VEX

Foto© by David Möller

Embrace the weirdness!

Es passiert mir eher selten, dass mich eine unbekannte Band so dermaßen flasht, wie es VEX geschafft haben. Punk-Synthie-Pop aus Malmö, unglaublich tanzbar, extrem eingängige Grooves und eine faszinierende Bühnenperformance in Gelb. Höchste Zeit, dem Phänomen etwas auf den Grund zu gehen und bei Tobias Kastberg, dem Kopf hinter VEX, nachzufragen.

Tobias, ihr macht eine grandiose Live-Show, steckt Menschen mit eurem Groove an und selbst hartgesottene Punks bewegen sich im Takt der Musik. Was ist euer Geheimnis?

Ich habe gelernt zu zeigen, wie sehr ich auf der Bühne stehen will. Ich war schon auf so vielen Shows, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sich die Bandmitglieder unwohl fühlen, passiv sind, und das hat mich in gewisser Weise herausgefordert. Ich finde, wenn jemand auf einer Bühne steht, muss er zeigen, dass er sich diesen Platz verdient hat. Es ist verdammt harte Arbeit, einen Gig zu bekommen, und wenn man dann endlich auftreten kann, muss man sein Bestes geben! Ich glaube, dass die Energie, die VEX übertragen, über alle Musikgenres hinausgeht. Ich hoffe, dass die Leute sie als inklusiv empfinden und vielleicht verstehen, dass ich verzweifelt nach einem Ventil für meine Wut, Angst und Frustration suche, weil ich vom Leben total enttäuscht bin. Vielleicht funktioniert VEX ja so: Ich bin wütend und verbittert, aber ich freue mich auch, wenn mich jemand aufbaut, der mich irgendwie versteht. Oder vielleicht liegt der Grund dafür, dass wir bei so unterschiedlichen Menschen gut ankommen, ganz woanders, und ich weiß von nichts.

Eine fantastische Live-Band ist das eine, aber wie schafft ihr es, dass eure Musik auch auf Platte ohne die Show funktioniert?
Das ist harte Arbeit. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, richtige Songs zu schreiben, Popsongs. Du weißt schon, mit einer guten Strophe, vielleicht einer einfachen kleinen Bridge und einem super eingängigen Refrain, am besten mit einem klar formulierten Text. Ich versuche, nur Texte zu schreiben, die sich sinnvoll anfühlen und die es wert sind, dass jemand anderes sie sich anhört, mit einer verständlichen Botschaft. Und sie sollen natürlich auch unterhaltsam sein. Aber alles beginnt mit einer mitreißenden Bassline und einem Rhythmus, gefolgt von einem coolen Sound. Ich liebe es, auf meinen Synthesizern zu kreieren. Und ich mag es, das dreckige Punkrock-Feeling meiner Gitarre in die Songs hineinzuquetschen. Ich mag es, dass es mir egal ist, welches Genre es ist. Ich erlaube mir selbst, in Bezug auf Stil und Genre völlig unkonventionell zu sein. Das bedeutet vielleicht, dass es manchmal uneinheitlich ist, aber genau das reizt mich auch.

Ihr setzt bei eurer Bühnenperformance gelbe Bänder ein, wie man sie aus der rhythmischen Sportgymnastik kennt, beim vorletzten Mal hattest du eine Vierkantreibe aus Metall dabei, die eigentlich zum Reiben von Käse verwendet wird ... wieso macht ihr das und was kommt als Nächstes?
Weil es blöd ist, haha! Es ist lustig. Es ist unterhaltsam. Es ist unerwartet. Als Nächstes kommt eine aufblasbare Kulisse, wenn ich sie mir leisten kann. Oder vielleicht kann ich mir einen lebendigen Hamster aus dem Arsch ziehen?

Habt ihr eigentlich eine wechselnde Bühnenbesetzung? Als ich euch das erste Mal gesehen habe, waren Frida und Sasha dabei, im Mai in Solingen hat Sasha gefehlt, dafür hattest du aber euren Bruder als Tänzer dabei. Ist VEX eher ein offenes Projekt?
VEX hat als Solo-Act angefangen, ich schreibe sämtliche Songs und denke mir die ganzen blöden Ideen aus. Aber ich nehme auch Hilfe an. Frida Ekerlund singt auch auf den Platten und sie und Sasha Reiss spielen schon seit zwei Jahren live mit VEX. Mein Bruder Pontus ist bei der letzten Tour als Tänzer auf der Bühne dazugekommen, als Sasha leider nicht dabei sein konnte. Ich habe das Gefühl, dass VEX live am besten sind, wenn ich ein paar Instrumente wie eine Gitarre, einen Synthesizer und ein paar Sänger dabei habe.

