
Nach einigen Digital-Veröffentlichungen 2021 und 2023 erschien jetzt bei Gunner das offizielle Debütalbum „Trans Rosa“ von WASABI RIOT. Von altersbedingter Ermüdung oder Ernüchterung ist bei den Norddeutschen, die aus Sänger/Gitarrist Bolle von KATZENSTREIK, Bassist Torben von AFFENMESSERKAMPF und Drummer Pete von TACKLEBERRY bestehen, weder auf dem Album mit seinen stürmischen deutschsprachigen Hardcore/Emo/Punkrocksongs noch im Interview etwas zu spüren.
Für mich ist euer „neues“ Album dringlicher und aggressiver. Ihr habt euren Sound gefunden. Wie seht ihr das? Was unterscheidet „Trans Rosa“ von den Vorgängern?
Bolle: Das sehe ich genauso. Pete und ich haben beide gemerkt, wir wollen es ein bisschen hardcoriger. Back to the roots. Kurze prägnante Kracher, die einen durchschütteln. Aber ich mag es auch abwechslungsreich und wenn eine Band mich überrascht. Ein neues Element muss auch immer drin sein, etwas Unerwartetes. Die Songs davor stammen aus anderen Phasen und wurden teilweise mit den Leuten aus Rheine geschrieben, ex-AM-THAWN, ex-CULM, und haben einfach mehr eine Emo-Kante oder auch etwas Discomäßiges im Sound. Aber bei „Trans Rosa“ wollte ich ein Album machen, auf dem nix Überflüssiges drauf ist und das knallt.
Pete, Torben, ihr wart nicht von Anfang an dabei. Gab es Diskussionen zu Songs, an denen ihr nicht beteiligt wart?
Pete: Ich fühle mich da meist wie an einem großen Büffet, alles ist lecker, alles ist vegan. Punkrock als Vorspeise, dann ein paar Hardcore-Songs, zum Dessert eine Emo-Ballade. Die Diskussionen bestehen meistens nur darin, dass ich Bolle überzeugen muss, dass Song XY, den er ausgemustert hat, reaktiviert wird. Um dieses Büffetbild noch mal zu bemühen: Bolle macht auch Live Cooking. Wenn ich was gerade besonders gut finde, brauche ich zum Beispiel nur „NEW MODEL ARMY“ zu sagen, schon köchelt er mir das zusammen. Da kann ich mich nicht beschweren und vergebe 1.000 Michelin-Sterne.
Torben: Das gilt bei mir ja für alles. Nö, keine Diskussionen. Ich spiele hier Bass, da ist grundsätzlich vor allem Anpassungsfähigkeit gefragt. Für mich ist prinzipiell auch nicht die Frage, ob ich irgendeinen Song als Hörer cool finde oder nicht, sondern, dass das Ding Spaß bringt zu spielen. Ich glaube, wir sind eher zukunfts- als vergangenheitsorientiert.
„Punk ist Offenheit. Hardcore die Wahrheit sagen“, heißt es in „Tanzen im Park“. Es gibt ja wieder vermehrt Diskussionen über „Punk“ und was er bedeutet. Altpunks treffen da auf junge Akteur:innen. Wo seht ihr euch in dieser Gemengelage?
Bolle: Für mich ist Punk ein offener Raum, wo neue Dinge ausprobiert werden können. Der Soundtrack einer politischen Bewegung, die Veränderung, Emanzipation und Befreiung anstrebt. Punk begeistert und vitalisiert mich und er transformiert Schmerzen und Ohnmacht und bringt uns ins Handeln. Er verbindet uns auch alle wieder. Es gibt eine Community, wo es nicht um Geld geht. Wir halten zusammen und unterstützen uns. Und versuchen, anders zu leben. Er kann Leben retten und einfach Party bedeuten. Es ist das Schönste, mit Bands durch die Gegend zu fahren, live zu spielen und überall ähnlich Gesinnte zu treffen. Und es ist geile Musik und rockt wie Scheiße!
Pete: Bei uns gibt es einen alten Punker, von dem ich immer denke, dass wir doch eigentlich zusammengehören. Und dann erwische ich mich dabei, deutlich inspirierendere, progressivere Gespräche mit vermeintlichen Normalos zu führen. Am Ende haben wir wahrscheinlich größere Probleme als die Konservierung einer Subkultur. Wenn eine andere Kunstform linke Werte weiterträgt, dann sehr gern. Hauptsache, Transformation findet statt.
Punk war immer ein Gegenentwurf – aber viele Punks sind heute 40+, mit Jobs und Verantwortung. Wie lässt sich Rebellion erwachsen denken, ohne den Funken zu verlieren?
Bolle: Das ist kein großes Problem, weil Punk eine innere Haltung ist. Es beinhaltet auch eine gewisse Reife im Alter, ich finde es albern, dann noch den Rebell zu mimen. Wir müssen uns weiterentwickeln und trotzdem diese Musik machen. Ich trage auch keine Nasenringe mehr. Der Punk geht immer mehr nach innen.
