© by Joe BradyEs ist ein sonniger Morgen in Los Angeles, als Sean Mackin die Kamera seines Laptops einschaltet und sein breites Lächeln zeigt. Reduziert man Sean auf drei Attribute, sind es wohl seine Violine, seine Bühnenenergie – früher inklusive Backflip – und dieses strahlende Grinsen, das sofort gute Stimmung verbreitet.
An der US-Westküste beginnt für YELLOWCARD ein Tag voller Proben und Interviews. Routine, könnte man meinen, gäbe es nicht die Trennung der Band und die fast zehnjährige Pause. 2016 veröffentlichten die Pop-Punk-Veteranen ihr letztes Album und gingen anschließend auf eine ausgedehnte Abschiedstournee. Dann war Schluss. Ein Ende, das die Mitglieder bewusst wählten. „Wir waren fast zwei Jahrzehnte unterwegs und haben vieles erlebt. Doch irgendwann fühlte es sich so an, als ginge es nicht mehr weiter. Je mehr wir versuchten, die Dinge zu retten, desto schwieriger wurde es – wie bei Treibsand“, erinnert sich Sean. Finanzielle Gründe verstärkten die Entscheidung. „Die Option, Musik nur nebenbei zu machen, hätte das Ende nur hinausgezögert. Also beschlossen wir, unsere Geschichte mit einem würdigen Abschluss zu beenden.“
Als Erster in der Band, der Kinder hatte, entschied Sean sich für ein bodenständiges Leben. Während Sänger Ryan Key seine Karriere als Produzent und Solo-Künstler vorantrieb, arbeitete Sean in einem Autohaus. Der Kontakt unter den Bandmitgliedern reduzierte sich auf ein Minimum. „Wir haben uns an Geburtstagen und Weihnachten getextet. Das war’s eigentlich.“ Trotz ihres Rückzugs lebte das Vermächtnis der Band weiter: Artikel im Forbes-Magazin, Auszeichnungen vom Kerrang! Magazine und immer wieder kleine Hypes auf TikTok hielten YELLOWCARD im Gespräch.
„Ausschlaggebend für unsere Rückkehr waren unsere Manager und Booker. Sie hatten die Vorstellung, dass YELLOWCARD immer noch Bedeutung haben, und baten uns, ihnen zu vertrauen und wieder auf die Bühne zu gehen. Als wir 2022 beim Riot Fest spielten und die Begeisterung des Publikums erlebten, war das der entscheidende Funke für einen richtigen Neuanfang“, erzählt Sean. An neue Songs dachte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. „Ich steckte in einem Nine-to-five-Job, um meine Familie zu versorgen. Erst als ich die Menge beim Riot Fest gesehen habe und auch die Gage passte, kam mir der Gedanke, dass es doch funktionieren könnte, Familie und Musik unter einen Hut zu bekommen.“
Die Band profitierte vom aufblühenden Live-Markt in der post-pandemischen Konzertlandschaft, in der mehr Geld floss als je zuvor. Doch trotz neuer finanzieller Möglichkeiten und der Idee neuer Songs fehlte es an einem Team für Aufnahmen, Schlagzeug und Produktion. Dann nahm das Schicksal seinen Lauf: Aus der spontanen Idee, mit Nick Long, dem alten Bandkollegen von Gitarrist Ryan Mendez, ein paar Demos einzuspielen, entstand eine Studiosession mit Travis Barker, dem Drummer von BLINK-182 – und schließlich ein komplettes Album. „Nick Long ist ein Studiopartner von Travis. Eigentlich wollten wir ja nur mit ihm an neuen Songs arbeiten. Doch als er Travis davon erzählte, lud er uns direkt in sein Studio ein. Und so entstand unser aktuelles Album ‚Better Days‘.“
Für Sean bedeutete dies vor allem eine Befreiung. „Mit dem nötigen Abstand, den wir gewonnen hatten, konnten wir ganz neu auf unsere Probleme schauen, sie bewerten und auch lösen. Der Titeltrack handelt von Dankbarkeit, Vergebung und neuen Perspektiven“, erklärt er. Stolz fügt er hinzu, dass die Violine wieder fester Bestandteil des Pop-Punk-Sounds ist. In den letzten Jahren war sie im Hause Mackin nur noch ein Staubfänger. „Einige Jahre habe ich sie gar nicht gespielt, weil sie mich zu sehr an das Ende der Band erinnerte. Sie in die Hand zu nehmen, war gleichbedeutend damit, alte Wunden aufzureißen.“ Der kurze Anflug von Trauer weicht jedoch schnell seinem Lächeln. „Es ist so großartig, Musik machen zu dürfen. Letztlich ist es doch ein Privileg. Ich dachte auch, dass ich durch die Tourerei zu viel im Leben meiner Kinder verpassen würde. Dann war ich plötzlich in einer Führungsposition im Autohaus und musste um halb fünf aufstehen und kam erst spät abends nach Hause. Da habe ich meine Familie auch nicht oft gesehen. Jetzt bringe ich auch Opfer, aber immer für etwas, das mir die Welt bedeutet. YELLOWCARD machen Musik aus Leidenschaft und das Kapitel ‚Better Days‘ fühlt sich wie etwas Besonderes an. Jetzt stehe ich auf der Bühne vor Menschen, die uns seit Jahren begleiten – und vor neuen Fans, die uns erst nach der Trennung entdeckt haben.“
Auf die Frage nach persönlichen Opfern gesteht Sean, dass er die Einschulung seiner Tochter verpasst hat. „Das ist nicht perfekt, aber ich bekomme viel Verständnis von meinen Kindern.“ So lebt er in dem Wissen, dass wieder bessere Tage kommen werden.
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