© by Yvon BaumannDie Zürcher Fotografin Yvon Baumann (*1960) arbeitete in den 1980er Jahren mit Musiker:innen und Bands, fotografierte sie auf Konzerten und inszenierte sie vor der Kamera für Promotionbilder oder Printmedien. Sie sagt: „Mich hat immer interessiert, was die Musik, die Musiker:in bei mir an Bildern und Stimmungen auslösen und wie ich diese visuell umsetzten kann.“ Im Laufe der 1990er Jahre übersiedelte sie nach New York und ihr Fokus verlagerte sich mehr auf genderpolitische und freie künstlerische Projekte.
So dokumentierte sie die damals aufblühende Drag-King-Szene sowie Demos, Marches und generell das kulturelle Leben der LGBTQ-Community, aber auch andere politische Widerstandsbewegungen. Sie lebt heute in Zürich und im Burgund. Anlässlich der aktuellen Europatour von Patti Smith, deren Auftritte Baumann bereits einige Male fotografierte, haben wir sie zu ihrer Arbeit in der Musikszene sowie zu den Jahren in New York bis heute befragt.
Fangen wir mit Patti Smith an. Was hat dich jetzt dazu bewogen, am 22. Juli im Palais X-tra in Zürich nicht nur ihr Konzert zu besuchen, sondern dies wie früher auch fotografisch festzuhalten?
Patti Smith begleitet mich ja nun schon fast mein ganzes Leben. Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich das Album „Horses“ zum ersten Mal hörte. Es war im Schallplattengeschäft Jecklin am Pfauen in Zürich, wo ich, statt in der Schule zu sein, ziemlich viel Zeit mit Musikhören verbrachte. Da war dieses attraktive Schwarzweiß Cover mit dieser androgynen Person drauf. Das Umschlagfoto ist ja von Robert Mapplethorpe, der später fotografisch für mich ein wichtiger Einfluss wurde, das wusste ich aber damals noch nicht. Dann die ersten Akkorde von „Gloria“ und diese Stimme. Eine Offenbarung. Ich war unglaublich berührt. Das war so Mitte der 1970er Jahre. Kurz darauf gab sie ihr erstes Konzert in Zürich, in der Roten Fabrik, das war am 12. Oktober 1976. Ich erinnere mich vage daran, eigentlich nur, dass sie viel auf dem Boden saß, wenig sah und irgendein Trottel Buttersäure oder so versprühte. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das Konzert abgebrochen werden musste.
Ich selbst war ja nicht anwesend. Doch weiß ich aus der Publikation „Patti Smith Group – Live in Zürich, Oktober 1976“, die Dominik Bachmann erstellt hat, dass das Konzert kurzzeitig zum Stillstand kam und einige Besucher ebenso kurzfristig den Saal verließen. Im Zürcher Tages-Anzeiger hieß es, Patti habe „Asshole!“ in Richtung der Person gerufen. Dies konnte aber sonst niemand bestätigen und ist auch nicht auf den Live-Aufnahmen, die damals vom Konzert gemacht wurden, zu hören. Dafür hat sie sich einfach ihre dunkle Brille aufgesetzt.
Sie hat einen starken Eindruck bei mir hinterlassen. Bis dahin hatte ich erst Suzi Quatro, auch ein Darling, im Volkshaus gesehen. Ich erstand in den weiteren Jahren alle ihre Alben und dann zog sie sich irgendwie zurück und verschwand. Doch 1995 kam Patti Smith zurück und gab im Central Park in New York City ein Gratis-Konzert. Ich war damals gerade in New York und arbeitete als Fotografin. Dort habe ich sie dann auch zum ersten Mal fotografiert. Eigentlich war es ja mehr eine „Spoken Word Performance“. Sie hat neben einigen Rock’n’Roll-Songs vor allem Gedichte vorgetragen und wirkte etwas scheu und verlegen mit ihrer kleinen Nickelbrille. Sie hat viel mit dem Publikum gesprochen und das Publikum mit ihr. Es war rührend und magisch. 2010 fotografierte ich ihr Konzert in der Roten Fabrik am See, auch ein Highlight, und 2015 im Volkshaus in Zürich. Und nun wird Patti Smith bald 80 Jahre alt und es ist sehr gut möglich, dass dies das letzte Mal ist, dass ich sie sehen kann – und fotografieren.
