
Bereits der Bandname CHIMEHOURS, dem Projekt von Beck Goldsmith und Jon Dix, lädt zu längeren Erklärungsversuchen ein. Denn das britische Duo verweist damit auf den von der Volkskundlerin Ruth Tongue bekannt gemachten Begriff „Chime Hours“, der sich auf Mythen bezieht, die mit der Geburtsstunde eines Menschen in Verbindung stehen und aussagen, dass Menschen, die zu bestimmten Tages- oder Nachtzeiten geboren werden, besondere Kräfte erhalten. Diese Kräfte führten einst angeblich sogar zu Anschuldigungen der Hexerei. Dieses mythische Konzept passt gut zum von übernatürlichen Themen inspirierten, düsteren, aber dennoch sehr melodischen Neofolk von CHIMEHOURS, dem man auch anmerkt, dass Goldsmith und Dix bereits für Film und Fernsehen gearbeitet haben. Denn die Atmosphäre und Struktur ihrer vielschichtigen, dramatischen Stücke besitzt auch etwas Soundtrackhaftes. Eintöniges Wald-und-Wiesen-Akustikgitarren-Geklampfe oder Esoterik-Geträller muss man hier nicht befürchten, denn Goldsmith (die wie eine weniger exzentrische Version von Elizabeth Fraser oder Anna von Hausswolff klingt) und Dix reichern ihren cineastischen, dezent morbiden Horror-Drone-Folk auch mit voluminöseren symphonischen Kammerpop-Elementen an, die der grundsätzlichen Verträumtheit der Songs die nötige Erdigkeit verleihen, zwischen betörendem Schlaflied und Alptraum-Untermalung.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Thomas Kerpen