leute. Und dann trafen wir diesen Typen, der ein Label gründen wollte und dafür von der Kreisverwaltung Geld bekommen würde, um auf eigenen Beinen stehen zu können. Er wollte eine Single rausbringen und meinte dass jetzt, im Sommer, die beste Zeit dafür sei, denn niemand anderes bringt im Sommer neue Singles raus. Er behauptete auch zu wissen, welches die Plattenläden sind, nach deren Angaben die Hitparade zusammengestellt wird. Das hatte den Effekt, dass wir mit dieser Single, die sich gerade 200 mal verkauft hatte, auf Platz 2 der britischen Independent-Charts standen.

Das klingt irgendwie nach Malcolm McLaren...
JJ:
„Ja, wirklich. Aber es half uns ungemein, denn auf diese Weise schafften wir es, ein paar Konzerte auf dem Kontinent zu bekommen. Amsterdam war klasse: Wir kamen auf die Bühne und der Laden war gerammelt voll. Wir fragten uns, warum die Leute gekommen waren, denn sie konnten uns ja gar nicht kennen. Die waren nur wegen unserer Platzierung in der englischen Hitparade gekommen. Aber wir waren gut, dem Publikum gefiel's und Leute, die uns da live gesehen hatten, besorgten uns die nächsten Konzerte. Es ist ein bisschen schade, dass wir so lange nicht hier waren, denn dadurch sind uns viele loyale Fans verloren gegangen. Vor allem in Deutschland hatten wir ein sehr ergebenes Publikum. Es gab jede Menge Leute, die uns von Show zu Show hinterhergefahren sind.

Ihr wart ja auch eine der ersten US-Hardcorebands überhaupt, die hier auf Tour gingen.
JJ:
Stimmt. Diese Leute fuhren uns wirklich jeden Tag hinterher - und manche von denen sahen wir sogar in den USA. Zum Beispiel erinnere ich mich an ein Konzert in Memphis, Tennessee, als plötzlich diese Deutschen vor der Bühne standen. Tja, und jetzt müssen wir eben wieder von vorne anfangen. Aber es ist schon o.k, denn wir sind jetzt wieder in der Besetzung zusammen, in der wir damals auf Tour waren.
Bruce: Die Zeiten haben sich geändert. Seit damals waren hier hunderte Bands auf die Tour, und wir sind heute keine Besonderheit mehr.
Tufty: Diese Bands kamen zum Teil aber auch erst durch uns auf die Idee, nach Europa zu gehen. Jeder fragte uns, wie wir das angestellt hätten, und wir antworteten: „Fliegt einfach rüber."
JJ: Es ist auch wirklich keine große Sache. Wenn du in den USA auf Tour bist und es mal bis New York geschafft hast, dann ist es ein Klacks, die paar hundert Dollar für das Ticket nach Amsterdam oder London auf zu bringen und los zu fliegen.
Tufty: Irgendwie war es damals besser, als noch nicht so viele US-Bands Europa überschwemmten. Heute ist es eben einfacher und die Touren sind perfekt organisiert. Bei unserer ersten Tour lebten wir sechs Monate im Zelt!

In einem Zelt???
JJ:
Wir hatten vorher quer durch die USA getourt und waren in San Francisco hängengeblieben. Wir hatten Jobs und sparten jeder 50 Dollar pro Woche, weil wir nur von eingeschweißten Sandwiches aus dem Supermarkt lebten. Als wir dann nach Europa kamen, kauften wir Gitarrenverstärker, ein Zelt und einen Lieferwagen. Wir fuhren zu den Clubs, machten Soundcheck, suchten uns dann einen Campingplatz, bauten das Zelt auf und fuhren zum Club zurück, um das Konzert zu spielen. Immerhin war das Zelt recht luxuriös, denn es hatte zwei Innenzelte und somit zwei separate Räume.
Tufty: Auf unserer aktuellen Platte haben wir diesen Song „Roadkill", in dem es darum geht, wie sich wohl diese Newcomerbands verhalten würden, die ihr erstes Video auf MTV haben und die man mal ein halbes Jahr in einem Zelt auf Tour schicken sollte. Wetten, dass mindestens die Hälfte von denen sich in kürzester Zeit auflösen würden?

Kennt ihr diesen kanadischen Film „Roadkill"?
JJ:
Nee, aber du weißt ja wohl, was „Roadkill" ist, oder? Totgefahrene Tiere, die auf der Straße kleben.

Ja, exakt darum geht's. Joey Ramone spielt da mit.
Bruce:
,JJ und ich haben früher auf Tour immer dieses Spiel gespielt, bei dem es darum ging, zu erkennen, was der blutige Fleischklops auf der Straße mal für ein Tier war, hehe: „Waschbär!" „Nein, Beutelratte!" Du musstest wirklich schnell sein.

