
Die australische Millionenmetropole Melbourne ist sehr fruchtbar, was Punkrock-Bands betrifft. In den letzten Jahren hat sie uns AMYL AND THE SNIFFERS, CLOWNS oder PRESS CLUB beschert. Jetzt steht mit THE VOVOS der nächste potenzielle Exportschlager der Australian Punk Explosion auf der Rampe. Fünf Girls, die sich bei einem Bandcamp für Mädchen kennengelernt haben und beschlossen, die Welt zu erobern. Mit einer Mischung aus Girl-Moshpit, Kylie Minogue-Charme und Garage-Punk-Madness. 2024 ist ihr Debütalbum „Lilla Gubben“ erschienen, benannt nach dem Pferd von Pippi Langstrumpf, veröffentlicht auf dem Label Blossom Rot Records. Im September 2025 haben THE VOVOS ihre erste Tour in Europa gespielt. Wir haben sie im wunderbaren Club Immerhin in Würzburg getroffen und mit Keyboarderin Ruby, Bassistin Lu und Gitarristin Beth gesprochen.
Wie habt ihr euch kennengelernt?
Beth: Vom Alter her sind wir noch eine junge Band, aber uns gibt es schon seit acht Jahren. Wir haben als eine Art Schulprojekt in den Ferien angefangen. Wir haben uns alle auf einem Bandcamp für junge FLINTA-Personen kennen gelernt. Das hat uns geholfen, als Band in der Punk-Szene von Melbourne einen Fuß in die Tür zu bekommen. Das war cool. Wir sind auf unterschiedliche Schulen gegangen und haben uns durch dieses Camp erst richtig kennen gelernt. Sie haben uns eine Woche lang in dieses Programm gesteckt und als Band geformt. Die Aufgabe lautete, gemeinsam einen Song zu schreiben, und am Ende gab es ein Konzert. Weil wir damals gerade mal 14 waren, sind wir als Teenager mit dieser Band quasi groß geworden.
Hattet ihr irgendwelche Vorerfahrungen in anderen Bands oder mit Instrumenten?
Beth: THE VOVOS sind meine erste Erfahrung in einer Band, aber meine Mutter ist Musiklehrerin. Ich bin also mit dem Druck aufgewachsen, dass ich unbedingt ein Instrument lernen soll. Deshalb spiele ich Gitarre, seit ich acht bin. Bei den anderen in der Band ist es ähnlich, die meisten spielen schon ihr Leben lang ein Instrument.
Wie habt ihr euren Sound gefunden? Ich würde das mal als sehr poppigen Garage-Punk bezeichnen. Ihr hättet auch Metal oder Jazz machen können.
Lu: Ich denke, die Musikszene in Melbourne hat uns sehr beeinflusst. Außerdem war dieses Bandcamp auch eine Art Punkrock-Camp. Also haben wir mit sehr viel Inspiration aus dem Punkrock angefangen. Außerdem gab es da noch Künstlerinnen wie Courtney Barnett oder Bands wie CAMP CODE. Das waren die großen Einflüsse in unseren Anfangstagen. Aber wir haben schon immer das gemacht, was wir wollen. Wir haben Songs geschrieben, die wir gut fanden, und dabei langsam den Sound entwickelt, den wir heute haben.
Melbourne ist in Europa bekannt für großartige Punkbands wie AMYL & THE SNIFFERS, CLOWNS oder PRIVATE FUNCTION. Geht ihr zu deren Konzerten? Seht ihr euch als Teil dieser Szene?
Beth: Wir haben den gleichen Booker wie PRIVATE FUNCTION, da gibt es jede Menge Überschneidungen. Die Punk-Szene von Melbourne ist ein wunderbarer Ort, um eine Band zu gründen. Freunde von uns haben vor fünf Jahren noch Shows mit AMYL & THE SNIFFERS gespielt, bevor die so groß geworden sind.
