TRIBE 8

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feministischer Punkrock

Es gab bisher wenige Gelegenheiten, bei denen ich angesichts meiner Interviewgesprächspartner ins Schwitzen kam. TRIBE 8 waren eine davon. Da mir ihre radikalfeministische Einstellung bekannt war, ging ich - vorurteilsbehaftet wie ich nunmal bin -, davon aus, dass jedes meiner Worte als Schwanzträger auf die Goldwaage gelegt werden würde und ich im Extremfall eins auf die Schnauze bekäme. Umso erstaunter war ich dann, als ich feststellte, dass die fünf Kalifornierinnen extrem freundlich, offen und gesprächsbereit waren und in keinster Weise engstirnig oder platt dogmatisch. Auch die eine oder andere mehr oder wenig typisch männliche Frage scheinen sie Helge und mir verziehen haben, da das Interview in angenehm entspannter Atmosphäre stattfand. TRIBE 8 sind Leslie-Guitar, Kat-Drums, Lynn Breedlove-Vocals, Mahia - Bass und Flipper - Guitar.

Die erste Frage geht an dich, Lynn: Warum sprichst du so gut deutsch?
Lynn:
Meine Mutter ist Deutsche. Sie hat mich oft mit nach Deutschland auf Urlaub genommen und hat mir hier viel gezeigt.

Eure Show heute war irgendwie „anders", im Vergleich zu anderen Konzerten. Auf jeden Fall beeindruckend. Ich fand es aber recht aggressiv.
Leslie:
Aggressiv? Wir haben nur unseren Spaß. (lacht)
Kat: Das ist halt ein Teil des R’n’R. Die Aggressivität bezieht sich ja auch mehr auf Lynn und ihre Persönlichkeit.
Lynn: Bis jetzt haben sie mich noch nicht eingelocht, weil ich so verrückt bin.

Ich nehme mal an, ihr zieht die gleiche Show auf der Bühne durch wie auch in den USA. Hattet ihr bisher irgendwelche Probleme wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses"?
Leslie:
Ja, es gab da schon einige Probleme. Aber das kümmert uns einen Dreck. Es gibt da schon einige Leute, die Angst haben, dass sie wegen uns ihre Club-Konzession verlieren, aber wir nutzen solche Gelegenheiten eher, um politische Statements abzugeben.

Welches Gefühl hast du als Frau im Bezug auf das Publikum, wenn du anfängst dich auszuziehen?
Lynn:
Ich habe da keine Probleme mit dem Publikum, weil ich ja eben so aggressiv bin. Ich bin ziemlich groß, trage diesen Riesen-Dildo, ich schreie die Leute an, werfe Küsschen ins Publikum, oder ziehe mir die Brustwarzen lang. Die Leute sind es einfach nicht gewohnt, eine Frau auf der Bühne in solch einer Position zu sehen.
Kat: Die Gesellschaft macht aus der Frau ja nur ein kommerzielles Produkt, und eine nackte Frau siehst du sonst nur in Magazinen oder Peep-Shows.

Als Mann im Publikum fühlt man sich aber auch von eurer Live-Show schon etwas "bedroht". Liegt es vielleicht daran, daß die gesellschaftlichen Normen es den Frauen nicht gestatten, sich auf der Bühne so zu geben, wie ihr es macht?
Lynn:
Sagen wir es mal so: da wo wir herkommen, ist das total normal.
Kat: Wenn wir ein Konzert spielen, sind wir nur so, wie wir eben sind. Wir gehen auf die Bühne und wir hoffen, dass die Visualität die Leute erreicht und wir so die Aufmerksamkeit auf unser Anliegen richten können.
Leslie: Wir kommen aus San Francisco, und wir haben dort eine sehr große Frauen- und Queer-Szene. So ist das, was wir machen, für uns selber eher „natürlich". Wir bekommen aus dieser Szene große Unterstützung, und ansonsten gibt es bei uns jede Menge verrückte Frauen. Wir sind nur die Frauen, die Musik machen und nicht auf Parties gehen. Wir sind die Gemäßigten (lacht).
Lynn: San Francisco Hags!!!
Leslie: Ich bin auf der Bühne so wie ich bin und ich sehe das als politische Sache an, weil es eine politische Angelegenheit ist, auf der Bühne eine Frau zu sein. Es ist politisch, eine öffentliche Lesbe zu sein. Nur das zu sein, was wir sind, ist schon politisch.

