
Kaum jemandem von euch dürfte der Name TURKISH DELIGHT bis jetzt bekannt sein. Mir war er es bis vor kurzem auch nicht und sämtliche Hardcore-Puritaner dürfen ihn auch gleich wieder vergessen und umblättern. Grund genug also, das Berliner Ein-Mann-Projekt um den türkischen Alleinunterhalter „Orhan Seyfi Celik" etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Musik von TURKISH DELIGHT lässt sich freilich nicht einfach kategorisieren. Zu ungewohnt für meine Ohren klingt diese Verschmelzung aus düsteren Soundcollagen, Noisebrocken, wie man sie vor Jahren von New Yorker Avantgardisten hörte. Punk- und Indie-Einschlag und Elemente türkischer Folklore, deren Rhythmik dann die konventionellen Hörgewohnheiten der abendländischen Musikkultur endgültig in einen Scherbenhaufen verwandelt. So, als wären die frühen SONIC YOUTH eben nicht aus New York, sondern aus der Türkei. Kein Wunder, dass sogar Jello Biafra die Band liebt und sich in einem Review immerhin zu der Äußerung „It is almost a dream come true to hear somebody actually experimenting with this again." hinreißen ließ. Textlich bedient sich TURKISH DELIGHT natürlich ebenfalls der türkischen Sprache, was zwar zur Folge hat, dass ich kein einziges Wort verstehe, die Musik jedoch noch fremder und extravaganter klingt.
Nach zwei Mini-LP’s auf dem Berliner Independent Label „Amigo", von denen zwar etliche Einheiten abgesetzt werden konnten, TURKISH DELIGHT aber wohl finanziell abgezogen wurden, entschloss sich Orhan mit „Cavuskar" sein eigenes Label ins Leben zu rufen und kümmert sich seitdem ausschließlich selbst um seine Veröffentlichungen , Musikverlag und Promotionsarbeit. Erstes Produkt ist die„Saburie"-Single, der vielleicht eingängigste TURKISH-DELIGHT-Song, eine Mischung aus türkischer Schlagerschnulze meets Gitarrenpop. Eine CD mit dem Gesamtwerk ist dort ebenfalls erschienen (erhältlich über Intercord Vertrieb).
Besorgt ist Orhan lediglich darüber, dass keines der gängigen Indieblätter sich traut, seine Musik zu verreißen, weil er Türke ist und es leicht wäre, die jeweiligen Redakteure als Rassisten abzustempeln. Über solche Vorurteile sind wir, und unsere Leserschaft wohl hoffentlich auch, ja sowieso erhaben, aber gerade die kreative Vermischung von zwei verschiedenen kulturellen Welten macht die Musik von TURKISH DELIGHT zwar schwer zugänglich und sicherlich für viele unbequem, aber zumindest interessant und in gewisser Weise innovativ. Und kreative Künstler sollte man doch nicht aufhalten, auch wenn es sich dabei nicht um den „schwarz-braunen" HEINO handelt. Leider sind die Mitbürger in unserem Lande da wohl anderer Meinung, da sich IHRE Kreativität lediglich auf's Lesen der BILD-Zeitung beschränkt oder, wenn es hochkommt, in einem Anfall von Heuchelei und Selbstbetrug, mal eine Kerze auf der Straße anzünden.
Träumt schön weiter…
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #14 I 1993 und Thomas Hähnel