
Nachdem wir im letzten Heft die Filme von Wenzel Storch ausführlich gewürdigt haben, interessierte uns natürlich auch, welche Persönlichkeit sich hinter den skurrilen Welten von "Sommer der Liebe" und "Glanz dieser Tage" verbirgt. Bei der Masse an vorhandenem, durchweg euphorischem Pressematerial über das bisherige Schaffen Wenzel Storchs ist es verwunderlich, dass er immer noch als Insidertip gehandelt wird und seinen Underground-Status nur schwer abschütteln kann. Die Entstehungsgeschichte seiner Filme liest sich wie das übliche Elend unabhängiger Filmemacher, angefangen von knappem Budget über ewig dauernde Wochenend-Drehtermine bis hin zu technischem und menschlichem Totalversagen. Dazu kamen dann im nachhinein die Anfeindungen unterschiedlichster geistiger und politischer Strömungen, denen Storchs Inhalte irgenwie zu weit gingen. In der Blödheitshitparade ganz oben standen definitiv die "Wilden Spulen" aus Göttingen, die mit ihrem wilden, aber eigentlich eher wirren Filmrollenklau einen zielsicheren Angiff gegen das großkapitalistische, frauenverachtende Establishment landeten. Doch darüber regt sich Storch schon lange nicht mehr auf, denn er hat mittlerweile den Großteil seiner Fördergelder zusammen, und so können wir uns spätestens in zwei Jahren auf den dritten Teil seiner "Kulturgeschichte Deutschlands" freuen. So standen wir in Hildesheim vor einem gutbürgerlichen Wohnhaus direkt in der Nähe einer heimeligen Kirche, wo der momentan rassistischste und sexistischste Filmemacher Deutschlands zu dieser Zeit hauste.
Was ist eigentlich aus dem berüchtigten Haus geworden, das in dem Presseheft zu "Sommer der Liebe" beschrieben wird?
In dem Haus in Hildesheim habe ich damals mit Iko und Diet gewohnt, die in beiden Filmen dieMusik und die Geräusche gemacht haben. Unten in dem Haus war ein Kiosk, wo sich die gesamte Pennerszene Hildesheims getroffen hat. Die sieht man teilweise in der Kioskszene in "Glanz dieser Tage" betrunken herumstehen. In einem Anzeigenblatt erschien dazu damals die Titelgeschichte: "Schmutzigstes Haus von ganz Hildesheim". Die örtliche SPD hat zu dieser Zeit nach änderungsbedürftigen Schwachstellen gesucht und dabei Brücken gefunden, die nicht fertiggebaut worden waren. Schließlich standen sie vor unserem völlig versifften Haus. Danach ging alles ganz schnell. Die Stadt hat das Haus gekauft, uns rausgeklagt und es abgerissen.
Waren die Leute, mit denen du dort gewohnt hast, aus der örtlichen Punk- bzw. Hausbesetzerszene?
Eine Hausbesetzerszene gibt es hier eigentlich nicht. Hier sind, glaub ich, mal zwei Häuser besetzt worden. Einziger Berührungspunkt mit der Punkszene wäre höchstens über Iko und Diet, weil die das "Pissende Kuh Kassetten"Label gemacht haben. Daher stammen auch die meisten Bands von "Glanz dieser Tage". Die Musik haben Diet und Iko alleine gemacht. Ich habe mir das dann hinterher angehört und gesagt, ob es mir gefällt und ob es passt. Bei dem Film war es generell so, dass ich ihn nicht alleine gemacht habe, sondern dass viele Leute ihre privaten Sachen eingebracht haben. Ich habe an meinem Drehbuch rumgekritzelt. Diet hat nebenan gesessen und mit einem Vier-spurgerät seinen Kram aufgenommen, was sich hinterher gut ergänzt hat.
In den meisten Artikeln wirst du als fauler Dauerstudent dargestellt, der irgendwie zufällig aufs Filmemachen kam, um vielleicht seiner Existenz einen tieferen Sinn zu ver-leihen. Wie hat das denn bei dir begonnen?
