© by Hannah SchleiferTeil 14 unserer Serie über Vereine und private Organisationen, die wertvolle ehrenamtliche Arbeit leisten und einen Bezug zur Punk- und Hardcore-Szene haben, führt uns nach Pegnitz, eine Kleinstadt in Oberfranken. Dort gibt es einen Verein namens Waldstock, der ein gleichnamiges Open Air organisiert. Dieses Jahr am 11. und 12. Juli schon zum 30. Mal – und das bei freiem Eintritt!
Das Waldstock gehört neben dem Brückenfestival in Nürnberg und dem Umsonst und Draußen in Würzburg zu den größten Umsonst-und-draußen-Veranstaltungen in Bayern. Die Macher und Macherinnen fördern lokale Musikkultur und holen internationale Newcomer in die Stadt. Außer dem beliebten Open Air mit DIY-Flair stellt der Verein aber noch viel mehr auf die Beine. Techno-Partys, Skate-Contests oder Fußballturniere. Johanna und Lukas vom Waldstock-Verein erzählen uns, was sie antreibt.
Wie, wo, wann und warum kam es zur Gründung eures Vereins, wer waren damals die Ideengeber:innen und „Köpfe“, wer ist es heute?
Lukas: Es gab vor dem ersten Waldstock im Jahr 1994 ein kleines Festival an unserem Veranstaltungsort, der Pegnitzer Festwiese auf dem Schlossberg. Darauf haben die Gründer:innen unseres Festivals aufgebaut. Damals waren die Aktiven hauptsächlich Leute aus Pegnitz, die selbst Musik gemacht haben und Bands hatten, und die ein Festival für eigene Auftritte gesucht haben. Deshalb bestanden die ersten Line-ups größtenteils aus lokalen Bands. Zu Beginn wurde auf einer selbstgebauten Holzbühne gespielt, das Publikum war klein, aber die Stimmung fantastisch. Heute sind es viele unterschiedliche kreative Menschen, die vor allem vom DIY-Charakter angezogen werden. Wir freuen uns sehr darüber, dass immer wieder neue Generationen Bock haben, bei uns mitzumachen, und Verantwortung übernehmen wollen.
Johanna: Es sind immer noch viele Menschen aus Pegnitz aus allen Altersklassen aktiv. Aber mittlerweile bekommen wir Unterstützung aus ganz Deutschland. Alle Leute, die weggezogen sind, kommen regelmäßig zurück und bringen ihre Freund:innen mit. So wächst der Verein und es kommen immer neue Ideen dazu.
Was ist die Geschichte zu eurem Namen?
Lukas: Ich weiß nicht, ob es eine spezielle Geschichte gibt, abgesehen von Woodstock auf Deutsch. Unser Festival findet außerdem im Wald statt. Das hat dann gut gepasst.
Johanna: Ja, einer der Gründer hat mir erzählt, dass sie das Wortspiel einfach lustig fanden und in den knapp 30 Jahren wurde das so beibehalten.
Welche Ziele habt ihr euch gesetzt? Was wollt ihr erreichen?
Johanna: Wir wollen im ländlichen Raum ein alternatives Jugend- und Kulturangebot aufrechterhalten. Das geht eben von dem großen Festival über Konzertreihen bis zu Skate-Contests. Und das soll für alle zugänglich sein. Deshalb ist unser Festival immer noch umsonst und draußen. Trotzdem geben uns die Einnahmen des Festivals die finanzielle Freiheit, unterm Jahr Veranstaltungen zu machen, die nicht wirtschaftlich sein müssen, so dass wir das machen können, worauf wir Lust haben.
Lukas: Nach einigen Jahren Waldstock Festival haben wir den Waldstock e.V. für Jugendkultur in Pegnitz gegründet. Der Verein ist in der Zeit zu einem Gestaltungsraum für sehr viele junge Menschen aus unserer Region geworden. Das gilt auch für uns selbst. Und das ist auch, was wir uns auf die Fahnen geschrieben haben. Neben dem Waldstock Festival, das wir alle lieben, ist unser Jahresprogramm immer im Fluss. Wenn es neue Ideen gibt, dann bekommen alle im Verein die Möglichkeit und die Unterstützung sie umzusetzen. Mit diesem Grass-Roots-Ansatz wollen wir die lokale und regionale Subkultur stärken. Das haben wir in den letzten 31 Jahren gemacht und werden es hoffentlich noch viele Jahre tun.
Welche wichtigen Aktionen und Erfolge gab es in der jüngeren Vergangenheit?