Der Zufall wollte es, dass ich vor einigen Tagen vom St. Galler Tagblatt zum Thema Plattensammeln interviewt wurde und ihnen eigentlich mein Lieblingsexemplar präsentieren sollte. Was natürlich unmöglich für mich ist, da ich ja jeden Tag Musik höre, mir immer noch neue Veröffentlichungen zulege und auch noch oft auf Konzerte gehe. Das Gespräch fand im Schallplattenladen Klang und Kleid statt und dort gibt es die klassische Schallplatten-Präsentationswand. Somit habe ich diese mit einer Auswahl meiner wichtigsten Alben bestückt. Diese beinhaltete natürlich ebenfalls Suzi Quatros Album und „Horses“ von Patti Smith. Wie dich hat mich der Look von Patti auf dem Coverfoto, das Robert von ihr gemacht hat, damals umgehauen. Was sicher auch einer von vielen Gründen war, warum ich später nach NYC auswandern musste. Auch die Hülle des Suzi Quatro-Albums ist ’ne Wucht. Sie wird dort viel zu groß – sie ist in echt ja ziemlich klein – zwischen ihren drei Musikern dargestellt. Das Ganze wurde vom bekannten englischen Fotografen Gered Mankowitz in Szene gesetzt, der mit seinen Fotos auch das Image der ROLLING STONES stark prägte. In dem Interview habe ich dem Journalisten gesagt, dass es für unsereins ein Segen war, dass wir ein Leben lang „unsere“ Musiker:innen, Künstler:innen, Schauspieler:innen, Regisseuren:innen und viele weitere Personen aus der Kultur begleiten durften. Dass jetzt aber schon länger der Zeitpunkt da ist, dass nicht nur Leute in unserem engsten Freundeskreis, sondern auch all diese Persönlichkeiten einer nach dem anderen von uns gehen. Dies bedeutet, wie du ja sagst, es ist gut möglich, dass dies das letzte Mal ist. Wie gehst du mit dieser Situation sonst um? Beschäftigt dich das auch so sehr wie mich?
Beschäftigen ist vielleicht zu viel gesagt. Es ist mir einfach irgendwie bewusst. Trotzdem ist es immer wieder ein Bummer. Ich war sehr schockiert, als letztes Jahr Veit Stauffer von uns ging. Er hat den RecRec-Plattenladen über 40 Jahre geführt, war auch Autor, Konzertveranstalter und überhaupt die Koryphäe für Indie-Musik. Eine wichtige Person für Zürich und ein ganz spezieller Mensch. 1987 habe ich für ihn das „Comebuckley“-Cover fotografiert und ihn im Studio porträtiert. Später haben wir uns ab und an in seinem Laden oder auf Veranstaltungen getroffen und immer hat sich ein interessantes Gespräch entwickelt. Auf seiner Beerdigung, die wirklich sehr schön gemacht war, hat man natürlich viele alte Bekannte getroffen, du warst ja auch da. Ich fand, über dem Ganzen lag ein bisschen diese Stimmung: Aha, ja, so ist das jetzt also ... so wird das weitergehen. Auch der Tod von Prince 2016 war ein großer Schock. Für mich ein ganz wichtiger Künstler. Im tibetischen Buddhismus wird ja empfohlen, jeden Tag über den Tod und die Vergänglichkeit zu meditieren. Das tue ich schon regelmäßig, wenn auch nicht jeden Tag. Aber wie gesagt, der Tod ist immer wieder eine Zumutung.
Du hast ab Mitte der 1980er Jahre für Markus May von RecRec, der das Organik Label gründete, viele Fotos von THE YOUNG GODS und DER BÖSE BUB EUGEN gemacht, und auch von ZÜRI WEST. Diese drei Bands gehörten zu den wichtigsten musikalischen Vertretern aus unserem Umfeld zu dieser Zeit. Mit deinen Bandporträts hast du auch deine eigene fotografische Ästhetik transportiert. Aber du hast dich sicher schon etliche Jahre davor mit Fotografie beschäftigt. Wie bist du zu der Szene gestoßen, die dich ein halbes Leben begleitet hat?
