UTE KRAFFT

Foto© by Joachim Hiller

Von Händen und Musik

Ein warmer Sonntagabend im August – aus dem Bunker K101 in Köln Ehrenfeld ertönen die letzten Klänge von THE RED FLAGS, gleich treten hier noch THE DROWNS auf. Die Konzerte finden im Rahmen der Ausstellung „Von Händen und Musik“ der Künstlerin Ute Krafft statt. Gezeigt werden Gipsabdrücke von Händen von Musikern.

Die Wände sind weiß gestrichen, es gibt lange Reihen von weißen, hüfthohen Stelen, auf denen weiße Gipsabdrücke von Händen stehen. Daher dauert es ein bisschen, bis man die ersten Details wahrnimmt – erst einmal verschwimmt alles Weiße ineinander. Als Erstes sieht man einen Wald aus Händen. Und je genauer man hinblickt, desto mehr Dinge springen ins Auge. Zunächst die Fremdkörper – die Bierflasche in den Händen des SONDASCHULE-Mitglieds, die zerdrückte Dose bei TURBOBIER. Und dann die einzelnen Skulpturen, insgesamt hat Ute Krafft 1.800 Hände von insgesamt 300 Bands gesammelt.

In der Herstellung ist das zunächst alles andere als künstlerisch, sondern sehr technisch – mit Werkstoffen aus der Zahntechnik. Ein Zinkeimer wird mit einer schnell aushärtenden Masse befüllt, in die die Künstler ihre Hände tauchen – das gleiche Material, mit dem der Zahnarzt Abdrücke vom Gebiss nimmt. Die Masse bleibt elastisch genug, um die Hände wieder herauszuziehen. Der entstandene Hohlraum wird dann mit einer Gipsmasse gefüllt und so entsteht das Kunstwerk.

Ute Krafft versucht, die Künstler auf Konzerten jeweils vor dem Soundcheck zu treffen. Dann hat der Gips genügend Zeit auszuhärten, so dass die Künstler selbst das Kunstwerk enthüllen können. Die Abdruckmasse muss noch vom Gips gelöst werden, die Skulptur wird dabei Stück für Stück herausgeschält. Das übernehmen die Musiker selbst. Dabei wird die Gussform aber zerstört, so dass jede Skulptur ein Unikat ist. Nicht zum Verkauf, nicht für die Musiker – sie bleibt bei der Künstlerin und wird Teil der stetig wachsenden Sammlung. Der Entstehungsvorgang wird zusätzlich auf Video festgehalten.

Für die Solokünstler ist es einfach, aber bei größeren Bands müssen sich alle Musiker um den Eimer versammeln. Man muss auf Tuchfühlung gehen, und hält die Hände für etwa zwei Minuten unverändert in einer Position. Ute Krafft berichtet darüber, wie die Künstler sich Gedanken machen – über die Handhaltung, über das, was nachher zu sehen sein wird. Dennoch wird zwischen den Musikern während des Abdrucks oft genug herumgeblödelt. Nachher sind die Hände dann übereinander, ineinander verschlungen, voneinander weggedreht zu sehen – und manchmal auch gar nicht zusammen. So gibt es, noch vor der endgültigen Auflösung der Band, keine gemeinsame Skulptur von NOFX, sondern nur die Hände von jeweils Eric Melvin, El Hefe und Fat Mike – wobei letzterer die Hände dreier Fans mit dazugenommen hat.

Details gibt es viele zu entdecken. Neben den Bierflaschen ist es vor allem der Schmuck, die Ringe, die Ketten oder auch die Nietenarmbänder wie zum Beispiel bei den CASUALTIES. Aber eines sieht man nicht – Farbe. Weder die Hautfarbe noch Tattoos. Alles, was vorher bunt ist, bleibt draußen. Die Individualität entsteht auf anderem Wege, durch die Form der Hände selbst, durch die Geste. Es ist mehr als ein ausgestreckter Mittelfinger zu sehen.

