
100 Jahre wird die 1925 in Paris geborene Ginette Kolinka dieses Jahr alt. Über ihre Zeit als junge Frau in verschiedenen Konzentrationslagern während der Jahre 1944/45 hat sie im Laufe ihres Erwachsenenlebens zunächst mehrere Jahrzehnte lang überhaupt kein Wort verloren: „Ich hatte das Glück gehabt, nach Hause gekommen zu sein, also musste man über die Deportation nicht mehr sprechen.“ So hat ihr Sohn sich erst nach und nach zusammenreimen müssen, was es mit der Zahl auf dem Arm seiner Mutter auf sich hatte. Erst als 1996 im Auftrag von Steven Spielbergs Shoa Foundation ein junger Regisseur auf sie zukam, um sie für einen Film über ihr Leben zu befragen (was sie zunächst ablehnte), begann sie mit ihrer persönlichen Aufarbeitung des erlittenen Leids und ihres unbegründeten, aber tief sitzenden Schuldgefühls. Als Zeitzeugin gibt sie seitdem ihre Erinnerung an die Shoa in Schulen weiter, als ein Beitrag im Kampf gegen Hass und Hetze. Auf ihrer aus Altersgründen letzten Fahrt mit einer Jugendgruppe nach Polen im Jahr 2020 haben sie der Journalist Victor Matet und der Comicszenarist Jean-David Morvan begleitet. „Adieu Birkenau“ erzählt dabei nicht nur ausführlich von dieser Reise, sondern umfasst in mehreren verschachtelten, manchmal nur fragmentarisch angerissenen Ebenen Ginette Kolinkas komplettes Leben, ausdrucksstark in pastellfarbigen Bildern mit einem mal stärkeren, mal schwächeren Grauschleier von Cesc und Efa in Szene gesetzt. Ein ausführliches Dossier von Tal Bruttmann liefert Hintergrundinformationen zu Ginettes Weg durch die Vernichtungsmaschinerie. Die erschütternde Lebensgeschichte einer starken Frau.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Anke Kalau