TYNA

Foto© by Christoph Eisenmenger

Viele Köch:innen, guter Brei

Auf ihrem zweiten Album geht die Band aus Hamburg neue Wege. Mit vielen Produzent:innen haben TYNA an „Allen geht es“ gearbeitet, und trotz aller Diversität im Sound ist ein stimmiges Album entstanden. Wir sprechen mit Sängerin Tina, Drummer David und Gitarristin Mia über elektronische Einflüsse, Wut und Desillusion.

Ihr habt auf dem neuen Album mit ziemlich vielen Leuten zusammengearbeitet, fast jeder Song wurde von jemand anderem produziert – war das von vornherein geplant oder eine zufällige Entwicklung?

Mia: Zuerst wollten wir es mit nur einem Produzenten machen. Dann haben wir nach passenden Leuten gesucht und irgendwann kam die Idee auf, sich nicht nur auf eine:n Produzent:in festzulegen. Wir hatten Bock auf Input aus verschiedenen Richtungen, mal elektronischer zu denken, mal grungiger, und uns nicht direkt festzulegen. Im Endeffekt ist aber vieles anders gelaufen als gedacht, weil uns nach und nach Produzent:innen abgesprungen sind. Dadurch mussten wir immer wieder umplanen, neu suchen, Termine verschieben und uns anpassen. Die Idee, mit mehreren Produzent:innen zu arbeiten, war also von Anfang an da und gewünscht. Aber die Art und Weise, wie wir am Ende bei den jeweiligen Leuten gelandet sind, war eher Zufall. Und das war beides zugleich, kreativ total belebend, aber auch echt anstrengend. Man musste sich immer wieder neu eingrooven. So wurden wir einerseits ständig aus dem Prozess gerissen und andererseits hat es uns immer wieder Zeit und Raum gelassen, über die Produktion und die Songs nachzudenken. Noch mal an Stellen zu drehen, die wir beispielsweise bei unserem Debütalbum „PNK“, das wir innerhalb von zwei Wochen am Stück produziert haben, nicht mehr angefasst hätten.

Glaubst du, die verschiedenen Produzenten haben ihre Spuren in den Songs hinterlassen?
Tina: Total. Das macht das Album für mich auch so abwechslungsreich. Ich fand es super spannend zu sehen, wie unterschiedlich alle gearbeitet haben. Das hinterlässt natürlich auch Spuren und das mag ich!
David: Auf jeden Fall, glücklicherweise! Die haben ja auch alle unterschiedliche Arbeitsweisen, unterschiedliche Geschmäcker, nicht zuletzt hat auch jedes Studio unterschiedlich klingende Räume und Equipment. Aber es ist auch so, dass das Album auch deshalb so divers klingt, weil wir bei vielen Songs schon sehr konkrete und vielseitige Ideen mitgebracht haben.
Mia: Absolut, ich könnte schwören, jemand der schon mit einem der Vieren zusammengearbeitet hat oder ihre Produktionen kennt, könnte es auch auf Anhieb raushören. Jeder Song hat dadurch auch irgendwie eine andere Farbe und ein anderes Gefühl, das ich mit dem Aufnahmeprozess verbinde. Und trotzdem bin ich im Nachhinein doch echt überrascht, dass das Album trotzdem so gut harmoniert und sich ein roter Faden durchzieht. Ich hatte da anfangs schon etwas Bedenken, dass es sich wie ein bunter Flickenteppich anhören könnte, wurde aber eines Besseren belehrt – ich liebe jede Spur daran.

Trotz der Diversität der Songs fügen sie sich doch nahtlos zu einem Album zusammen. Musstet ihr, wegen der Menge an Menschen, die an der Produktion beteiligt waren, ein Auge drauf haben, oder ist das ganz organisch passiert?
Tina: Der erste Song, den wir aufgenommen haben, war „KAMEHAMEHA“. Der zweite war „A****“. Beides mit unterschiedlichen Produzenten und ich war zunächst etwas überrascht, dass die Songs so gut zusammenpassen, ohne dass wir bewusst darauf geachtet haben. Natürlich ist meine Stimme ja die gleiche und ich denke, dass das auch immer der rote Faden sein wird.
David: Ich glaube, dieser rote Faden ist etwas, bei dem viele besorgt sind, dass er am Ende nicht klar genug zu erkennen ist. Aber meiner Erfahrung nach erledigt sich das Thema oft von selbst. Schließlich könnten wir nicht nicht nach uns klingen, selbst wenn wir wollten – das kann Fluch und Segen sein ... Und richtig, vor allem Tinas Stimme ist unverkennbar, egal, vor welchem musikalischem Hintergrund!

Inhaltlich ist „Allen geht es“ ein sehr ehrliches Werk, aber auch wütend. Es ist vielleicht mein Algorithmus, aber für mich entspricht das dem Zeitgeist einer Generation, die erkennt, dass sie mit leeren Versprechungen aufgewachsen ist. Ist das etwas, was ihr auch erlebt und bei eurer Generation seht?
Tina: Wut ist auf „Allen geht es“ sehr stark vertreten. Wut auf die Gesellschaft, die schon immer sehr oberflächlich war und wo auch immer noch die Frage „Wie geht’s dir?“ mit Floskeln beantwortet wird. Eine Gesellschaft, die gar nicht interessiert ist an tiefgründigen Verbindungen. Das macht mich wütend, aber gleichzeitig auch sehr traurig. Ich glaube, dass dieser ganze Egoismus irgendwann dazu führt, dass wir nicht nur unseren Planeten, sondern auch uns selbst zerstören ...
David: Ich fühle mich auf jeden Fall desillusioniert und würde vielleicht noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass ich auf dem Album auch ganz viel Hoffnungslosigkeit sehe, verpackt in Form von Zynismus. Aber wir wollen nicht in diesen Gefühlen versinken und aufgeben, sondern sagen, es ist okay, dass es uns beschissen geht, es ist okay, denn die Welt ist unfassbar abgefuckt. Es ist richtig schwer, sich nicht blinder Wut, lähmender Trauer oder abgestumpfter Resignation hinzugeben. Aber: Wir sind damit nicht alleine!
Mia: Das sehe ich genauso wie die beiden. Ich habe das Gefühl, bei vielen aus unserer Generation staut sich gerade einfach extrem viel Frust an. Irgendwie bin ich aufgewachsen in dem Glauben an ewigen Frieden und dass alles immer gut sein wird und dass man selbst auch immer „okay“ sein muss. Und dann schaut man sich um ... schaut die Nachrichten und sieht diese verdammte Welt brennen. Manchmal fühle ich mich richtig schlecht, meinen privilegierten Alltag zu leben. Und trotzdem ist man auch selbst irgendwie permanent am Husslen und Funktionieren. Ich sage ja selbst immer „alles gut“, obwohl das oft gar nicht stimmt. Dazu kommt dann dieses Gefühl, im eigenen Kopf manchmal komplett verloren zu gehen und nicht so richtig reinzupassen. Ich glaube, viel von der Wut auf dem Album kommt genau daher. Aber genauso geht’s auch um Selbstermächtigung, Selbstliebe und darum, sich immer wieder selbst zu sagen, dass man gut ist, wie man ist. Und das ist auch etwas, wofür unsere Generation steht, I guess.

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