Die Skulpturen sind stabil und unempfindlich gegen äußere Einflüsse, nur nicht gegen Stürze. So musste ein Finger bei FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE wieder angeklebt werden. Sie geben außerdem immer den Moment wider, in dem sie entstanden sind. An dem Abend wird von THE DROWNS ein neuer Abdruck genommen, nachdem sie nun (wieder) in Viererbesetzung spielen und der erste Abdruck aus dem Frühjahr ein Trio zeigt. NO FUN AT ALL sind schon in der neuen Besetzung dabei. Die Skulpturen sind für die Nachwelt geschaffen, was man spätestens dann bemerkt, wenn man die Hände von Torsun Burkhardt sieht, dem im letzten Jahr viel zu früh verstorbenen Frontmann von EGOTRONIC.

Und so gibt es an dem Abend viel zu entdecken, auch wenn im Bunker nicht alle 300 Skulpturen zu sehen sind. Der Querschnitt ist vielfältig, und neben den Händen aus Punkrock, Hardcore und Rock’n’Roll sind hier auch Elektro- und HipHop-Musiker vertreten. Zum Glück sind die Stelen beschriftet – ansonsten gäbe es wohl kaum eine Chance, die Hände zuzuordnen.

Mittlerweile ist die Ausstellung abgebaut und die Skulpturen wurden sorgfältig in Kisten verstaut. Aber vielleicht gibt es in Zukunft noch eine Chance, sie irgendwo zu sehen. Es ist zumindest nicht geplant, dass sie in einem Lager verschwinden – es kommen schließlich immer weitere Künstler hinzu.

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Ute Krafft ist die Künstlerin hinter der Ausstellung. Bekannt wurde sie vor allem mit ihren Figuren für die Fernsehserie „Hurra Deutschland“ oder zuletzt mit dem sprechenden Fußball, der das WM-Maskottchen Goleo begleitete.

Was war deine Inspiration für diese Ausstellung?

Meine Leidenschaft ist die Bildhauerei. Das Anfertigen von Gipsabdrücken gehört schon seit langer Zeit zu meinem Repertoire. In der Musikwelt war es früher üblich, Gipsabdrücke zu nehmen. Zum Beispiel gibt es einen posthum genommenen Abdruck der Hände von Chopin. Das wollte ich wieder zum Leben erwecken.

Wie wählst du die Künstler aus?
Ich selbst wollte mit der Ausstellung die Künstler abbilden, die mir auch persönlich gefallen. Bei der Auswahl geht es daher ganz nach meinem eigenen Geschmack, nicht nach irgendeinem Bekanntheitsgrad der Musiker. Diese Freiheit nehme ich mir als Künstlerin.

Wie reagieren die Künstler auf deine Anfragen?
Das hängt ganz davon ab, welchen Weg ich gehen muss. Der Weg über das Management ist manchmal sehr mühsam, und dann suche ich schon einmal nach anderen Möglichkeiten, direkt an die Künstler heranzukommen. Am Anfang waren sie manchmal skeptisch. Inzwischen hat sich aber herumgesprochen, was ich mache, und die meisten sind begeistert.

Wollte auch schon einmal jemand nicht dabei sein?
Ja, auch das habe ich erlebt. Das lag aber nicht immer an mir oder dem Projekt, sondern auch an ganz anderen Gründen. In sehr persönlichen Gesprächen haben mir Künstler erzählt, dass sie ihre Hände nicht mögen und daher auf keinem Fall wollen, dass sie ausgestellt werden. In jedem Fall freue ich mich aber auch über Absagen, wenn sie denn von den Künstlern begründet werden. So weiß ich zumindest, dass sie sich mit meinem Projekt auseinandergesetzt haben.

Wer fehlt dir noch in deiner Sammlung?
Ich warte immer noch auf TOCOTRONIC. Bislang hat das noch nicht geklappt, aber ich gebe nicht auf.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?
Die Ausstellung im Bunker ist nun abgebaut, aber ich möchte weitermachen. Konzipiert ist das Projekt als Wanderausstellung, und ich suche noch Möglichkeiten, in anderen Städten auszustellen. Bislang habe ich das Projekt so gut wie alleine finanziert und mit Hilfe von Freunden organisiert. Alles Weitere wird nur mit Sponsoren gehen, allein das Material ist sehr teuer. In der Zwischenzeit nehme ich aber trotzdem weiter fleißig Handabdrücke.

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