Also ist das so, dass ihr als Band eine bestimmte Sache promotet?
Lynn:
Da müssen wir auf unsere Anfänge zurückkommen. Wir sind Punkrock, wir sind S/M, wir sind Anarchisten. Wir wollten nur Musik machen und Spaß haben. Und das, was wir über die Zeit hinweg geworden sind, ist eine politische Sache. Dementsprechend haben wir auch Songs über diese Sachen, wie über die Bullen oder die Gay Community. Auf der anderen Seite gibt es bei uns aber auch kontroverse Songs, wie z.B. Love Songs, oder Songs darüber, wie wir mit Frauen Liebe machen oder über S/M.

Ihr spielt ja heute hier in Bochum im Zwischenfall, wo die Veranstalter dafür bekannt sind, dass hier mehr oder weniger nur politisch korrekte Bands spielen können. Würde eine männliche Band so eine Show wie ihr hier abziehen, könnte die Band hier wohl nicht spielen. Aber ihr als Frauen-band könnt hier spielen, obwohl es ja irgendwie das Gleiche ist.
Leslie:
Es ist NICHT die gleiche Sache. Das kann es auch gar nicht sein. Wir sagen ja noch nicht einmal „Fuck you" zum männlichen Publikum speziell. Ma muss halt auch sehen, dass die Frauen seit tausenden von Jahren die unterdrückte Gruppe war, im Vergleich zum patriarchischen Gegenstück. Wir glauben auch nicht daran, dass TRIBE 8 die Welt verändern wird Es besteht für uns einfach nicht die Chance, dass wir zu einer wirklich großen Band werden, so dass wir die Umwelt so beeinflussen können, dass sich die Männer in unserer Rolle wiederfinden. No way. Es ist ein Unterschied, wenn die herrschende Klasse rassistisch und sexistisch ist und Männer meinen dürfen, dass eine Vergewaltigung eine gute Sache ist. Männer haben die Macht, und das schon seit langer Zeit. Und das nehmen wir nicht einfach so hin.

Wie fühlst du dich, wenn die Leute dich auf der Bühne anstarren, so ohne T-Shirt? Lynn: Anstarren? Das ist so etwas wie meine Mission in meinem Leben. Ich mag das. So bekomme ich Aufmerksamkeit. I need attention, a lot of attention (lacht).

Ich hatte das Gefühl, ihr zieht mir einen über den Schädel, wenn ich von dir so halbnackte Fotos mache.
Lynn:
Das, was ich versuche zu erreichen, ist die Normalität des Anblickes einer Frau, die oben ohne geht. Sieh mal, wenn sich ein Typ auf der Bühne auszieht, dann bin ich ja auch nicht in ihn verknallt. Und warum ist das so? Es sind die Männer, die entscheiden, wie viel es kostet, damit du eine Frau nackt siehst. Ich zeige meine Titten und nur ich bin es, die die Entscheidung trägt, wann und wo ich meine Titten zeige. Und wenn es heiß ist, ist es eben der Zeitpunkt meine Titten zu entblößen. Was ich will, ist, daß wir erreichen, dass Frauen an heißen Tagen oben ohne laufen können, ohne dass da tausend Typen mit dicken Eiern herum laufen. Mensch soll sich wohlfühlen, und wenn man sich daran gewöhnt hat, so etwas zu sehen, werden wir solche Magazine wie den Playboy aus dem Geschäft drängen. Das ist meine Theorie, und ich bin Lynn!

Im Bezug auf deine Nacktheit auf der Bühne...hattet ihr da irgendwelche Probleme mit Rednecks, die sich vor der Bühne produzieren mussten?
Lynn:
Klar, ab und zu sind da schon ein paar Typen, die den üblichen Dreck ablassen.
Leslie: Wenn sie sagen: „Zeig deine Titten", dann kriegen sie „Zeig uns deinen Schwanz" zu hören. Und vielleicht können wir herausfinden, wessen Körperteil größer ist. (lacht)

Das heißt, sie mit den eigenen Waffen schlagen?!
Leslie:
Ich mag die Konfrontation. Weißt du, es gehen viele Leute zu Punkrock- oder Alternative-Shows, und sie denken, sie seien cool oder aufgeschlossen, aber in solch einer Situation kannst du an den Reaktionen erkennen, wie stark homophob diese Leute sind. Es ist gut, dass man so die Leute herausfinden kann, die so denken. Und die Frauen merken, dass dieser eine Typ, der ja vorher vielleicht echt süß aussieht, nun vor der Bühne steht und uns Frauen auf der Bühne belästigt. Sie denkt dann bestimmt zweimal darüber nach, ob sie mit so einem Typ nach Hause gehen soll. Worauf ich hinaus will, ist,
dass es gut ist, über solche Zuschauerreaktionen herauszufinden, wer im
Publikum wirklich cool ist, oder eben homophob, rassistisch oder sexistisch. (Lynn spielt mit einem reichlich gefährlich aussehenden Kampfmesser herum, das sie schon
die ganze Zeit am Gürtel getragen hat.)

