
Fast eine Dekade ist vergangen, seit YELLOWCARD aus Florida ihr letztes Album veröffentlichten und sich – so schien es – endgültig verabschiedeten. 2022 folgte dann die Reunion. Nun erscheint das neue Album „Better Days“. Im Interview erklärt uns Violinist Sean Mackin, wie es zur Trennung und Rückkehr kam, berichtet über die Zusammenarbeit mit BLINK-182-Drummer Travis Barker und wie sich seine Sicht auf die Band verändert hat.
Better Days“ ist euer erstes Album seit fast einem Jahrzehnt. Wie war es, wieder Songs zu schreiben?
Niemand ist aufgewacht und hat gesagt: „Wir schreiben ein Album!“ Es begann mit viel Selbstreflexion und der Frage, wie fragil YELLOWCARD vor der Trennung waren. Währenddessen kam Travis Barker ins Spiel. Er übernahm eine Band mit spannendem Erbe, motiviert für einen Neustart, aber ohne festen Schlagzeuger. Travis meinte: „Hey, ich kann ein paar Songs spielen, wir können was schreiben.“ Von da an war eine neue Platte nicht mehr abwegig. Wir verbrachten erst nur einen Tag zusammen, schrieben einen Song, dann noch einen – so entstand „Better Days“.
Wie wurde Travis auf euch aufmerksam?
Unser Gitarrist Ryan Mendez hatte Kontakt zu Nick Long, Studiopartner von Travis. Der Plan war eigentlich, mit Nick zu schreiben. Nick erwähnte es gegenüber Travis, der daraufhin sein Studio anbot. Es war großartig, bei ihm hinter die Kulissen zu schauen und zu sehen, wie er Drums spielt. Wenn Travis etwas macht, dann so gut wie möglich. So wie wir.
Und wie war es, mit Nick zu schreiben? War es seltsam, Leute außerhalb des Bandkerns dabei zu haben?
Ich mag das Konzept, mit anderen zu schreiben. Andere Musiker machen das ständig, wir nie. Aber Ryan Mendez und Nick kannten sich schon. Es war also nicht völlig fremd. Mit Travis und Nick fühlte es sich nicht an, als würden wir YELLOWCARD verwässern. Da steckt viel Energie drin, das hört man auf „Better Days“. Der Titeltrack spiegelt Dankbarkeit, Vergebung und neue Perspektiven wider. Zudem ist Ryan Key ein großartiger Geschichtenerzähler. Und ich denke, es ist an der Zeit, dass die Violine wieder Einzug in die Rockmusik hält.
Fühlst du dich unter Druck gesetzt, die Violine in die moderne Rockmusik einzubinden?
Nein. Vermutlich, weil ich mich eher als Gitarrist sehe. Ich habe Gitarre gelernt, um bessere Songs schreiben zu können, die ich dann auf der Violine spiele. Aber ich bin nicht besonders erfinderisch – wenig von dem, was ich schreibe, ist verrückt oder außergewöhnlich.
Ryan Key hat eine Solo-EP veröffentlicht, andere Bands produziert und war auf Tour. Hast du selbst Musik gemacht?
Einige Jahre habe ich keine Geige gespielt, weil sie mich an das Ende erinnerte. Sie in die Hand zu nehmen war, alte Erinnerungen aufzuwühlen. So dankbar ich für alles war, was wir erreicht hatten, so weh tat es, dass es vorbei war. Ich war der erste mit Kindern und musste einen Weg finden, meine Familie zu versorgen.
Wie ist es für dich, wieder auf Tour zu sein? In Europa habt ihr dieses Jahr mit die größten Shows eurer Karriere gespielt.
Es ist großartig. Natürlich verpasse ich Momente zu Hause, aber diesmal für etwas, das mir die Welt bedeutet. In meinem Job stand ich um 4:35 Uhr auf und sah meine Kinder kaum. Jetzt sehe ich all diese Menschen vor der Bühne – alte Fans und junge, die uns erst nach der Trennung entdeckt haben. Das gibt mir viel. YELLOWCARD machen wieder Musik aus Leidenschaft. Das Kapitel „Better Days“ ist etwas Besonderes. Ich werde harte Arbeit leisten und es in vollen Zügen genießen – auch wegen der Opfer.
Als YELLOWCARD sich auflösten, warst du überzeugt, dass es vorbei sei. Warum?
Wir waren fast 20 Jahre eine Band. Irgendwann kam der Punkt, an dem es sich nicht mehr nach Weitergehen anfühlte. Je mehr wir uns bemühten, desto schlimmer wurde es – wie in Treibsand. Zudem konnten wir uns den Lebensstil nicht mehr leisten. Musik weiter nebenbei zu machen, hätte das Ende nur hinausgezögert. Also entschieden wir uns, mit einer großen Feier aufzuhören. Damals planten wir nicht, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Jetzt bin ich glücklich, wieder Musik zu machen. Während der Auflösung begann ich ein neues Leben mit Job und Kindern. Aber ich habe nie aufgehört, Musik zu lieben. Es war mir immer bewusst, dass es ein Privileg war, mit einer Band um die Welt zu touren.
Wie war das Verhältnis zur Zeit der Trennung? Gab es Kontakt?
Das Leben nahm seinen Lauf. Schon vor der Trennung lebten wir nicht mehr in der gleichen Gegend. Wir konnten nicht spontan zusammen essen gehen oder auf die gleichen Konzerte. Nach der Trennung blieb es bei Geburtstagswünschen, Weihnachten und solchen Dingen. Vermutlich gehörte es zum Ende, dankbar zu sein für die Zeit, die wir hatten.
Während der Trennung gab es Dinge wie den Forbes-Artikel über „Ocean Avenue“. Kerrang! kürte eure Songs zu Sommerhymnen. Würdest du sagen, dieses Vermächtnis war der Funke für die Reunion?
Vielleicht. Aber die wahren Helden sind unsere Booking-Agenten und Manager. Sie hatten eine Vision. Sie erkannten, dass die Leute uns immer noch liebten. In einer Zeit, in der wir nicht mehr verstanden, wie wir als Band funktionieren sollten, baten sie uns, ihnen zu vertrauen. Als wir 2022 beim Riot Fest wieder auf der Bühne standen, war die Begeisterung des Publikums etwas Besonderes und der nötige Kick für den Neustart.
Wurde bei dem Festival schon über neue Musik gesprochen?
Beim Riot Fest ging es nur um das Festival. Wir wussten nicht einmal, ob wir noch eine weitere Show spielen würden. Im Raum stand vielleicht das 20-jährige Jubiläum von „Ocean Avenue“. Die meisten hatten noch Jobs, ich war Führungskraft bei einem Autohändler. Für uns war das Festival eine Riesensache. Wir konnten uns nicht erinnern, je vor so vielen Menschen gespielt zu haben – und niemals zuvor bekamen wir so viel Gage. Das ließ uns nachdenken: Verdienen Musiker wirklich so viel? Könnte man davon eine Familie finanzieren?
Der Live-Markt hat sich seit eurer Abschiedstour 2018 stark verändert.
Seit Corona fließt so viel Geld in den Markt wie nie zuvor. Nach einer globalen Pandemie konzentrieren sich die Menschen stärker auf das, was wichtig ist. Dazu gehören Konzerte. Dass wir nach dieser schwierigen Zeit wieder zusammen feiern können, passt gut zur Geschichte von YELLOWCARD.
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