© by Chris ShontingSie wirken wie Straßenköter einer neuen Generation. Tätowiert bis unter die Halskrause, leicht knurrig und sehr nihilistisch unterwegs. Mit ihrem vierten Album zementieren die Schweden mit dem ungooglebaren Namen ihr Erfolgsrezept. Ziemlich cooler Post-Punk mit einem gelangweilten Exil-Ami am Mikrofon: Sebastian Murphy steht zum Interview bereit.
In den Texten eures letzten Albums „Cave World“ ging es um Impfgegner und Verschwörungserzählungen. Wie waren die Reaktionen? Hasskommentare oder sogar Gewalt?
Ich habe ehrlich gesagt nichts mitbekommen. Das Album hat super Kritiken erhalten und ich selbst halte mich fern vom Hass in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke. Wenn jemand zu mir sagt, dass uns jemand beschimpft oder beleidigt hat, ist mir das scheißegal. Ich habe mich vor allem mit den positiven Reaktionen beschäftigt. Meine Texte waren auch nicht gegen diese Leute gerichtet, ich mache mich nur ein bisschen über sie lustig. Diese Typen haben wahrscheinlich gedacht, ich wäre wie sie. Haha. Diese Vorstellung würde mir zumindest gefallen. Ich kenne auf jeden Fall Leute, die unsere Musik hören und rechtsgerichtete Idioten sind, die sogar Trump gewählt haben. Das ist mir aber egal. Ich wehre mich nicht dagegen, dass solche Leute unsere Musik hören. Meine Texte sind ironisch, deshalb glaube ich, dass viele Menschen meine Botschaften sowieso nicht verstehen. Ich habe also nicht viel Hass einstecken müssen. Ich hoffe, dass die meisten Fans unserer Musik wissen, dass ich politisch auf der linken Seite stehe. Gleichzeitig leben wir inzwischen in einer komischen Welt, in der man sehr weit links stehen und doch rechts sein kann, weil man keinem mehr vertraut oder überzeugt ist, dass alle Impfungen Schäden verursachen. Einige Punkte der Impfgegner verstehe ich sogar. Manches ist legitim. Ich kenne Leute, denen die Impfung die Gesundheit total versaut hat, und zwar für immer. Viel gruseliger finde ich aber, wie viele Menschen nicht mehr an die Wissenschaft glauben. Die betreiben lieber ihre eigenen Nachforschungen, die so aussehen, dass sie einfach googeln und nur den obersten Post lesen, den irgendein Idiot verfasst hat, der selbst noch nie eine medizinische Studie in der Hand hatte. Es sind sehr merkwürdige Zeiten, in denen wir leben. Vor allem die Tatsache, dass meine Texte darüber schon vor Jahren entstanden sind. Und jetzt ist Robert F. Kennedy, einer der größten Impfgegner und Verschwörungstheoretiker, verantwortlich für das komplette Gesundheitssystem der USA und sie haben inzwischen verkündet, die medizinische Forschung nicht weiter finanzieren zu wollen. Eigentlich könnte es uns egal sein, aber am Ende des Tages betrifft es uns doch, weil wir ja alle zusammen auf diesem Planeten leben. Bei der nächsten Pandemie, die sicher kommen wird, steigen diese Leute dann in ihre Flugzeuge und düsen nach Deutschland oder Schweden, um ihre Haut zu retten. Da wird noch viel passieren. Langweilig wird es sicher nicht.
Hat das neue Album eine ähnlich politische Agenda oder sind die Texte diesmal persönlicher?
Ich würde schon sagen, dass die Texte diesmal persönlicher sind. Definitiv. In meinen Augen hat allerdings alles, was ich mache, auch eine politische Dimension. Allein schon die Tatsache, dass ich Musik mache, betrachte ich als eine politische Handlung. Es müssen nicht unbedingt politische Texte sein. Musikmachen ist an sich schon irgendwie eine Form von Protest. Zumindest sehe ich das so. Diesmal habe ich wirklich eher auf mich und mein Leben geschaut als auf das, was in anderen Ländern passiert.
Als Amerikaner, der in Europa lebt, was denkst du über das, was gerade in den USA passiert?
Das ist wirklich beängstigend. Es gibt da jede Menge Gemeinsamkeiten mit dem Deutschland der 1930er Jahre. Scheinbar hat niemand aus der Geschichte gelernt. Ich habe mir mal die Änderungen im Steuerrecht angeschaut, die sie vorgenommen haben. Jetzt gibt es höhere Steuern für ärmere Leute und niedrigere Steuern für Leute die 400.000 Dollar im Jahr und mehr verdienen. Das ist so geisteskrank. Diese Leute kümmern sich nur um sich selbst und ihre Freunde. Und dieser verdammte Elon Musk ist der Schlimmste von allen. Viele Leute halten ihn für ein Genie. Das Gegenteil ist der Fall. Er ist eine egoistische, schreckliche Gestalt. Ein Tyrann und ein Nerd zugleich. Es kommt einem vor wie ein riesengroßer Rachefeldzug der Nerds. Es ist verrückt, dass die Leute in Amerika anscheinend nicht raffen, was passiert und was dahintersteckt. Diese Leute nutzen die Situation brutal aus, um einen Batzen Geld zu verdienen. Sie werden alles ruinieren. Wir werden sehen, wie das alles weitergeht. Vielleicht wachen die Leute nach diesen vier Jahren endlich auf. Vermutlich ist es dann aber zu spät. Leider betrifft uns das auch in Europa. Grönland zum Beispiel gehört zu Dänemark und die Verbindungen zu Russland machen mich auch nervös, weil Russland nicht weit weg von hier ist. Das macht mir schon Angst. Außerdem leben meine Eltern immer noch in den USA.
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