Lynn, das ist ja ein verdammt großes Messer, das du da bei dir trägst.
Lynn:
Ja. Bis jetzt hatte ich noch keine Probleme damit...

Musstest du es schon einmal benutzen?
Lynn:
...hmm
Leslie: Ja, sie schneidet Käse damit (lacht).
Lynn: Bis jetzt habe ich noch keinen damit kastriert.

In welcher Situation würdest du es benutzen?
Lynn:
Zur Selbstverteidigung. Ich habe den Traum, dass es mal eine militante Lesbengruppe gibt, die Vergewaltigern mit Baseball-Bats oder anderen Waffen verprügeln, sie mit Baseballschläger in den Arsch ficken. Aber bis jetzt habe ich diesen Traum noch nicht verwirklicht.

Lasst uns mal einige Worte über das Thema „Riot Girl" wechseln. Das wurde ja selbst in den größten Magazinen gepusht. Welchen Einfluss hat das auf dis Szene, oder war es mehr eine Modewelle?
Leslie:
Dein Thema, Mahia!
Mahia: Nee, da sage ich gar nichts zu.
Leslie: Das ist eben ein absoluter Black Out der Medien. Es ist schon fast so, dass jeder weibliche Musiker dazu befragt wird. Well...(wirkt sehr genervt von dem Thema)...der ganze Hype ist total ausbeuterisch. Das Thema wurde zu etwas gemacht, was es am Anfang gar nicht sein sollte. Der einzig positive Effekt ist, dass Mädchen, die am Arsch der Welt wohnen, über diese Medienpräsenz etwas über die Sache erfahren und für sich selbst verarbeiten. Es gibt solche isolierten Gegenden, wo nichts Alternatives hinkommt. Der Hype kotzt mich auf jeden Fall an. Es gibt ja schon seit total langer Zeit Musikerinnen, die spielen, aktiv sind, sich durchsetzen, die seit Jahren Fanzines machen, es gibt Filmemacherinnen...und auf einmal heißt es...

...Positive Diskriminierung? Seht her, selbst Frauen können das?
Lynn:
Ja, das ist so herablassend: „Seht her, das sind Feministinnen. Sind sie nicht süß?" Oh, Fuck you! (Sie zieht sich gerade um, steht beinahe nackt da und schnallt sich dabei den riesigen schwarzen Dildo ab).

Oh, recht maskulin!
Lynn:
O.k. o.k. - hier ist die Lektion über maskulin und feminin: Wir sind alle maskulin und feminin. Den Frauen sagt man z.B., daß sie sich die Haare unter der Achselhöhle abrasieren sollen, weil das ein maskulines Zeichen ist. Und ich habe z.B. jede Menge Gefühle, die als männlich gekennzeichnet sind. Und das ist ein Rip-Off. Ich will stagediven, ich will herumspringen, ich will pissed-off sein, und ich will meine Freundin mit einem Schwanz ficken. Und ich selbst will auch mit einem Schwanz gefickt werden. Aber dafür will ich nicht mit Typen herumhängen. Deshalb soll meine Freundin den Schwanz (Dildo) nehmen und mich ficken. Ich habe keinen Typen, aber für den Rest der Zeit habe ich ein klasse Babe für mich. Um es zusammenzufassen - wir sind twisted perverts! (lacht).

Und deine Show mit dem großen schwarzen Dildo?
Lynn:
Das ist, um die Typen ausrasten zu lassen. I love to freak them out!

Was ist denn die mieseste Reaktion, die du darauf bekommen hast?
Lynn:
Meine am wenigsten geschätze Reaktion ist „Ruhe". Das Publikum kann herumspringen, uns „Dykes" nennen, nach meiner Pussy greifen, mich ansprechen oder mit Sachen nach mir werfen. Aber keine Reaktion ist die schlechteste.

Und die beste Reaktion?
Lynn:
So wie heute Abend. Sie mochten die Songs, haben getanzt, gaben uns Applaus.
Leslie: Und nach dem Konzert waren die Frauen gar nicht scheu auf uns zu zu kommen, um mit uns zu sprechen. Das war echt nett. In Hannover ist keine Frau zu uns gekommen, um mit uns zu reden.

Wie sieht es aus mit Groupies?
(allgemeines schelmisches Grinsen)
Lynn: Na ja, die Groupies, ich ich persönlich gerne hätte, tauchen bei unseren Shows nicht auf. Manchmal haben wir betrunkene Babes, so wie heute.