Die Kamera war seit Anfang der 1980er Jahre eigentlich immer mit dabei. Und Musik liebe ich sowieso. Nach dem Vorkurs an der Kunstgewerbeschule in Zürich hatte ich diverse Jobs, habe ein paar Runden Kunstgeschichte an der Uni studiert – was interessant war und mir Caravaggio eröffnet hat, tatsächlich auch eine Art fotografischer Einfluss später – und parallel dazu mit ein paar Leuten eine unabhängige Fotoschule gegründet, die GAF, die so viel ich weiß immer noch existiert. Es folgte freie Mitarbeit beim Tell, einem linken Polit- und Kultur-Magazin, und beim CUT, einem Musikmagazin, das von Michael Lütscher und Rudolph Dietrich von NASAL BOYS und BLUE CHINA herausgegeben wurde und wo die ersten DER BÖSE BUB EUGEN-Fotos erschienen. Ebenso mit der Musik Szene und dann dem Magma, einem Magazin, das sich am deutschen Tempo orientierte und leider nach etwa vier Jahren eingestellt wurde. Von da an, also ab etwa Mitte 1980, arbeitete ich als Fotografin vor allem für Magazine und Printmedien, machte Porträts und Reportagen. Nebenbei habe ich in der Clubdisco Taifun in der Roten Fabrik und später auch anderswo Platten aufgelegt. Wir waren eine lockere Gruppe von DJs, die sich „DiscoSyndicat“ nannte.
Gab es einen fotografischen Kontext, in dem du dich bewegt hast?
Die Konzertfotografie und Musiker:innenporträts waren ein Nischenprodukt, in der Schweiz gab es zu dieser Zeit sonst niemanden, der oder die sich diesem Thema vertieft widmete. Im Gegensatz zum Ausland, wo es Annie Leibovitz und Anton Corbijn gab oder Lynn Goldsmith, deren Fotos von Patti Smith auf den Covern von „Radio Ethiopia“ und „Easter“ sind. Mich hat immer interessiert, was Musik und die Musiker:in bei mir an Bildern und Stimmungen auslösen und wie ich das visuell umsetzen und zusammenführen kann, und in was für einem Kontext. Bei Bandporträts habe ich meistens „on location“ gearbeitet, also nicht im Studio, und die Location-Suche war immer sehr spannend und ein wichtiger Teil des Ganzen. Die erste Session mit THE YOUNG GODS haben wir 1987 in einem Steinbruch fotografiert an einem sehr heißen Tag. Als Scheinwerfer habe ich die Sonne über einen großen Spiegel auf die Band umgeleitet, was ein fantastisches Licht ergab. Leider wurden die Jungs davon total geblendet und die Session war wohl ziemlich anstrengend für sie. Die Bilder sind aber gut angekommen und wir haben bis 1998 zusammengearbeitet. Den Spiegel hat übrigens Laurence Desarzens gehalten, ein Musikbusiness-Urgestein aus Genf, die damalige Managerin der Band und immer noch enge Freundin. Über sie hatte ich auch den Kontakt zu THE YOUNG GODS, das heißt ich habe sie kontaktiert, nachdem ich die Band zufällig in London im Sir George Robey Pub gesehen hatte, ein Gig vor ungefähr zehn Zuschauer:innen, der mich aber ähnlich von den Socken gehauen hat wie Patti Smith. Überhaupt, um wieder irgendwie den Bogen zu deiner Frage zu finden, kamen die Anfragen für Fotoaufnahmen meistens von den Musiker:innen selber oder deren Management. Mit dem schönen Markus May hatte ich also nur indirekt zu tun.
Der Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio, der im 16. und frühen 17. Jahrhundert gewirkt hat, war ein Meister der Licht-Schatten-Malerei. Kannst du mir sagen, wie er dich in der Fotografie inspiriert hat?
Ja, seine Bilder beeindrucken und erstaunen mich. Natürlich, wie du sagst, seine atmosphärische Verwendung von Licht und Schatten, aber auch die Kompositionen und der Figurenaufbau. Ich finde, sie haben etwas Fotografisches und wirken sehr durchdacht und inszeniert. Die Hauptfiguren stehen teilweise am Rand des Bildes oder in einer Position, die ungewöhnlich ist und zur damaligen Zeit ungebührend war; seine Modelle waren Menschen von der Straße und die Heiligen wirken oft bodenständig und profan. Er hat die damalige religiöse Bildsprache über den Haufen geworfen und erneuert, ohne den sakralen Moment zu korrumpieren. Und dann natürlich die wunderbaren klassischen und frechen Porträts wie „Amor als Sieger“ oder „Jugendlicher Bacchus“. Ansehen!
