
YOUTH BRIGADE sind eine Legende. Letztes Jahr im Herbst und dieses Frühjahr, waren die die drei Brüder Shawn, Adam und Mark Stern in Europa auf Tour und ließen etliche andere (und jüngere) Bands verdammt alt aussehen. Und ihre „Come again"-EP bewies, dass sie es nicht nötig haben, sich allein auf den „Sound & Fury"-Lorbeeren auszuruhen, sondern auch heute noch brilliante Songs hinbekommen.
Das ist bereits eure zweite Tour nach der Reunion. Wie kommt es dazu?
Shawn: Unsere Tour letzten Herbst war ziemlich erfolgreich, aber unglücklicherweise war die „Come Again"-EP erst gegen Ende der Tour erhältlich. Wir haben den Leuten von EFA dann erzählt, dass wir die Platte gern mit einer kurzen Zehn-Tage-Tour promoten würden. Eine Single sollte folgen, im Sommer ein neues Album und jetzt im Herbst eine ausgedehnte Tour. Naja, aber aus der Promotour ist jetzt eine Dreieinhalb-Wochen-Tour geworden, und aus der Single wurde eine Splitsingle mit GIGANTOR auf Lost & Found. Das Album wird sich noch verzögern, weil jeder von uns zur Zeit mit anderen Bands beschäftigt ist. Vor Ende dieses Jahres wird es damit wohl nichts werden.
Was war denn letztes Jahr ausschlaggebend für die Reunion der YOUTH BRIGADE?
Adam: Naja, es ist heute nicht mehr so wie vor zehn Jahren. Es ist eine andere Szene als damals, aber es macht immer noch Spaß. Mark und ich haben nach wie vor unsere eigenen Projekte laufen, die sich völlig von dem unterscheiden, was wir bei YOUTH BRIGADE machen. Es ist eine Swing-Band und wir sehen in YOUTH BRIGADE eine Möglichkeit, mal wieder was anderes zu machen.
Und was für eine Rolle spielt dabei das Geld? Ich schätze, dass euch diese Frage schon öfter gestellt wurde, also: Macht ihr es nur wegen des Geldes?
Shawn: Die Idee für die Reunion kam uns im Dezember 91, als ich mit THAT'S IT zum ersten Mal in Europa auf Tour war. Adam und Mark waren zu der Zeit ebenfalls mit ihrer Band auf Tour, wir spielten zufällig am gleichen Tag in Hamburg und trafen uns danach in einer Kneipe. Mark und Adam hatten immer wieder Songs von YOUTH BRIGADE in Diskos und Kneipen gehört und waren von Leuten angesprochen worden, die fragten, warum YOUTH BRIGADE nicht wieder zusammenspielen. Sie wussten bis dahin nicht, dass sich überhaupt noch jemand für YOUTH BRIGADE interessiert. Also fragten sie mich, ob ich nicht Bock auf eine Reunion hätte. Ich war dagegen, denn ich dachte mir schon, dass uns die Leute anklagen würden, nur wegen des Geldes wieder zusammen zu sein. Dieses Argument ist aber lächerlich, denn der, der glaubt, mit Punkrock ließe sich ein Vermögen verdienen, der ist durchgeknallt. Vor allem. wenn es sich um eine Band handelt, die seit fünf Jahren aufgelöst ist. Klar, man kann ein paar Mark damit verdienen, aber das reicht eben mal so zum Leben. Ich antwortete meinen Brüdern also: "O.k., wir können die Band reformieren, aber nur, wenn wir eine neue Platte machen und wieder richtig als Band zusammenspielen, auch wenn es keine Vollzeitsache ist". - Sie fanden das o.k., und als wir wieder zu Hause waren, probten wir zusammen und schrieben ein paar neue Songs. Und dann dachten wir uns, wir könnten, da wir neue Songs und eine Platte haben, mal ausprobieren, ob wir eine Tour spielen können. Tja, und das lief dann auch sehr gut. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Klar, wenn wir mit YOUTH BRIGADE Geld verlieren würden, dann würden wir es nicht machen. Allein von dieser Band können wir aber auch nicht leben, aber zusammen mit unseren anderen Bands und unserer Plattenfirma Better Youth Organisation machen wir genug Geld, um davon unsere Miete bezahlen zu können.
Und wie sieht's mit dem „Spirit" aus? Ich meine, ihr seid schon eine ganze Weile dabei, aber was heute von den Hochglanzmagazinen mit BIOHAZARD etc. als Hardcore verkauft wird, hat mit dem, was ihr vor zehn Jahren darunter verstanden habt, wohl kaum noch was zu tun.
