WHITE REAPER

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Neuanfang

Kann man nach zehn Jahren Erfahrung im Musikbusiness wirklich von einem Neubeginn sprechen? Sänger und Gitarrist Tony Esposito findet schon, denn das neue Album „Only Slightly Empty“ der Band aus Louisville, Kentucky ist unter anderen Voraussetzungen als sonst entstanden.

Die letzten Jahre waren ziemlich turbulent für euch, mit neuen Bandmitgliedern und einem neuen Label. Hatten diese Umstände einen Einfluss auf das Album und vielleicht auch auf euch persönlich?

Ich glaube nicht, dass all diese äußeren Faktoren sich wirklich auf die Platte ausgewirkt haben. Ich denke, wir hatten schon etwa die Hälfte der Platte fertig, bevor das alles passiert ist. Und ich glaube, wären wir nicht schon so weit gewesen, hätten wir vielleicht aufgegeben. Aber da wir schon so viel Arbeit reingesteckt hatten, dachten wir uns: Okay, dann bringen wir es eben zu Ende. Es war für uns also eine Art Ablenkung von allem anderen. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert.

Glaubst du, die Band hätte sich aufgelöst? Oder hättet ihr vielleicht einfach später ein anderes Album geschrieben, wenn ihr nicht schon so weit gewesen wärt?
Ich denke, es wäre wirklich traurig gewesen, wenn wir das verloren hätten. Wir hatten das Label verloren und wir hätten keine Platte gehabt. Ich weiß wirklich nicht, wo es uns hingeführt hätte, ehrlich gesagt. Und ich bin so froh, dass wir zumindest diese Platte hatten, als uns die anderen Dinge fehlten. Aber na ja, natürlich habe ich keine Ahnung, was hätte passieren können.

Während Corona ist das ja vielen Bands passiert und so einige sind einfach verschwunden.
Ich weiß nicht, ich hatte einfach dieses verzerrte Verständnis davon, wie das Schreiben sein sollte, und ich habe wirklich versucht, alles zu filtern, damit es auf eine bestimmte Art und Weise herauskommt, die ich für richtig hielt, anstatt es einfach natürlich und ungefiltert geschehen zu lassen. So wie jedes Album oder vielleicht sogar jede Tournee verändert auch das meine Sichtweise auf die Band, denn ich glaube, man wächst einfach, wenn man neue Dinge sieht und hört, besonders als Musiker. Man entwickelt sich einfach weiter. Meine Perspektive auf die Band hat sich im Laufe der Jahre mehrfach verändert, und ich bin mir sicher, dass sie sich bald wieder ändern wird. Aber ja, es ist schwer nachzuvollziehen, weil ich nie wollte, dass wir uns auf ein bestimmtes Subgenre oder so etwas beschränken, vor allem wenn man mit so vielen verschiedenen Bands unterwegs ist und ihnen bei ihren Auftritten zusieht. Und dann denke ich mir: Mann, ich wünschte, wir könnten auch so einen Song machen. Vielleicht einen thrashigeren Song oder manchmal sogar einen softeren Song. Ich denke, genau da hat sich viel verändert, und ich habe versucht, so viele verschiedene Stile wie möglich auszuprobieren. Und auch als Ausdruck meiner Persönlichkeit habe ich diese Band gegründet, als ich 18 war, und jetzt bin ich 31. Ja, meine Weltanschauung hat sich seitdem komplett verändert.

Wenn du auf diese Songs zurückblickst, die du mit 18 geschrieben hast, muss sich das komisch anfühlen, weil du ein völlig anderer Mensch bist.
Das stimmt. Ich meine, nimm unser erstes Album, „White Reaper Does It Again“. Ich habe diese Songs geschrieben, als ich 18 war. Aber wir spielen immer noch ein paar davon bei unseren Konzerten. Und ich denke mir oft, wow, diese Texte sind interessant.

Aber kannst du dich noch damit identifizieren?
Ich weiß nicht, ob ich mich in irgendeiner anderen Weise damit identifizieren kann. Ich weiß ganz sicher, dass ich es geschrieben habe. Also ich weiß nicht, vielleicht an bestimmten schlechten Tagen. Es sind sehr traurige Songs.

Als du jung warst, dachtest du vielleicht: Okay, ich schreibe Songs und gehe auf Tour, und das wird das beste Leben aller Zeiten. Und jetzt hast du das alles schon erlebt, auch die negativen Seiten. Hattest du jemals das Gefühl, dass das den eigentlichen Prozess des Tourens und einfach nur Spaßhabens überschattet hat?
100%. Es gibt diese Vorstellung, dass Majorlabels einen unter Druck setzen, dies oder jenes zu tun. Ich habe eher das Gefühl, dass der größte Druck von mir selbst kam. Ich dachte, weil wir bei einem so großen Label sind und weil wir all diese Ressourcen nutzen können, ist es so, als könnte ich nur dann einen Song schreiben, wenn ich ihn für gut genug halte. Das war in gewisser Weise lähmend, weil ich versuchte, sowohl das Publikum als auch der Schöpfer zu sein, was niemals funktionieren kann.

Hast du das Gefühl, dass es dir auch geholfen hat, dass du nicht mehr mit einem Majorlabel zusammengearbeitet hast? Und dass das den Druck von dir genommen hat?
Auf jeden Fall es hat den Druck etwas gelindert, aber da war immer noch diese selbst erzeugte Erwartung, die ich mir selbst auferlegt hatte. Aber ja, es hat definitiv geholfen, den Stress zu verringern.

Du hast gesagt, das Album ist eine Art Neuanfang für euch. Es fühle sich an, als würdet ihr euer Debüt rausbringen. So was höre ich tatsächlich öfter von Bands. Aber was genau macht dieses Gefühl aus, wenn man seit einem Jahrzehnt auf Tour war und dies das dritte oder vierte Album ist?
Ja, ich denke, es liegt daran, dass sich die Besetzung der Band geändert hat und Leute, die so lange dabei waren, jetzt nicht mehr dabei sind. In gewisser Weise fühlt es sich tatsächlich wie eine erste Tour an, weil es eine neue Besetzung ist. Und so ist es irgendwie auch, diese Veränderungen, die für manche Leute vielleicht nur subtil sind, machen tatsächlich einen ziemlichen Unterschied. Einfach für unser Wohlbefinden und die interne Stimmung auf Tour. Aber es ist nicht beängstigend, es ist aufregend. Ganz klar, es fühlt sich definitiv wie ein neues Kapitel an.

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