Mir ist natürlich aufgefallen, dass du nicht nur die Bands einfach trocken abgelichtet hast oder vor irgendeiner Hauswand. Obwohl es das bei dir ja auch gibt. Der Steinbruch bei THE YOUNG GODS, DER BÖSE BUB EUGEN im Park oder ZÜRI WEST am Seeufer, das passt natürlich. Was war die Idee dahinter, mit Rams und seinen Jungs von THE BUCKS auf ein Hausdach zu gehen? Weil er zu der Zeit kommerziell abhob? Haha ...
Ha, nein, so weit habe ich gar nicht gedacht mit dem Rams, ich glaube, ich wollte einfach etwas Urbanes und irgendwie Robustes, mit Ziegelsteinen oder so, jedenfalls keine Natur oder Landschaft als Setting. Ich war nie so ganz zufrieden damit. Die Prints habe ich zum Schluss noch in ein warmes Braun getönt. So viel ich mich erinnere, hießen sie damals übrigens nicht THE BUCKS, sondern RAMS UND BAND.
Da hast recht, es waren RAMS UND BAND. Die Auszeichnung als „Schweizer Rockstar“ hat er dann im Jahr darauf erhalten. Aber mir gefallen natürlich deine Konzertfotos am besten. Du konntest oft diesen „magic moment“ einfangen. Mein absolutes Lieblingsfoto von dir ist das von THE CRAMPS, das du 1986 im Volkshaus Zürich geschossen hast. Wenn die das jemals gesehen hätten, hätten sie es sicher für das Cover eines Live-Albums genommen – von diesem Konzert gibt es übrigens ein Live-Bootleg. Es gab doch sicher das eine oder andere Live-Foto von dir, das du auch auf einem Schallplattencover platzieren konntest?
Das Konzert der CRAMPS hat viel Spaß gemacht und war easy-peasy für mich zu fotografieren. Einmal in der richtigen Position am rechten Bühnenrand und keine Berührungsängste, dann musste ich eigentlich nur draufhalten. Eine exzessive, lustige und fotogene Show. Die Bilder erschienen in der Music Szene und den Text hat Robert A. Fischer geschrieben, ein so wichtiger Musikphilosoph, leider auch zu früh verstorben. Wir haben zusammen auch mit Henry Rollins gearbeitet. Bob hat mit ihm über längere Zeit Interviews gemacht, die dann 1988 mit meinen Porträts im Booklet „Henry Rollins Talks“ bei Action Press erschienen sind. Herausgeberin war Laurence Desarzens. Rollins habe ich mehrmals auf der Bühne und im Studio fotografiert, auch wieder in Zusammenarbeit mit Laurence. Diese Fotos gehören zu meinen Lieblingen aus den 1980ern. Und Rollins hat dann ein Live-Foto von mir auf dem Cover von „Hard Volume“ von 1989 platziert.
Laurence Desarzens war ohne Zweifel eine wichtige Person in unserem Umfeld. Vor allem gelang es ihr, mit internationalen Künstlern über eine lange Zeit in Kontakt oder gut befreundet zu bleiben. Ich habe gehört, sie hat vor zwei Jahren Henry Rollins abermals in die Westschweiz geholt. Henry hat anscheinend vor einigen Jahren in Nashville für 2,7 Millionen US-Dollar ein größeres Gebäude gekauft und spricht davon, dort ein Punkrock-Museum einzurichten, natürlich mit seiner Sammlung von Punk-Artefakten.