Es gibt immer zwei Fragen, die bei allen Interviews auftauchen: "Wie hast du Jürgen Höhne kennengelernt?" und "Wie bist du auf den Gedanken gekommen, Filme zu machen?". Das mit Jürgen Höhne kann ich kurz und knapp beantworten. Aber das ist so eine uninteressante Geschichte, daß es keiner abdruckt (Genau! die Red.). Die andere Frage kann ich nicht richtig beantworten. Eigentlich war es so, dass wir in diesem Haus gewohnt haben und ich meinen Zivildienst gemacht habe. Danach wollte ich dann erstmal gar nichts machen. Wie das halt so ist, wenn man nicht weiß, was man machen soll, und die Berufe, die es gibt, alle nicht will. Ich habe mir dann was gesucht, wo ich keine Prüfungen machen muss, und mich für Sozialwissenschaften in Hannover eingeschrieben, wo ich ungefähr im 26. Semester bin. Zu der Zeit habe ich angefangen, Ideen aufzuschreiben, wobei ich schon geglaubt habe, dass daraus irgendwann mal ein Film wird. Deshalb behaupte ich in Interviews auch nicht, ich wäre Regisseur. lch habe auch keine besondere Liebe zum Film. Meine Vorlieben gehen von Heinz Rühmann bis "Last House On The Left", und im Jahr gehe ich vielleicht zehn mal ins Kino.
In einem Artikel stand, dass Jürgen Höhne Fan von John Wayne und Anhänger der RAF wäre. Das hört sich ziemlich widersprüchlich an.
Mir wurde zwar öfter geraten, das in Interviews nicht so laut zu sagen, aber eigentlich kann man das stehenlassen. Such dir mal jemanden in Jürgens Alter, der in so einem Film mitmachen würde, und so die Kontrolle darüber hat. Er ist ein totaler Glücksfall und ein ziemliches Talent. Mit ihm kannst du aber auch nichts drehen, was er nicht akzeptiert oder ihm nicht gefällt. Es gibt auch einige Sachen im Film, die ohne ihn nicht so geworden wären. Manchmal ist er aber schon ziemlich hart. In einer Szene standen Kerzen in Form von verschneiten Tannenbäumen auf dem Tisch, über die sich Jürgen dann aufregte und meinte, was die christliche Kacke sollte, und wir sollten doch lieber Plastikpimmel aufstellen. Er ist auch nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Wir hatten teilweise die Presse wegen Drehberichten da, die dann rausgehen mussten, während er eine Szene drehte.
War es schwer jemanden in seinem Alter für so etwas zu motivieren?
Als wir ihn damals gefragt haben, wollte er erst nicht, weil er nicht so'n Typ ist, der das besonders toll findet. Er hat auch seinen Kollegen nicht erzählt, dass er immer so kaputt war, weil er am Wochende gedreht hatte. Irgendwann stand es in BILD Hannover und dann kamen auch seine Trucker-Kollegen mit ins Kino. Er macht das aber nicht aus solchen Motiven. Irgendwann hat er gesagt, er probiert es mal und dann kam dieser Spruch: Was John Wayne kann, kann ich auch. Nach dem ersten Film war er mit dem Ergebnis ziemlich zufrieden, weil er mitgekriegt hat, dass das auf Festivals gut angekommen ist, aber nochmal wollte er nicht. Als wir ihn dann nochmal gefragt haben, hat er gesagt: "Einmal macht er es noch". Bei den Dreharbeiten zu "Glanz dieser Tage" hat er gearbeitet und bei dem harten Job, wo er nur jedes zweite Wochenende zu Hause ist, war das eine echte Zumutung. Bei "Sommer der Liebe" war er wegen eines Unfalls krankgeschrieben. Inzwischen ist er Frührentner und deshalb muss er jetzt nocheinmal die Welt retten.