Fällt es auf, dass die Frauen sich nicht trauen, euch anzusprechen?
Lynn:
Kann ich nicht sagen. Vorige Nacht habe ich meine Biermarken verschenkt, und da hatte ich keine Probleme mit Konversationen.

Als Amerikaner geht ihr mit eurem Anliegen weitaus einfacher und natürlicher um. An europäischen Bands kenne ich kaum eine, die in die gleiche Richtung geht wie ihr. Kat: Das bezieht sich sehr auf unsere Herkunft, weil wir speziell aus San Francisco kommen. Wir leben da schon lange, und es gibt dort eine speziell auf uns ausgerichtete Kultur. Da lernst du deine Freiheiten auszuleben, die du in anderen Teilen der USA nicht hast. San Francisco ist eben ein Ort, wo es immer eine Fortentwicklung gibt, nie Stagnation, so war es schon immer.
Leslie: Ich denke, wir sind einfach nur Freaks.

Mal etwas anderes. Musikalische Einflüsse?
Mahia:
Die frühen Led Zeppelin (lacht). Aerosmith. Nee, Sex Pistols, Clash, aggressiver Boy-Rock’n'Roll!
Kat: So weit es Punk betrifft auf jeden Fall Wendy O Williams von den Plasmatics. Aber alle von uns mögen laute, aggressive Musik. Aber wir sitzen nicht den ganzen Tag herum und hören uns nur Hardcore an. Und es gibt da jede Menge Frauenmusik, deshalb brauchen wir uns nicht dauernd Men s Hardcore Musik anhören.

By the way, wie alt seid ihr eigentlich?
Lynn:
34.

Und der Rest?
Leslie:
31.
Kat: 33.
Mahia: 29.

Ziemlich alt!
Alle:
Yeeaahhü! We're Hags! Wir sind Riot Hags! (lachen)
Leslie: Wir sind zu alt um Riot Girls zu sein. Wir sind Riot Ladies (lacht).

Und wie lange seid ihr jetzt zusammen?
Leslie:
Fast 3 Jahre.
Kat: Ich spiele R'n'R seit ich 19 bin: In lokalen kalifornischen Bands, aber auch nur als Straßenmusikerin.

Was macht ihr neben der Musik?
Leslie:
Bicycle Messenger.
Mahia: Sag ich nicht.
Leslie: Sag's ruhig. Sie verkauft Goldfische.

Und du, Lynn?
Lynn:
Ich leite eine Bicycle Messenger-Firma. Ich bin zwar als Geschäftsführerin gelistet, aber bei uns ist das alles eher gleichberechtigt. Und es arbeiten auch Dykes bei uns.

Wollt ihr noch etwas loswerden?
Lynn:
Ja, ich will noch etwas loswerden. Wir haben im letzten Jahr in Hamburg gespielt, zusammen mit MDC. Und wir haben da auch einen Song über Sado/Maso gespielt. Die Freundin von Dave MDC zieht sich diese typischen schwarzen S/M Sachen an, ließ die Peitsche krachen, aber insgesamt war es eine eher „light" S/M Show, nichts besonderes. Aber die Reaktion des Publikums war, dass man uns vorwarf, dass wir alle Männer dazu aufrufen würden, sich den Frauen gegenüber genau so zu verhalten wie beim S/M. Die Ehefrauen zu schlagen, den Hund zu prügeln usw. Und was ich klar stellen will, ist, dass das meine Show ist, meine Kunst, die Verarbeitung meiner Erfahrungen, und wem das nicht gefällt, braucht ja auch nicht mit mir ins Bett zu gehen. Aber das ist etwas ganz anderes, wenn man diese Geschichte ummünzt auf die traditionelle patriarchalische Umgehensweise der Männer mit den Frauen. Die Männer haben die Macht, die Frauen nicht. Und es ist ein großer Unterschied, wenn Männer Frauen gegen ihren Willen schlagen. Und es ist daher etwas ganz unterschiedliches, wenn man im Hinblick auf S/M zusammen ins Bett geht, um ein Spiel zu spielen, um das Patriarchalische umzusetzen. Einen Körper zu ficken wird umgesetzt in Wohlgefallen. Das ist der Unterschied! Weißt du, wir können miteinander ins Bett gehen und uns respektieren, wie Gleichgesinnte behandeln. Und in Hamburg sind all diese PC-Frauen dann auf uns eingestürmt und haben uns Faschisten genannt. Das war nicht o.k. so. Die sollten darüber noch einmal nachdenken!

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