Henry habe ich seit Mitte 1990er Jahre eigentlich nicht mehr so auf dem Radar. Der machte dann allerlei Zeug, glaube ich, Schauspielern, eigene TV-Show und vor allem auch Spoken-Word-Performances. Letztes Jahr im Kaufleuten in Zürich haben wir uns eine Performance angeschaut. Der Mann hat über zwei Stunden einfach durchgehend geredet, frei, schnell und ohne Punkt und Komma. Extrem, Rollins eben. Ich fand es ganz unterhaltsam. Er ist eine Rampensau. Während der Fotosessions war er immer sehr schweigsam, wirkte sehr asketisch und konzentriert. Mir war das ganz recht. Laurence und ich haben seit einiger Zeit die Idee, das Buch neu aufzulegen. Wäre sicher interessant. Mal sehen.
Ich hatte gestern meinen alten Freund Christian Braun zu Besuch. Er war Teil von Teufelskraut Ltd., einer losen Gruppe von Enthusiasten, die ab Anfang der 1980er Konzerte hier in St.Gallen organisiert haben. Axel vom Schallplattenladen BRO Records und ich waren die Initianten und unser Slogan lautete damals: „Gegen die Ruhe in der östlichen Provinz“. Christian hat diese mehrheitlich fotografisch festgehalten. 1991 organisierte die Fotografin Lucia Degonda mit je zehn Fotografen:innen einen Austausch zwischen den Städten Zürich und Moskau. Mit dabei auch du und Christian. Ihr durftet selbst ein Thema auswählen. Er dokumentierte die Moskauer Jugendkulturen. Eure Arbeiten wurden dann in Moskau im Taganka-Theater und in Zürich im photoForum gezeigt. Hast du daran noch Erinnerungen?
Interessant, das wusste ich nicht. Und Christian! So gut! Leider laufen wir uns nur noch alle paar Jahre über den Weg. An das „Fotoprojekt Zürich-Moskau“ erinnere ich mich natürlich bestens. Es war für mich ein so intensives und spannendes Projekt. Mein Thema war, junge Leute in ihren eigenen vier Wänden zu porträtieren. Ein intimes Thema also. Weder meine Fotografie-Partnerin Svetlana Kasimova, wir arbeiteten ja immer zu zweit, noch die jungen Leute – Nica, Igor und Vallodja – sprachen ein Wort Englisch und ich natürlich fast kein Russisch, obwohl wir Schweizer:innen noch einen Russisch-Kurs genommen hatten. Aber wir haben uns dennoch wunderbar verstanden! Svetlana war noch in der Ausbildung und extrem talentiert, wie ich fand, mit einem ganz eigenen Blick. Ich habe viel von ihr gelernt, vor allem bezüglich das Tempo reduzieren beim Fotografieren und Achtsamkeit. Und ich glaube, sie hat auch meine Arbeitsweise interessant gefunden. Unsere Zusammenarbeit war sehr befruchtend. Mit allen, aber im Speziellen mit ihr hatte ich bis weit in die 1990er Jahre Kontakt, selbst als ich in NYC lebte. Dann ist er irgendwann abgebrochen, ich weiß nicht mehr warum. Jetzt werde ich gerade etwas melancholisch. Jedenfalls, als die russischen Fotograf:innen dann in Zürich waren, im August 1991, fand in Moskau gerade der August-Putsch gegen Gorbatschow und die Perestroika statt und wir saßen mit ihnen vor dem Fernseher und verfolgten das Geschehen. Sie waren so glücklich, als der Putsch scheiterte. Und wir auch.
Du hast schon zweimal NYC erwähnt. Die aus Rolle in der Waadt stammende Catherine Ceresole war 1979 zusammen mit ihrem Mann Nicholas, der dort sein Wissen als Sound Engineer vertiefen wollte, nach NYC gekommen. Sie blieben dann zwölf Jahre, bevor sie 1991 wieder in die Schweiz zurückkehrten. In dieser Zeit waren sie oft in den kleinen Clubs Downtown unterwegs und Catherine schoss tausende von Fotos von Auftritten, etwa von Lydia Lunch, Ikue Mori, John Lurie, Elliott Sharp und auch Henry Rollins und Bands wie SWANS, SONIC YOUTH und vielen mehr aus der No-Wave-Szene, zu einem Zeitpunkt, als sie noch unbekannt waren. 2013 erschein auch endlich ihr Buch „Beauty Lies in the Eye“ bei Edition Patrick Frey. Sie gingen, du kamst und ich war mittendrin. Ich bekomme das nicht mehr so richtig zusammen, wir machten einen Wohnungstausch über einen Sommer und dann bist du irgendwie geblieben?
