© by Patrick NagelSeit knapp 15 Jahren ist die in Bremen beheimatete Band in der Post-Hardcore- und Metalcore-Szene aktiv. Das neueste Album trägt den Titel „In This Moment That We Have On Earth“. Ein guter Anlass, um mit Sänger und Gitarrist Dennis Landt einige Momente näher zu beleuchten.
Hinsichtlich des Entstehungsprozesses sind es weniger Momente als vielmehr Zeiträume, die an Relevanz gewinnen. Für Dennis ist es elementar, sich diese Aufgaben aktiv vorzunehmen, um im passenden Modus die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Mit dem Release verändert sich schließlich auch der Fokus: „Jetzt ist eher die Zeit, in der ich mich auf den ganzen Rest, der so dazugehört, konzentriere, Live-Auftritte, Promotion und dergleichen, um alles mal sacken lassen. Sobald sich mein Akku wieder aufgeladen hat, besteht auch irgendwann wieder die Möglichkeit, was zu schreiben. Im Moment kann ich mir das praktisch nicht vorstellen, weil für mich jetzt ein Kapitel abgeschlossen ist mit diesem Album, das uns zwei Jahre lang begleitet hat.“
Auf den Albumtitel angesprochen, erklärt er weiter: „Das bezieht sich auf den kurzen Moment, den wir auf der Erde haben. Global oder gar kosmisch gesehen ist das ja wirklich der berühmte Wimpernschlag. Also geht es in den meisten Texten um Dinge, die jeden Einzelnen von uns beschäftigen, weil jetzt alle in ihren Dreißigern sind, Familien gründen, teilweise sehr anspruchsvolle Jobs haben und zusätzlich ein Hobby, das fast noch mal ein Job ist. Darum geht es oft – dieses Gefühl der Überforderung. Es liegt ja allgemein im Zeitgeist, mehr auf mentale Gesundheit zu achten und darauf, dass man sich nicht kaputt macht oder sich von zu vielen Dingen, Nachrichten oder Einflüssen runterziehen lässt. Aber man ist davor kaum gefeit. Verloren oder überfordert zu sein von dem Alltäglichen, zieht sich durch unsere Songs.“ Und als Fazit stellt er fest: „Wir haben so wenig Zeit, da kann es doch nicht sein, dass wir ständig so überfordert und gestresst sind, und unser Tag voll ist mit Dingen, die uns vielleicht auch nicht glücklich machen. Es bezieht sich umgekehrt eben auf diesen kleinen Moment, der uns nur bleibt, und etwas daraus zu machen.“
Aus dem Informationsstrom der inflationär auf uns einprasselnden Nachrichten haben die Bremer konkrete Ereignisse ausgewählt und musikalisch verarbeitet. Als Beispiel verweist Dennis auf Corona und die zahlreichen damit verbundenen Verschwörungserzählungen. „Das war ja alles super strange und neu für uns alle. Aber man vermutet doch nicht hinter jeder neuen Nachricht oder jeder sich ändernden Info zur Pandemie eine Verschwörung, oder? Also dieses Gechwurbel war ganz schlimm. Da waren diese Leute, bei denen ich immer gedacht habe: Nach deiner Argumentation ist alles eine Lüge, die ganze Welt, das ganze System – und trotzdem gehst du ins Bett, gehst jeden Tag zur Arbeit, hast einen Arbeitgeber, ein Konto, kriegst Gehalt, zahlst Steuern, auch der Rest des Lebens scheint für dich ganz gut zu funktionieren. Das passte für mich nicht zusammen.“
Dabei ist der Musiker durchaus offen für Perspektivwechsel, wie er hinsichtlich eines weiteren Themas darlegt, das in dem Song „Dyed“ verarbeitet wurde: „Wir haben darin eine große Referenz zu Fridays for Future beziehungsweise zur Letzten Generation gezogen – hinsichtlich der Protestform. Dass eine Farbschicht auf Dingen einfach alles zum Anhalten bringen kann. Ich habe viel mit Leuten in unserem Alter oder auch mit älteren Generationen zu tun, die sagen, die machen alle nur Quatsch, das hätte keinen Sinn, und die würden nur das Leben von anderen schwerer machen wollen. Aber wechseln wir mal die Perspektive: Die Personen, die wirklich dahinterstecken, sind der Meinung, die Welt geht unter, wenn wir jetzt nichts machen. Und schon kann man verstehen, warum augenscheinlich radikale Maßnahmen ergriffen werden wie etwas anmalen, was ja auch noch relativ ist. Das basiert auf den Nachrichten, die uns alle erreichen, aber die jeder irgendwie anders für sich verarbeitet oder wahrnimmt.“
Angesichts der nun anstehenden Phase mit vermehrten Live-Shows kann der Musiker klar umreißen, auf welche Momente es ankommt, um zufrieden wieder von der Bühne gehen zu können. „Auftritte, bei denen alles klappt und man wirklich voll im Tunnel ist, die Hände machen memorymäßig einfach ihr Ding auf der Gitarre und man kann das alles total genießen.“ Doch gleichzeitig existieren auch solche Momente, die das gegenteilige Empfinden evozieren können – etwa als kürzlich bei einer Show „nichts klappte, die Saite riss, der Funksender nicht richtig funktionierte und man sich letztlich durch das Set quälte“.
Im Gegensatz zu diesen Momenten, deren faktische Auswirkung eher begrenzt erscheinen mag, gibt es auch die anderen – die bedeutenden Sollbruchstellen, die über das Bestehen eines Kollektivs entscheiden können. Dennis ist hier vorsichtig optimistisch. „Diese speziellen Gelegenheiten, an denen eine Band wie wir praktisch zerbrechen kann, haben wir immer irgendwie überstanden. Damit meine ich Schulabschluss, Studium, Familiengründung und all das im Leben der einzelnen Mitglieder, wo immer die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich das Ganze auflöst. Vielleicht muss man auch irgendwann sagen, da kommt jetzt nichts mehr Gutes von uns, vielleicht überlegen wir uns was anderes oder die Lebensumstände ändern sich trotzdem.“
Mit WATCH OUT STAMPEDE existiert in seinen Augen allerdings die richtige Basis, all das zu meistern. Denn auch ohne von der Musik leben zu können, gilt für ihn: „Man hat eben dieses wunderschöne Hobby einer Nebentätigkeit mit der Band, mit der man im besten Fall auch noch Hörer glücklich macht – und sich selbst. Zuallererst ist das Wichtigste, finde ich, sich selbst mit der Musik glücklich zu machen.“ Betrachtet man den mit dem Albumtitel verbundenen Appell, die wenige verbliebene Zeit mit positiven Dingen zu füllen, schließt sich an dieser Stelle der Kreis.
© by Fuze - Ausgabe #112 Juni/Juli 2025 und Florian Auer
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