Und wie seid Ihr an Hana Paetsch, den legendären jedem von uns bekannten, Märchenplattenerzähler gekommen? (Paetsch hat übrigens auch auf „Unter falscher Flagge“ von den TOTEN HOSEN zuhören)
In "Glanz dieser Tage" war ich der Erzähler, und war damit hinterher nicht mehr besonders zufrieden. Auf die Idee kamen wir erst nachdem "Sommer der Liebe" fertig war, der einen starken Märchencharakter hatte, und ich kannte Hans Paetsch noch gut aus der Kindheit. Wir hatten natürlich die Befürchtung, dass er das nicht macht, weil er schon über 80 ist. Wir haben uns dann seine Telefonnummer besorgt, und haben erstmal dreimal hintereinander seinen Anrufbeantworter angerufen, weil der wie eine Märchenplatte war. Wir haben einen Termin ausgemacht und ihm dann drei Szenen aus dem Film gezeigt, damit er weiß, worauf er sich da einlässt. Er hat sich dabei offensichtlich amüsiert und im Hintergrund saß seine Frau, die in bestimmten Abständen "Oh Gott, Oh Gott, Hans!" rief. Das war eine richtige Reise in die Kindheit mit so einer Sonntagnachmittagstimmung. Teilweise haben die Leute auf Festivals geglaubt, wir hätten alte Märchenplatten ausgeschlachtet, bis man an Stellen wie "Vaginalzäpfchen" kommt.
Deine Filme sind gänzlich mit Filmförderung entstanden. Wie kommt man denn daran?
Wenn ich das genau wüsste, wäre das ziemlich klasse, da ich gerade wieder Filmförderung beantragt habe und es in unserem Fall einfach Glück war. Beim ersten Film habe ich mein Drehbuch eingereicht, das einen Umfang von 60 Seiten hatte, von denen schließlich fünf verfilmt wurden, weil der Rest einfach unverfilmbar war, bzw. teilweise auch richtiger Schrott war. In dem Gremium saßen offenbar Leute, die dachten, dass man daraus was Gutes machen könnte und uns erstmal das Geld gegeben haben. Beim zweiten Film haben wir einen Probefilm gemacht. Das Gremium musste ein paar mal darüber lachen, und hat uns dann das Geld gegeben. Man befindet sich da in so einem Umfeld von Kunstfilm und tausend Aussagen, mit dem man eigentlich gar nichts zu tun hat. Die gesamte Fördersituation wird auch immer härter, weil überall gekürzt wird. Insgesamt beantragen 90 Leute Filmförderung und 80 werden abgelehnt. Da das Gelder der Kulturbehörden sind, wird alles genau überprüft. Ich muss jede Mark abrechnen und alles wirklich offenlegen, damit kein Schindluder damit getrieben wird. Da wir aber keinen Gewinn machen, können wir auch nichts beiseite schaffen, und deshalb macht mir das weniger Kopfzerbrechen. In NRW haben wir sogar noch nachträglich 14.000 DM gekriegt, um das Kopierwerk überhaupt bezahlen zu können. Du drehst völlig durch, wenn du deinen Film deswegen nicht fertigstellen kannst.
Ist es von Vorteil, wenn man vorher achon zwei Filme gedreht hat?
Von den Besucherzahlen und den Kritiken her müsste man eigentlich denken, dass man ohne Probleme das Geld bekommt, da es kaum deutsche Filme gibt, die so gut dastehen. Es hängt aber hauptsächlich von den Leuten ab, die in dem Gremium sitzen. Wenn die kein Verständnis dafür haben, hast du keine Chance. Jemand, dem das gefällt, würde den Film wahrscheinlich auch fördern, wenn ihn hinterher nur zehn Leute sehen.
Gibt es denn keine andere Möglichkeit, an Geld für Filme zu kommen?
Mir sagen wegen der Keksszene in "Sommer der Liebe" andauernd Leute: Wieso lasst ihr euch nicht von Bahlsen sponsern? Aber ich glaube nicht daran, denn ich befürchte, dass dann ständig jemand ankommt, der was sehen will oder dies und das nicht so haben will. Es wird soviel Scheiße gefördert, deshalb probiere ich es erstmal bei der Filmförderung. Dazu gibt es noch diese schöne Geschichte, dass Jürgen Hohnes Frau bei Bahlsen arbeitet, und die ganzen Kekse umsonst hätte besorgen können. Was wir aber erst am Drehtag erfahren haben, als wir schon für über 1.000 Mark Kekse im Großhandel besorgt hatten.
Hattest du bei "Sommer der Liebe" eigentlich mal eine FSK-Freigabe angepeilt?