Ich muss sagen, ich kannte Ceresole überhaupt nicht, aber ich muss mir unbedingt ihr Buch anschauen.
Ja, sie war bis zur Veröffentlichung des Buchs im deutschsprachigen Raum auch gänzlich unbekannt. Sie war die Einzige, die diesen Musikkosmos zu der Zeit so umfassend festgehalten hat, und dies macht ihr Œuvre so wichtig.
Die Zeit Anfang der 1990er Jahre war auch für mich sehr turbulent, alles war irgendwie im Umbruch und chaotisch. Soviel ich mich erinnere, haben wir ein oder zweimal einen längeren Wohnungstausch gemacht, ihr wart in Zürich, ich war im East Village von NYC; das war relativ kurz nach dem Zürich-Moskau-Projekt. Anfang 1994 bin ich jedenfalls ganz nach drüben gezogen und habe relativ schnell eine super Wohnung in Downtown-Brooklyn gefunden. Das war damals noch eine ziemliche Brache, niemand wollte dort wohnen. Heute ist das ein teures Pflaster, hip und mit jeder Menge Läden, Cafés und Bars. In New York habe ich mich thematisch umorientiert und meine Interessen haben sich verschoben. Neben Foto-Korrespondenz für Schweizer Magazine und Printmedien und losen Kooperationen mit den Agenturen Look At und Regards, beide in Zürich und Swiss-Press in NYC habe ich an eigenen Kunstprojekten gearbeitet und parallel dazu sehr viel in Clubs und der LGBTQ-Szene fotografiert und diese dokumentiert. Konzertfotografie habe ich immer weniger betrieben, außer bei Künstler:innen, die ich persönlich wirklich toll fand, wie beispielsweise PJ Harvey oder eben Patti Smith. Mit THE YOUNG GODS war ich, wie du weißt, im Studio von Roli Mosimann und habe die Aufnahmen zum Album „Only Heaven“ 1995 fotografisch dokumentiert und auf Coney Island eine Session dazu gemacht. Eine schöne Zusammenarbeit war 1999 auch mit Erika Stucky, der amerikanisch-walisischen Jazzsängerin, Performerin, Akkordeonistin und ehemaligen Sängerin bei der A-cappella-Gruppe SOPHISTICRATS. Wir haben uns bei einer Vernissage kennengelernt und dann eine Session vor meinem Haus an der 4th Avenue in Brooklyn gemacht. Vielleicht eines meiner Lieblingsporträts. Es war eine extrem intensive, interessante und lehrreiche Zeit. Ich besuche die Stadt und Freund:innen dort immer noch regelmäßig und verfolge einzelne Projekte weiter. Zuletzt war ich dort im Herbst 2024, zu den Wahlen. Das war dermaßen niederschmetternd, ich habe die Stadt noch nie so gelähmt gesehen. Wie in einem Schockzustand. Es bricht mir das Herz. Aber immerhin formiert sich ja jetzt ein starker, kollektiver, politischer Widerstand aus verschiedenen Grassroots-Bewegungen.
Meine damalige Freundin Idil Vice verkehrte zu der Zeit in der Drag-Queen-Szene New Yorks, vor allem durch ihre Freundin Lady Bunny. Ihr Star war damals ja RuPaul. Ich kann mich erinnern, dass es in alten Ballrooms diese Voguing-Partys mit den Drag Queens und Drag Kings gab. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir sogar mal zusammen auf einer dieser Veranstaltungen waren. Dort war alles sehr physisch und intensiv. Du hast doch vor allem die Drag Kings dokumentiert. Wie bist du dazu gekommen?