Lu: Melbourne ist ideal, um Musik zu machen. Viele Bands sind inzwischen zu Exportschlagern geworden, aber die sind alle im gleichen Ökosystem aufgewachsen. Wir haben haufenweise kleine Punkbands, die in ein paar Jahren ähnlich gewachsen sein werden und dann zu euch nach Europa kommen. Wenn du Lust hast, kannst du dir in Melbourne jeden Abend eine andere Punkband anschauen.
Beth: Wir sind zum ersten Mal in Europa und es ist sehr lustig, dass wir ständig auf die Spuren von anderen Bands aus Melbourne stoßen. Zum Beispiel haben MET DOG erst vor ein paar Wochen hier im Immerhin gespielt. In Nottingham sind wir kürzlich mit einer anderen Band aus Melbourne aufgetreten und morgen stehen wir mit anderen Freunden auf der Bühne. Wir laufen uns in Europa ständig über den Weg. Das ist voll schön.
Wie schwer ist es, eine Girlband zu starten? Glaubt ihr, dass es für Jungs leichter ist?
Lu: In einer Mädchenband zu sein ist viel leichter, denn es macht mehr Spaß, mit denen abzuhängen, haha. Doch es kann auch belastend sein, da die Leute permanent gemein zu Frauen sind. Momentan geht es aber eigentlich. Eine Menge Frauen haben uns den Weg geebnet und wir ziehen jetzt einfach unser Ding durch. Als Female-Band haben wir zwar vielleicht ein kleineres Publikum, aber wir dafür ist es auch ein erleseneres. Sexisten kommen zum Beispiel eher nicht zu unseren Shows. Bei uns triffst du viele offene Menschen, mit denen ich mich nach dem Konzert gerne noch unterhalte. Wir haben nie richtig eklige Leute unter den Gästen.
Du hast gesagt, die Leute sind gemein zu Frauen. Welche schlechten Erfahrungen habt ihr gemacht?
Beth: Bei unserer Show in Manchester gab es einen Typen, der einer von uns einen creepy Spruch unter der Gürtellinie gedrückt hat. Das hat sich übel angefühlt. Vor allem wenn das bei unserem eigenen Konzert passiert. Das war sehr verletzend. So was passiert in Melbourne nur selten. Hier in Europa wird uns wieder bewusst, dass wir eine Girlband sind. In Australien kennen sie uns schon ein bisschen. Hier muss ich erst überlegen, ob ich den Leuten im Publikum vertrauen kann. Viele Bands aus Melbourne, die nach Europa kommen, bestehen aus Jungs. Also hoffe ich immer, dass die Leute uns trotzdem mögen – obwohl wir keinen Jungs-Punkrock spielen. Manchmal fühlt es sich so an, als würden wir hier nicht richtig ernst genommen. Deshalb bin ich froh, dass die anderen in der Band dabei sind. Wir helfen uns gegenseitig und können gut einschätzen, dass sich solche Situationen nicht positiv auf unser Mindset auswirken. Irgendwelche respektlosen Bemerkungen können wir dann einfacher ignorieren.
Habt ihr den Eindruck, dass das Publikum euch anders bewertet als Girlband? Wie ihr ausseht oder wie gut ihr eure Instrumente beherrscht?
Lu: Keine Ahnung. Ich denke, unsere Musik, unser Look und wie wir uns auf der Bühne bewegen, ist für viele Leute vielleicht überraschend. Die wenigsten Menschen sind bereit für unsere Performance. Wir versprühen viel Energie auf der Bühne und schminken uns total verrückt. Außerdem klingen unsere Songs anders, als viele es gewohnt sind, denke ich. Aber ich habe immer den Eindruck, dass wir die Leute mit unserer Show überzeugen können. Im ersten Moment denken die meisten vermutlich: Was zur Hölle ist das denn?! Doch spätestens nach der Hälfte der Show habe ich immer das Gefühl, dass die Leute uns mögen. Am Ende funktioniert es eigentlich immer und die Leute, die uns lieben, lieben uns richtig.