Das kostet einen Haufen Geld, was wir nicht hatten. Prinzipiell habe ich damit eigentlich kein Problem, da ich durch eine 16er Freigabe, die ich wahrscheinlich bekommen hätte, eine erhebliche Steuererleichterung gehabt hätte. Wenn der Verleih kein Geld für die Freigabe hat, ist der Film automatisch "ab 18". Damit wollen sie gewaltverherrlichende und pornographische Filme treffen, schädigen damit aber viele Filme, die grundsätzlich kein besonders großes Publikum erwarten dürfen.
Irgendwie ist das alles ein großer Widerspruch. Kaum ein deutscher Film kann soviel gute Besprechungen aufweisen wie "Sommer der Liebe". Trotzdem scheinst du dadurch nicht gerade reich und berühmtgeworden zu sein. Woran liegt das?
Wenn man die Kritiken liest, könnte man meinen, die Leute müssten da nur so reinrennen. Die ganzen nennenswerten Sachen in der Presse waren im September/Oktober '92. Der Verleih hat es damals fertiggebracht, den Film nur in Berlin zu starten - ansonsten war er nirgends zu sehen. In andere Städte kam er erst ein Vierteljahr später, ohne dass vom Verleih zusätzliche Pressearbeit gemacht worden wäre. In Berlin ist er dann auch gut gelaufen, aber sonst nirgends. Das ist schon ziemlich bitter, zu sehen, dass der der Film beim Verleih auf Eis liegt - zumal ich damals noch die ganzen Pressekassetten weggeschickt habe. Nach endlosen Auseinandersetzungen habe ich dann die Rechte an dem Film wieder zurückbekommen. Als der Verleih ihn in Köln gestartet hatte, waren zehn Leute im Kino, als ich in anschließend nochmal in Köln startete, war er zwei Wochen ausverkauft. Das hat aber nur funktioniert, weil wir Anzeigen geschaltet haben und Besprechungen in den Kölner Stadtmagazinen waren.
Heißt das, dass man nur die Werbetrommel kräftig rotieren lassen muss, damit die Leute ins Kino strömen?
Das kann man so auch nicht sagen. Es gibt schon ein bestimmtes Zielpublikum, das ich aber nicht genauer definieren kann, weil es sich durch zig Szenen zieht. Alle, die sich nicht damit anfreunden können, dass "Sommer der Liebe" so billig gedreht worden ist, fallen da schon mal weg. Da muss schon ein bestimmtes Grundverständnis für fehlende Perfektion vorhanden sein, ansonsten wird man ziemlich enttäuscht. Wenn er irgendwo länger gebucht ist, läuft nach den ersten Vorstellungen viel über Mundpropaganda, da den meisten Leuten der Film eigentlich sehr gut gefällt. "Glanz dieser Tage" haben 3.000 Leute gesehen und "Sommer der Liebe" zehnmal so viele, insofern haben gute Kritiken schon einen Einfluss auf das Abschneiden des Films, da bei "Glanz dieser Tage" die Presseresonanz noch nicht so groß war - der hat höchstens zehn gute Kritiken gehabt.
Macht diese fehlende Perfektion nicht auch den entscheidenden Reiz deiner Filme aus?
Die Angst davor, glatter zu werden, hatten wir bereits selber nach "Glanz dieser Tage".' Man überlegt sich, ob man nicht inzwischen zu abgewichst ist, weil man schonmal eine Kamera in der Hand hatte, und jetzt weiß, wo man die Schärfe einstellt - dann ist ja direkt' der ganze Charme des Films weg. Aber an "Sommer der Liebe" sieht man, dass es nicht so ist. Die Gefahr dabei ist, dass alle, die irgendwann glatt geworden sind, das meistens gar nicht bemerkt haben. Dieses Verwackelte und Unscharfe wird im nächsten Film auch wieder da sein, selbst wenn wir auf 16 oder 35mm drehen. Wir werden auch wieder Handkamera einsetzen - wir gurken ja nicht plötzlich auf Schienen rum oder machen Direktton. Das Problem ist auch nicht die Unschärfe, sondern die Art und Weise, wie man Dinge durch die Kamera abbildet.
Wenn man sich die Presseartikel genauer ansieht, finden da eigenartige Aneignungsprozesse statt, da jeder sein Bild deiner Person enwirft. Oder wie siehst du das?