Die Drag-King-Szene hat sich eigenständig gebildet, sie war selbstredend inspiriert von den Drag Queens, die ja teilweise schon fast Mainstream waren, entwickelte sich jedoch unabhängig davon. Neben dem Fun-Aspekt hatte sie auch von Beginn an einen klar genderpolitischen und subversiven Ansatz. Einem Drag King begegnet bin ich erstmals 1995 in einer queeren Bar im West-Village. Ein hübscher Dandy mit Schnauzer, Fliege und Anzug, der da alleine am Tresen stand. Ich fand ihn beziehungsweise sie sehr spannend und anziehend und habe ihn zu einer Fotosession in mein kleines Studio eingeladen. Es begann sich dann so etwas wie eine Szene zu formieren und Anfang 1996 fand der erste Drag King Contest in der HerShe Bar statt, einem der größten Clubs für Frauen. Der Raum war brechend voll und die Show war sehr witzig, verrückt und interessant. Bald darauf öffnete der Club Casanova im East-Village und wurde Sonntagnacht zum Treffpunkt und zur Hauptbühne der Drag Kings. Das Motto des Clubs lautete: „Where Everyone is treated like a King.“ Ich sah mir die Shows an, fotografierte, traf weitere Drag Kings und lud sie ins Studio ein. Der Club platzte jeweils aus allen Nähten, die Stimmung war intensiv, das Publikum queerbeet, darunter natürlich auch einige Queens. Die Performances waren unterschiedlich, oft waren es Parodien stereotypischer Männlichkeit, die von den Drag Kings ad absurdum geführt wurde. Andere wiederum zeigten ihre Alter Egos, erforschten ihre eigenen männlichen Anteile durch die Travestie. Oft war es ein Mix aus beidem. Beliebt waren auch scherzhafte Imitationen von Kultfiguren und Ikonen wie etwa Elvis Presley, Shaft oder VILLAGE PEOPLE. Bis etwa 1998 habe ich die New Yorker Kings fotografisch begleitet. Auf Druck des damaligen Bürgermeisters Rudy Giuliani – ja, der! – musste der Club Casanova schließen. Parallel gab es auch eine Szene in San Francisco, London und teilweise in Berlin.
Und in der Schweiz?
Die Schweiz hinkte da ja wieder ziemlich hinterher und zu Beginn lösten die Fotos hierzulande vor allem bei einigen Bildredakteuren ziemliche Irritation, um nicht zu sagen blanke Ablehnung aus. 2002, als ich bereits wieder in der Schweiz lebte, veranstalteten Bridge Markland, eine bekannte Berliner Performance-Künstlerin, und die großartige Diane Torr, die absolute Pionierin der Drag-King-Performance, die leider auch viel zu früh verstarb, das Drag-King-Festival GoDrag! im Kunsthaus Tacheles in Berlin mit vielen Events und einer großen Fotoausstellung mit internationalen Fotograf:innen, an der ich auch beteiligt war. Das war ein schönes Wiedersehen. Und 20 Jahre später, also 2022, wiederholte Bridge das Festival in Berlin in kleinerem Rahmen und dezentral in verschiedenen Locations. Ich besuchte auch hier einige Veranstaltungen und war erstaunt, wie sich die Auftritte und Gender-Rollen inklusive Styling und Outfits verändert haben, wie viel breiter und diverser sie geworden sind.
Interessant! Wie wir ja wissen, hat Rudy Giuliani in seiner Amtszeit zuerst mehr oder weniger alle Schwulen- und dann auch etliche weitere Clubs schließen lassen. Dies war einer der Gründe, warum ich NYC 1997 verlassen hatte. Es gab natürlich noch einige andere. Da war damals diese gebürtige Bernerin Susanne Bartsch, die damals noch das Ritz gehostet hat, ich glaube, das musste dann auch schließen. Wie du sicher informiert bist, hat sie jetzt eine große Ausstellung mit dem Titel „Transformation!“ im Museum für Gestaltung in Zürich, die läuft noch bis zum 7. Dezember. Hattest du mit ihr in NYC zu tun?
Nein, mit ihr hatte ich seltsamerweise nie zu tun, ich war mehr in den Sphären von Jackie60 unterwegs, einer Art Nightclub-Performance-Laboratorium im Meat Packing District, gegründet 1990 von der Village Voice-Journalistin und Künstlerin Chi Chi Valenti. Die verschiedenen Events von Jackie60 fanden im Club Mother statt, der auch Host war für den bekannten Clit Club. Die Shows und die DJs waren super dort. Debbie Harry war übrigens auch ein beliebter Gast. 1999 musste Mother aus den erwähnten Gründen schließen.