Johanna: Ich glaube, hier ist der Umgang mit der Corona-Pandemie zu nennen. Es war schwer damit umzugehen, denn als Verein arbeiten wir auch aus Überzeugung sehr viel analog und persönlich. Aber wir haben uns coole Konzepte ausgedacht, die wir in den Sommermonaten umsetzen konnten. Und bei unserer Rückkehr aus dem Lockdown war es fast, als wäre das Festival nie ausgefallen. Unglaublich viele Menschen waren da und wir konnten das Festival trotz enorm gestiegener Kosten gut gegenfinanzieren. Das Wichtigste war aber, dass nach der Pandemie so viele neue Helfer:innen am Start waren und uns nicht nur unterstützt, sondern auch ihre eigenen, frischen Ideen eingebracht haben.
Wie viele ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeitende habt ihr?
Johanna: Also wir haben fast ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeitende. Die Einzigen, die beim Festival bezahlt werden, sind die Techniker:innen und die Acts. Sonst läuft alles über private Kontakte oder andere Vereine und Organisationen. Am Festival sind knapp 400 Mitarbeitende aktiv beteiligt.
Mit welchen Risiken ist euer Engagement verbunden? Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?
Lukas: Zum Glück gibt es da nur selten Probleme. Natürlich kann es mal dazu kommen, dass ein betrunkener Gast ausfällig wird, aber das passiert selten. Die örtliche Bevölkerung war anfangs teilweise doch recht skeptisch, was wir da machen. Aber durch persönliche Beziehungen und unsere lange Geschichte werden wir mittlerweile von fast allen respektiert und geschätzt. Das hat sich letztes Jahr auch in der Verleihung des Kulturpreises vom Landkreis Bayreuth gezeigt. Das Coole ist, dass wir in diese Situation gekommen sind, ohne uns verbiegen zu müssen. Wir stehen weiterhin für Weltoffenheit und zeigen klare Kante gegen Diskriminierung.
Wo ist der Sitz oder die Zentrale eurer Organisation?
Johanna: Der offizielle Sitz des Vereins ist bei einem unserer drei Vorsitzenden zu Hause in Pegnitz. Unsere Basis ist aber eine alte Brauerei, die wir seit Jahren nutzen dürfen, um dort unser Material zu lagern und Veranstaltungen durchzuführen. Dort organisieren wir auch immer wieder Konzerte unter den Namen Nanostock und Microstock. Die meisten Ressorts, so nennen wir die verschiedenen Veranstaltungs- oder Budenteams, arbeiten natürlich hauptsächlich von zu Hause aus und bereiten dort ganz viele Dinge vor.
Beschreibt doch mal die „typischen“ Unterstützer:innen.
Johanna: Was alle gemeinsam haben, ist das große Interesse am Selbermachen. DIY ist für uns mega wichtig, weil wir so das Festival und den Verein erst starten konnten. Auch heute gilt für uns immer erst mal selbst ausprobieren, bevor man sich professionelle Hilfe dazu holt. So sparen wir nicht nur Kosten, die bei vielen Festivals für Probleme sorgen, sondern lernen auch selbst super viel. Außerdem beruht darauf der besondere Waldstock-Charme. Bei uns ist nichts Hochglanz und geleckt, sondern einladend, gemütlich und ein bisschen zusammengebastelt.
Was könnt ihr leisten, was eine staatliche oder konfessionelle Organisation nicht kann?
Lukas: Unsere große Stärke ist es, junge Menschen für die Kulturszene zu begeistern. Das ist oft für staatliche oder kirchliche Organisationen aus Image- und Regelgründen nicht möglich. Bei uns geht es nicht so steif zu und wir können echten Gestaltungsraum bieten. Außerdem verstehen wir uns nicht als Dienstleister. Du kannst nicht zu uns kommen und wirst dann bespaßt. Wenn du dich bei uns einbringen willst, bist du direkt in die Arbeit integriert. Da gibt es kein wir und die, sondern alle gehören ab Sekunde eins zusammen.
Wofür verwendet ihr das Geld, das euch gespendet wird? Und habt ihr so was wie ein Spendensiegel oder wie wird gewährleistet, dass mit den Spenden satzungsgemäß umgegangen wird?
Lukas: Spenden sind nur ein kleiner Teil unserer Finanzierung. Das meiste Geld verdienen wir mit Getränke- und Merchverkäufen. Wer an uns spendet, kann aber natürlich jederzeit erfragen, was genau wir mit den jeweiligen Spenden vorhaben. Natürlich freuen wir uns über Spenden, aber viel wichtiger ist es, dass sich immer neue Leute einbringen. In fast allen Bereichen können wir immer neue Menschen und Ideen gebrauchen. Auch wenn man eine Veranstaltungsidee hat, kann man sich jederzeit an uns wenden. Wenn das Ganze zu uns passt, bekommt man die volle Unterstützung des Vereins. Und natürlich der einfachste und wichtigste Weg uns zu unterstützen: Kommt auf unsere Veranstaltungen! Selbst wenn die Band heute vielleicht nicht hundertprozentig zu dir passt, wird dir die Veranstaltung sicher gut gefallen. Denn so lernst du etwas Neues kennen und unsere Veranstaltungen bleiben lebendig und divers.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Wolfram Hanke