Wie schon die letzten beiden Scheiben hat Gustav Brunn – bekannt für seine Arbeit mit Timbuktu, MANDO DIAO und Yung Lean – auch die dritte Platte gemischt und gemastert. Setzt du auf Kontinuität?
Ich setze auf Qualität. Er ist der beste Mixer, mit dem ich je gearbeitet habe. Er kann alle meine Ideen umsetzen und die Dinge noch besser machen, als ich sie mir vorgestellt habe.

Warum habt ihr ausgerechnet Gelb als „signature color“ gewählt? Was verbindet ihr damit?
Damit jeder versteht, dass es mich sexuell erregt, wenn man mich anpinkelt. Nein, Quatsch! Als ich bei THE GUILT aufhörte, fühlte es sich an, als würde ich bei Null anfangen, niemand kannte mich. Ich musste sicherstellen, dass ich ein klares und eindeutiges neues Profil erstellen konnte, das unverwechselbar ist. Ich brauchte eine Art Thema, etwas, das heraussticht. Der klarste visuelle Kontrast ist nicht Schwarz und Weiß, sondern Schwarz und Gelb. Gelb ist ein sehr starker visueller Reiz. Also habe ich das genommen. Es sieht auch ein bisschen komisch und hässlich aus. Es hat sich als kreativer Impuls bewährt. Man kann eine Menge schlechter Assoziationen wecken und eine Menge lustiger Geschichten erzählen, die mit einer so einfachen, hässlichen Farbe zu tun haben.

Es gibt ja in der Popmusik einige Gelb-Referenzen: „Yellow“ von COLDPLAY, „Yellow submarine“ von den BEATLES oder „Yellow river“ von CHRISTIE oder „Itsy bitsy teenie weenie yellow polka dot bikini“ und außerdem die Band YELLO. Erkläre mir die Anziehungskraft dieser Farbe.
Das ist schwer zu erklären. Ich finde, es ist eine fröhliche Farbe. Sie ist hässlich. Sie ist „schön“. Sie ist nicht durch so etwas Dummes wie Geschlechterklischees kontaminiert. Sie ist nicht cool, und deshalb ist sie cool. Es macht Spaß, sie in einem Kontext zu verwenden, in dem die bevorzugte Farbe Schwarz ist. Auf der Bühne bist du leicht zu erkennen.

Eine uralte Frage, deren Antwort mich aber sehr interessiert: Was sind deine fünf wichtigsten Bands oder Lieblingsalben?
Hey, ich bin 1979 geboren. Meine fünf Lieblingsalben sind die vier NIRVANA-Alben, falls man „Incesticide“ dazuzählt, und dann die „Silent Hill“-Soundtracks. Aber ich kann auch noch ein paar andere nennen: PJ Harvey, THE GERMS, METZ, VIAGRA BOYS, SLEAFORD MODS, THE STOOGES, SONIC YOUTH, Stina Nordenstam, NEW ORDER, DEPECHE MODE, Buzz Kull, SUEDE, THE B-52’S, DEVO, BLONDIE, THE SOUND, JOY DIVISION, PORTISHEAD, DARKTHRONE, THE KILLS, PLACEBO, die frühen THERAPY?, ENTOMBED, ein ganzer Haufen Techno, klassischer Chicago House, schräge Electronica, Noise, 1970er- und 1980er-Pop, Jazz, Filmmusik von Clint Mansell ... Aaaah, was für eine schreckliche Frage! Ich könnte diese Liste kuratieren und nur neuere und obskure Bands auflisten ... aber dann würde dieses Interview nie ein Ende finden. NIRVANA sind aber ohne Zweifel meine Nummer eins.

Und meine Frage zum Schluss: Wann gibt es endlich das erste ABBA-Cover?
Dem bin ich bisher in meinem Song „Nervous“ am nächsten gekommen, bei dem ich mich sehr von der Bassline des ABBA-Titels „Does your mother know“ habe inspirieren lassen. Es ist jeweils ein langsamer und mühsamer Prozess für mich, an einen neuen Track zu arbeiten, und wenn ich viele eigene neue Songs habe, gebe ich Coversongs keine Priorität. Aber ich will nicht sagen, dass es nie einen ABBA-Song geben wird.

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