Es gibt ja noch ein weiteres Projekt, das dich seit den 1990ern in NYC beschäftigt und vielleicht ja nie abgeschlossen werden kann. Es nennt sich „Bodies of Resistance“. Du hast Proteste, Märsche und Mahnwachen, oft zu LGBTQ-Themen, aber auch politische Demonstrationen wie am Tag nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im November 2016 fotografisch festgehalten. Auf deinen Fotos ist klar ersichtlich, dass du das nicht nur dokumentieren willst, sondern es für uns sichtbar machen, und du bist auch ein Teil davon. Es macht den Eindruck dass du explizit dafür nach NYC fliegst, um dabei sein zu können.
Ja, dieses Projekt liegt mir am Herzen und ich verfolge es mit Unterbrechungen bis heute. Letztes Jahr hat die Kunstkommission des Kantons Zürich einige Bilder aus der Serie angekauft, was mich natürlich gefreut hat. In die USA reise ich meistens für etwa einen Monat, oft im Juni, dem Pride-Monat.1969 fanden ja Ende Juni die Stonewall-Riots in New York statt, die den Beginn einer sichtbaren und eben stolzen LGBTQ-Bewegung kennzeichnen. Ich fotografiere dann natürlich viel. Wenn ich eine Präsidentschaftswahl für wichtig hielt, war ich auch im November dort. Ich fotografiere auf der Straße, die Demonstrationen, Versammlungen und Marches, die Menschen und ihre Emotionen und ihre Solidarität. Beispielsweise in der Wahlnacht Obamas 2008 sah ich eine Stadt im Glück, tausende Menschen versammelten sich auf dem Broadway und feierten. Ganz anders die Demonstrationen in der Wahlnacht 2016, die Leute in Aufruhr, Trauer und bereit zum Widerstand.
Wann bist du aus New York wieder in die Schweiz gezogen und was hast du danach so gemacht?
Anfang 2001 kam ich wieder permanent nach Zürich. Das war erst mal eine ziemlich harte Zeit. Mein Rücken war sehr angeschlagen von dem ewigen Schleppen der Fototaschen, ohne Rollkoffer, stupid me. Wenn ich eines in New York gelernt habe, ist es, wie fragil und zerbrechlich wir Menschen eigentlich sind. Der Printmedienmarkt hatte bereits begonnen, den Bach runterzugehen. Medien gingen ein und die Honorare wurden immer mehr gedrückt. Außerdem ist Zürich nicht gerade die warmherzigste Willkommensstadt. Ich habe trotzdem weiter als freie Fotografin mehr schlecht als recht gearbeitet, bis ich wieder Fuß fasste. Dann ließ ich mich von der Tageszeitung Tages-Anzeiger für deren neue Beilage zum ersten Mal im Teilzeitpensum anstellen. Gar nicht mein Ding dieser Tagesjournalismus, ich konnte mir aber unter anderem damit ein Masterstudium an der Hochschule der Künste finanzieren. Während des Studiums arbeitete ich viel mit Video und experimentierte. Ich verließ die Tageszeitung beziehungsweise die ganze Redaktion wurde entlassen, die Beilage eingestellt, was aber nicht schlimm war, da ich andere Aufträge hatte und zudem in unterschiedlichen, kleineren Pensen Fotografie und Bildende Kunst an einer Schule unterrichten konnte. Mit den Jugendlichen zu arbeiten, hat meistens sehr großen Spaß gemacht und ich habe oft gestaunt, was die für ein kreatives Potenzial entwickeln. Jetzt bin ich ja nun 65 und verfolge hauptsächlich die eigenen Fotoprojekte. „Seascapes“ zum Beispiel befasst sich mit Meerlandschaften, da ich nie genug bekomme vom Meer und ab einem gewissen Punkt die Nase voll hatte von der Porträtfotografie. Das hat sich jetzt wieder gebessert, allerdings müssen mich die Menschen interessieren, die ich fotografiere. Im Süd-Burgund haben wir seit fünf Jahren ein umgebautes altes Bauernhaus und ich pendle zwischen Zürich und Frankreich hin und her. Viel Natur also auch. Weißt du, welchen Refrain ich, seit ich dir antworte, dauernd im Kopf habe? „Die Anten, die Anten, das sind die Musikanten / Fidirallala, fidirallala, fidirallalalala“.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Lurker Grand