Shawn: Als ich damals mit THATS IT nach Europa kam, war ich sehr erstaunt, denn ich war 1984 schon einmal mit YOUTH BRIGADE hier, und es war wieder eine sehr angenehme Erfahrung. Was die USA betrifft, so war die Punkrockszene damals viel größer und besser organisiert als heute, vor allem in Los Angeles. Als ich dann 91 mit THATS IT nach Europa kam, stellte ich fest, dass die Szene hier viel organisierter ist. Ich meine, seit dem Ende von YOUTH BRIGADE und durch die beinahe fünfjährigen Pause unseres Plattenlabels hatte ich auch etwas den Überblick verloren. Die Kids wachsen heute mit MTV auf, die Majorlabels interessierten sich für den Underground und „unsere" Musik war nicht mehr länger etwas, das man aus reinem Selbstzweck betreibt, sondern wurde auch unter kommerziellen Aspekten interessant. Der „Do-It -Yourself"-Gedanke geriet weitgehend in Vergessenheit. Das trifft vor allem auf die USA zu. Der Underground ist dort seit damals noch mehr Underground geworden, und auch viel kleiner. Die meisten Bands sind heute nur noch darauf aus, von einem Major gesignt zu werden. Ich denke, dass man früher, mit diesem Do-It-Yourself-Gedanken, sich viel mehr um seine Musik kümmern musste: Du musstest die Platten wirklich suchen, und es gab nur wenige Radiostationen, die auch Hardcore spielten und kaum Clubs, in denen Punkbands auftreten konnten. Wenn du in der Szene warst, dann gab es so ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Kids heute wohl kaum kennen. Sie konsumieren nur, ohne sich selbst zu beteiligen. Das ist irgendwie traurig, aber...
...klingt auch etwas nostalgisch, oder?
Shawn: Auch heute steckt viel Energie in der Szene. Ich freue mich, dass NIRVANA so groß werden konnten, denn ich denke, das ist gut für die Musik. Weil ich glaube, dass es auch heute noch eine Menge Punkbands gibt, die etwas zu sagen haben. Mir ist es lieber, die Kids hören NIRVANA als GUNS N'ROSES: Das Problem ist natürlich, dass sobald du groß bist, Big Business und viel Geld ins Spiel kommen. Das ändert dann sehr viel. Es ist eben eine Frage, was man tun kann „to keep the spirit alive", den politischen Aspekt an der Sache nicht ganz zu vergessen. Ich denke mir, dass dieser „spirit" hier in Europa durchaus noch am Leben ist, denn es gibt hier noch eine Menge besetzter Häuser und Jugendzentren. Klar, es kommen auch viele beschissene US-Bands hierher auf Tour, von denen noch kein Mensch gehört hat und für die sich in den USA selbst in den Heimatstädten kein Mensch interessiert. Das ist eben der Hype.
Ich habe gehört, dass ihr bei eurer Tour letzten Herbst eine Fortsetzung eures Tour-Movies "Another State Of Mind" gedreht habt.
Shawn: Es ist eigentlich keine direkte Fortsetzung. Mein Arbeitstitel dafür ist „Searching For America" und wir haben auf der Tour 30 Stunden Material zusammenbekommen. Wir nützen die Gelegenheit unserer Tour um die Szene in Europa zu filmen. Es soll eigentlich kein Tour-Movie werden, wir haben ja schon einen. Der Film soll dokumentieren, was sich in den letzten zehn Jahren verändert hat. Ich bin immer noch dabei, Material zu sammeln und werde auch ein paar große Bands interviewen.
Wann soll der Film erscheinen? Wird er hier erhältlich sein?
Shawn: Ich hoffe, ich kann den Sommer über daran arbeiten, die fehlenden Interviews machen, zum Beispiel mit BAD RELIGION, FUGAZI, RED HOT CHILI PEPPERS, BEASTIE BOYS und NIRVANA. Dann will ich noch in ein paar Indianerreservate fahren und dort filmen. Ich will den Leuten in den USA zeigen, was es mit den besetzten Häusern in Europa auf sich hat, denn in den USA gibt es sowas nicht. Ein Vergleich zwischen Europa und den USA, die Frage, ob Musik wirklich etwas verändern kann. Ich hoffe, dass alles in sechs bis acht Monaten erledigen zu können. Wenn das Ergebnis so gut ist, wie ich hoffe, dann muss ich sehen, ob ich jemanden finde, der die Finanzierung von ein paar Filmkopien bezahlt, damit der Film vielleicht auf Festivals gezeigt werden kann. Und schließlich werden wir den Film natürlich auf BYO als Video rausbringen, so dass er dann auch hier in Europa erhältlich ist.
Ist „Another State Of Mind" denn noch irgendwo erhältlich?
Shawn: Nein, denn SOCIAL DISTORTIONs Manager hat die Rechte an dem Film gekauft, worüber wir nicht gerade glücklich sind. Wir können den Film auf legalem Wege nicht mehr rausbringen, aber man wird sehen...
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #15 II 1993 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #93 Dezember 2010/Januar 2011 und Shawn Stern, YOUTH BRIGADE
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #47 Juni/Juli/August 2002 und Guntram Pintgen
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #34 I 1999 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #23 II 1996 und Joachim Hiller