Das hat unterschiedliche Gründe. Tempo zum Beispiel machen gerne Portrait-Sachen und ziehen das mehr an der Person des Regisseurs, als an dem Film hoch. Bei Zeitungen mit einer anderen Leserschaft sieht das gleich anders aus. Wenn es dann um den Film geht, gibt es diesen schönen Mechanismus der vergleichenden Beschreibung, vor allem, wenn es sich um einen Film handelt, den es in dieser Form vorher noch nicht gegeben hat. Das fängt dann bei Karl Valentin an, geht über Jaques Tati bis Monty Python, bis zu Sachen, von denen man noch nie etwas gehört hat. "Glanz dieser Tage" wurde mit Videoclips der RESIDENTS verglichen, die ich überhaupt nicht kannte. Oder Pee Wee Herman, da weiß ich bis heute nicht, was das ist. Es wird nach Sachen gesucht, die die Leute kennen. Monty Python ist in diesem Zusammenhang genauso beknackt, da du in meinen Filmen ebensoviel Dinge findest, die überhaupt nichts damit zu tun haben. Irgendwann hast du eine endlose Liste von Sachen, die alle nett gemeint sind, und über die ich mich auch nicht ärgere, aber mit denen ich mich in den wenigsten Fällen identifizieren kann. Manche Kritiken sind schon recht stimmig, aber es gibt keine, unter die ich meinen Namen setzen würde. In der „epd-Film" war davon die Rede, dass wir an einer poetischen Kulturgeschichte Deutschlands arbeiten würden, was ich damals total geil fand und worüber ich mich einen ganzen Abend ziemlich amüsiert habe. Jeder sieht in dem Film ganz unterschiedliche Dinge, was auch für die Qualität des Films spricht. Wie der Film hinterher aufgenommen wird, ist eigentlich auch nicht mehr meine Sache. Du machst den Film zwar, damit ihn Leute sehen, aber dabei fragt man nicht ständig, ob das auch jemandem gefällt. Wenn ich gefragt werde, was ich mit meinem Film ausdrücken wollte, kann ich nur sagen, dass es so ist, wie es in den Bildern zu sehen ist. Man kann das natürlich trotzdem gründlich missverstehen, wie diese "Wilden Spulen" in Göttingen.
Hast du nicht manchmal das Bedürfnis dieses etwas schiefe Bild deiner Person geradezurücken, und zu sagen: So ist Wenzel Storch wirklich?
Dazu fällt mir eine Geschichte aus dem "Hollywood Babylon"-Buch von Kenneth Anger ein. Und zwar hat sich ein großer Stummfilmstar, als seine Zeitungskritiken immer schlechter wurden, völlig damit bedeckt und grauenvoll mit einem Messer umgebracht. Mein Verhältnis dazu ist weniger ernsthaft. Zum Teil lese ich die Kritiken schon gar nicht mehr ganz durch, weil immer dasselbe drinsteht. In der taz war letztens ein Photo von Jürgen Höhne mit der Bildunterschrift "Wenzel Storch im Kreise seiner Liebsten". Ich habe mitgekriegt, dass das von einigen Leuten, die den Film nicht kannten, übel aufgenommen wurde. Die denken, wenn der Regisseur so'n alter Sack ist und sich mit lauter 20jährigen Mädels umgibt, dann ist das kein Wunder, wenn der Film sexistisch ist. Die haben bei der taz völlig rumgeschlampt, schließlich ist der Film schon vorher einige Male dort aufgetaucht. Prinzipiell können die mich darstellen, wie sie wollen, ärgerlich wird es nur, wenn das einige Leute in den falschen Hals bekommen. Es gibt eine Szene mit der glatzköpfigen Jasmin in "Sommer der Liebe". Irgendwann schlägst du ein Stadtmagazin auf, und unter diesem Bild steht dann: Skinschwester Jasmin. Natürlich kann das jeder, der nicht dumm ist, richtig einordnen. Aber privat geht mir das einfach zu weit. Das war dann auch noch in Hannover, wo schon genug von diesen Arschlöchern rumlaufen. Wenn man das dann anspricht, bekommt man als Antwort: Wieso regst du dich auf, das ist doch lustig. In Tempo war ein Bild von mir, wo darunter stand: Auf LSD-Trip im Hildesheimer Dom. Das fand ich dem Momentauch nicht besonders komisch, weil die eine ziemlich hohe Auflage haben, und ich keinen Bock darauf hatte, daß hier plötzlich die Bullen klingeln. Aber irgendwann merkst du, daß es Quatsch ist, sich über jeden Scheiß zu ärgern, der in irgendwelchen Zeitungen über dich steht.