Beth: Wenn du auf der Bühne stehst und es sind viele Leute gekommen, dann erzeugt das große Zuversicht, das Publikum auch von uns überzeugen zu können. Ich habe volles Vertrauen in uns und unsere Musik. Wenn erst mal alle Augen auf uns gerichtet sind, vertraue ich voll auf das, was wir machen. Eine Art von Abwertung spüre ich eher in den patriarchalen Strukturen der Musikindustrie. Dass wir zum Beispiel nicht die gleichen Shows angeboten bekommen, die eine Jungsband unserer Größe bekommt. Da spüre ich schon immer wieder mangelnden Respekt. Das ist sehr interessant. Okay, hin und wieder haben wir vielleicht einen sexy Sound-Engineer, aber über das Publikum mache ich mir normalerweise keine Gedanken.
Der erste Song von THE VOVOS, den ich gehört habe, war „Pink milk“. Worum geht’s darin?
Ruby: Er behandelt unseren Status als Girlband, vor allem als wir noch jünger waren. Als sie uns im Line-up ganz vorne platziert haben. Gerade als wir noch nicht volljährig waren, wollte man uns nach dem Ende unseres Sets immer so schnell wie möglich loswerden, weil wir uns gar nicht in solchen Locations aufhalten durften. Aber hallo, wir haben dort ein Konzert gespielt! Was soll das? Haha. Der Text ist definitiv von diesen Erfahrungen inspiriert. Dass wir eine Girlband sind, heißt ja nicht, dass wir immer zuerst spielen, nach dem Konzert sofort gehen oder nicht so beachtet werden müssen, wie alle anderen Bands.
Beth: Nur weil wir als Mädchen Punkrock machen und dabei Dinge mögen, die Mädchen einfach gut finden, soll das kein Punk sein? Das ist sehr wohl genauso Punk. Das ist alles eine Frage der Definition. Für mich bedeutet Punk nicht nur Bier trinken und sich wie ein Idiot benehmen. Es geht auch um Pipi Langstrumpf, die ist Punk as hell! Der Text beruht also auf all den Erfahrungen, die wir als minderjährige Girl-Punkband gemacht haben.
„Pink milk“ ist also ein Synonym für minderjährige Girl-Punkbands?
Beth: Der Name stammt aus der britischen Zeichentrickserie „Charlie and Lola“. Lola ist ein verrücktes Mädchen und sie trinkt gerne pinkfarbene Milch. Sie hat ihren eigenen Kopf und immer lustige Ideen, Dinge anzugehen.
Wenn wir schon beim Erklären sind ... was sind eigentlich Vovos?
Lu: Vovos sind traditionelle Kekse aus Australien. Die schmecken nicht besonders gut. Mit rosa Zuckerguss, einem Streifen Marmeladen-Himbeer-Topping und einer Prise Kokosnuss. Die sehen lecker aus, aber schmecken nicht so gut, wie man denkt. Aber aus irgendeinem Grund gibt es diese Dinger schon seit über 100 Jahren. Das sind alte australische Kekse, die immer noch produziert werden, und ich habe keine Ahnung, wer die eigentlich isst.
Beth: Gleichzeitig ist es auch ein großer Spaß. Jeder weiß, dass diese Kekse nicht so toll schmecken, aber sie sind eine Art urbane Legende. Die Firma, die sie herstellt, heißt Arnott’s und es gibt die Geschichte, dass sie durch die Vagina der Geliebten von Mister Arnott inspiriert sind. Wenn du sie siehst, wirst du es verstehen.
Ein anderer Song, der mir aufgefallen ist, heißt „Hanahaki disease“. Was ist das für eine Krankheit, von der ihr da singt?