Pete: Ich denke, dass Punk sehr unterschiedlichen Definitionen unterliegt. Meine Ü40-Definition sieht in etwa so aus: das eigene Leben und Wirken so gut wie möglich mit den selbstbestimmten, egalitären, progressiven Werten des Punk in Einklang bringen. Diese Werte einfließen zu lassen in Konsumverhalten, Kindererziehung, Arbeit, Sportverein ... Es ist zumindest eine Überlegung wert, ob das am Ende nicht wertvoller ist, als meine Bier- und Krach- und Scheiß-drauf-Definition von früher.
Torben: Bier und Krach und Scheiß drauf im Alter ist auch ein gutes Konzept. Ich konnte mir das noch nie besser leisten als jetzt. Ansonsten birgt der Begriff „Gegenentwurf“ ja durchaus schon etwas in sich. Den Gegenentwurf zu Dingen, die man als unsinnig oder falsch erkannt hat, zu leben und zu vertreten ist oftmals auch schlicht. Und Bier und Krach und Scheiß drauf ist schon auch echt mal wichtig zwischendurch. Aber vielleicht kein lebensfüllendes Konzept.
Wie seht ihr Geschlechterverhältnisse in der Szene heute, und wie lebt ihr Profeminismus in der Zusammenarbeit, auf Tour und im Alltag?
Bolle: Es ist immer noch so, dass es viele Männerbands gibt und die Stimmung an manchen Orten etwas „prollig“ ist. Aber Frauen und Frauen in Bands sind auf dem Vormarsch. Ich stehe nicht unbedingt auf biertrinkende Männerbünde, aber meistens tauen die Leute später auf und haben ein gutes Herz. Aber ja, da gibt es immer noch viel zu tun.
Bolle, bei aller Negativität um uns herum, findest du textlich immer einen empowernden, positiven Weg heraus. Inwieweit hat deine Vorliebe für Zen-Meditation dazu beigetragen?
Bolle: Empowerment ist wichtig. Ich will, dass Leute unsere Musik hören und, auch wenn etwas Schwieriges angesprochen wurde, positiv da rausgehen. Wahre Meditation bedeutet, dass man sich den Dingen in sich stellt, wie sie kommen. Und wenn etwas Schreckliches, Schwieriges kommt, dann durchlebt man es und durchfühlt es und läuft nicht weg. Dann bekommt es einen inneren Raum und es kann gehen. Danach hat man das Gefühl, etwas wirklich verdaut zu haben, und es entsteht ein Friede und ein positives Gefühl. Wir können die schwierigen Sachen umwandeln. Das ist für mich auch etwas sehr Politisches. Ich bin eine Bombe für alle und werde entschärft. Die Menschen tun manchmal schreckliche Dinge, aber das Leben an sich ist nicht schrecklich, es ist so, wie es ist, und okay, es sorgt für sich, es gibt Kreisläufe, mit denen wir uns wieder harmonisieren müssen. Sonst gibt es ein Drama. Ich nenne das innere Arbeit oder Politik: Ohne dieses Element sind alle unsere Demos und Kampagnen irgendwann sinnlos. Beide Elemente gehören zusammen und werden Veränderung vorantreiben. Für mich ist das Punk. Ich habe zwei Drittel meines Lebens in Negativität verbracht oder diese in meiner Umgebung gehabt. Das reicht, es bringt auch nichts: Also umwandeln!
Torben: Das ist geil, ne? Positives Gejammer, das hat mich bei Bolle schon immer gekriegt!
In „Feuertonne“ geht es um Community, um „Safe Spaces“. Mit Jobs und Familie im Hintergrund – haben diese Orte für euch an Bedeutung verloren oder sind sie wichtiger als zuvor?
Bolle: Ich lebe an so einem Ort, also es spielt noch eine Rolle. In dem Lied wollte ich den Moment beschreiben, wo man ein bisschen aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen ist. Ich weiß noch, wie ich auf den Bauwagenplatz gezogen bin. Kein Strom, kein fließendes Wasser, das war erst mal ein kleiner Schock, aber nach drei Monaten hatten wir uns daran gewöhnt. Und es war so ein Gefühl, wir machen den Konsumscheiß nicht mehr mit und machen hier unser Ding. Genauso war es auf Konzerten. Das ist wie eine andere Welt, wo andere Regeln gelten. Und es waren auch Räume abseits von Leistung und Bewertung. Wir wollten herausfinden, was wir wirklich in unseren Leben machen wollten. Da muss man ja erst mal hinkommen. Diese Räume sind wichtiger als zuvor und müssen verteidigt werden. Gleichzeitig müssen wir auch den Kontakt zu den „anderen Welten“ halten.
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