Und wie habt ihr das nachgeprüft?
Bruce:
Wenn man näher kommt, kann man das schon meistens noch erkennen. Außerdem konnte man auch noch das Fenster runterkurbeln, so daß man am Geräusch erkennen konnte, was es mal war. Außerdem entwickelt man ja auch Erfahrung.
JJ: Es gibt natürlich hoffnungslose Fälle. Manche waren schon von Millionen Autos plattgewalzt und nur noch ein brauner Fladen, den man wirklich nicht mehr identifizieren kann.

Habt ihr denn selbst mal ein Tier plattgefahren?
Tufty:
Wir haben mal ein Reh angefahren, das war wirklich furchtbar. Wir hielten an und versuchten es zu finden, aber es war weggelaufen. Wir haben es vielleicht nicht getötet, aber es hat dafür unseren Van gekillt. Der Kühler war ziemlich durchlöchert. Glücklicherweise war ein Restaurant mit Tankstelle in der Nähe, also hielten wir da an, weil wir gehört hatten, dass, wenn man in einen undichten Kühler Pfeffer streut, man ihn vorübergehend reparieren kann. Irgendwie quillt der Pfeffer wohl auf und verstopft die Löcher. Wir organisierten also eine Packung Pfeffer und kippten das Zeug in den Kühler. Es funktionierte, aber es stank ungeheuer. Außerdem war der Van nach dem Unfall blutbeschmiert und JJs Freundin kreiste jeden Blutfleck mit Filzstift ein und schrieb „Bambi's blood" daneben. JJ hatte noch wochenlang Alpträume, in denen ihn das Reh vorwurfsvoll anstarrte, hehehe.

Habt ihr noch mehr solche Stories auf Lager?
Tufty:
Klar. KGB aus Deutschland waren mal mit uns in den USA auf Tour. Wir hatten in Baltimore gespielt und mussten die ganze Nacht durchfahren nach Boston. Ich raste also durch die Nacht und plötzlich lag da diese LKW-Palette auf der Straße. Ich bin natürlich voll drübergekachelt und der Kühler war ziemlich am Arsch. Wir mußten aber weiter und brauchten Flüssigkeit für den Kühler. Was tun also? Wir waren zehn Jungs, also pissten wir in den Kühler, um es zumindest bis zur nächsten Ausfahrt zu schaffen. Das klappte aber nicht, wir fuhren rechts ran und schliefen ein. Plötzlich werden wir geweckt: Die Polizei! Wir mussten alle aussteigen und sie machten sich daran, unsere Ausweise zu kontrollieren. Es stank ungeheuer nach Pisse und der Bulle will die Pässe sehen. Ich hatte die für alle in Verwahrung, mache die Tasche auf und halte im 10 amerikanische, kanadische , englische, deutsche und italienische Pässe entgegen. Das war wohl zu viel für den Cop, denn er meinte nur „Uff, ahm, o.k." Die riefen dann einen Typ vom amerikanischen Gegenstück zum ADAC und der baute uns einen neuen Kühler ein.
JJ: Bei der Tour ging die Karre sowieso ständig kaputt. An jedem Berg überhitzte der Motor, was nicht so praktisch ist, wenn man quer durch die Rocky Mountains muss. Also hieß es für uns an jedem steilen Berg aussteigen und Tufty fuhr das Auto leer nach oben, wo er es abkühlen ließ, bis wir nachgekommen waren.

Wieviele Autos habt ihr denn im Laufe der Jahre verschlissen?
JJ:
Wir haben eben unseren dreizehnten Van verkauft. Anstatt uns einen neuen Wagen zu kaufen und den an zu bezahlen, kaufen wir eben immer alte Karren. Wir schwören auf Chevys und Ford Econoline. Wir haben zwar keine Ahnung von Autos, aber im Laufe der Jahre kennt man den Motor schon, der bei beiden Autos der gleiche ist. Du machst die Haube und schaust, was los ist: „Oh, heute haben wir Eis am Vergaser. Eis??? Es hat vierzig Grad im Schatten!“
Tufty: Einmal waren wir mit D.O.A. auf Tour und hatten in jedem Auto eine Tüte voller Feuerwerksraketen. Auf der Autobahn zündeten wir die dann an und versuchten, uns gegenseitig damit abzuschießen. Das Auto, das verlor, musste den anderen das Frühstück zahlen. Joey Shithead mochte das Spiel aber nicht.
JJ: Bei einem anderen Auto haben wir uns mal in New York in einem Schlagloch die Benzinleitung abgerissen. Also besorgten wir uns einen Schlauch, einen Trichter und Schlauchklemmen. Einer von uns saß dann immer hinten im Auto und musste während der Fahrt aus einem Kanister Benzin nachgießen. Und wieder bei einem
anderen Auto stellten wir fest, dass wir tausende Meilen mit einem Auto gefahren waren, das so verrottet war, dass die Karosserie nur noch von den Stoßdämpfern am Fahrgestell gehalten wurde. Wir hatten uns immer gewundert, warum das Auto so schaukelt und sich die Spur so schwer halten ließ. Die Bremsen waren auch am Arsch.