Lu: Das ist nicht wirklich eine Krankheit. Das kommt eigentlich aus dem Anime-Bereich aus Japan. „Hanahaki Disease“ ist eine fiktive Erkrankung, bei der die Betroffenen Blütenblätter kotzen, das soll schweren Liebeskummer ausdrücken. Keine von uns weiß viel darüber, die Idee stammt von Adas kleinem Bruder. Der hat ihr davon erzählt. Das Bild von einer Blume, die im Körper wächst und das Atmen erschwert, hat uns einfach gut gefallen. So ist unser Song über unerwiderte Liebe entstanden.
Beth: Die meisten unserer Stücke handeln von Erfahrungen, die mindestens eine von uns gemacht hat. Aber keine von uns hat jemals unter unerwiderter Liebe gelitten. Der Text war einfach die Idee von Ada, die darüber etwas schreiben wollte. Dieser Titel beruht also nicht auf Tatsachen, wie alle anderen Songs von uns.
Euer Debütalbum „Lilla Gubben“ ist im März 2024 erschienen. Was ist in den eineinhalb Jahren seit dem Release passiert?
Lu: Seitdem hatten wir eine lange Pause, was Songwriting betrifft. Die Arbeit an „Lilla Gubben“ war so anstrengend. Die Songs zu schreiben und aufzunehmen. Außerdem waren wir zum ersten Mal in einem richtigen Studio und haben viel Geld in das Projekt investiert. Deshalb fühlten wir uns eine Weile richtig ausgebrannt, nachdem alles geschafft war. Im August haben wir noch eine EP namens „Cock Rock“ mit fünf Songs nachgeschoben. Erst in den letzten Monaten haben wir angefangen, neue Sachen zu schreiben.
Beth: „Lilla Gubben“ war ein spezieller Moment, wir sind nämlich sehr ineffizient, was Songwriting betrifft. Dafür müssen wir alle fünf in einem Raum sein. Aber wir werden ständig abgelenkt. Entweder müssen wir Interviews geben oder wir spielen größere Shows und müssen mehr proben. Oder wir sind ein ganzes Wochenende unterwegs, weil wir auf einem Festival auftreten. Das sind alles tolle Erfahrungen, genauso wie hier in Europa sein zu dürfen, aber es auch lustig zu sehen, wie die Musik ein immer kleineres Stück von dem ganzen Kuchen ausmacht. Man muss immer mehr mit anderen Aufgaben klarkommen, die in den Alltag hineinkriechen.
Würdet ihr sagen, dass „Lilla Gubben“ dafür gesorgt hat, dass ihr als Band überhaupt wahrgenommen werdet?
Beth: Die Leute in Melbourne haben uns schon vorher gekannt, aber das Album hat uns geholfen, dass wir in ganz Australien wahrgenommen werden. Hoffentlich geht das in Deutschland jetzt auch so weiter.
Lu: Ich denke, wir haben uns als Band sehr langsam entwickelt. Weil wir noch so jung waren, als wir angefangen haben, haben wir lange gebraucht, um besser zu werden. Aber spätestens seit „Lilla Gubben“ werden wir als richtige Band akzeptiert. Dadurch konnten wir auch unsere erste Tour durch Australien spielen. Das war also eine große Sache für uns.
Und jetzt seid ihr zum ersten Mal in Europa. Was ist der Plan mit der Band?
Ruby: Anfangs hatten wir überhaupt keinen Plan. Wir wollten einfach Rockstars sein, haha. Diesen Teil des Plans haben wir längst umgesetzt, denke ich. Jetzt müssen wir nur noch damit klarkommen.
Beth: Der Plan lautet eigentlich immer: Mal sehen, wo uns das hinführt. Und mein ganz persönlicher Plan ist, dass wir nächstes Jahr in Japan spielen. Aber dafür müssen wir noch ein paar neue Songs schreiben. Wir müssen also eine kleine Konzertpause einlegen und kreativ sein. So bleibt man dann auch Rockstar.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Wolfram Hanke