Foto

BOB MOULD

Here We Go Crazy

„Here We Go Crazy“, ein passender Titel zum aktuellen Weltgeschehen, bei dem man eigentlich nur verrückt werden kann, zumindest aber das Gefühl hat, dass es alle anderen bereits geworden sind. Bereits 2020 (zur Zeit von Trumps erster Amtszeit) zeigte sich Mould auf seinem Album „Blue Hearts“ ordentlich angepisst wegen der „American crisis“, die im Jahr 2025 eine neue Dimension des Irrsinns erreicht haben dürfte und Moulds Laune sicherlich nicht verbessert hat – und im Moment ist kaum Besserung in Sicht. Da wirkt ein neues Albums des zuverlässigen Musikarbeiters Mould zumindest wie ein kleiner Lichtblick, der in den letzten Jahren durchgängig qualitativ hochwertiges Material abgeliefert hat, unterstützt von SUPERCHUNK-Drummer Jon Wurster and SPLIT SINGLE-Bassist Jason Narducy, ganz im Geiste seiner früheren legendären Band HÜSKER DÜ. 2017 verstarb Ex-Bandkollege Grant Hart traurigerweise mit gerade 56 Jahren und so ist es jetzt vor allem Mould, der HÜSKER DÜ auf seinen Platten am Leben erhält (neben dem lange nicht aktiven Greg Norton mit ULTRABOMB), eine Rolle, mit der er während seines Schaffens als Solo-Künstler durchaus auch mal gehadert hat und diverse alte Fans vor den Kopf stieß – etwa durch den exzessiven Einsatz von AutoTune auf einigen Platten. Denn abseits vom bewährten HÜSKER DÜ-Mix aus Lärm und Melodien, bei dem Moulds Wurzeln im Punk und Hardcore vor allem bei seinen extrem lauten Live-Auftritten spürbar sind, hat Mould über die Jahre ein starkes Interesse an elektronischer Musik entwickelt und ist auch als DJ aktiv. Das gipfelte 2002 im Album „Modulate“ und im selben Jahr in seinem Projekt LOUDBOMB (ein Anagramm seines Namens), das selbst toleranteste Fans überforderte. Man fragte sich ernsthaft, ob Mould vielleicht die Lust an profaner Rockmusik verloren hatte. 2020 erschien eine umfassende Mould-Werkschau mit dem treffenden Titel „Distortion: 1989-2019“, die sein gesamtes Schaffen seit 1989 enthielt. Darunter natürlich auch „Modulate“ und das LOUDBOMB-Album, ebenso wie der Output von SUGAR (seine Band mit David Barbe und Malcolm Travis), mit dem Mould in seiner Karriere HÜSKER DÜ am nächsten kam. Für Leute, die den Großteil von Moulds Platten im Schrank stehen haben, natürlich eher witzlos, aber dennoch ist es spannend, sich mit der auf 3 Discs reduzierten Version von „Distortion“ zu beschäftigen, die einen repräsentativen Querschnitt aller Höhen und Tiefen von Moulds Schaffen liefert. Dabei halten sich die Tiefen glücklicherweise in Grenzen. Das gilt auch für das neue Album „Here We Go Crazy“, auf dem Mould die gesamte Bandbreite seines bekannten Songwritings liefert, dabei zwar keine sofort erkennbaren Hits für die Ewigkeit anbietet, aber dafür gut 30 Minuten Musik, die eine weitere Bestätigung dafür liefern, warum man das Schaffen dieses Mannes auch nach über 45-jähriger Karriere immer noch so schätzt.

Anzeige