
Wer in Deutschland bei der Erwähnung des Bandnamens THE APOSTLES mit einem Ahnungslosigkeit offenbarenden „... wer?“ reagiert, sollte von den (All)Wissenden nicht gleich mit Spott und Häme übergossen werden. Als pop- oder besser punkkulturelles Phänomen haben sie Zeit ihrer Existenz seit der Gründung 1979 in Islington im Großraum London bis zum Ende 1989 für einige Aufmerksamkeit in der Anarchopunk-Szene gesorgt, aber speziell im Nachgang wurde hier viel geschrieben und diskutiert, wohingegen ihr Beitrag zu Bestenlisten britischer Punksongs eher gering ist. Was an der Musik liegt, denn wie viele andere Bands aus dem CRASS-Kontext oder auch die niederländischen THE EX verabschiedete sich die Band, die schon nach kurzer Zeit alle Gründungsmitglieder verloren hatte, von musikalischen Blaupausen, die man nach heutigen (und sicher vielfach auch damaligen) Hörgewohnheiten als „typischen“ Punk bezeichnen würde. Unter teils einfachen Aufnahmebedingungen entstanden reichlich Demos, EPs und Platten, gerade mit dem CRASS-Kontext vertraute Menschen finden da musikalische Parallelen (die sich fortsetzen zu Bands wie FLUX OF PINK INDIANS, CONFLICT, DIRT, AMEBIX etc.), und später wurde das dann etwas „freier“, was sich auch in den Nachfolgeprojekten ACADEMY 23 und UNIT äußerte. Liest man sich etwas ins Thema ein, verschwindet man schnell im Kaninchenbau der komplexen Geschichte der radikalen britischen Linken und Anarchisten inklusive verwirrender Diskussionen um (missverstandene) Provokationen. Der später zur Band gestoßene Drummer Chris Low hat sich nun daran gemacht, das Erbe der Band aufzubereiten, nachdem Beat Generation aus Spanien 2014 das einst 1985 auf dem CONFLICT-Label Mortarhate erschienene „Punk Obituary“-Album in die Gegenwart geholt hatte. 2022 veröffentlichte Low die Doppel-LP „Best Forgotten (Horn Of Plenty)“, eine Zusammenstellung von „Early Demo, Live and Practise Tapes ’81-’83“, und nun legte er „There Can Be No Spectators“ vor, eine Sammlung von vier 7“-EPs auf jeweils einer LP-Seite. Die Aufnahmen wurden dafür aufwändig überarbeitet, die Qualität ist also besser als das, was zwischenzeitlich als Bootlegs kursierte. Die Aufmachung ist hochwertig, das Cover Faltposterkunst im Stile der Crass-Label-Releases, ein paar damalige Flyer liegen als Reproduktion bei und ebenso ein Nachdruck des Pigs For Slaughter-Fanzines, das sich laut Subline damals als „The paper for the militant anarchist punk!!!“ sah. Album wie Beiwerk sind ein spannendes Abtauchen in andere Zeiten, die in Erinnerung rufen, wie sehr „dagegen“ Teile der Punk-Szene damals waren – eine Eigenschaft, die heute vielfach verlorenen gegangen ist. Nicht verschwiegen werden dürfen aber auch Irrwege, siehe der Text von „The Stoke Newington Eight“, in dem diverse RAF-Mörder zu Helden stilisiert werden. Eine Schuld, die allerdings nicht wenige Leute damals auf sich luden. Die volle Punktzahl gibt es hier für das Projekt an sich, nicht speziell für die Musik.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #116 Oktober/November 2014 und Joachim Hiller
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