In deiner Biographie, die dem Presseheft von "Sommer der Liebe" beiliegt, fiel mir sofort diese unglaublich lange Messdienerzeit auf.
Das war beabsichtigt. Jetzt spricht mich natürlich jeder darauf an. Besonders krass war das bei "Glanz dieser Tage", wo es ständig hieß: Da arbeitet jemand seine katholische Vergangenheit ab. Das war damals überhaupt nicht so. Mit 17, 18 hatte ich vielleicht damit Probleme, aber spätestens mit 25 läuft man nicht mehr herum und hat riesige Glaubensprobleme. Das ist auch erst mit dem Film entstanden, da es eine Welt ist, die ich kenne und zu der mir was einfiel. Zumal fast alle an dem Film Beteiligten evangelisch waren, und dafüreigentlich kein richtiges Verständnis hatten. Bei "Sommer der Liebe" hatte ich dann Schiss, dass das wieder passiert. Der katholische Filmdienst hat natürlich wieder eimerweise Hohn und Spott über die Kirche hineininterpretiert. Das ist wie mit Bunuel-Filmen, wo unter dem Strich immer herauskommt, daß der ein riesiges Problem mit der Kirche hat, weil er mit zwölf auf eine Marienstatue gewichst hat - wie er das in seiner Autobiographie erklärt. Ich habe auch kein Problem mit Hippies. Ich war zu der Zeit elf und habe meine erste BLACK SABBATH-Platte geschenkt bekommen - vorher hatte ich nur Märchenplatten gehört. Am zweiten Weihnachtstag wurde sie mir dann wieder weggenommen, weil ich sie unablässig gedudelt habe. Ich hab das damals nur als kleiner Bubi vom Dorf erlebt. In Telefon-Interviews wirst dann gefragt, wie lang deine Haare sind. Wenn der Film in der Steinzeit gespielt hätte, würde auch keiner fragen, wo meine Keule ist. Es wird eigenartigerweise direkt vorausgesetzt, man würde nur BLACK SABBATH hören und in seiner 70er-Jahre-Welt dahinvegetieren. Bei "Glanz dieser Tage" glaubten viele, man wäre den ganzen Tag von religiösem Zeugs umgeben. Das sind Sachen, die mich interessieren, aber nicht so exzessiv, dass sie vollständig mein Leben bestimmen würden.
Du gehst in "Glanz dieser Tage" eigentlich ziemlich behutsam mit der katholischen Kirche um, insofern sind diese teilweise heftigen Reaktionen auf den Film schwer zu verstehen.
Ich habe mir irgendwann in Interviews angewöhnt, den Film als Propagandafilm für die katholische Kirche zu bezeichnen. Der Film lief mal in Frankfurt auf dem Priesterseminar, wo nach der Vorstellung ein werdender Priester auf mich zugestürmt kam, mir die Hand schüttelte und sich wortreich dafür bedankte, daß ihn der Film in seiner Entscheidung bestärkt hätte, Priester zu werden. Der Film ist auch nicht aus einer Antihaltung gegen den katholischen Glauben gedreht, sondern stattdessen werden katholische Idyllen und Wunderlandschaften beschrieben, wie sie in "Don Camillo" auch nicht viel anders sind. Ich sehe die Katholiken mit Wohlwollen, bin aber froh, dass ich da nicht mehr mitmachen muss. Optisch ist das doch ein schöner Verein: gute Kleidung, gute Veranstaltungen, gute Musik - aber schlecht besucht. Wenn man der Kirche in die Eier treten will, kann man das ganz anders machen. Mein Vater, der ziemlich katholisch ist, versteht das aber trotzdem nicht. Für ihn ist der Film, wie Petrus mit Scheiße einreiben.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #19 I 1995 und Thomas Kerpen