Ihr habt eine ziemliche Metal-Edge in euren Songs. Liegt das an Bruce' Gitarrenspiel?
J J:
Ja, Bruce war früher ein typisches Heavy Metal - Kid mit langen Haaren, hörte IRON MAIDEN und solche Bands. Ich war schon immer ein Fan von D.O.A., die ja auch einen Metaltouch haben, weshalb ich keine Probleme mit diesem Einfluss habe. Viele Metalbands sind musikalisch ja durchaus o.k., nur Texte und Attitüde sind Scheiße: Die singen davon, daß sie ein tolles Auto haben wollen, damit die Mädels auf sie stehen und sie dann jemanden zum Ficken haben. Ich denke, solange man Metalelemente dazu verwendet, den Hardcoresound kraftvoller und aggressiver zu machen, ist es ein guter Einfluss. Wir drei haben alle einen anderen musikalischen Background: Bruce war Metaller, ich immer das Punkrock-Kid, und Tufty ist der Mann mit d e m breitgefächerten Musikgeschmack, der gute Musiker in der Band.
Tufty: Außerdem kommen wir aus drei verschiedenen Ländern: Ich bin aus England, J J aus Kanada und nur Bruce ist US-Amerikaner. Deshalb haben wir auch alle dieses Tattoo mit den drei Flaggen.

Was hat sich eurem Empfinden nach am meisten verändert seit ihr damals auf Tour wart?
Tufty:
Wir sind beinahe wieder Nobodys: Mitte der Achtziger spielen wir vor 500 bis 1.000 Leute, aber heute müssen wir wieder von vorn anfangen. Solange wir uns in der Band gut verstehen und Spaß haben, ist das aber kein Problem.
JJ: Damals hatten wir einen Song, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnern kann, der den Unterschied ganz gut beschreibt: Der Refrain war „I m a wanderer and I don't have a home. I m a modern-day gypsie, not tied to anyone. Früher waren wir praktisch obdachlos , schliefen im Auto - heute haben wir ein Haus und sind irgendwie gefesselt, haben Kinder, müssen jetzt planen. Früher konnten wir tun, was wir wollten und so einfach mal sechs Monate auf Tour gehen. Heute müssen wir dagegen in unserem Urlaub 26 Shows in 28 Tagen spielen. Das einzige, was sich für uns also wirklich geändert hat, ist die Menge an Zeit, die wir unserer Band widmen können. Außerdem haben wir jetzt mehr Geld für s Studio.

Gewundert hat mich auch, dass ihr mehrere Reggae - bzw. Ska-Songs gespielt habt. Auf Platte sind die j a nicht zu finden.
JJ:
Live kommen die auch besser. Die Songs sind Tuftys Idee, denn er hatte eine Zeit lang eine Band, mit der er Reggae, Country und Rock'n'Roll spielte.

Eine Frage, auf die ihr sicher schon gewartet habt, dürfte die sein, ob ihr nur wieder auf Tour gekommen seid, um Geld zu machen.
Tufty:
Stimmt, darauf haben wir wirklich gewartet, aber das ist Bullshit. Mit der Band lässt sich wirklich nichts verdienen. Ich bin selbständig, verdiene meinen Lebensunterhalt mit meinen zwei T-Shirt-und Schuhläden.
JJ: Ich habe vor dieser Tour zu Hause nicht mal meine Miete bezahlt, weil ich kein Geld hatte. Heute ist der vierte - da wäre eigentlich die Miete fällig, das heißt, wenn ich Ende des Monats zurückkomme, habe ich vielleicht keine Wohnung mehr, haha. Ich habe zur Zeit keinen Job, sondern besuche eine Kosmetikschule und wenn ich fertig bin, bin ich Friseur. Außerdem zeichne ich auch ganz gute Comics, aber damit lässt sich leider kein Geld verdienen. Und dann versuche ich mich noch als Solomusiker, habe schon zehn Songs fertig und werde vermutlich dieses Jahr ein Soloalbum veröffentlichen. Falls ein Label interessiert sein sollte - schreibt mir!" Bruce: „Ich bin Koch und ich denke, ein ziemlich guter. Jedenfalls geben die mir frei, wann immer ich will, und sind froh, wenn ich wiederkomme. Solange wir die Band auf die Art und mit dem Zeitaufwand weiterführen können, wird es die TOXIC REASONS noch eine Ewigkeit geben.

Wann ist es Zeit, eine Band endgültig an den Nagel zu hängen?
Bruce:
Wenn du auf die Bühne gehst, deine Mitmusiker anschaust und nicht mehr weißt, was du mit denen anfangen sollst. Aber soweit sind wir noch lange nicht.

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